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SWR4 Abendgedanken

14FEB2020
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Valentinstag: Im vergangenen Jahr habe ich erlebt, dass ein Mann für seine Frau an diesem Tag Blumen besorgt hat. Damit hatte ich nicht gerechnet, das Paar stand kurz vor seinem 65. Hochzeitstag. Ich hatte die beiden besucht, um mit ihnen ihre Eiserne Hochzeit vorzubereiten. Die sollte mit der Familie gefeiert werden. Und dann standen da wunderschöne rote Rosen auf dem Tisch. „Von mir!“ hat der Jubel-Bräutigam gesagt. Also habe ich es gewagt, die beiden genauer nach ihrem Rezept für ihr langes Miteinander zu fragen. Der alte Mann meinte: „Gegenseitiges Vertrauen und vor allen Dingen Humor.“ Und sie führte fort: „Über manche Dinge, über die man sich geärgert hat, kann man im Nachhinein doch nur lachen! Warum also nicht gleich. Nicht ärgern, sondern lachen.“ „Und“, hat er gesagt „Kleine Aufmerksamkeiten – wie die Rosen!“ Mir hat das gefallen.

Der gemeinsame Start der beiden war nicht einfach gewesen. Sie hatten, wie man damals landläufig gesagt hat „verschiedene Gesangbücher“. Das hieß: Sie war katholisch und er evangelisch. Damals eine Unmöglichkeit. Aber die beiden waren sich ihrer Liebe sicher und sind ihren Weg miteinander gegangen. Der war auch nicht immer leicht. Sie haben sich aber immer wieder gefunden und an ihrem Miteinander gearbeitet. „Und darum möchten wir jetzt zusammen mit unserer Familie und Freunde das Leben feiern und nicht erst dann zusammenkommen, wenn einer von uns zum Herrgott geht. Ihm sind wir dankbar. Uns kann jetzt tatsächlich nur noch der Tod trennen und das auch nicht wirklich.“

Das Leben im Hier und Jetzt zu feiern. Dankbar zu sein für den gemeinsamen Weg und ehrlich auf diesen zu schauen. Das ist etwas sehr Schönes.

In die Kirche kamen dann alle Kinder mit den Partnern, die Enkelkinder und auch das kleine Urenkelchen, dazu Freunde und Weggefährten. Es war ein schöner und bewegender Gottesdienst. Es tat allen – Jung wie Alt- gut, einmal gemeinsam auf das Leben des Paares und damit auch auf das eigene Leben zu schauen. Höhen und Tiefen wurden benannt. Die Kinder und Enkel haben für das Jubelpaar gebetet. „Wenn man eines von unseren Großeltern lernen kann“ hat hinterher ein Enkelkind gesagt, „dann, dass sie in ihrem Herzen immer jung und verliebt geblieben sind.“

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13FEB2020
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Wenn ich eine kleine Pause oder einen Moment der Ruhe brauche, gehe ich gerne einmal in eine Kirche. Die bei uns vor Ort, aber auch unterwegs. Mir tut das gut. Kirchen sprechen für mich eine eigene Sprache. Sie erzählen etwas von dem Ort, an dem sie stehen. Von den Menschen, die sie gebaut haben. Ganz gleich, ob es ganz alte oder eher neue Gebäude sind.

Unsere Kirche in Walldorf ist zum Beispiel sehr groß, im Grunde genommen zu groß für den Ort. Sie ist rund 160 Jahre alt. Ihre Besonderheit sind ihre vielen Fenster. Wenn die Sonne scheint, ist der Kirchraum ganz und gar lichtdurchflutet. Das ist einfach schön und es erinnert mich an das Jesuswort: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern das Licht des Lebens haben!“ Wie viele Menschen vor mir mögen wohl an diesem Ort sich nach Licht für ihr Leben gesehnt haben? Wie viele Sorgen und Ängste haben sie wohl hier vor Gott getragen. Ich glaube, dass die Kirche in unserem Ort so schön licht und hell ist, weil das Leben in unserer Gegend ungeheuer hart war. Der Alltag war geprägt von anstrengender körperlicher Arbeit in der Landwirtschaft, da musste jeder von Klein auf mit zupacken. In der Kirche am Sonntag wollten sich die Leute aufgehoben und geborgen fühlen. Hier haben sie die Hoffnung geschöpft, dass es mehr gibt als das harte Leben hier auf Erden.

In einer anderen Kirche habe ich vor Kurzem ein wundervolles Deckengewölbe gesehen. Es war kunstvoll mit Blumenranken bemalt. Herrlich anzusehen mit detailgetreuen blauen, roten und rosafarbenen Blüten. Ich habe darin für mich den Himmel entdeckt, der einem Paradiesgarten voller herrlicher Blumen gleicht. Bei dem Anblick kam mir in den Sinn: „Im Himmel, bei Gott ist alles gut. Da hebt sich alles auf. Da ist das Leid zu Ende. Also muss man vor dem Tod keine Angst haben.“ Und so geht es mir manches Mal. Ganz gleich ob es eine kleine Dorfkirche ist oder ein bekanntes Gotteshaus in einer der Metropolen dieser Welt. Ohne Kunstführer, ohne große Theologie - ein Kirchengebäude spricht einfach für sich. Und offensichtlich lasse ich mich auch vom Gebäude ansprechen. Es kommt etwas in mir zum Schwingen, was mir einen neuen Impuls gibt.

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12FEB2020
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Manchmal scheint das Leben unfair. Ja, ungerecht. Zum Bespiel, wenn mitten in das Leben hinein eine Krebsdiagnose kommt. Warum ich? Wieso meine Freundin, die immer ein anständiges Leben geführt hat und für andere da war? Wieso der Vater, der so dringend in seiner Familie gebraucht wird. Warum?

Ich glaube, auf diese Fragen gibt es keine Antwort. Es gibt kein Warum. Ja, vielleicht schlechte Lebensgewohnheiten. Aber nicht jeder Raucher erkrankt an Krebs und nicht jeder, der an Lungenkrebs erkrankt, hat vorher geraucht.

Ich meine deshalb: Eine Krebserkrankung ist keine Bestrafung für irgendetwas, was im Leben passiert ist. Sie ist vor allen Dingen keine Strafe von Gott. Ich glaube fest, dass Gott bei einer Erkrankung mit uns leidet. Er steht an unserer Seite und kämpft mit uns. Ich glaube das, weil Jesus ganz gezielt zu Kranken gegangen ist, um ihnen beizustehen – die Bibel erzählt immer wieder davon: Zu einem epileptischen Jungen ist Jesus gegangen, zu einem Mann mit Hautausschlägen, zu einem Mann, der Gicht hatte und große Schmerzen und noch zu vielen anderen.

Damit hat Jesus den Menschen gezeigt: Diese Krankheiten sind keine Strafe von meinem Vater. Im Gegenteil: Gott kann helfen, mit einer Krankheit umzugehen. Er ermutigt uns, ohne Ängste aufeinander zuzugehen. Natürlich ist es schwer, einen Menschen zu besuchen, der mit dem Leben ringt. Sich seinen Fragen zu stellen. Zu sehen wie die Krankheit an ihm zerrt. Aber mit meinem Besuch kann ich zeigen, dass ich auch dann für den anderen da bin, wenn das Leben schwer ist. Dass ich bereit bin, den Schmerz mit dem Erkrankten auszuhalten und ihn gemeinsam zu tragen. Dafür braucht es manchmal gar keine großen Worte. Es genügt, einfach da zu sein. Oder im Gebet die Sorge oder eigene Sprachlosigkeit vor Gott zu bringen.

Mich hat es sehr berührt als eine vom Krebs gezeichnete Frau mir gesagt hat: „Durch den Krebs habe ich erfahren, wie viele Menschen um mich herum sind, die für mich da sind. Sie beten für mich. Das ist nicht selbstverständlich. Für diese Erfahrung bin ich so dankbar. Damit gehe ich ganz anders aus der Welt“.

Ich wünsche ihr und Ihnen und mir, dass wir das eines Tages auch können.

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11FEB2020
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Meine liebste Tischdecke musste in die Reinigung. Das schöne blau-weiße Muster hatte in den vergangenen Wochen ordentliche Flecken bekommen. Rote Marmeladenklekse, gelbe Currytupfer und irgendetwas Oranges. Da haben selbst die Flecken-Tipps meiner Mutter nicht mehr geholfen. Der Chef in der Reinigung hat die Decke mit Falten in der Stirn angeguckt, als ich sie bei ihm abgegeben habe. „Mal sehen, ob das was wird.“ hat er gesagt. Naja, es wurde nicht so ganz. An der Tischdecke hing bei der Abholung ein kleiner Zettel: „Ihre Flecken konnten bei der Reinigung nicht entfernt werden.“

Nun stand ich da mit meiner Decke, die ich doch so gern mag. Ich habe sie traurig angeschaut - und irgendwie habe ich dann lachen müssen. Die Tischdecke hat mich nämlich an unseren schönen Familienabend erinnert: Wie wir miteinander Raclette gegessen haben, stundenlang beieinander waren. Und mir ist wieder eingefallen, woher der orangefarbene Fleck gekommen ist. Mein Sohn hatte ein paar farbenfrohe Cocktails gemixt und beim Anstoßen war mir etwas übergeschwappt.

Die Decke erzählt mit ihren Flecken jetzt etwas von unserem Leben. Also habe ich beschlossen, dass das nicht so schlimm ist. Denn ich mag es, wenn man Gegenständen das Leben ansieht. Mag es, wenn man sieht, dass sie gebraucht und geliebt werden. Meine Decke, aber zum Beispiel auch der Teddybär meiner Tochter oder der alte Schreibtisch meines Mannes. Abgenutzt, mit deutlichen Spuren des Gebrauchs.

Das richtige Leben ist anders als die strahlenden Bilder aus dem Hochglanzprospekt. Im richtigen Leben geht auch mal was daneben. Auch in meinem Leben läuft gewiss nicht immer alles perfekt. Ich habe echte Fehler begangen. Menschen bewusst oder auch unbewusst verletzt. Hier ein unbedachtes Wort - da eine zu schnelle, eine falsche Reaktion. Oder ich habe etwas vergessen, was ich versprochen hatte.

Manchmal gelingt es, etwas wieder gut zu machen, manchmal leider nicht. An mir liegt es, darauf mit einem guten Blick zu schauen. Ja, das gehört zu mir. Das war ich. Dann muss ich damit leben und mich dazu bekennen.

Und dann setze ich darauf, dass Gott mit den Flecken in meinem Leben gut umzugehen weiß.

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10FEB2020
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„Vesperkirchen“ finden zur Zeit an vielen Orten statt. Ich finde diese Mittagstische Klasse. Kirchen und Gemeindehäuser werden geöffnet und warmes Essen gibt es dort für einen symbolischen Preis oder eine Spende.

Freiwillige organisieren das ehrenamtlich. Manchmal gibt es Vesperpäckchen mit handgeschmierten Broten. Hier und dort werden Eintöpfe oder ganze Menüs mit Liebe selbstgekocht. In größeren Städten werden Essen ausgegeben, die aus der Großküche eines Krankenhauses oder einer Senioreneinrichtung kommen. Auch für das Drumherum wird gesorgt: Tische, Stühle, die Ausgabe, ja selbst die Toiletten. Auf den Tischen stehen oft Blumen, bunte Servietten bringen ein wenig Farbe auf den Tisch. Damit zeigen die Kirchen, dass wir bei Gott alle gemeinsam an einem Tisch sitzen.

In der Bibel heißt es einmal: „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ So erlebe ich den Mittagstisch bei uns im Ort. Mir gefällt es, wenn Leben in der Kirche ist. Da wird fröhlich geredet, das Geschirr klappert.

Für mich ist das schönste, dass man mit den Tischnachbarn ins Gespräch kommt. Zum Beispiel mit dem Witwer, der sich einfach freut, in diesen Tagen „richtiges“ Essen zu bekommen. Denn seitdem seine Frau verstorben ist, ernährt er sich von Fertigessen. „Geht auch“, meint er, „selbst ist der Mann. Aber das hier ist schon viel besser.“ Ich habe auch eine Frau Mitte sechzig kennengelernt, die gerade ihr ganzes Leben neu organisiert. Nachdem sie nun im Ruhestand ist, merkt sie, dass alle ihre Kontakte und Freundschaften über ihre Arbeit gelaufen sind. Und dann ist da ein Obdachloser, der aus seinem Leben erzählt. Es ist richtig Arbeit, vor dem Kaufhaus zu sitzen, sagt er, wenn der Tagesunterhalt zusammenkommen muss. Er erzählt erst wenig und wird dann immer offener. Die Leute würden oft fragen, wie es denn auf der Straße so sei. Ja, was soll er antworten? Es hat sich leider so ergeben. Er findet den Mittagstisch klasse und lobt die Menschen, die sich engagieren. „Die machen das alle ehrenamtlich. Das ist doch toll“.

Ja, das ist „toll“, finde ich auch. Darum heute einmal ein großes Dankeschön an alle, die sich in den Vesperkirchen engagieren.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=30293