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SWR4 Abendgedanken

25SEP2020
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Ich bin Religionslehrerin an einem Technischen Gymnasium. Vor ein paar Tagen habe ich meine Achtklässler gefragt: Was würdet Ihr in Eurer Kirchengemeinde verändern, wenn Ihr das Sagen hättet. – Na, was meinen Sie, was waren die Antworten? Ich lese Ihnen mal aus der Liste vor: Kostenlose Nachhilfe für sozial benachteiligte Kinder, Deutschkurse für Flüchtlinge, Möglichkeiten schaffen, damit sich Obdachlose waschen können, behindertengerechte Zugänge. Außerdem wünschen sich die Schülerinnen und Schüler eine ganz normale Hochzeit für Lesben und Schwule, Nationalität soll egal sein, Rassismus keine Rolle spielen. Und, ja, cool wäre es auch, wenn der Gottesdienst am Sonntag nicht ganz so früh anfangen würde.

Die Achtklässler denken also nicht an sich selbst. Dass sie sich wohlfühlen in der Kirche. Sie denken viel größer: Sich wünschen sich eine Kirche, die für alle da ist. Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen, alle willkommen. Da ist es egal, wie einer aussieht, welchen Partner jemand wählt, ob er nicht laufen kann oder sie schlecht hört. Diese Kirche, die wäre eine, von der man sagen kann: „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ (2.Kor 3,17). So beschreibt es die Bibel. Und sie meint damit nicht einen Ort, an dem Willkür herrscht, an dem es egal ist, wie Menschen miteinander und mit Gott umgehen. Sondern einen Ort, der angstfrei ist. Ein Ort, an dem Gottes guter Geist Mut zu Leben macht. Zu einem Leben, das im besten Sinne „gottgefällig“ ist: Da weiß ich, dass ich so angenommen werde, wie ich bin. Und darum kann ich mich dort fröhlich und ungezwungen meinen Mitmenschen zuwenden. Und Gott dafür dankbar sein.

Ich finde meine Achtklässer cool, auch wenn es ihnen bestimmt superpeinlich wäre, wenn sie mich das sagen hören. Aber mir hat das, was sie beschrieben haben, Mut gemacht. Vielleicht sollten wir „Alten“ uns mal rausnehmen, den jungen Leuten mehr Zutrauen und sie einfach machen lassen. Wirklich machen lassen, ohne Notbremse. Vielleicht würde das unserer Kirche sehr, sehr gut tun. Vielleicht würde dann etwas Neues entstehen. Vielleicht wäre das dann tatsächlich eine Kirche von morgen.

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24SEP2020
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Vorgestern kam mir ein Mann mit einer hautfarbenen Maske im Gesicht entgegen, auf die ein wunderschön geschwungener Frauenmund gedruckt war. Knallrot, mit sinnlichem Lippenstift.

Gestern habe ich eine feine Dame mit einer glitzernden, paillettenbesetzen Maske gesehen. Die Maske passte so perfekt zu ihrem Outfit, als sei sie einfach ein neues, topmodernes modisches Accessoire.

Und heute lese ich in der Zeitung, dass eine Frau ihr Brautkleid zu Masken umgenäht und diese an die Hochzeitsgäste verschenkt hat. Natürlich erst nach der Feier.

Dieses kleine Krisenaccessoire scheint unsere Phantasie zu beflügeln. Verrückt, oder? Dabei, mal ehrlich: Vor allem nervt die Maske doch, oder? Man kann so schlecht atmen darunter. Wo stecke ich sie vorm Einkaufen hin? Und außerdem: Wie oft stand ich jetzt schon ohne Maske vorm Bäcker und konnte nicht rein?

Aber ein Gedanke, der hat mich nun doch mit der Maske versöhnt: Ich trage sie ja gar nicht, um mich zu schützen. Ich trage sie, um die anderen zu schützen. Vor den Viren, die ich vielleicht verteile, ohne es zu wissen: Im Supermarkt, bei der Arbeit, beim Arzt… wo auch immer. Die Maske hilft, dass ich die Viren nicht in die Luft spucke, sollte ich infiziert sein. Und sie sich so kein neues Opfer suchen können.

Das klingt für Sie unlogisch? – Warum versöhnt mich gerade der Gedanke mit der Maske, dass sie mir gar nicht hilft?

Naja, damit ist ja klar: Je mehr Menschen so einen Mund-Nasen-Schutz tragen, desto sicherer sind alle. Bei der Maske geht es um Solidarität. Und die Holzköpfe, die das ablehnen, die denken wohl mehr an sich als an die anderen. Wenn ich die Maske trage, dann schütze ich meinen Nächsten – ganz direkt, im wahrsten Sinne des Wortes. Sollte ich infiziert sein, ohne davon schon zu wissen, dann bleibt die alte Dame, die an der Supermarktkasse hinter mir steht, trotzdem gesund. Ich stecke auch die Erzieherin im Kindergarten nicht an. Oder den Mann, der mit mir beim Arzt im Wartezimmer sitzt.

So gesehen ist die Maske ein Ausdruck dessen, was das Christentum zu tiefst ausmacht: Nächstenliebe. Und seit mir das klar geworden ist, trage ich meine Maske gern.

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23SEP2020
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Gestern habe ich in der hintersten Kabine auf dem Mädchenklo in unserer Schule etwas entdeckt: Ein kleiner, bunter Kolibri fliegt dort zu einer wunderschönen, bunten, tropisch aussehenden Blume. Natürlich fliegt er dort nicht in echt. Es ist ein Aufkleber, den irgendjemand dort hingeklebt hat. Er sieht recht verloren aus, auf den hässlichen, hellbraunen Fliesen, mit denen die Toilettenkabine gefliest ist. Direkt neben der olivgrünen Tür. Unser Schulklo ist echt ein Ort, der hässlicher kaum geht.

Erst habe ich mich geärgert. Aufkleber auf dem Klo. Muss das denn sein. Die muss dann irgendeine arme Putzfrau irgendwann wieder mühsam abkratzen.

Aber: Dann hat er mich doch aufgeheitert, dieser bunte, fröhliche Kolibri. Diese Schultoilette ist so hässlich, so grundscheußlich! Und klar, das ändert das kleine Tierchen auch nicht wirklich. Aber, trotzdem, für mich hat dieser Kolibri etwas von Protest. Ein bisschen ist es so, als wolle er mir sagen: Hey, lass Dich nicht unterkriegen. Ja, hier ist es furchtbar. Aber, guck mich an, es gibt auch anderes. Diese ätzende, hässliche Atmosphäre hier, das ist nicht alles.

Irgendwie ist der Kolibri auf dem Schulklo ein Fenster in eine schönere, eine bessere Welt.
Ich musste, als ich genauer über meine Entdeckung nachgedacht habe, daran denken, dass Jesus am Kreuz gestorben ist. Vielleicht ist der Gedanke ziemlich weit hergeholt. Aber das Leiden an diesem Folterinstrument, das steht für mich für all das Hässliche, all das Böse in unserer Welt. Jesus hat es überwunden. Er ist auferstanden. Er hat gezeigt, dass die Welt mehr ist, als nur Hässlichkeit und Hass. Dass die Welt darin nicht stecken bleibt. Nicht darin stecken bleiben soll.

Jesu Kreuz und Auferstehung. Und der Kolibri auf der Schultoilette. Eine Erinnerung daran, dass wir Christinnen und Christen, das Hässliche nicht einfach so stehen lassen sollen. Und dass Gott uns darin unterstützt. Und uns einen Kolibri schickt, oder etwas anderes, um uns daran zu erinnern: Mit mir seid Ihr stark.

Also: Ab jetzt werde ich immer die hinterste der Klokabinen benutzen.

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22SEP2020
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„Ich weiß, wo ich herkomm,
Und weiß auch, wo ich bin.
Doch müsst ich jetzt sterben,
Dann wüsst ich nicht, wohin.“

Der Liedermacher Wolf Biermann hat diese Zeilen gedichtet. Und in einem Interview, dass ich gelesen haben, sagt er über das Leben nach dem Tod: „Ich bin mir todsicher, dass mich absolut gar nichts erwartet. Dennoch glaube ich an eine Art Weiterleben.“

Wir wissen es halt nicht. Und jetzt kann man natürlich sagen: Ich glaube nur an das, was ich anfassen kann. Aber: Liebe, Hoffnung, Vergebung… Die sind alle nicht zu sehen, die kann ich alle nicht anfassen. Gibt es sie deshalb nicht?

Von Jesus Christus wird erzählt, dass er auferweckt worden sei, dass sein Leben nach dem Tod bei Gott weitergeht. Ganz unterschiedlich beschreiben die biblischen Geschichten, was da passiert sein soll. Manche betonen, dass diese Auferstehung tatsächlich, fast schon „beweisbar“ passiert ist. Der Jünger Thomas zum Beispiel durfte seine Hand in Jesu Wunden legen, weil ihn so große Zweifel an der Auferstehung umgetrieben haben. Andere Geschichten erzählen eher von flüchtigen, kurzen Begegnungen. Jesus ist da, spricht mit den Jüngern und verschwindet dann wieder. Die Menschen haben die Erfahrung gemacht: Er lebt!

„Ich weiß, wo ich herkomm,
Und weiß auch, wo ich bin.
Doch müsst ich jetzt sterben,
Dann wüsst ich nicht, wohin.“

Jesu Auferstehung ist kein Beweis dafür, dass wir nach dem Tod zu Gott kommen. Aber sie ist ein Hinweis, der Hoffnung gibt. Die Hoffnung, dass Gott uns nach dem Tod schon den Weg zeigen wird. Dass wir dann wissen, wohin. Und wir können darauf schon jetzt vertrauen und hoffen.

Wolf Biermann hofft irgendwie auch. Später in dem Interview erzählt er, dass er sich wünscht, wenn er tot ist, auf dem Hugennottenfriedhof in Berlin begraben zu werden. Dann könne er sich mit all den guten Freunden unterhalten zu können, die dort schon vor ihm begraben worden sind. Und sein Lied Lied geht so weiter:

„Ach, Weggehen macht traurig,
Und bleiben tut weh,
Es wachsen die Knospen
Schon unter dem Schnee.“

Der Beitrag bezieht sich auf das Interview „Wolf, hast du Angst vor dem Tod?“ in „Christ und Welt“ vom 28.Mai 2020, S.1.

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21SEP2020
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„Mama, können wir Oma besuchen?“ Wie oft haben mich meine Kinder das während des Lockdowns gefragt. Großmütter und Großväter gehören seit Monaten zur Risikogruppe. Eine Zeitlang waren deshalb die Kontakte zu alten Menschen rigoros eingeschränkt. Jüngere haben den Älteren angeboten, für sie einzukaufen. Aber viele Ältere wollten gar nicht so überbehütet werden. Es hat sie genervt.

Mich hat das ins Grübeln gebracht. Und ich habe meinen 11.Klässlern im Religionsunterricht daraus eine Aufgabe gebastelt: Sie sollten sich überlegen, ob sie die gesunde, rüstige, aber 90jährige Oma zu ihrem Geburtstag besuchen würden oder nicht, wenn diese es sich ausdrücklich wünscht. Vielleicht erlebt sie ja das nächste Geburtstagsfest gar nicht mehr. Dann lieber jetzt noch mal mit allen feiern.

Ich war gespannt; Wie würden sich meine Schüler und Schülerinnen entscheiden? Wegbleiben, aus Sorge um die Gesundheit der Oma, gerade jetzt, nach den Sommerferien, wo alle aus dem Urlaub zurückkommen? Aus Fürsorge, aus Liebe Abstand halten? Oder doch das Selbstbestimmungsrecht der Frau akzeptieren: Sie weiß um die Gefahr. Wenn sie dennoch will, dass wir kommen, dann kommen wir auch.

Meine Schüler und Schülerinnen waren gespalten. Manche haben mit dem Gebot „Du sollst Vater und Mutter ehren“ argumentiert: Das bedeute ja wohl, dass man den Willen der Eltern und Großeltern akzeptieren soll. Und auch die von Gott geschenkte Menschenwürde spräche dafür, die Freiheit eines jeden Menschen – auch eines alten Menschen – zu akzeptieren.

Andere haben sich anders entschieden: Für sie ist es ein Zeichen von Liebe, von Sorge für die geliebte Oma, dass Sie sie nicht besuchen. „Du sollst nicht töten!“, hat ein Schüler dazu zur Begründung geschrieben. Ein weiteres der zehn Gebote, das für ihn aber genau in die andere Richtung weist.

Was ist nun richtig? Ich kann es Ihnen nicht sagen. Nur eins weiß ich sicher: Jesus war ein Menschenfreud. Er wollte, dass wir einander in Liebe und Respekt begegnen. Dass wir den Anderen, unseren Nächsten als Mensch achten. Und dann so handeln, wie wir es aus dieser Liebe heraus für richtig halten. Nicht die Angst soll unser Herz beherrschen. Nicht die Panik. Oder die Wut. Sondern die Liebe. Und dann kann es wohl nicht ganz falsch sein, was wir tun…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31697