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SWR4 Abendgedanken

05FEB2021
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In einem Kinderkrankenhaus in Providence in den USA gibt es ein besonderes Ritual: Dort versammeln sich jeden Abend um halb neun die kleinen Patienten hinter der großen Fensterfront des Krankenhauses und warten auf die Good Night Lights, die Gute-Nacht-Lichter ihrer Stadt.

Restaurants, Hotels und die nahe gelegene Uni lassen eine Minute lang ihre Lichter aufleuchten. An-aus-an-aus. Auch die Feuerwehr und die Polizei von Providence machen mit, außerdem alle, die um diese Uhrzeit mit Autos, Fahrrädern und Taschenlampen unterwegs sind und den Kindern einen Gruß in die Nacht schicken. Eine kleine Geste, die zeigt: Wir denken an euch. Werdet schnell wieder gesund! Das Leben, eure Stadt, wir alle warten auf euch.

Die Idee dazu ist dem Cartoonisten Steve Brosnihan zu verdanken. Nachdem dieser, wieder einmal, im Krankenhaus den Abend verbracht hatte, um für die Kinder auf Wunsch Cartoons zu zeichnen, ist er mit dem Fahrrad nach Hause gefahren. In einiger Entfernung vom Krankenhaus hat er die Stirnlampe an seinem Helm angeschaltet und sich umgedreht. In manchen Klinikfenstern hat das Licht noch gebrannt. Steve hat sich sehr gut vorstellen können, wie sich die Kinder dort ihre Zähne putzen, Geschichten zum Einschlafen hören, Medikamente bekommen, und unter die Bettdecken kriechen. Er hat seine Lampe immer wieder an und aus geknipst. Wie ein Signal, eine Minute lang. Und er hat gehofft, dass vielleicht eines der Kinder gerade am Fenster steht und seinen Gute-Nacht-Gruß sieht. -

Jetzt, in diesen Minuten beginnt für viele Familien wieder ihr Gute-Nacht-Ritual. Gerade für Kinder ist es wichtig. Als unsere Kinder klein waren, haben meine Frau und ich mit ihnen gebetet, und dann ist noch die Gute-Nacht-Geschichte gekommen. Um sie sanft in den Schlaf gleiten zu lassen, haben wir ihnen noch etwas vorgesungen. Das ist unseren Kindern ganz wichtig gewesen. So haben sie sich geborgen gefühlt.

Auch für viele Erwachsene spielen abendliche Rituale eine große Rolle. Für die einen ist es ein Buch, für die anderen beruhigende Musik und ein leckerer Tee.

Wenn ich Erwachsene frage, können sich die meisten noch gut an ihre Einschlafrituale als Kinder erinnern. Da wird mir noch einmal deutlich, wie prägend und wie wichtig diese Erfahrungen sind. Und dass ich selbst auch nicht auf mein Abendgebet und ein paar Seiten eines Buches verzichten möchte.

Und die Kinder in Providence? Sie antworten auf die Lichter. Mit ihren Taschenlampen grüßen sie zurück. Jeden Abend, bevor sie zu Bett gehen.

Pfarrer Joachim Sohn, Furtwangen, alt-katholische Kirche.

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04FEB2021
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Neulich, früh gegen acht Uhr in der S-Bahn. Ich sitze mit ungefähr zehn anderen Fahrgästen im Großraumbereich. Mir gegenüber ein junger Mann mit Baseballkappe und Kopfhörern, neben mir eine junge Frau so um die 35. Die Zugbegleiterin nähert sich. Sie ist nicht groß, wirkt aber resolut. Entspannt krame ich mein Ticket raus. Auch die Frau neben mir kramt in ihrer Tasche, mit wachsender Unruhe. Als die Zugbegleiterin vor ihr steht, stammelt sie etwas von vergessenem Portemonnaie, das wohl inklusive Monatsticket und aller Personaldokumente zuhause liegt. Es ist ihr sichtlich unangenehm.

Ich erwarte das übliche Prozedere. Doch es kommt anders.

Einen Moment lang überlegt die Zugbegleiterin, bevor sie fragt: „Was soll ich jetzt mit Ihnen machen?“ Immer noch kramt die Dame nervös in ihrer Tasche. Mit gespieltem Ernst fragt die Zugbegleiterin: „Soll ich jetzt meine Folterwerkzeuge auspacken?“ – „Oh“, sage ich, „haben Sie etwa einen Elektroschocker dabei?“ Sie: „Da hab ich ganz andere Sachen.“

Nun wendet sie sich an die Runde der Fahrgäste: „Finden Sie, dass diese Dame vertrauenswürdig aussieht?“ – „Auf jeden Fall“, sage ich deutlich vernehmbar, denn längst ist mein Retter-Instinkt erwacht. Die anderen Mitreisenden nicken zustimmend und sind spätestens jetzt Teil der Szene. Nur der junge Mann mit den Kopfhörern hat noch nichts mitbekommen. Die Zugbegleiterin tritt an ihn heran und signalisiert ihm, dass sie auch gern von ihm etwas hören würde. Er nimmt die Kopfhörer ab und ruft ein engagiertes „Alles klar“ in die Runde. Doch klar ist hier noch gar nichts. Die Frage, was jetzt mit der Schwarzfahrerin werden soll, steht unbeantwortet im Raum. Ich unternehme einen weiteren Vermittlungsversuch und schlage vor: „Vielleicht kann die Dame ja ein Lied singen oder ein Gedicht aufsagen.“ „Gute Idee«, reagiert die Zugbegleiterin und schaut die betroffene Dame neben mir fragend an. „Wäre das ein Deal?“ Gespannte Stille. Alle im Bereich wollen jetzt wissen, wie die Sache ausgeht. Selbst der Typ mit den Kopfhörern ist ganz bei der Sache. „Na ja, also hier singen? - Das wäre nicht so mein Ding“, stammelt die Dame. „Gedicht? Wie wäre es damit?“ Keine Antwort. „Können Sie beten?“ Die Frau ist genauso verblüfft wie ich und wahrscheinlich auch die anderen Fahrgäste. „Ja, doch“, sagt sie zaghaft. „Beten kann ich vielleicht.“ Ich bin gespannt, ob die Zugbegleiterin nun vorschlägt, das Vaterunser zu beten. Tut sie aber nicht. Stattdessen sagt sie mit einer kreisenden Armbewegung, die alle Umsitzenden einbezieht. „Toll! Dann schließen Sie uns bitte heute alle in Ihr Abendgebet ein!“ Und geht weiter zum nächsten Wagen.

Pfarrer Joachim Sohn, Furtwangen, alt-katholische Kirche.

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03FEB2021
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Bahnhofsuhren bleiben regelmäßig stehen. Vielleicht ist Ihnen das schon mal aufgefallen. Vielleicht haben Sie es auch noch gar nicht wirklich bemerkt. Der Sekundenzeiger bleibt immer stehen, wenn er wieder auf der zwölf angekommen ist. Kurz darauf hüpft der Minutenzeiger eine Minute weiter und der Sekundenzeiger beginnt seine nächste Runde.

Der Grund dafür ist, dass alle Bahnhofsuhren synchron laufen sollen. Dafür benötigen sie einen Impuls von einer Hauptuhr. Als das in den 1940er-Jahren eingeführt wurde, hat die Übertragung eines solchen Impulses eineinhalb Sekunden gedauert. Seither läuft der Sekundenzeiger in 58,5 Sekunden einmal um die Uhr, verharrt dann auf der Zwölf-Uhr-Position, bis der Zeitimpuls kommt und die nächste Minute anbricht.

Heute ist das technisch nicht mehr erforderlich. Und doch hat man es so belassen.

Interessant finde ich, was der Erfinder Hans Hilfiker selbst über die kleine Rast des Sekundenzeigers gesagt hat: Unmittelbar vor der Abfahrt bringt sie „Ruhe in die letzte Minute und erleichtert eine pünktliche Zugabfertigung“.

 

Wenn ich in Stuttgart am Hauptbahnhof ankomme, dann spüre ich allerdings kaum etwas von dieser Ruhe. Um mich herum laufen und rennen Menschen, um ihren Zug noch zu bekommen oder ihren Termin zu erreichen. Manchmal muss ich schnell ausweichen, um nicht umgerannt zu werden.

Wie schön wäre es, wenn unser Leben in ruhigeren Bahnen verlaufen würde. Wenn wir uns Zeit nehmen, statt immer nur zu hetzen und zu rennen. Diese Ruhe würde uns gut tun.

Wenn ich dann auf die Bahnhofsuhr schaue, spüre ich sie, die geschenkte Sekunde. Es kommt mir vor, als würde die Uhr noch einmal durchatmen, bevor sie sich wieder auf den Weg macht. Und so stelle ich mir vor, dass ich immer noch ein kleines bisschen Zeit habe, meinen Kaffee in Ruhe auszutrinken. Dass ich über den Bahnsteig zum richtigen Waggon gehen kann, ohne rennen zu müssen. Vielleicht bleibt sogar noch Zeit für ein freundliches „Guten Abend“ oder ein kleines Schwätzchen.

Denn die Bahnhofsuhr will mich eben nicht hetzen, sondern mir einen kleinen Puffer einräumen, der mich mit Ruhe und Gelassenheit unterwegs sein lässt.

Pfarrer Joachim Sohn, Furtwangen, alt-katholische Kirche.

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02FEB2021
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Noch einmal strahlt heute das Licht von Weihnachten auf, noch einmal feiern die Kirchen heute »Epiphanie«, »Erscheinung« des Herrn. Aber nicht mehr im kleinen, abseits gelegenen Betlehem, sondern einige Kilometer weiter im altehrwürdigen Tempel von Jerusalem.

Maria und Josef sind dorthin gepilgert, um ihr Kind Gott »darzustellen«, es ihm zu zeigen, es vor ihn zu bringen. Sie wissen, es ist zuerst einmal Gottes Kind, nicht ihr Eigentum. Sie bringen es vor Gott, um es ihm anzuvertrauen, um es in Seinen Segen hineinzulegen. Für Maria und Josef sicher ein bewegender Moment.

Doch es wird für sie noch bewegender, als plötzlich Simeon und Hanna herzutreten. Zwei alte Menschen, vom Geist Gottes beseelt. Sie loben Gott und sagen ganz Erstaunliches über dieses Kind: Sie sehen in ihm Gottes Licht und Heil für unsere Welt. Gott selber mischt sich in diesem Kind, in Jesus, in unsere Menschen-Geschichte ein. Er will mit uns neue Wege gehen, Wege des Heils, Wege des Segens.

Eine Frage allerdings muss jede und jeder für sich persönlich beantworten: Darf Gott auch mit mir Heils-Geschichte schreiben? Erlaube ich ihm, sich in mein Leben einzumischen, in mein Denken, in meine Vorhaben, in mein Zusammenleben mit anderen, auch in meine Konflikte, die ich auszutragen habe, in meine Ängste, mein Scheitern, in meine Hoffnungen, in mein Warten auf ...? Ja, auf was eigentlich? Erwarte ich überhaupt noch etwas von Gott?

Simeon und Hanna haben darauf gewartet, Gott selbst zu begegnen. Ihr Wunsch ist es gewesen, dass er in ihr Leben kommt in seiner erlösenden und befreienden Kraft. Und sie sind dieses Wartens nicht müde und überdrüssig geworden.

Auf Gott warten ist eine lebenslange Aufgabe. Damit bin ich nie fertig. Dieses Warten aber braucht meine Bereitschaft. So nehme ich mir immer wieder Zeiten der Stille, in denen ich auf Gott höre. Da kann ich spüren, was er von mir will. Und das kann ich dann in mein Leben hineinnehmen. Auf diese Weise darf er sich in mein Leben einmischen. Sonst könnte es sein, dass ich tatsächlich vergeblich warte. Simeon und Hanna sind dazu bereit gewesen.

Die Worte von Simeon haben sogar ihren festen Platz im Nachtgebet der Kirche gefunden. Er hat sie gesagt, während er Jesus in seinen Armen gehalten hat:

Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast, ein Licht, das alle Menschen erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.

Pfarrer Joachim Sohn, Furtwangen, alt-katholische Kirche.

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01FEB2021
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Rafael ist mein Sitznachbar im ICE: Er stammt aus Venezuela. Während der Fahrt kommen wir ins Gespräch. Wir unterhalten uns auf Englisch. Wir erzählen einander, wohin wir unterwegs sind. Und immer wieder geht unser Blick aus dem Fenster hinaus auf die Landschaft, die an uns vorüberfliegt. Was wir so machen im Leben, erzählen wir uns, und wir stellen fest, dass wir gleich alt sind. Es ist ein lockeres Gespräch.

Ungezwungen. Eine kleine Zugbekanntschaft, wie man sie manchmal macht, wenn man auf Reisen geht. Wenn wir aussteigen, geht jeder von uns wieder seine eigenen Wege.

Der Zug verlässt gerade den Hauptbahnhof von Frankfurt am Main, als unsere Unterhaltung abrupt abbricht: Rafael springt so plötzlich von seinem Sitz auf, dass ich zusammenzucke und auch andere Fahrgäste auf ihn aufmerksam werden. Rafael strahlt über das ganze Gesicht, wirkt ganz außer sich, deutet mit dem Finger nach draußen und ruft: „Snow! Look at this! Snow!“ „Schnee, guck dir das an! Schnee!“ Mein Blick folgt seinem Finger. Er hat recht. Weiße Flocken fallen vom wintergrauen Himmel. Wenige nur. Eher Flöckchen als Flocken. Sie bleiben nicht mal liegen. Und doch, es stimmt: Es schneit. Ich muss lächeln. „Das erste Mal in diesem Jahr“, sage ich. Rafael nickt langsam. Er kann den Blick kaum vom Fenster abwenden. Es sieht so aus, als würden Tränen in seinen Augen glitzern. „Das erste Mal in diesem Leben“, sagt er.

Dieser Satz trifft mich. Ich wohne in Furtwangen im Hochschwarzwald. Für mich ist es ganz normal, dass es im Winter schneit. Aber hier macht ein Mensch eine ganz neue Erfahrung. Eine, die er in seinem ganzen Leben nicht mehr vergessen wird.

Ich erinnere mich auch an so eine eigene erste Erfahrung, die ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen werde. Lange habe ich mich nicht getraut, ein Streichholz anzuzünden. Geklappt hat es erst, als mein Vater mir zeigen wollte, dass eine Kerze ausgeht, wenn man ein Glas darüber stülpt. Seine Bedingung ist gewesen, dass ich die Kerze selbst anzünde. Die Neugier hat meinen Mut beflügelt. Und ich bin sehr stolz gewesen, dass ich es geschafft habe. Diese Erfahrung ist mir heilig. Und noch heute denke ich daran, wann immer ich ein Streichholz anzünde.

Bei uns schneit es zur Zeit viel. Und ich denke oft an Rafael. Ich erinnere mich lebhaft an seinen staunenden Blick. Und höre immer wieder seinen Satz: „Das erste Mal in meinem Leben.“

Pfarrer Joachim Sohn, Furtwangen, alt-katholische Kirche

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