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SWR2 Lied zum Sonntag

(Gotteslob Nr. 546) 

„Gott gibt es nicht," sagt einer der Jugendlichen. Wir sitzen zusammen und diskutieren. In einer Gruppe bereiten sich 15- und 16-jährige auf ihre Firmung vor. Das heißt: Sie setzen sich mit dem Glauben auseinander. Wollen prüfen, ob der christliche Glaube für sie überhaupt glaubwürdig ist.

Und da sagt eben einer der Jugendlichen: „Gott gibt es nicht." Und weiter: „Ich erfahre ihn ja nirgendwo. Er begegnet mir nicht." Die anderen nicken. Gott hat noch niemand von ihnen erfahren. Sagen sie.

Der Titel eines alten Kirchenliedes drückt ganz gut aus, was diese Jugendlichen denken: »Gottheit tief verborgen«. 

(Strophe 1)
Gottheit tief verborgen, betend nah ich dir.
Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier. 

Für die Jugendlichen trifft aber nur der erste Teilsatz dieses alten Liedes zu. Gott ist ihnen tief verborgen. Gott ist vielen von ihnen fern. Das Problem haben allerdings nicht nur Jugendliche. Auch mir - und vielen anderen Erwachsenen - fällt es immer wieder schwer, über Gott zu reden oder Gott sogar zu erfahren.

Das Lied »Gottheit tief verborgen« erzählt allerdings von einem möglichen Zugang zu Gott. Es stammt in seinem lateinischen Urtext von Thomas von Aquin. Thomas wird im 13. Jahrhundert in Italien geboren. Er studiert und lehrt in Paris und Köln. Ein kluger Kopf. Ein Wissenschaftler. Ein Vernunftmensch. Aber auch jemand, der glaubt. Die zweite Zeile des Liedtextes drückt das ganz gut aus: „Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier".

Gott, so Thomas, lässt sich in Zeichen finden. Im lateinischen Original spricht Thomas von »figuris«, Figuren. Gemeint ist damit eine spezielle Figur, ein spezieller Körper: Es ist der Leib Christi, der im Gottesdienst in Brot und Wein anwesend ist. Brot und Wein sind die Zeichen, in denen Gott erfahren werden kann. Für Thomas von Aquin ist dieser Glaube glaubwürdig: dass Gott den Menschen in Jesus nahe ist. Und so kann er singen:

 (Strophe 1)
Sieh, mit ganzem Herzen schenk ich dir mich hin,
weil vor solchem Wunder ich nur Armut bin. 

Eine schöne, poetische Sprache. Aber auch eine alte Sprache, eine Sprache, mit der Jugendliche und Erwachsene heute oft nur wenig anfangen können. Mir geht es ähnlich. Aber ich finde den Grundgedanken spannend, den Thomas entwickelt. Dass sich Gott durch Jesus erfahren lassen kann. Anders formuliert: Jesus vermittelt mir eine Ahnung davon, wie Gott sein könnte. Menschenfreundlich. Am Menschen interessiert. Für den Menschen eingenommen.

Darüber diskutiere ich auch mit den Jugendlichen. Wir sprechen über die Geschichte Jesu, über das Abschiedsessen mit seinen Freunden. Klar wird: Die Freunde Jesu haben durch ihn Gott erfahren können. Etwas, was vielleicht auch heute passieren kann, wenn sich Menschen auf Jesus einlassen. 

(Strophe 7)
Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht,
stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht:
lass die Schleier fallen einst in deinem Licht,
dass ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.

 Archivnummer:  M0072695 01-003
Gottheit tief verborgen (2'47)
Kammerchor des Pestalozzi-Gymnasiums; Leitung: Weindauer, Rita; N. N.
Lobe den Herren, 1990, Studioproduktion
Deutsch. AUDIO

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14888