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SWR4 Abendgedanken

02JUL2021
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Seit April gibt es in Karlsruhe selbstfahrende Busse. Sicher, das ist noch ein Modellversuch und darum fahren die Busse auch nur in einem Stadtteil umher, befördern höchstens 10 Fahrgäste und sind gerade einmal 20 Stundenkilometer schnell. Aber wahrscheinlich sieht so die Zukunft aus. Wir fahren mit selbstfahrenden Bussen oder Autos. - So ganz traue ich der Sache aber nicht. Ich weiß zwar, dass die Technik ziemlich sicher ist, aber lieber möchte ich die Kontrolle behalten. Ich möchte mein Auto selbst lenken. Und im Bus sollte ein Mensch aus Fleisch und Blut am Steuer sitzen. Den kann ich besser einschätzen. Kontrolle abzugeben, das fällt mir schwer.

Ich merke: Diesen Wunsch nach Kontrolle steckt tief in mir drin. Ich möchte selbst bestimmen, was in meinem Leben passiert. Ab und zu aber ahne ich, dass das eine Illusion ist. Ich kann noch so viel planen, aber meine Gesundheit habe ich nicht allein in der Hand. Ich kann nicht kontrollieren, wie sich meine Mitmenschen verhalten - zum Glück! Und oft genug passiert etwas Unerwartetes und schmeißt alle meine Pläne über den Haufen. Je älter ich werde umso mehr verstehe ich, dass ich mein Leben viel weniger unter Kontrolle habe, als ich denke. Manchmal beunruhigt mich das und ich frage mich bange: Was kommt da wohl noch in meinem Leben?

Ich kann nicht alles kontrollieren. Da macht mir manchmal Angst, und da brauche ich ein Gegengewicht:  Vertrauen ist das Gegengewicht zur Kontrolle. Es braucht im Leben immer beides. Denn absolute Kontrolle ist genauso gefährlich wie blindes Vertrauen. Weil ich den Wunsch nach Kontrolle habe und mir das Vertrauen manchmal schwerfällt, darum habe ich wohl meinen Konfirmationsspruch bekommen. Der steht im Hebräerbrief und lautet: „Werft euer Vertrauen nicht weg, weil es eine große Belohnung hat“. Kontrolle allein genügt also nicht. Ich muss immer wieder lernen Menschen zu vertrauen. Manchmal auch mir selbst zu vertrauen. Und vor allem Gott zu vertrauen, dass er hinter den Geschehnissen meines Lebens steht und mein Leben lenkt. Er hat die Kontrolle.

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01JUL2021
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Heute beginnt der Juli. Aber wissen Sie eigentlich, woher dieser Monat seinen Namen hat? Juli – der Name stammt vom Römischen Kaiser Julius Cäsar, der vor über 2000 Jahren gelebt hat. Die einen kennen ihn aus dem Geschichtsunterricht, die anderen aus den Comicbänden „Asterix“. Julius Cäsar hat nicht nur ganz Gallien erobert, er hat auch den Kalender reformiert. Dabei hat er zum Beispiel die Monate neu geordnet und so wurde der 7.Monat zu seinen Ehren „Julius“ oder kurz: „Juli“ genannt.

Aber nicht nur die Monatsnamen haben ihre Geschichte und Bedeutung. Auch unsere Vornamen. Andreas bedeutet: Der Tapfere. Karin: Die Reine. - Viele Namen haben auch einen christlichen Hintergrund. So beutetet Johannes zum Beispiel: „Gott ist gütig“ oder Christina: „Die von Gott gesalbt ist“. Wir haben uns bei unseren Kindern immer gut überlegt, wie wir sie nennen wollen. Ihre Namen sollten nicht nur schön klingen, sondern auch ein Fingerzeig sein für ihr Leben.

In der Bibel wird von Menschen erzählt, die ihren Namen direkt von Gott bekommen haben. Die ersten Menschen wurden von Gott Adam und Eva genannt - das bedeutet: „von Erde genommen“ und „Die, die Leben schenkt“. Jakob bekam von Gott den Namen Israel, „Gott herrscht“. Und als Maria schwanger war, kam ein Engel zu ihr und richtete ihr von Gott aus, sie solle ihren Sohn Jesus nennen. Gott mischt sich hier in die Namensgebung ein, denn für Gott sind unsere Namen wichtig. Sie sagen etwas über uns aus. Und - wichtiger noch - sie sagen, wer wir sind! Darum sagt Jesus einmal: „Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind“ (Lk. 10,20) Gott kennt unsere Namen, und er kennt uns.

Ich finde das eine wunderbare Vorstellung: Im Himmel stehen irgendwo alle unsere Namen geschrieben. In einem dicken Buch. Oder in Stein gemeißelt. Gott kennt jede und jeden von uns mit Namen. Wir sind bei Gott keine anonymen Menschen, austauschbar und beliebig, sondern alle sind wir einzigartig. Und wenn wir irgendwann einmal zu ihm kommen, dann werden wir von Gott selbst mit Namen begrüßt: Hallo Axel, hallo Karin, hallo Christina, hallo Julius – schön, dass du da bist! Gott freut sich über uns und ruft uns beim Namen.

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30JUN2021
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Happy Birthday Deutsche Bahn. Ich will den Juni nicht zuende gehen lassen, ohne der Deutschen Bundesbahn gratuliert zu haben. Denn in diesem Juni ist der ICE 30 Jahre alt geworden. Seit 30 Jahren rollt er also durch Deutschland - und das mit Höchstgeschwindigkeit! In fünf Stunden erreiche ich von Karlsruhe aus Berlin. In sechs bin ich in Hamburg. Und nach München brauche ich nur drei Stunden. Schnelligkeit ist Trumpf!

Schnelligkeit ist Trumpf. Aber trotzdem fahre ich ab und zu mit dem Fahrrad nach Karlsruhe in mein Büro. Ich nehme ganz bewusst das Tempo raus, lasse das Auto stehen und steige auch nicht in die S-Bahn. Und wenn ich gemächlich durch die Welt strample, dann nehme ich meine Umwelt bewusster wahr: Die Häuser, an denen ich vorbeifahre. Die Menschen, die mir begegnen. Die blühenden Bäume. Der Duft der schweren Erde auf den Äckern. Das Singen der Vögel. Geschwindigkeit spart zwar Zeit, aber verhindert auch Erfahrungen.

Schnelligkeit ist eben nicht immer Trumpf - das gilt auch in Glaubensfragen. Wenn ich bete, erhoffe ich mir eine prompte Antwort auf meine Bitten. Und wenn ich ein Problem habe, soll Gott mir rasch eine Lösung zeigen. Ich will ja schnell weiter machen. Doch die Bibel erzählt davon, dass Gott nicht für schnelle Lösungen zu haben ist. Gott setzt mich nicht in den ICE mit Höchstgeschwindigkeit zu einer schnellen Antwort. Er lässt mir Zeit, nach links und rechts zu sehen, aufmerksam zu bleiben - wie beim Radfahren.

Darum gehört es zum Glauben, auf Gott warten zu können. Die Bibel hat dafür ein altes Wort, das es gut beschreibt: Das Wort „Harren“. Harren bedeutet: Aufmerksam, gespannt nach Gott Ausschau halten. So wie ich auf einen geliebten Menschen warte. Im Psalm 42 heißt es: „Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken.“ Harren ist das zuversichtliche Warten, dass Gott mich nicht vergessen hat, auch wenn er nicht so schnell auf meine Gebete antwortet, wie ich mir das wünsche. Der Beter des Psalms 42 macht mir Mut zum „Harren“. Es lohnt sich. Es ermöglicht neue Erfahrungen. Und am Ende werde ich dankbar sein für das, was Gott tut.

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29JUN2021
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Ich mag es nicht zu streiten. Ich gehe dem Streit lieber aus dem Weg. Aber anscheinend geht es gar nicht ohne. Weil wir als Menschen so unterschiedlich sind. Keine Gemeinschaft und keine Partnerschaft ohne Streit. Welche Entscheidung ist richtig und welche falsch? Wofür geben wir das Geld aus? Wie erziehen wir unsere Kinder? Warum ist das Wohnzimmer nicht aufgeräumt? Wieso hast du mir nicht gesagt, dass du morgen Abend erst spät nach Hause kommst?  Und so weiter, und so weiter…

Ohne Streit geht es anscheinend nicht. Das zeigen auch viele Geschichten der Bibel: Abraham und Lot zum Beispiel. Sie sind Cousins und Schafhirten und streiten darüber, wer seine Schafe auf welchen Wiesen weiden lassen darf. Die Jünger von Jesus streiten darüber, wer im Himmel den besten Platz bekommen wird. Und die Apostel Petrus und Paulus streiten erbittert darüber, wie man die Botschaft von Jesus am besten in der Welt verbreiten soll. Überall Streit, wohin ich schaue.

Wie gesagt: Ich mag es nicht, zu streiten und gehe Streit lieber aus dem Weg. Aber ich habe lernen müssen, dass es manchmal wichtig ist, den Streit auszuhalten. Dominik Klenk sagt: „Jeder Konflikt hält ein Geschenk bereit, allerdings muss dieses Geschenk ausgepackt werden“. Er meint damit, dass jeder Streit uns Menschen ein Stück weiterbringen kann. Ich muss durch den Streit durch, denn so erfahre ich etwas mehr über mich selbst. Ich lerne, den anderen und seinen Standpunkt besser zu verstehen. Manchmal bringt ein Streit die Wahrheit ans Licht. Ein Streit klärt Fronten und er kann helfen, für ein Problem eine neue gute Lösung zu finden. 

Darum muss Streiten sein. Die Bibel erzählt nicht nur viele Geschichten vom Streiten, sie zeigt auch, wie man mit Streit umgehen kann. Abraham und Lot zum Beispiel gehen nach dem Streit getrennte Wege. Als die Jünger von Jesus aufeinander los gehen, da rückt ihnen Jesus den Kopf zurecht und beendet den Streit durch ein Machtwort. Und die Streithähne Petrus und Paulus? Die berufen eine Versammlung aller Christen ein, um gemeinsam das Problem zu lösen. Streit muss sein. Aber am Ende geht es darum, eine gute Lösung für alle Seiten zu finden und sich wieder zu versöhnen.

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28JUN2021
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Wir leben in einem freien Land. Ich bin froh, dass das Leben bei uns so bunt und vielfältig sein kann.  Heute am 28.Juni ist „Christopher Street Day“ - ein Tag, an dem es vielerorts besonders bunt wird auf den Straßen. Vielleicht haben auch Sie schon mal die grell-bunten Umzüge von Homosexuellen gesehen, die es heute gibt. Trotz aller Freiheit und Toleranz weiß ich: Diese Umzüge sind nicht jedermanns Sache. Wie da Schwule und Lesben in bunten schrillen Kostümen mit lauter Musik durch die Straßen ziehen, das schreckt manchen ab. Doch es hat es einen sehr ernsten Hintergrund.

Diese schrillen Umzüge gehen auf das Jahr 1969 zurück. In New York in der Christopher Street stürmte die Polizei am 28.Juni eine Schwulenbar und ging dabei mit großer Brutalität vor. Sie verprügelten und misshandelten die friedlichen Leute auf das übelste. Am Tag darauf begannen die Proteste gegen die Diskriminierung von Homosexuellen. Jedes Jahr am 28. Juni fordern nun Menschen weltweit, dass Gewalt und Ungerechtigkeit gegen Homosexuelle aufhört. Gleichzeitig fordern sie Gleichberechtigung und Freiheit für alle Minderheiten in der Gesellschaft.

Trotz aller Proteste besteht das Problem bis heute:  Homosexuelle, Flüchtlinge. Menschen mit dunkler Hautfarbe, einem fremd klingenden Namen oder einer fremden Religion werden oft ungerecht behandelt oder müssen sogar Angst vor Gewalt haben. Längst auch wieder jüdische Mitbürger. Sie werden ausgegrenzt, misstrauisch beobachtet. Sie bekommen keine Wohnung. Menschen, die anders sind, werden auf offener Straße angepöbelt oder sogar geschlagen. Auf jüdische Grabsteine werden Hakenkreuze gemalt. Ich finde, es ist eine Schande, dass so etwa in unserem Land passiert.

Wir nennen uns ein christliches Land. Darum denke ich an das, was Jesus Christus gesagt hat. „Was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut ihnen auch.“ (Mt 7,12) Ich finde, das ist ein guter Rat. Keiner möchte ausgegrenzt, angepöbelt, benachteiligt oder beleidigt werden. Ich will das auch nicht. Jeder wünscht sich Respekt. Darum möchte ich die Worte von Jesus ernst nehmen und anderen ebenfalls Respekt entgegenbringen. Auch wenn ich sie oder ihre Art zu leben nicht verstehe.

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