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SWR4 Abendgedanken

08OKT2021
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Wir haben dieses Jahr in den Sommerferien Weihnachten gefeiert. Vielleicht denken Sie jetzt, das das ja eine reichlich schräge Idee ist. Aber die Corona-Beschränkungen waren letztes Weihnachten noch so streng, da konnte nicht die ganze Familie beisammen sein. Also haben wir Weihnachten nachgeholt. Im Wald. An einem See. Bei strahlendem Sonnenschein.

Ich hatte Gutsle gebacken. Zumindest ein paar. Jemand hatte Kerzen mitgebracht. Die haben wir angezündet. Und die Geschenke, die wir Weihnachten nicht schenken konnten, lagen unter einer großen Tanne. Das war der größte Weihnachtsbaum, den wir je hatten, haben wir schmunzelnd festgestellt.

Aber so richtig wollte keine Weihnachtsstimmung aufkommen. Und mitten im Sonnenschein „Oh, du fröhliche“ anzustimmen, kam uns dann doch etwas albern vor. Es war ein wunderschöner Tag im Wald, aber so richtig Weihnachten war es nicht.

Erst abends, nach dem Familientreffen, habe ich darüber nachgedacht, ob man Weihnachten überhaupt im Sommer feiern kann. Und, mal ehrlich, eigentlich ist mir kein Grund eingefallen, warum das nicht gehen könnte. An Weihnachten feiern wir, dass Gottes Licht in die Welt scheint. Jesus wird geboren. Anders als in vielen anderen Religionen bleibt der Gott des Christentums nicht im Himmel, er bleibt nicht fern von uns in einer anderen Wirklichkeit. Er sendet Jesus Christus zu uns in die Welt. Und der sagt von sich selbst: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird (…) das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12). Jesus Christus zeigt uns, wie Gott wirklich ist: Ein Menschenfreund, der tröstet, der den Zurückgebliebenen unter die Arme greift, der die, die am Rand stehen, wieder in die Mitte holen will und der uns vergibt und uns behütet wie ein Hirte seine Herde.

Das alles kann man doch eigentlich problemlos das ganze Jahr über feiern. Oder nicht? Gott will bei uns sein, will uns nahe sein, uns stützen, trösten und leiten. Eine wunderbare Nachricht. Auch mitten im Sommer.

Und gleichzeitig: Nein. Weihnachten in den Sommerferien? Das ist seltsam. Da helfen auch alle schlauen Gedanken nichts: Ich kann Corona nicht mehr brauchen, ich kann Weihnachten im Sommer nicht brauchen. Und ich wünsche mir dieses Jahr einfach ein Weihnachtsfest, an dem ich so viel Menschen um mich haben darf, wie ich will. Das wird dann wirklich ein wunderbares Fest! Und Gott ist mit Sicherheit mittendrin dabei…

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07OKT2021
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Fünf Menschen stehen im Kreis, sie nehmen sich an den Händen, beugen die Köpfe und schließen die Augen. Sie stehen eng beieinander im Wohnzimmer. Der Vater ergreift das Wort. Er betet. Er dankt, für das Essen, für die Wohnung, für den neuen Job der Mutter, für die Erfolge der Kinder an der Schule. Und er bittet um Frieden in dem Viertel, in dem sie leben.

Mich hat diese Szene angerührt. Ich habe sie in einem Jugendbuch gelesen: „The hate you give“ von Angie Thomas. Das Buch erzählt die Geschichte eines afro-amerikanischen Mädchens in den USA: Sie hat es nicht leicht und erlebt in ihrem Wohnviertel viel Gewalt und Unterdrückung. Sie ist aber auch jung und sucht ihren Weg hinein ins Leben. Und in einem Moment der Unsicherheit betet die Familie miteinander. Das gibt ihnen Kraft. Sie finden Halt beieinander und bei Gott. Ich kann mir gut vorstellen, dass das gut tut.

Ich selbst kenne diese Art zu beten nicht. Wenn ich mir vorstelle, dass ich plötzlich in so einem Kreis stehe und laut und frei beten soll, dann weiß ich, dass mir das unangenehm wäre. Laut beten, ganz frei, mit anderen gemeinsam. Uh, das ist nicht meins. Ich schicke eher mal ein Stoßgebet oder einen kurzen Dank gen Himmel, mitten im Leben, so wie es eben passt. Ganz für mich. Mit anderen gemeinsam bete ich nur das Vaterunser und die Fürbitte in der Kirche.

Eine Bekannte hat mir mal erzählt, sie bete gar nicht. Nur manchmal, wenn ihr alles zu viel werde, dann schließe sie kurz die Augen und atme tief durch. Und dann gehe es ihr besser. Ist das ein Gebet?

Auf jeden Fall ist das spannend: Jede und jeder hat seine eigene Form zu Beten. Einer nimmt sich viel Zeit dafür, einer anderen reicht ein kurzer Gedankenblitz. Manche fühlen sich besonders durch die Gemeinschaft beim Gebet gestärkt, andere können das gar nicht haben und beten lieber für sich. Viele Worte, wenige Worte, gar keine Worte. Gebet kann so vieles sein.

Als ich von der betenden Familie gelesen habe, da habe ich kurz ein bisschen Neid gespürt. Es muss schön sein, so ein Ritual zu haben, das stärkt und Kraft gibt. Ich habe das nicht und es herbei zu zwingen, das funktioniert natürlich nicht. Das wäre nur Krampf, keine Kraftquelle.

Und trotzdem: Ich habe mir vorgenommen, ein wenig bewusster mit meinen Gebeten umzugehen. Und vielleicht mal etwas Neues auszuprobieren: Eine Taizé-Andacht zum Beispiel. Ich singe doch so gern. Mal sehen. Denn eins gehört sicher zum Beten dazu: Sich von Gott überraschen zu lassen. Zum Beten gehören ja irgendwie immer mindestens zwei…

Angie Thomas, The hate you give, cbj Kinder- und Jugendbuchverlag 2017

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06OKT2021
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In unserer Kinderbibel ist ein Bild von Noah und seinem Schiff, der Arche. Gott die große Sintflut, und Noah ist kurz vorm Aufbruch, um sich und die Tiere vor dem Wasser zu retten. Die Tiere stehen in einer langen Schlage, warten auf Einlass durch das große Tor ins Schiff, um in der Arche Sicherheit zu finden. Dicke Regenwolken hängen am Horizont, erste Regentropfen fallen. Es ist nicht mehr viel Zeit. Das Tor muss bald geschlossen werden.

Und hinten, am Horizont, da steht ein Tyrannosaurus Rex. Irgendwie unschlüssig steht er da rum und starrt auf die Regenwolken. Tja, dumm gelaufen. Der kommt zu spät. Keine Rettung vor der Sintflut. Ausgestorben. Pech gehabt.

Mit meinen Kindern lache ich immer wieder über den dummen Tyrannosaurus aus der Kinderbibel. Aber natürlich ist die Darstellung Unsinn: Die Bibel erzählt nicht, dass manche Tiere nicht auf die Arche durften. Ganz im Gegenteil: In der Geschichte von Noah werden alle gerettet. Die Leute zur Zeit der Bibel wussten einfach nichts von Dinosauriern. Wie auch? Die waren längst ausgestorben, lange , bevor es überhaupt Menschen gab. Das haben viele Ausgrabungen bewiesen.

Trotzdem gibt es heute Menschen, die tatsächlich meinen, der Tyranosaurus und alle anderen Dinos hätten es nicht auf die Arche geschafft und seien deshalb ausgestorben. Sie nehmen die Erzählung der Bibel wörtlich und versuchen, dies mit irgendwelchen seltsamen wissenschaftlichen Hypothesen zu beweisen.

Ich finde, das ist Quatsch. Die Bibel ernst zu nehmen, bedeutet für mich nicht, sie Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe glauben zu müssen. Die Bibel ernst zu nehmen bedeutet für mich, den Erfahrungen nachzuspüren, die die Menschen damals mit Gott gemacht haben und von denen sie in den biblischen Geschichten berichten. Und es bedeutet für mich, dass ich dann überlege, was mir diese Gotteserfahrungen heute für mein Leben sagen können.

In der Geschichte von Noah und seiner Arche lande ich dann bei der Überzeugung, dass Gott diese Welt bewahren will. Gegen alle Widerstände. Menschen und Tiere sollen leben dürfen. Daran erinnert uns der Regenbogen.

Das ist tröstlich. Gerade heute. Und ich bin mir sicher, das ist es, was die Menschen damals weitergeben wollten. Irgendwelche kleinlichen Rechnereien über das Aussterbungsdatum der Dinosaurier, die lagen ihnen gewiss nicht am Herzen.

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05OKT2021
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Jeder Anfang ist auch ein Abschied. Ist ihnen das auch schonmal aufgefallen?

Ich habe das dieses Jahr bei den vielen Einschulungen besonders bemerkt. Der erste Schultag ist aufregend: Schultüten mit bunten Einhörnern, Schulleiterinnen mit lustigen Handpuppen, Kinder an der Hand ihrer Eltern und natürlich auch Abschiedstränen an der Klassenzimmertür. Eine Freundin von mir ist Mutter eines stolzen Erstklässlers. Eine Bemerkung von ihr ist mir besonders aufgefallen: „Ich fand das emotional ganzschön anstrengend!“, hat sie, sichtlich erschöpft, erzählt. Ja, klar, da beginnt für das Kind etwas ganz Neues: Neue Freunde, neue Herausforderungen, neue Türen, die aufgehen, neue Perspektiven auf das Leben. Ein Neuanfang. Und der ist toll. Aber gleichzeitig gehen auch Türen zu: Freunde aus dem Kindergarten bleiben zurück. Die Zeit, in der das Kind rundum behütet ist, ist irgendwie vorbei. Der Neuanfang ist zugleich Abschied von vielem, das man liebgewonnen hat. Das schmerzt. Das macht Sorgen. Das ist anstrengend.

Und das ist ja nicht nur beim Schulanfang so. Der neue Job. Ein neuer Partner. Vielleicht sogar der neue Pullover, der einen alten ersetzt, an dem doch noch so viele Erinnerungen hängen. Anfangen heißt Abschied nehmen. Beides braucht Kraft.

Als Jesus gestorben war, trauerten seine Freundinnen und Freunde um ihn. Auch sie mussten Abschied nehmen: Von Jesus, der bei ihnen gelebt hat, ihr Freund war und ihnen eine neue Art zu leben gezeigt hat. Aber dann, nach einiger Zeit, verstanden die Jünger, was Jesus ihnen versprochen hatte, als er noch lebte: Es würde ein Abschied sein, aber auch ein Neuanfang. Jesus würde zwar nicht mehr leibhaftig mit ihnen zusammen sein, aber er würde ihnen einen Tröster schicken, den heiligen Geist, Gottes gute Kraft, die tröstet, die Mut macht, die uns begleitet und stärkt.

Und da wurde der Abschied zum Anfang. Wo Gottes guter Geist ist, bekommen wir neuen Mut, Kraft zum Weitermachen, kreative Ideen. Neue Anfänge werden möglich, voller Mut und Begeisterung. Das wünsche ich allen Schulanfängern und Schulanfängerinnen. Und natürlich ihnen auch: Bei jedem Abschied soll Gottes gute Kraft mit Ihnen sein. Gottes gute Kraft, die neue Anfänge ermöglicht.

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04OKT2021
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„Der Flugplatzspatz nimmt auf dem Flugblatt platz.“ Sprechen Sie das mal nach! „Der Flugplatzspatz nimmt auf dem Flugblatt platz.“ Oder: „Zwanzig Zwerge machen Handstand, zehn am Wandschrank, zehn am Sandstrand“ Nochmal: „Zwanzig Zwerge machen Handstand, zehn am Wandschrank, zehn am Sandstrand“.

Sprechen ist manchmal echt schwierig. Bei einem Zungenbrecher ist das natürlich Absicht. Der ist ja extra so ausgedacht. Aber auch sonst: Ich finde es nicht immer einfach, die richtigen Worte zu finden. Vor allem, wenn ich mir klar mache, welche Wirkung Worte haben können: Sie können verletzen und beleidigen. Gleichzeitig können sie aber auch Mut machen und Trost spenden, erfrischen und zum Lachen bringen. Worte sind ganz schön mächtig.

Und: Das, was wir sagen, kann die Wirklichkeit verändern. Ehrlich! Denken Sie an Hochzeitspaare, die ins Rathaus zum Standesamt kommen: Wenn der Standesbeamte sagt: „Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau.“, dann ist es passiert. Dann sind zwei auf einmal verheiratet. Vorher waren sie das nicht.

Mich faszinieren die Worte immer besonders, wenn ich als Pfarrerin den Segen am Ende vom Gottesdienst spreche. „Gott der Herr segne Euch und behüte Euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über Euch und sei Euch gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf Euch und schenke Euch Frieden.“ Da passiert etwas. Die Wirklichkeit verändert sich. Die Menschen im Gottesdienst fühlen den Segen, spüren Gottes Nähe, seine gute Kraft. Was da passiert, das kann man gar nicht richtig in Worten beschreiben. Da scheint etwas von Gottes Wirklichkeit in unsere Welt hinein. Und obwohl ich doch Worte spreche, reichen Worte nicht aus, um zu erklären, was diese Segensworte auslösen.

„Gott der Herr segne Euch und behüte Euch. Er lasse sein Angesicht leuchten über Euch und sei Euch gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf Euch und schenke Euch Frieden.“ Was auch immer da passiert: Gottes guten Segen wünsche ich Ihnen von Herzen. Für diesen Abend und für die kommende Woche mit allen ihren Herausforderungen. Seien Sie behütet!

Und zum Abschluss habe ich noch einen: „Der Kaplan klebt klappbare Pappplakate.“ Probieren Sie’s mal!

Die Zungenbrecher sind dem Buch „Der Flugplatzspatz nimmt auf dem Flugblatt platz.“ von Moni Port und Philip Waechter entnommen.

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