Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR4 Abendgedanken

11JUN2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Der Schriftsteller Max Frisch sagt: „Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält.“ Im Klartext bedeutet das: Wir täuschen uns selbst, wenn wir behaupten, unser Leben sei so oder so. In Wahrheit basteln wir uns eher zurecht, wie wir gern hätten, dass es ist. Wenn wir über unser Leben sprechen, dann beruht das nicht auf Tatsachen, sondern es ist eine Konstruktion. Was wir anderen gegenüber behaupten, ist unecht. Ja, sogar uns selbst gegenüber sind wir nicht ehrlich.

Es ärgert mich, dass Max Frisch das behauptet, dass er mir das unterstellt. Ich würde von mir selbst sagen, dass ich einen nicht unerheblichen Teil meines bisherigen Lebens auch damit verbracht habe, mich besser zu verstehen. Ich hatte Supervision und Coaching im Beruf. Therapeuten haben mich begleitet und unterstützt, wenn ich allein mit mir nicht zurechtgekommen bin. Ich halte mich außerdem für einen einigermaßen kritikfähigen Menschen. Ich lasse mir von anderen etwas sagen, wenn ich einen Fehler gemacht habe oder in einen Konflikt geraten bin. Dabei habe ich viel über mich gelernt und besser verstanden, weshalb ich so bin wie ich bin. Und nun behauptet Max Frisch, das sei ein Schwindel, mindestens aber eher ein Kunstwerk als die Wirklichkeit.

Ich schätze Max Frisch als Schriftsteller. Wenn ich ihn lese, entdecke ich auch viel, was mich beschäftigt. Seine Gedichte sprechen von der Liebe und vom Tod, von der Schönheit und den Abgründen des Lebens. Besonders viel halte ich von seinen Tagebüchern aus den Jahren 1946-49. Dort beschreibt er, wie er nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs neu zu denken und schreiben begonnen hat. Ob das dann auch alles eine erfundene Geschichte ist, wie er sagt, und nicht sein echtes Leben?

Ich kann und will nicht glauben, dass ich mir das nur einbilde, was ich für mein Leben halte, eben eine schöne Geschichte. Aber je länger ich nachdenke, desto besser erkenne ich das Quäntchen Wahrheit, das in Max Frischs Behauptung steckt. Denn um die Wahrheit geht es dabei ja. Ob es überhaupt möglich ist, mich selbst zu kennen. Oder ob ich mir damit behelfen muss, die fehlenden Mosaiksteinchen dazu zu basteln. Nicht als Betrug, sondern um leben zu können. Aus Respekt vor dem großen Wunder, das jedes Leben ist. Vor dem Geheimnis, das nur Gott ganz kennt. Und im Vertrauen, dass Geschichten oft mehr Wahrheit beinhalten, als wir glauben.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33225
10JUN2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Manchmal ist es nicht nur gut, sondern der einzige Ausweg: eine Sache auf den Kopf zu stellen. Sie ins Lächerliche zu ziehen, und nebenbei dem Schrecklichen etwas Positives abzugewinnen. So ein Humor hilft, das Unerträgliche einigermaßen auszuhalten. Das gilt auch für die Corona-Pandemie. Ich habe mir dazu einen Gedanken zurechtgelegt, der mir hilft. Ich stelle mir vor, wie wir sagen werden: „War das schön, als Corona war …“

Die Corona-Pandemie ist nicht zum Lachen. Alle Folgen, die sie nach sich zieht, sind schlimm. Menschen sterben. Die ärmeren Länder trifft es viel schlimmer als uns. Betriebe müssen schließen und Geschäftsinhaber verlieren ihre Existenzgrundlage. Weil wir uneins über die richtigen Maßnahmen sind, spaltet das unsere Gesellschaft. Die Spätfolgen der Pandemie können wir noch längst nicht absehen. Lustig ist daran gar nichts. Aber um nicht unter der Last zusammenzubrechen, um dem Schrecken etwas entgegenzusetzen, muss ich mich im Inneren stark machen. Ich muss spüren, dass ich mich durch das Negative nicht völlig unterkriegen lasse. Deshalb habe ich mir ausgemalt, dass es nach dem ganzen Spuk auch Situationen geben wird, in denen ich mir im Stillen denke: „Wenn doch bloß wieder Corona wär‘!“ Weil die augenblickliche Lage auch für manches gut ist. Es gibt sozusagen hilfreiche Begleiterscheinungen.

Weil wir Abstand halten müssen, achten wir besser darauf, anderen genug Raum zu lassen - im Zug, an der Haltestelle, im Supermarkt. Ich werde viel seltener von jemandem bedrängt, der es furchtbar wichtig hat. Das könnten wir ruhig beibehalten.

Ähnliches gilt für Besprechungen im Beruf. Weil es nicht möglich ist, sich mit vielen Leuten zu treffen, überlegen wir genauer, was wirklich nötig ist. Natürlich muss ich meine Kolleginnen sehen. Es ist etwas anderes, gemeinsam in einem Raum zu sein, und so die Person des anderen zu spüren. Danach sehne ich mich ganz oft. Aber dauernd muss es nicht sein. Es ist gut, zweimal zu überlegen, was es braucht und mit wem. Das entlastet den Verkehr, hilft dem Klima und verringert den Aufwand. Auch nach Corona.

Ich habe in den letzten Monaten gelernt, mich an ein großes Problem anzupassen, mich zu arrangieren. Das ging. Nicht zuletzt, weil ich gemerkt habe, wie gut es uns alles in allem in Deutschland geht. Im Vergleich mit vielen Ländern sind wir privilegiert. Das hat mich oft mit Dankbarkeit erfüllt. Weil ich es nicht so selbstverständlich wie früher hingenommen habe.

Daran zu denken, dass ich das und vermutlich noch viel mehr später einmal mit Corona in Verbindung bringe, macht mir Mut - und es lässt mich wenigstens ein bisschen schmunzeln.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33224
09JUN2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

In vielen katholischen Gemeinden wird in diesen Wochen das Fest der Firmung gefeiert. Auch dort, wo ich als Priester regelmäßig zu Gottesdiensten bin. Junge Menschen, so um die 15/16 Jahre alt, denken darüber nach, wie Gott sie mit seinem Geist stärkt. Was das bedeutet und ob sie diesem Geist auch in ihrem weiteren Leben Raum geben wollen. Um ihnen bei ihrer Entscheidung zu helfen, führen sie einmal ein ausführliches Gespräch mit einem der Seelsorger. Ich habe auch mitgemacht und war an einem Abend ihr Gesprächspartner. Vier Stunden lang bin ich dabei jungen Frauen und Männern begegnet, von denen einer interessanter war als die andere.

Sie haben mir erzählt, welchen Beruf sie ergreifen wollen, wie sie sich überhaupt ihr Leben nach der Schule vorstellen. Ich habe sie danach gefragt, wie sie in der langen Zeit der Pandemie zurechtkommen. Manche haben schon einen festen Freund; andere noch nicht. Es gab auch Tränen, weil es eine gute Gelegenheit war, endlich das Herz auszuschütten, ein Thema anzusprechen, das schon lange auf der Seele drückt. Um den Glauben und die Kirche ging es natürlich auch. Was die Jungen und Mädchen daran schätzen und was sie stört. Und ich habe gespürt, dass es Punkte gibt, denen sie ausweichen, die sie lieber für sich behalten wollen. Was völlig in Ordnung ist, wichtig sogar, wenn sie sich zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickeln wollen.

Je länger der Abend ging, desto mehr habe ich mich reich beschenkt gefühlt. Weil in allen Gesprächen zunehmend ein Vertrauen zwischen den Jugendlichen und mir entstanden ist. Obwohl die meisten mich gar nicht gekannt haben, sind wir uns in kurzer Zeit nahegekommen. Weil es kein Small-Talk war, sondern ein in die Tiefe gehendes Gespräch, buchstäblich über Gott und die Welt. Am Ende war mein Gefühl: Was hab ich doch für einen tollen Beruf! Wie offen kann man sprechen, wenn es Vertrauen gibt. Und wie schlimm ist es, wenn solches Vertrauen missbraucht wird, wie in der Kirche oft geschehen. Beim Verabschieden waren die jungen Leute zufrieden. Das konnte ich sehen. Auf ihren Gesichtern war ein bisschen Stolz zu erkennen; darüber, dass sie als Person ernst genommen werden. Und Glück, dass alles gut gegangen ist. Und bei den meisten sogar ein kleines Lächeln. Vertrauen zwischen Menschen kann man sehen. Es macht sie schön.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33223
08JUN2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Das letzte Jahr hat bei vielen von uns dazu geführt, dass sie mehr draußen sind. Spazierengehen ist Mode geworden, viele haben das Fahrradfahren wieder für sich entdeckt. Wenn man nicht verreisen kann, sucht man eben nach Alternativen in der vertrauten Umgebung. Auch dort gibt es immer Neues zu entdecken. Wer Hunde hat wie ich meint jeden Stein zu kennen, wo er wohnt. Schließlich laufe ich tagaus tagein vertraute Strecken. Aber das stimmt nicht ganz. Erst vor kurzem habe ich einen wunderschönen Weg entdeckt. Er liegt etwas verborgen und auf halber Strecke gab’s eine wunderbare Aussicht. Da muss ich noch öfter hin.

Wenn ich erst jetzt diesen neuen Weg entdeckt habe, muss es davon noch mehr geben. Neue Wege, neue Ausblicke. Und dadurch auch einen neuen Blick auf die Dinge, auf die Welt. Was ich neu entdecke, kommt zu dem dazu, was ich schon kenne und weiß. Es verändert meinen Horizont. Und das geschieht eben nicht bloß, wenn ich ein Buch lese oder mich in einem Kurs fortbilde. Es geschieht immer dann, wenn mir Neues begegnet. Womöglich genau dann, wenn ich nicht damit rechne. Und an Orten, die denkbar gewöhnlich sind. Der Kirchenlehrer Bernhard von Clairvaux war schon vor vielen hundert Jahren davon überzeugt und hat es in folgendem Zitat festgehalten: „Du wirst mehr in den Wäldern finden, als in deinen Büchern. Bäume und Steine werden dich Dinge lehren, die du von keinem Lehrmeister hörst.“ Die Natur als Lehrer. Für den Mönch Bernhard lag dieser Zusammenhang ganz offensichtlich auf der Hand. Als gläubiger Mensch sah er in Gott den Ursprung von allem. Also muss auch in dem, was Gott gemacht hat, alles drin stecken, um die Schöpfung zu verstehen. Dass ein großer Baum schnell gefällt ist, aber Jahrzehnte braucht, um seine stattliche Größe zu erreichen. Dass ein Stein sich nicht erweichen lässt. Und was es deshalb bedeutet, wenn wir sagen: Das ist zum Steinerweichen. Wie schlimm dann ein Unglück sein muss. Dass uns das Klima lehrt, wie auf unserer Welt alles zusammenhängt - die Pflanzen- und Tierwelt, Mensch und Maus - weil alles leidet, wenn das System gestört, gar zerstört wird. Es lohnt sich mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Wenn dann das, was wir sehen, auch noch Herz und Hirn erreicht, dann werden die neuen Wege auch Neues bewirken.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33222
07JUN2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Das Thema Gerechtigkeit spielt in der Bibel eine große Rolle. Besonders bei den Propheten im Alten Testament. Da geht es häufig um die Frage, ob die einen auf Kosten der anderen leben. Sich also zu viel nehmen, was dazu führt, dass andere nichts oder zu wenig haben, die es genauso bräuchten. Propheten sind Menschen, die einen besonderen Draht zu Gott haben. Sie haben ihr Ohr nahe an seinem Wort und fassen dann selbst in markante Worte, was sie von ihm gehört und verstanden haben. Prägnant und konzentriert lautet ihre Botschaft: Gott will, dass es gerecht in seiner Schöpfung zugeht; und er sorgt auch für Gerechtigkeit.

Ein Beispiel aus dem Buch des Propheten Amos, der im 8. Jahrhundert vor Christus gelebt hat. Weil zu dieser Zeit die Reichen und Mächtigen in Israel auf Kosten der einfachen Leute leben, droht Amos ihnen den Untergang an. Mit scharfen Worten:

Weh denen, die (…) die Gerechtigkeit zu Boden schlagen!

Ich kenne eure Vergehen und Sünden.

Ihr bringt den Unschuldigen in Not, ihr lasst euch bestechen und weist den Armen ab am Tor.[1]

So der Prophet Amos. Diese Selbstsucht wird Gott ihnen nicht durchgehen lassen.

Nun der Sprung in die Gegenwart. Das Thema Impfen wird bei uns kontrovers diskutiert. Viele möchten sich den für sie vermeintlich passenden Impfstoff am liebsten selbst aussuchen. Sie vergessen dabei, dass es Länder gibt, die so gut wie gar keinen Impfstoff haben. Und das auf nicht absehbare Zeit. In einer globalen Welt, in der alles zusammenhängt, ist auch die Frage der Gerechtigkeit global. Jedem Menschen steht das Gleiche zu. Die reichen Länder haben schnell ein Mittel gegen das Virus gefunden. Jetzt müssen wir unsere Ergebnisse und Lizenzen mit den Armen teilen.

Ums Teilen geht es auch im eigenen Land. Wer dem schönen Wort Gerechtigkeit eine reale Gestalt geben will, der denkt jetzt an die Verlierer der Pandemie bei uns: an die Restaurantbesitzer und Einzelhändler, die Künstler und an Familien mit vielen Kindern. Durch sie wird das Leben im Normalfall erst reich und schön. Darauf freuen wir uns, wenn der Spuk vorbei sein wird. Und auch deshalb sollten wir sie jetzt unterstützen. 

Heute wird die Priorisierung beim Impfen in Deutschland aufgehoben. Jeder kann sich jetzt einen Termin besorgen. Denken wir dann an die, die sich nicht selbst helfen können! Nicht zuletzt um Gottes Gerechtigkeit willen. Die Logik des Amos ist fast dreitausend Jahre alt. Sie gilt bis heute: Sucht das Gute, nicht das Böse, dann werdet ihr leben.[2]

 

[1] vgl. Amos 5,7.12

[2] Amos 5,14a

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33221