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SWR2 Lied zum Sonntag

(GL 298) 

Herr, unser Herr, wie bist du zugegen und wie unsagbar nah bei uns.  
Allzeit bist du um uns in Sorge,
in deiner Liebe birgst du uns. 

„Wie nur (um alles in der Welt) kann ich etwas über Gott sagen, etwas Bleibendes am besten, etwas, das den vielen Suchenden Sicherheit gibt?" Diese Frage mag Huub Oosterhuis sich gestellt haben, als er das Lied gedichtet hat, das heute unser Sonntagslied ist. Sie haben eben die erste Strophe gehört. Herr, unser Herr, wie bist du zugegen ...(?)

Obwohl im Text kein Frage-Zeichen steht, legen sich die Fragen unmittelbar nahe: Wie ist Gott da? Welches Verhältnis hat er zu unserer Welt? Was wissen wir von ihm und was können wir über ihn aussagen? Solche Fragen durchziehen die Religionsgeschichte. Sie bleiben kompliziert, auch wenn die theologische Wissenschaft der vergangenen Jahrzehnte darüber soviel ausgesagt hat, dass es ganze Regalwände füllt. Denn: Die Frage nach Gott und wie er wohl ist, gehört zum Bleibenden, was den Glauben ausmacht.

Du bist nicht fern, denn die zu dir beten,
wissen, dass du uns nicht verlässt.

Du bist so menschlich in unsrer Mitte,
dass du wohl dieses Lied verstehst.

Du bist nicht sichtbar für unsre Augen,
und niemand hat dich je gesehn.

Wir aber ahnen dich und glauben,
dass du uns trägst, dass wir bestehn.

Oosterhuis schreibt nicht das Lied eines Skeptikers, sondern eines Glaubenden. Aber da ist nie der Brustton großspuriger Überzeugung. Zurückhaltend, beinahe schüchtern tastet sich das Lied an die Gegenwart Gottes heran: Seine Nähe ist unsagbar, seine Erscheinungsformen sind menschlich, und doch für uns nicht zu fassen; Gott bleibt der unsichtbare Andere, dessen Wesen ich nur ahnen kann. Dieses „Ich" legt der Autor mir in den Mund. Wenn ich das Lied singe, kann ich in meinem Glauben tief berührt werden.

Es entsteht auf diese Weise eine intime Zwiesprache zwischen mir und Gott, den ich mit „Du" anreden darf. Die Fragen meines Glaubens, meine Sorgen und Grenzen - ich kann sie mit ihm besprechen, und schon ist alles nicht mehr ganz so groß und schwer. 

Im GOTTESLOB, dem derzeit noch in Gebrauch befindlichen katholischen Gesangbuch, stehen sechs Lieder von Huub Oosterhuis. Seine Texte haben eine unerhörte poetische Kraft. Sie gehen mit viel Einfühlungsvermögen den Fragen der menschlichen Existenz nach. Wie da Mensch und Gott in ein Zwiegespräch eintreten, das klingt fast nach einem Psalm. Auch der Inhalt ist ähnlich: Keiner von uns braucht vor Gott Angst zu haben, keiner zu fliehen vor den Wegen, die er uns gehen lässt. Im Gegenteil: In uns und in den Menschen neben uns spricht Gott sich aus, wird er für uns greifbar. In mir und meinen Erfahrungen steckt die Antwort auf meine Frage nach Gott.

Oosterhuis' Lied lädt uns ein, solche Erfahrungen zu machen, heute am Sonntag, und morgen - immer in der Gewissheit, dass er um uns in Sorge ist, solange wir leben, bis wir einst in ihm vollkommen sein werden.

Herr, unser Herr, wie bist du zugegen,
wo nur auf Erden Menschen sind.

Bleib gnädig so um uns in Sorge,
bis wir in dir vollkommen sind. 

Gesang:          Thomas Steiger
Orgel:             Ulrich Wolf
Aufnahme:     23.4.2013 in St. Michael Tübingen.

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