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SWR4 Abendgedanken

19JUN2020
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In ein paar Wochen werden wir umziehen. Das steht für eine Pfarrfamilie alle paar Jahre an und ist normal. Und so türmen sich schon jetzt in unserer Garage die Umzugskartons, damit wir rechtzeitig unser Hab und Gut eingepackt bekommen. Das ganze Leben kommt am Ende in einen LKW.

Anders als mein Bruder, der Zeit seines Lebens am selben Ort wohnt, bin ich schon etliche Male umgezogen. Ich finde, trotz aller Anstrengung hat ein Umzug auch etwas Gutes. Es bietet die Chance, sein ganzes Leben zu sortieren. Und man ist gezwungen, alles, was sich so angesammelt hat, in die Hand zu nehmen.

Von manchen habe ich mich jetzt leicht getrennt: Meine alten Studienunterlagen, alles noch handschriftlich festgehalten. Die Ordner zu entsorgen hatte sogar etwas Fröhliches. Es war eine schöne Zeit in meinem Leben, aber es ist auch gut, das sie rum ist. Wie sieht es eigentlich mit dem Kinderspielzeug aus? „Nimm es mit“ rät mir eine liebe Kollegin, „deine Enkel werden sich eines Tages freuen!“ – das ist zugegebener Maßen eine schöne Perspektive.

Und dann ist mir letzte Woche beim Abstauben aus einem Buch völlig unerwartet eine Geburtstagskarte meiner schon lang verstorbenen Großmutter vor die Füße gefallen. Die Karte ist mehr als 25 Jahre alt. Es war schön, die wohlvertraute Handschrift zu lesen: „Viel Glück und viel Segen auf all Deinen Wegen!“ steht da „Deine Omi“ Sofort ist alles wieder da: Die Stimme meiner Großmutter, der Klang der Spieluhr am Telefon, mit dem jeder ihrer Geburtstagsanrufe begonnen hat. Und von ganz allein schleicht sich einer ihrer typischen Sätze in meinen Kopf : „Du schaffst das schon“ „Klar“, denke ich, „das wird schon“- ich, wir werden den Umzug gut hinkriegen. Es wird mir wie immer weh tun, den lieb gewordenen Ort zu verlassen, aber ich freue mich auch auf die neue Aufgabe und die Menschen, die ich kennenlernen werde.

Eigentlich denke ich, ist es gar nicht so schlecht, das eigene Leben zu sortieren – im Grunde sollte man das auch ohne Umzug öfters tun. Es findet sich so viel Schönes darinnen – und das Andere lässt man einfach leichten Herzens los.

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18JUN2020
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„Der Mond ist aufgegangen“ – Seit beinah 14 Jahren singen wir zu Hause jeden Abend dieses Lied beim Zubettbringen der Kinder. Dann hat die Kirche zum Beginn der Coronazeit zu einem Balkonsingen mit dem Lied eingeladen und wir haben es probiert.

Mein Mann hat sich bei offener Tür ans Klavier gesetzt, unsere Tochter und ich haben unsere Trompeten rausgeholt, unser Sohn hat gesungen. Es fühlte sich erst einmal komisch an. „Kann man das einfach so machen? Is‘ ja peinlich. “ meinten die Kinder. Zehn Wochen wurden daraus. Zehn Wochen, in denen es kein einziges Mal um die Uhrzeit geregnet hat.
„Wie ist die Welt so stille“ heißt es an meiner Lieblingsstelle „und in der Dämmrung Hülle, so traulich und so hold“ und weiter „als eine stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer, verschlafen und vergessen sollt.“

Am Anfang waren wir allein und sind schnell danach wieder in unserem Haus verschwunden. Dann aber haben sich die Nachbarn herausgewagt und auf den Hof gestellt. Von Gegenüber hat kurz darauf das Nachbarmädchen Blockflöte mitgespielt und die Mutter gesungen. Wir haben begonnen, uns über „des Tages Jammer“, von dem wir gesungen hatten, auszutauschen: Dass auch bei uns im Ort Menschen gestorben sind, dass die Familie der anderen Nachbarn in Neuseeland festhing.

Die Kinder erhielten Raum: Die Schule, ja, ihre Freunde fehlten ihnen. Wir lernten die junge Familie nebenan kennen und haben eines Abends den ersten Geburtstag des Mädchens zusammen gefeiert. Irgendwann haben wir bemerkt, dass aus zwei Dachfenstern uns weitere Menschen zuwinkten und auf den Balkonen hinter der Hecke auf dem Nachbargrundstück zwei weitere Paare mitsangen. Dann und wann sind in unsere Sackgasse Menschen aus der Umgebung hinzu gekommen, die einmal schauen wollten, woher denn nun die Musik genau kam. Unser Treffen am Abend hat uns miteinander Halt gegeben – wir haben aneinander als Nachbarn gedacht und sind uns in diesen Wochen des Abstandhaltens viel näher gekommen als zuvor. Ich hoffe sehr, dass wir irgendwann in diesem Sommer ein Fest feiern können, um diese gemeinsame Zeit nicht zu vergessen.

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17JUN2020
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„Wir haben ein neues Kind in unserer Kindergartengruppe!“ hatte meine Tochter erzählt. Und mein Sohn fragt zurück: „Aus welchem Land kommt das Kind denn?“ „Aus Freiburg“, meinte die Kleine. „Keine Ahnung, welches Land, ganz normal“ Erst später ist mir eingefallen, dass die Frage nicht aus dem Nichts entstanden war.

Die Kinder in dem Kindergarten hatten Wurzeln in aller Herren Länder. Darum hatte das Team dort damit begonnen, dass sich alle Kinder und Familien einmal vorstellen. Es gab im Eingangsbereich eine Ecke, die jeweils eine Familie gestaltet hatte: Mit Bildern vom Lieblingsessen, von der Landschaft, besonderer Kleidung, der Flagge des Landes oder einer bekannten Persönlichkeit. War die Ecke neu bestückt, wurde sie von den Kindern sofort in Beschlag genommen. Sie fanden es spannend, wo die anderen Kinder ihre Wurzeln hatten.

Irgendwann wollte auch unsere Tochter die Ecke gestalten – mit ihrem Land: Nord-deutsch-land. Kein Problem: Mit Grünkohl, einem kleinem Leuchtturm und einem Bild von der Nordsee waren wir dabei. Die Kinder waren neugierig. Sie haben über Gottes bunte und vielfältige Schöpfung gestaunt und sich darüber gefreut.

Manchmal frage ich mich, warum und wo diese Neugier und Offenheit füreinander uns Menschenkindern eigentlich im Laufe des Lebens verloren geht. Ich frage ich mich, warum Menschen auch in unserem Land nach ihrer Herkunft beurteilt, ja verurteilt, werden – wo wir doch seit langem miteinander aufwachsen. Wer meint, Rassismus gäbe es nur in anderen Ländern, der täuscht sich. Rassismus gibt es auch bei uns.

Es tut mir weh, wenn eine Bekannte von ihrer Arbeit in einer Klinik berichtet, dass manche nach einer Behandlung fragen, ob denn jetzt noch die Ärztin kommen würde. Meine Bekannte ist Ärztin und sie hat afrikanische Wurzeln. Sie ist eine kluge Frau. Und was sie erlebt, ist vergleichsweise harmlos. Andere Menschen in unserem Land suchen eine Wohnung und schon ihr Nachname schließt eine Besichtigung aus. Wir brauchen gar nicht nach Amerika zu schauen.

Das ganz normale Mädchen, das damals neu in den Kindergarten gekommen ist, hatte übrigens auch afrikanische Wurzeln und sprach einen herrlich südbadischen Dialekt. Ganz normal eben.

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16JUN2020
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Im Frühjahr hat es nur wenig geregnet. Das hat mir Sorgen gemacht. Die Meteorologen haben gesagt, dass uns der dritte heiße Sommer in Folge erwartet. Und so schön die Sonne und der wolkenlose Himmel sind, so verheerend sind die Folgen für die Natur. Im heimischen Garten und auf dem Balkon kann man vielleicht gießen. Die Weltwetterorganisation hat vor dem Sommer 2020 gewarnt. Ich glaube, dass die Folgen des Klimawandels langsam niemand mehr wegreden kann. Unser Klima ändert sich. Regen wird auch in unseren Regionen kostbar und wir müssen darauf warten.

In der Bibel heißt es: Ich will sie und alles, was um meinen Hügel her ist, segnen und auf sie regnen lassen zu rechter Zeit. Das sollen gnädige Regen sein, dass die Bäume auf dem Felde ihre Früchte bringen und das Land seinen Ertrag gibt. (Ez 34,26)

Darauf möchte ich mich gerne verlassen und doch stocke ich. Denn das Regen eine Gnade ist, hatte ich bisher für unsere Breiten nicht im Sinn. Zu selbstverständlich war er. Ich erinnere mich an wunderbare Sommertage in meiner Kindheit, an denen es geregnet hat. Wir sind dann raus in den Garten oder auf den Hof und haben im Regen getanzt. Wir sind in die Pfützen gesprungen und hatten unseren Spaß. Klitschnass sind wir wieder ins Haus zurück gekommen und kein Erwachsener hat geschimpft. Sie haben ihre Freude an uns gehabt. Solch ein erfrischender Schauer zwischendurch ist seltener geworden.

Wenn es jetzt bei uns im Sommer endlich einmal regnet, dann ist es oft Starkregen. Der überfordert den Boden. Er kann das Wasser gar nicht aufnehmen. Die Kanalisation bekommt Probleme mit dem vielen Wasser auf einmal. Ehrlich gesagt, glaube ich, dass wir daran unseren eigenen Anteil haben. Manche Vorgärten gleichen inzwischen einer Steinwüste. Mit Plastik versuchen die Besitzer, das Wachsen von Unkraut im Garten zu verhindern. Das vereinfacht vielleicht die Gartenpflege, aber wo soll der Regen dann hin? Ich denke, es ist an der Zeit, tatsächlich bei sich vor der eigenen Haustüre anzufangen. Wenn dann ein gnädiger Regen dazu kommt wie letzte Woche , wäre das doch ein Anfang. Denn ich würde mir wünschen, dass meine Enkel eines Tages auch einmal im Sommerregen tanzen und keine Angst davor haben.

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15JUN2020
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„Ach, darum liebe ich meinen Mann!“ – Zugegeben, ich war etwas irritiert als meine Freundin dies vor Kurzem aus dem Stand gesagt hat. Dann habe ich verstanden: Ihr Mann hatte oben auf eine Kuchenpackung einen winzigen Aufkleber angebracht, auf dem „oben“ geschrieben war – damit der Kuchen heil und nicht zermatscht ankommt. Soviel Umsicht und Fürsorge!

„Darum liebe ich ihn!“ - was für ein schöner Satz mitten im Alltag. Ich habe versucht, mit dem Satz im Herzen einmal meine Umgebung anzuschauen. Zumal es in der Bibel ja auch heißt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Aber wie oft kann ich das Liebenswerte gar nicht mehr sehen! Also: Was liebe ich eigentlich an den Menschen in meiner Umgebung? Was hat mir vielleicht auch in den vergangenen Wochen - ohne sie - gefehlt?

Da ist morgens die Verkäuferin in der Bäckerei, die so herrlich ehrlich ist und kein Blatt vor den Mund nimmt. „Sie sehen heute aber ziemlich daneben aus!“ „Ja, recht hat sie! – Dafür, dass sie nicht um den heißen Brei redet, liebe ich sie.

Da ist unser Team im Pfarramt. Jeder und jede hat seine eigene Geschichte und alle stehen füreinander ein. Ich weiß, dass ich mich auf diese Menschen verlassen kann – und das ist großartig. Wir teilen das Leben. Haben in den vergangenen Jahren von der Mutter, dem Vater, dem Onkel Abschied genommen und konnten spüren, dass es den anderen nicht egal war. Das wir einander wichtig sind – auch in Homeofficezeiten. Darum liebe ich meine Kollegen.

Und da ist der ehrenamtliche Mitarbeiter, der auf eigene Art seinen großen Sachverstand einbringt. Immer wieder bedauert er, nicht noch mehr tun zu können. Dabei tut er so wahnsinnig viel.

Und natürlich meine Familie: Mein Sohn, der mit so viel Leidenschaft kocht – und den ich dafür liebe, auch wenn die Küche danach wie ein Schlachtfeld aussieht. Meine Tochter, die ich dafür liebe, dass sie ihre Freunde so sehr vermisst. Und natürlich mein Mann, den ich über alles liebe. Er klebt keine kleinen Aufkleber auf Kuchenpakete wie der Mann meiner Freundin, gewiss nicht. Aber mit ihm kann ich nach über 25 Jahren noch immer herrlich über Gott und die Welt lachen – und darum liebe ich meinen Mann! Und wen lieben Sie?

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