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SWR4 Abendgedanken

23APR2021
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„Frau Görder, findet Gott Corona jetzt eigentlich gut oder nicht?“ – Das hat mich diese Tage eine meiner Schülerinnen gefragt. Ich war überrascht: Eine Pandemie, in der Abertausende von Menschen sterben? Was kann daran Gutes sein? Also habe ich zurückgefragt: „Was meinst Du damit?“ Ihre Antwort war sehr nachdenklich: „Naja, weil die Leute doch jetzt weniger fliegen. Und Auto fahren. Und die Luft wieder sauberer wird. Und das tut dem Wald gut. Und den Tieren. Und überhaupt dem ganzen Klima. Das findet Gott doch bestimmt gut.“

Ich wusste so spontan keine wirklich gute Antwort und habe länger darüber nachgedacht: Findet Gott Corona gut? Kann das sein? – Ich kann es mir nicht vorstellen, dass Gott sich daran freut, wenn Menschen sterben. „Gott ist die Liebe! (1.Johannes 4,16)“, heißt es in der Bibel. Und ich bin mir sicher: Gott trauert und leidet mit, wenn ein Mensch stirbt.

Und vielleicht muss man das ja auch gar nicht gegeneinander ausspielen: Gott ist sicher froh um die kleine Verschnaufpause, die die Natur in diesen Pandemie-Zeiten bekommt. Denn es ist natürlich unsere Aufgabe, die Schöpfung Gottes zu bewahren (Gen 1,26f). Ob Pandemie oder nicht. So steht es am Ende der Schöpfungsgeschichte. Aber selbst wenn die Pandemie hier einen guten Nebeneffekt haben mag, heißt das ja nicht, dass Gott das Leiden und Sterben oder die Pandemie an sich gutheißt.

Jesus hat Kranke geheilt. Er hat sich um die Armen, die Benachteiligten gekümmert. Und er hat versucht zu trösten, wo Menschen leiden mussten. Und darum bin ich mir sicher: Diese Pandemie ist nichts, was dieser Gott, der alle seine Geschöpfe liebt, gutheißt.

Die Pandemie ist sinnlos. Und gerade darin für mich noch mal schwerer zu ertragen. Mir bleibt da oft nur, meine Klage vor Gott zu bringen. Kennen Sie das Lied „Bleib bei mir Herr!“ (EG 488)? Es ist ein wunderschönes Abendlied. Seine erste Strophe geht so:

Bleib bei mir Herr! Der Abend bricht herein.
Es kommt die Nacht, die Finsternis fällt ein.
Wo fänd ich Trost, wärst du, mein Gott, nicht hier.
Hilf dem, der hilflos ist: Herr, bleib bei mir!

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22APR2021
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Ich gehe total gerne bei grün über eine Fußgängerampel. Am liebsten an einer richtig großen Straße. Und wissen Sie, warum? Ganz einfach deshalb, weil ich kleines Menschlein mir da so richtig wichtig vorkomme. Groß. Stark. Bedeutsam. Das ist doch genial: All die großen, dicken Schlitten, die schweren Lastwagen, die schnellen Flitzer, alle müssen anhalten. Nur für mich! 

Der Kleine, Schwache ist vor den Großen, Starken geschützt, hat Rechte, ist genauso wichtig wie die anderen. Spitze!

Meinen Schülerinnen und Schülern erkläre ich mit diesem Beispiel immer, was Sinn und Zweck der zehn Gebote ist: Nicht töten. Nicht stehlen. Vater und Mutter ehren. Immer geht es darum, den Starken in Schranken zu weisen und den Schwachen zu schützen und zu unterstützen. Wie an der Fußgängerampel. Ein Prinzip, das mir gut gefällt.

Heute ist „Tag der Erde“, „World Earth Day“. Überall auf der Welt gibt es Aktionen, die zum Umweltschutz auffordern und anregen wollen. In Deutschland geht es in diesem Jahr besonders um das Thema „Ernährung“. Wir können zum Beispiel die Erde schützen, wenn wir weniger Fleisch essen. Oder Sachen einkaufen, die in der Region produziert werden. Wenn wir den Fisch kaufen, der nicht aus überfischten Gewässern kommt und deshalb durch ein Umwelt-Siegel gekennzeichnet ist. Oder auch einfach die Äpfel im Supermarkt nehmen, die nicht noch in drei Schichten Folie eingewickelt sind.

Aber was bitte hat das jetzt mit der Fußgängerampel und den zehn Geboten zu tun? Die zehn Gebote sind dazu da, die Schwachen vor den Starken in Schutz zu nehmen. Unsere Erde ist mittlerweile ziemlich schwach. Und wir Menschen sind stark. So stark, dass wir aufpassen müssen, sie nicht gänzlich zu zerstören. Als die zehn Gebote vor vielen Hundert Jahren aufgeschrieben wurden, da war Umweltschutz noch kein Thema. Aber ich bin mir sicher: Würden die zehn Gebote heute verfasst, Gott würde ein elftes Gebot hinzufügen: Bewahre meine Schöpfung!

Zu Fuß gehen hilft übrigens auch. Dann können Sie sich an der grünen Fußgängerampel mit mir mitfreuen.

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21APR2021
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Letzte Woche war es so weit. Das erste Eis des Jahres! Das ist bei uns in der Familie immer etwas ganz Besonderes: Schleckend in der Sonne sitzen, der Hintern zwar noch kalt, aber immerhin wärmt die Sonne von vorne. Erinnerungen an die Sommerferien letztes Jahr in Italien. Kinderlachen und klebrige Hände. Das macht Hoffnung auf Sommer, auf Draußen-Sein, auf Luft, Licht und Freude.

Mir hat dieses erste Eis in diesem Jahr besonders gutgetan. Nach dem langen Winter mit all seinen Schrecken und Sorgen, mit seiner Enge und dem vielen Grau. Da bin ich besonders froh, wieder an der Luft zu sein und die Lust am Leben zu spüren. Trotz Pandemie.

In solchen Momenten nehme ich mir vor, mich häufiger daran zu erinnern, was Jesus in der Bibel gesagt hat (Mt 6,26): „Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.“ Und Jesus geht sogar noch weiter. Er sagt: „Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? (…) Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft“ (Mt 6, 31f). Er will damit ausdrücken, dass das Vertrauen auf Gott das Allerwichtigste ist. Es macht uns frei. Und unabhängig. Gott braucht uns nicht. Wir müssen uns um ihn nicht sorgen. Aber er sorgt für uns.

Weniger sorgen, planen, grübeln. Das schaffe ich nicht immer. Allzu oft verliere ich mich in meinen Sorgen. Aber manchmal sehe ich dann im rechten Moment einen Vogel vorbeifliegen. Oder es steht zum Glück ein Eisladen am Wegesrand. Und dann klopft Jesu Rat in meinen Gedanken an. Und dann wird das Leben leicht. Und das tut gut!

Also: Gönnen Sie sich doch auch mal ein Eis!

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20APR2021
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Ich bin gottfroh, dass ich schon geimpft bin. Ich bin Lehrerin und bin deshalb früher dran als andere. Und ich bin allen Menschen wahnsinnig dankbar, die dies möglich gemacht haben.

Und dennoch: So erleichtert ich auch bin, ich kann mich dennoch nicht unbeschwert freuen: Ich habe Freunde in Südafrika. Eine von ihnen ist Ärztin. Und sie ist noch nicht geimpft. Ich lese in der Zeitung von einer Sozialarbeiterin in Kenia, die tagtäglich durch die Slums geht, um Aufklärungsarbeit über das Virus zu leisten. Sie weiß nicht, wie viele Menschen, mit denen sie spricht, infiziert sind. Und sie selber ist – natürlich – noch nicht geimpft.

Die reichen Länder haben sich Hunderte Millionen Impfdosen gesichert: Klar, sie wollen ihre Bevölkerung schützen. Die Pharmafirmen sitzen auf ihren Patenten: Klar, sie wollen das Geld, das sie in die Entwicklung des Impfstoffes gesteckt haben, wieder rausholen. Aber die Menschen in den armen Ländern können nur warten. Warten. Oder vorher sterben.

Im Slum kann man sich nicht vor Corona schützen: Die Häuser stehen dicht an dicht. Die sanitären Anlagen, wenn es denn welche gibt, werden gemeinsam genutzt. Es leben häufig viele Menschen mehrerer Generationen im selben Raum. Masken sind zu teuer, wenn es kaum für das Essen reicht. Paradiesische Zustände für ein Virus. Die Menschen dort brauchen die Impfung viel dringender als ich. Und bei aller Freude, dass ich geschützt bin: Dieser Gedanke macht mich innerlich krank.

Schon der Prophet Amos fordert in der Bibel, dass wir für Gerechtigkeit einstehen und kämpfen: „Es soll das Recht wie Wasser strömen und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Fluss.“ (Amos 5,24), sagt er.

Was die Verteilung der Corona-Impfstoffe angeht, haben wir im Moment einen dicken Damm vor diesen Fluss der Gerechtigkeit gebaut. Ich finde, das ist unchristlich. Und ich schäme mich dafür.

Vor der deutschen Botschaft in Südafrika standen vor ein paar Wochen Demonstranten mit Plakaten auf denen stand: „Black lifes matter.“ Auch das Leben schwarzer Menschen ist wertvoll. Ich finde, sie haben Recht.

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19APR2021
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Ich habe Ostern selten so gebraucht wie in diesem Jahr. Jetzt ist es schon zwei Wochen her. Aber ich bin immer noch dankbar für dieses Fest. Und wissen Sie, warum? Ostern, das war in diesem Jahr für mich „Hoffnung pur“.

An Ostern siegt das Leben über den Tod. Das Licht über die Dunkelheit. Die Hoffnung über die Verzweiflung. Das hat so gut getan nach diesem furchtbar langen Pandemie-Winter.

In der Bibel wird erzählt, dass Jesus kurz vor seinem qualvollen Tod am Kreuz fragt: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Dass ein Mensch, der diese Folter durchstehen muss, diese Frage stellt, überrascht mich nicht. Wie kann Gott solches Leid zulassen? Einer, der sich so auf Gott verlassen hat, der Gott Vater nennt, muss so furchtbar leiden. Warum?

Viele haben in diesem Pandemie-Winter furchtbar gelitten: Sei es, weil sie erkrankt sind. Sei es, weil sie Angst um Familie und Freunde hatten. Sei es, weil die Enge, die Einsamkeit sie schier wahnsinnig gemacht hat. Warum?

Wir wissen es nicht. Ich glaube, es gibt darauf keine Antwort. Hinter dem Leid der Pandemie sehe ich keinen Sinn, der mich trösten könnte. Sie ist sinnlos. Und gerade das macht all das Leid noch mal unerträglicher.

War Jesu Leiden auch sinnlos? – Ich glaube: Nein. Jesus leidet, so wie jeder Mensch Leid erfahren kann. Jesus leidet mit. Er zeigt uns, dass Gott kein ferner Gott im Himmel ist, weit weg, dem die Menschen egal sind. Nein: Als Jesus leidet, leidet Gott mit. Er kennt Schmerz, Leid und Verzweiflung.  Gott hat Mitleid. Und kann uns so in unserem Leid nahe sein. Das zeigt uns Jesus Leid am Kreuz. Darin hat es seinen Sinn.

Und: Jesus Weg endet nicht am Kreuz. Er wird wieder lebendig. Das Leiden hat in der Welt nicht das letzte Wort. Gott kann den Tod überwinden. An Ostern siegt das Leben über den Tod. Das Licht über die Dunkelheit. Die Hoffnung über die Verzweiflung.

Ich habe diese Botschaft dieses Jahr gebraucht. Mehr als sonst. Osterhoffnung. Dafür bin ich dankbar.

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