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SWR4 Abendgedanken

20MRZ2020
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Heute ist Frühlingsanfang. Früher hat mich das in Hochstimmung versetzt. Ich mag den Frühling mit den bunten Blumen, den längeren Tagen und der Aussicht auf den Sommer. Aber dieses Jahr habe ich auch mulmige Gefühle. Das liegt daran, dass der Winter mal wieder kein richtiger Winter war. Es gab zwar auch kalte Tage und Nächte und ein bisschen Schnee. Aber es ist offensichtlich, dass sich das Klima verändert. Wenn heute der Frühling offiziell anfängt, will ich diese Schönheit der Natur zwar auch wieder bewusst genießen. Aber ich will gleichzeitig im Kopf behalten, dass sich jetzt etwas ändern muss. Und zwar drastisch.

Wir Menschen müssen doch versuchen, bald etwas gegen den Klimawandel zu tun. Wer sonst? Meine Nichte ist jetzt vier Jahre alt. Ich will, dass sie später auch gut leben kann, dass sie Kindern das Leben schenkt. Aber wenn ich das wirklich will, dann muss ich als Erwachsener jetzt etwas tun.

Und dabei geht es ja nicht nur um später, um die Generation meiner Nichte und ihrer Nachkommen. Es geht ja jetzt schon um das Überleben für die Menschen, die in Regionen der Welt leben, wo die Klimaveränderungen sie schwerwiegend treffen. Das haben die Brände in Australien diesen Winter deutlich gezeigt. Und in Afrika leiden schon seit Jahren ganze Landstriche unter Trockenheit. Und aktuell unter einer Heuschreckenplage wie in biblischen Zeiten.Die Menschen dort wissen nicht, wie sie überleben sollen, wenn ihre Böden keine Frucht mehr hergeben. Und die Heuschreckenschwärme haben ganze Landstriche so kahlgefressen, dass sie sie auf Jahre nicht mehr bewirtschaften können.

Als Christ kann mich nicht kalt lassen, wie es anderen Menschen geht. Nicht bei denen, die anderswo leben, und nicht bei denen, die ihr Leben noch vor sich haben. Ich glaube, jeder weiß auch, was er dazu tun kann. Darüber, wie ich weniger Plastikmüll und weniger Abgase produzieren kann, ist so viel gesagt worden, dass ich anfangen muss, es auch zu tun. Ich weiß ganz genau, was mein Beitrag dazu sein kann. Und ich habe auch immer wieder damit angefangen. Aber leider immer wieder auch aufgehört.

Die aufblühenden Blumen im Frühling sind für mich immer schon ein Zeichen gewesen, dass Gott das Leben will. Ich freue mich auch dieses Jahr daran. Und ich nehme den Frühling als Anstoß, dass ich das tue, was ich kann. Damit das Leben auf dieser Erde, das Gott uns geschenkt hat, noch lange so bunt, vielfältig und schön ist. Und wenn ich wieder in alte Gewohnheiten verfalle, will ich eben immer wieder neu damit neu anfangen. Der Frühling kommt ja auch immer wieder neu.

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19MRZ2020
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Manchmal finde ich meine Religion verrückt. Verrückt im wahrsten Sinn des Wortes. Immer wieder haben Christen im Namen ihrer Religion Ideale entwickelt, die die Botschaft Jesu verstellt haben und die man dringend wieder zurechtrücken muss. Zum Beispiel, wenn es um das Bild der Familie geht. Jahrhundertelang haben Christen so getan, als ob die biologische Konstellation aus Vater, Mutter und Kindern die einzig richtige ist. Dabei war das doch zu allen Zeiten schwierig. In früheren Zeiten haben Krankheiten und Kriege dieses Familienmuster oft zerstört: Der Vater im Krieg gefallen, die Mutter bei der Geburt eines ihrer Kinder gestorben. Heute leben wir länger und selbstbestimmter und machen viel mehr Veränderungen durch: beruflich, der Ort, an dem wir leben, das, was mir im Lauf des Lebens wichtig ist: Alles ist im Fluss.

Das verändert auch die Art, wie wir heute Beziehungen gestalten und Familie leben. Es kommt weniger darauf an, wer die Kinder gezeugt oder geboren hat. Es geht eher darum, wer die Verantwortung für die Kinder übernimmt. Und so gibt es eben nicht mehr das eine Familienbild, sondern viele mögliche Konstellationen: Wenn zum Beispiel ein Elternteil mit den Kindern alleine lebt oder wenn sich neu zusammengesetzte Familien ergeben. Wenn dabei die Verantwortung für die Partner und die Kinder gewährleistet ist, sehe ich nicht, wieso das schlecht sein sollte. Ich finde nur wichtig, dass die Kinder immer wissen, dass sie eine Bezugsperson haben, die zuverlässig für sie sorgt. Und dass jeder in der Familie weiß, dass er sich auf den anderen verlassen kann.

Das kann ich auch als Christ genau so vertreten. So wie die Bibel es beschreibt, wird Jesus in einer Familie groß, die auch nicht diesem Ideal entspricht, von dem man immer so getan hat, als ob es das einzige wahre Christliche sei. Josef wird in der Bibel ja ausdrücklich als biologischer Vater ausgeschlossen, aber er übernimmt trotzdem zuverlässig und liebevoll die Rolle des sozialen Vaters für Jesus. Und das macht er offensichtlich so gut, dass Jesus sich als Erwachsener Gott in erster Linie als einen Vater vorstellt, der barmherzig und liebevoll ist. Anders als in den heutigen TV-Shows und in den Gerichtssälen braucht es hier keinen Vaterschaftstest. Der Test für Josef als Vater Jesu wird zu hundert Prozent durch seine Liebe für seinen Sohn bestätigt. Solche Väter und Mütter, die zuverlässig für ihr Kind da sind, das ist für mich der Ursprung einer christlichen Familie. Ich habe Respekt vor den Menschen, die ihre Familie darauf aufbauen, dass jeder für den anderen zuverlässig da ist. Egal, was andere denken.

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18MRZ2020
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Wenn ich mit dem Auto übers Land fahre, fallen mir immer mehr grüne Kreuze auf. Am Anfang habe ich nicht gewusst, was das bedeutet. Heute weiß ich, dass diese grünen Kreuze ein Protestzeichen der Landwirte sind, die sich von der Politik im Stich gelassen fühlen. Im ersten Moment habe ich gedacht, dass man das Kreuz als Zeichen für den Tod Jesu doch nicht für so etwas benutzen darf. Denn hier geht es ja nicht direkt um Tod und Leben, sondern um das Anliegen der Landwirte. Die grünen Kreuze sind ein Aufschrei – wie jedes Kreuz ja auch ein Aufschrei ist. Wenn ich als Christ auf das Kreuz Jesu schaue, dann erinnert es mich daran, wozu Menschen in der Lage sind. Jesus ist ihnen unbequem geworden, weil er mit seiner Botschaft provoziert hat. Er ist überzeugt, dass Gott auch die mit Liebe annimmt, die massive Fehler gemacht haben. Er setzt sich so für eine Gesellschaft ein, in der nicht nur die Frommen etwas gelten, weil sie scheinbar alles richtig machen. Das passt diesen Frommen natürlich gar nicht und sie wollen ihn aus dem Weg räumen.

Und das zeigt für mich auch die Richtung an, worum es bei den grünen Kreuzen geht. Die Landwirte wollen mich provozieren, damit ich mich solidarisch mit ihnen zeige. Sie haben Angst um ihre Zukunft. Und das kann ich verstehen. Es ist eine immense Herausforderung, wenn man alles gleichzeitig können soll: Alle mit Lebensmitteln versorgen, das Fleisch einerseits so günstig anbieten, dass auch die Ärmeren es sich leisten können, andererseits so teuer, dass weniger Fleisch gegessen wird. Und dass dann ein Landwirt trotzdem von dem leben kann, was er verkauft. Dazu kommt, dass wir in Deutschland einiges für das Klima und gegen das Insektensterben tun müssen, was den Landwirten wieder viel abverlangt. Ein zweischneidiges Schwert, aber so oder so geht es um die Zukunft. Wenn das Klima extremer wird und es keine Insekten gibt, hat die Landwirtschaft auch keine rosige Zukunft. Das ist klar. Ich denke, dass das nur machbar ist, wenn wir als Gesellschaft zusammenhalten. Und das heißt, dass ich auch Abstriche mache und zum Beispiel das Gemüse kaufe, das hier vor Ort von unseren Bauern produziert wird.

Beim nächsten grünen Kreuz, das ich sehe, denke ich also zuerst an Jesus. Dann überlege ich weiter, wie ich als Verbraucher mithelfe, dass die Natur geschützt wird und die Landwirte gleichzeitig gut von ihrer Arbeit leben können. Das muss sich bemerkbar machen, wenn ich beim nächsten Mal den Einkaufskorb im Laden fülle mit Gemüse von Landwirten aus der Region.

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17MRZ2020
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Manchmal macht mich eine Nebensächlichkeit besonders nachdenklich. Im Neuen Testament wird erzählt, dass Jesus einmal zehn Aussätzige heilt. Diese Leute haben vermutlich eine ansteckende Hautkrankheit gehabt. Und solange das jeder sehen konnte, galten sie als unrein, d.h., sie wurden aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Damals war es selbstverständlich, dass sie sich so auch nicht vor Gott blicken lassen können. Sie durften also nicht in den Tempel. Als Jesus diese zehn Männer geheilt hat, schickt er sie deshalb zum Priester, damit dieser sie wieder für gesund und rein erklären kann. Und alle gehen dorthin und werden vom Priester für rein erklärt. Was der Priester da tut, ist nebensächlich. Aber eben an dieser Stelle doch sehr wichtig. Er soll den Leuten sagen, dass sie wieder rein sind.

Das Besondere ist für mich, dass die Vertreter der Religion sich hier nicht zwischen die Leute und Gott stellen, sondern ihnen den Zugang zu Gott ermöglichen. Ich habe es leider oft anders erlebt. Vertreter der Religion nutzen ihren Status als Experten in Glaubensfragen aus und stellen sich wie Richter über die anderen Menschen. Und wenn diese etwas getan haben, was diesen selbst ernannten Richtern als Fehler erscheint, schließen sie sie auf Dauer aus der Gemeinschaft aus. Dabei ist die Botschaft des christlichen Glaubens das pure Gegenteil. Wenn Jesus auf die Aussätzigen zugeht, macht er das ja, weil er überzeugt ist, dass Gott niemanden ausschließen will. Sondern dass Gott die Beziehung zu jedem Menschen sucht. Der Auftrag der offiziellen Religionsvertreter wäre deshalb, den Menschen den Kontakt zu Gott zu eröffnen, anstatt sie auszuschließen. Ich denke, diese priesterliche Aufgabe gilt für jeden ganz normalen Christen. Für mich ist das als Lehrer eine besondere Herausforderung. Ich habe jeden Tag mit Schülern zu tun. Und es gehört zu meinem Alltag, dass ich sie erwische, wenn sie sich nicht an Regeln halten und gegen die Hausordnung verstoßen. Und gerade dann finde ich es wichtig, dass ich mich an Jesus orientiere. Also versuche, nicht nur das zu sehen, was die Schüler falsch gemacht haben. Sondern ihnen immer auch das Gute zutraue. Sie werden sich dann eher zum Positiven verändern, wenn sie selbst an sich glauben und sich sagen können: Was immer ich auch verbockt habe, ich bin okay so wie ich bin und so kann ich mich vor Gott und den anderen sehen lassen.

Weil das eine tägliche Herausforderung ist, die in der Alltagsroutine leicht untergeht,  lasse ich am Ende eines Tages manchmal solche Situationen Revue passieren. Und schaue wo ich einer hätte sein können, der seinen Schülern sagt: Du bist in Ordnung und was Du auch tust, es kann wieder gut werden.

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16MRZ2020
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Mir ist es wichtig, jeden Menschen, mit dem ich zu tun habe, zu respektieren. Aber das ist manchmal gar nicht so einfach. Wenn ich mich von jemanden schlecht behandelt fühle, kann ich mich schwer beherrschen und werde manchmal unhöflich und laut. Z.B., wenn ein Kundendienstbetreuer mein Anliegen am Telefon nicht ernst nimmt und mich offensichtlich mit einer Ausrede vertröstet. Solche banalen Erfahrungen wecken in mir immer wieder Zweifel an meinen großen Idealen.

Was mir hilft, ist ein Gedanke von dem österreichischen Dichter Franz Werfel. Werfel meint, dass in jedem Menschen ein göttliches Licht auf seine Entfaltung wartet. Egal, wie der Mensch sich benimmt. Für Werfel hat jeder Mensch dieses Potential, dass Gott in ihm zum Vorschein kommen kann. Deshalb nimmt er sich vor, niemals mehr einen Menschen zu verurteilen.

Werfel hat vermutlich ähnliche Erfahrungen wie ich mit anderen Menschen gemacht. Er weiß, wie es ist, wenn man um seine Haltung ringt. Und Werfel kennt das in noch ganz anderen Dimensionen. Werfel hat jüdische Wurzeln und er hat in der Zeit des Nationalsozialismus deutlich erlebt, wie es ist, wenn Leute andere Menschen nicht mit Respekt behandeln, sondern in Klassen einteilen, sich über sie stellen und sie systematisch ermorden. In einem Gedicht geht er auf genau diese Täter-Typen ein. Er beschreibt sie, wie sie sich nicht mehr als Menschen zeigen, und bezeichnet sie alsMenschenfresser.

Was mich an Werfel begeistert: dass er über diese Denkschubladen hinauskommt. Obwohl er erlebt, was Menschen anderes Schlechtes antun können, teilt er sie nicht in gute und schlechte ein. Das wäre ja auch nur Gleiches mit Gleichem vergolten. Und die, die Böses tun, hätten dann ja sogar noch die Macht, auch seine Einstellung zu verändern. Das will er ihnen nicht gestatten.

Werfel kommt zu dieser Einstellung, weil er als überzeugter Jude darauf wartet, dass der Messias kommt. Und weil der Messias in jedem Menschen ankommen könnte, versucht Werfel so wachsam auf die Menschen zuzugehen. Auch auf die, die sich nicht menschlich zeigen. Für ihn ist allein schon die Möglichkeit, dass Gott diesen Menschen erwählt haben könnte, Grund genug, Respekt vor ihm zu haben.

Das passt auch für mich als Christ. Wenn ich mich nächstes Mal über jemanden ärgere, will ich den Menschen auch mit diesem Blick anschauen, mit dem ich hinter der Fassade eines unfreundlichen Gesichts den Ort ahne, wo der Heiland sein könnte.

 

Franz Werfel: Was ein Jeder sogleich nachsprechen soll.

Niemals wieder will ich

Eines Menschen Antlitz verlachen.

Niemals wieder will ich

Eines Menschen Wesen richten.

 

Wohl gibt es Kannibalen -Stirnen.

Wohl gibt es Kuppler-Augen

Wohl gibt es Vielfraß-Lippen.

 

Aber plötzlich

Aus der dumpfen Rede

Des leichthin Gerichteten,

Aus einem hilflosen Schulterzucken

Wehte mir zarter Lindenduft

Unserer fernen seligen Heimat,

Und ich bereute gerissenes Urteil.

 

Noch im schlammigsten Antlitz

Harret das Gott-Licht seiner Entfaltung.

Die gierigen Herzen greifen nach Kot -

Aber in jedem

Geborenen Menschen

Ist mir die Heimkunft des Heilands verheißen.

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