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SWR2 Lied zum Sonntag

(EG 266)
Musik: The day, thou gavest, Strophe 1

Als Queen Victoria 1897 ihr diamantenes Thronjubiläum feierte, erkor sie dieses Lied für die Feierlichkeiten. So erklangen die Verse von John F. Ellerton, die Clement Cotterhill Scholefield mit einer sehr eingängigen, viktorianischen Melodie vertont hatte, in tausenden Kirchen weltweit. Das passte zu der weltumspannenden Perspektive des Liedes, das 1870 wohl nur ein Engländer so dichten konnte. Das stolze Empire, mit seinen Kolonien überall auf der Welt, eröffnete eine internationale Perspektive, die weit über die britischen Inseln hinaus reichte. Es spricht für Queen Victoria, das sie ausgerechnet dieses Lied wählte, denn die Perspektive der letzten Strophe ist durchaus kritisch: Dein Thron, Herr, wird nie vergehen, während stolze Empires vergehen.

Musik: The day, thou gavest Strophe 5

Die Frauen der Weltgebetstagsbewegung wählen 1937 dieses Lied als festes Lied für den Abschluss der Gottesdienste. Dank der Weltgebetstagsbewegung wurde und wird es wieder weltweit gesungen, nach dem 2. Weltkrieg auch in Deutschland.
Erst 1958 wird es von Karl Albrecht Höppl übersetzt. Auch diese Übersetzung findet sich im Evangelischen Gesangbuch, mit der Melodie des Liedes „O dass doch bald dein Feuer brennte" von Guillaume Franc. Damit ist das Lied von Ellerton das einzige Lied, das mit zwei Übersetzungen und zwei Melodien im Gesangbuch vorkommt.

Musik: Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen  Strophe 2

Ich selbst habe eine ganz eindrückliche Erinnerung an einen Gottesdienst auf Gran Canaria, bei dem mich dieses Lied unmittelbar anrührte. Die Kraft der Sprachbilder, die beschwingte Melodie gingen mir so zu Herzen, dass mir die Tränen kamen. Fern von meinen Lieben, die - wie mir schien - am anderen Ende der Welt, jenseits des Meeres waren, bekam gerade die Vorstellung einer immer betenden Kirche eine ganz tröstliche Kraft, die mich zugleich unmittelbar bewegte. Als ich nicht mehr weiter singen konnte, sangen die Menschen neben mir, wie ein Sinnbild der Erfahrung, dass sich das Lob Gottes um die ganze Erde spannt und mich mit einschließt, auch wenn ich gerade, schlafend, oder weinend, nicht selbst beten kann.
Wie anrührend dieses Lied nicht nur für mich ist, zeigte sich mir letzthin bei der Hochzeit einer Koreanerin mit einem Deutschen. Im Gottesdienst waren Menschen versammelt, die ihre Heimat quer über den Erdball an unterschiedlichsten Orten hatten. So fremd wir einander auch sind - es gibt etwas Verbindendes: Das Lob Gottes und das Wissen darum, dass menschliche Reiche ganz vergänglich sind. Das hören Koreaner sicher wieder mit ganz eigenen Ohren, so wie Deutsche es anders hören als Engländer. Uns allen aber tut dieses kritische Potential gut. Und die Koreaner werden im Moment, in der bis aufs äußerste angespannten Lage in ihrem Land die Verheißung, das Reiche fallen, mit einer besonderen Betonung singen.

Musik: Strophe 5 deutsche Übersetzung

Musiken 1+ 2
"The Day, thou gavest" track 17 aus
CD Favourite Hymns from Westminster Abbey; Westminster Abbey Choir, Martin Neary, Martin Baker, Griffin records GCCD 4018
Musiken 3+4
„Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen"
Capella vocalis Knabenchor; SWR Archiv M0032191.027, Verlag Hänssler LC 06047

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