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SWR4 Abendgedanken

03JUL2020
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Fußball-EM-Viertelfinale. Das hätte ich mir eigentlich heute angeschaut. 2020 war bisher ein „Eigentlich-Jahr“. Eigentlich wollten wir dieses Jahr in den Urlaub fliegen. Eigentlich wollte eine Freundin dieses Jahr heiraten. Und eigentlich wollte ich nicht wochenlang zuhause sitzen und zwischen Home-office und Home-schooling hin- und herhüpfen. Corona hat so vieles verändert in diesem Jahr.

In der Bibel gibt es auch „eigentlich-Geschichten“. Abraham z.B. Eigentlich wollte er seinen Lebensabend in seiner Heimat verbringen. Eigentlich hatte er schon seinen Frieden damit gemacht, dass er und seine Frau keine Kinder kriegen werden – dafür waren sie beide einfach schon zu alt. Und eigentlich wäre er von sich aus vermutlich nicht auf die Idee gekommen, noch einmal irgendwo anders ganz neu anzufangen. Aber manchmal kommt eben alles ganz anders. Denn genau das sagt Gott zu Abraham: Geh weg von hier und fange an einem neuen Ort noch einmal ganz von vorne an. Und nicht nur das. Er soll auch noch einen Sohn bekommen. Und Gott verspricht ihm, dass er immer bei ihm sein wird.

Was mich daran am meisten beeindruckt ist: Abraham macht das. Er packt alles zusammen, was ihm gehört und zieht los. Er zieht los, weil er Gott vertraut.

Ich musste in den letzten Wochen und Monaten so oft an diese Geschichte denken. Ich vertraue Gott auch. Aber manchmal fällt mir das nicht leicht. Es sind an dieser Krankheit so viele Menschen gestorben. Viele Firmen und Geschäfte kämpfen um ihr Überleben. Die häusliche Gewalt hat immens zugenommen. Viele Menschen sind in den Pflegeheimen allein gestorben, weil niemand sie besuchen durfte. Wie soll man da Gott vertrauen?

Und doch ist gerade auch in dieser Zeit Vieles entstanden: Dass wir über den Wert von Arbeit neu nachdenken. Dass Menschen für ihre Nachbarn einkaufen und füreinander da sind. Dass viele von uns aufeinander Rücksicht nehmen. Ich glaube, genau deshalb, kann ich an meinem Vertrauen auf Gott festhalten.

Abrahams Weg war auch nicht einfach. Und ich bin mir ganz sicher Gott ist in aller Trauer mit dabei. Er sorgt sich mit, wenn jemand um seine Existenz bangen muss. Er ist mit dabei, wenn jemand einsam ist. Gott sei Dank ist Gott kein „eigentlich-Gott“. Er ist da. Immer.

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02JUL2020
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Die Radieschen und die Karotten sind schon ganz schön groß. Die ersten Tomaten werden reif und einige Gurken haben wir schon geerntet. Wenn ich durch unseren Garten laufe, dann muss ich manchmal an ein Tischgebet denken, das meine Kinder schon aus dem Kindergarten mitgebracht haben: „Aus der braunen Erde, wächst unser täglich Brot. Für Sonne, Wind und Regen, danken wir Oh Gott. Was auch sprießt aus unserem Land, alles kommt aus Gottes Hand.“

Ich mag das Gebet sehr. Außerdem fand ich es toll, dass das im Kindergarten vor dem Essen gesprochen wurde. Denn: ich finde es nicht selbstverständlich, dass bei uns so viel wächst. Es müssen so viele Sachen zusammenkommen, dass etwas wächst. Regen ist wichtig – zu viel ist aber nicht gut. Sonne ist wichtig – zu viel und alles vertrocknet, oder man muss gießen ohne Ende. Insekten sind wichtig – Schädlinge aber nicht und so weiter. Manche dieser Sachen, kann ich beeinflussen. Vieles aber auch nicht. Und doch: Wir haben eigentlich immer genug zu essen. Vielleicht nicht aus dem eigenen Garten. Aber es wächst genug. Deshalb bin ich dafür unglaublich dankbar. Gott dankbar.

„Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben! Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses, und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.“ Das ist ein altes Gebet aus der Bibel. Und ich glaube, dass der Mensch, der das geschrieben hat, auch genauso dankbar war wie ich. Für ihn war völlig klar. Dass es ihm so gut geht. Dass so viel wachsen kann. Das ist ein Geschenk von Gott.

Als Christ glaube ich, dass Gott es gut mit mir meint. Mit allen Menschen. Dass er weiß, was wir zum Leben brauchen und dass er seinen Teil dazu beiträgt. Deshalb möchte ich mich dafür auch ab und zu mal bedanken – vielleicht mit so einem Tischgebet.

Es gibt aber auch überall Menschen, die nicht so viel haben. Wo nichts oder nur wenig wächst und die hungern müssen. Ich glaube, wenn ich selber dankbar bin, dann fällt es mir auch leichter zu teilen.

Nicht nur, wenn es ums Essen geht. Sondern generell. Selbst dann, wenn ich nur dankbar bin, dass ich z.B. mit meinen Kindern die ersten Radieschen aus der Erde ziehen kann.

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01JUL2020
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„Sei behütet und bleib gesund.“ Ich glaube, ich habe das noch nie so oft gehört, gelesen, oder jemandem geschrieben, wie dieses Jahr. Klar, dieser Virus hat uns irgendwie schon ganz schön aus der Bahn geworfen. Da ist es naheliegend, dass man sich gegenseitig wünscht gesund zu bleiben. Mit dem ‚sei behütet‘ kommt aber noch was dazu. Das Wort Hut kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet so viel wie Bewachung oder Fürsorge. Behüten meint also, dass noch jemand auf einen aufpasst. Kinder, die behütet aufwachsen, denen fehlt es an nichts.

„Sei behütet“. Für mich heißt das: Ich wünsche mir, dass Gott auf Dich aufpasst. Gott segne Dich. Früher hätte man vielleicht gesagt: „Gott befohlen“ oder „Adieu“. „Adieu“ heißt nichts anderes als „Gott befohlen“!

Wenn ich das wünsche, dann sage ich: Ich weiß, dass ich nicht alles selber in der Hand habe. Ich kann vieles in meinem Leben bestimmen und lenken. Aber gerade in den letzten Wochen und Monaten habe ich wie viele andere gemerkt: Eben doch nicht alles. Deshalb vertraue ich darauf, dass Gott mich auch in dieser Situation nicht allein lässt. Und genau das wünsche ich auch anderen.

Dieses Vertrauen auf Gott, wird schon in vielen Gebeten in der Bibel ausgedrückt: „Gott ist mein Fels, meine Burg, mein Retter. Mein Gott ist die Festung, die mich schützt …“. Ja, ich weiß. Das klingt so ein bisschen nach dem Motto: Du musst nur genug glauben, dann passiert Dir nichts. Bleib nur unter der göttlichen ‚Käseglocke‘ und Du bist gut geschützt vor der bösen Welt.

Aber das ist damit nicht gemeint. Gott ist kein Schutzschild, der einen vor allem schützt. Er macht mich nicht immun gegen alle Krankheiten. Auch Christen werden krank und auch Christen sterben. Für mich ist das viel mehr der Wunsch, nie wirklich allein zu sein. Nie mit allem allein fertig werden zu müssen. Das ist wie ein guter Freund oder eine gute Freundin, die mit dabei sind. Das gibt mir Sicherheit und kann dann wie ein Fels oder wie eine Burg sein. So behütet mich Gott.

Deshalb freue ich mich auch, wenn das jemand zu mir sagt. Weil ich dann weiß. Ja, Gott ist bei mir. Und es gibt jemand, der mir das wünscht. Der meint es gut mit mir.
In diesem Sinne: Seien Sie behütet.

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30JUN2020
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Bitte schalten sie den Computer nicht aus … das Update wird verarbeitet … 1 %, 2 %. So ging es mir neulich, mitten bei der Arbeit. Da sitzt Du an diesem Computer und kannst plötzlich nichts mehr machen. Nur – warten und hoffen, dass alles gespeichert war und Du an derselben Stelle weitermachen kannst. Natürlich hat mich das geärgert. Was ich schon auf irgendwelche Updates gewartet habe. Bei dem update neulich, musste ich an ein Gebet denken: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“[1]

Ich glaube, ich ärgere mich in dem Moment gar nicht so sehr darüber, dass ich nichts machen kann. Sondern eher darüber, dass mein Plan nicht aufgeht. Ich meine, mein Alltag ist ziemlich getaktet und durchgeplant. Da ist es natürlich ärgerlich, wenn es mittendrin so eine Zwangspause gibt. Aber letzten Endes, kann ich da eh nichts dran ändern. Deshalb finde ich das Gebet so passend: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann … .

Ich habe „Gelassenheit“ gegoogelt und finde zwei Dinge sehr einleuchtend: In dem Wort ‚Gelassenheit‘ steckt ‚lassen‘ drin. Man könnte auch loslassen sagen. Wer also gelassen sein will – muss loslassen können. In dem Fall: loslassen, dass mein Plan nicht aufgeht – oder zumindest ein bisschen länger dauert. Das zweite ist, dass Gelassenheit das Gegenteil von Nervosität und Stress ist.

Deshalb ist es, glaube ich, gut, sich selbst eine kleine Gelassenheitsstrategie zurecht zu legen. Was tue ich also konkret, wenn mich was stresst? Da gibt es sicher ganz verschiedene Wege, die auch nicht zu jedem passen. Aber ich versuche in diesen Momenten, mir zu überlegen: Gibt es irgendwas Schönes an diesem Augenblick? Also weg von meinem Ärger über das Update, hin zu einer Tasse Kaffee und dem kurzen Tratsch mit den Kollegen. Oder kurz die Füße vertreten an der frischen Luft.

Das sind sicher Kleinigkeiten und funktioniert auch nicht immer – manchmal muss ja wirklich was gleich fertig werden. Aber trotzdem hilft mir meine Strategie, stressfreier und vor allem gelassener durch den Tag zu kommen. Nicht nur bei irgendwelchen Updates.

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[1] Gelassenheitsgebet, wird Reinhold Niebuhr zugeschrieben.

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29JUN2020
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„Das war ja so klar, dass der jetzt noch überholen muss!“ Neulich war ich abends auf dem Heimweg und auf der Gegenfahrbahn überholt noch einer einen LKW. Und das so knapp vor mir, dass ich voll auf der Bremse stand. So was ärgert mich wahnsinnig. Nicht nur, weil da irgendjemand sich und andere in Gefahr bringt. Ich ärgere mich vor allem, weil da jemand sich selbst über alle anderen stellt. So etwas haben Sie sicher auch schon mal erlebt. Nicht nur beim Überholen. Auch auf dem Parkplatz, an der Supermarktkasse oder auch bei diesem „america first-Gerede“.

So einen Egoismus gab es vermutlich schon immer in der Geschichte der Menschheit. Deshalb hat auch Jesus versucht den Menschen damals zu erklären, wie er sich ein Miteinander vorstellt. Er hat Geschichten erzählt und er hat gepredigt. In einer seiner Predigten, gibt er sehr konkrete Ratschläge, wie das Zusammenleben von uns Menschen gut funktionieren könnte. Einer dieser Tipps ist die goldene Regel. Vermutlich kannten die Menschen sie damals schon. Wir kennen sie heute immer noch: Was Du nicht willst, was man Dir tu … genau … dass füg auch keinem andern zu. Allerdings dreht Jesus diese Regel eigentlich um: Genau so, wie ihr behandelt werden wollt, behandelt auch die anderen! Also nicht, weil ich was nicht möchte, mache ich es auch bei anderen nicht. Sondern ich gehe in Vorlage. Ich behandle die anderen gut. Freundlich. So, wie ich auch behandelt werden möchte.

Wie das konkret aussehen kann, da gibt es ganz viele Möglichkeiten. Das muss jeder für sich rausfinden. Was aber wichtig ist: Der Maßstab sind meine Mitmenschen und ich. D.h. nicht, dass ich alle Menschen mögen muss. Ich muss auch meine Meinung nicht verschweigen. Für mich bedeutet es, dass ich versuche andere Menschen mitzudenken. Bei allem, was ich tue, nur einen einzigen kurzen Moment an andere denken. Dann fahre ich auf dem Parkplatz vielleicht doch noch einen halben Meter nach vorne. Dann passt da noch ein Auto hin. Ich nehme als großer Mensch die Sprudelkisten von oben – damit jemand kleineres sie von unten nehmen kann. Und ja, ich nehme in Kauf, dass ich ein zwei Kilometer hinter einem LKW herzuckeln muss. Habe aber dafür niemand in Gefahr gebracht. Und ich hoffe: Wenn ich andere mitdenke, dann denkt auch irgendwann jemand an mich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31174