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SWR4 Abendgedanken

20DEZ2019
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Die Stille, bevor der Gottesdienst losgeht, liebe ich am meisten. Wenn alles fertig ist und noch ein Moment Zeit ist, bis die ersten Leute kommen und dann der Gottesdienst beginnt. Das ist ein ganz kostbarer Moment.

In diesen Tagen vor Weihnachten hat jeder in einer Kirchengemeinde wie andernorts auch viel zu tun. Da werden zusätzliche Stühle für Heiligabend in die Kirche geschleppt, und die Feuerwehr stellt große Tannenbäume auf; Hunderte von Liedblättern müssen gedruckt und gefaltet werden; der Chor übt für die Christvesper und der Posaunenchor für die Christmette. Scherzhaft sagen wir im Mitarbeiterkreis der Gemeinde dann wieder zueinander: „Wenn die stille Zeit vorüber ist, wird es auch wieder ruhiger.“ Obwohl vieles in großer Vorfreude und mit viel Routine geschieht: Für Stille ist da wenig Zeit.

Mit Stille umzugehen ist auch gar nicht immer einfach. Manche Menschen haben Angst davor oder sie leiden darunter, wenn es still ist. Sie fühlen sich dann mehr allein als sonst. Dann hilft es, das Radio anzuschalten oder den Fernsehapparat. Eine menschliche Stimme zu hören oder Musik – mir hilft das, wenn ich am Abend nach einem anstrengenden Tag runterkommen will. Aber manchmal kann auch das zu viel sein. Wenn ich zum Beispiel aus einem Konzert komme und noch in mir so viel klingt, dann will ich sonst gar nichts mehr hören. Dann tut mir Stille in der Wohnung gut.

In der Bibel wird dran erinnert: In der Stille kann man Gott begegnen. Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. So heißt es in einem Psalm, einem alten Lied der Bibel (Ps 62,2). Auch in biblischer Zeit haben die Menschen schon in den Gottesdiensten musiziert, haben beisammen gesessen und einander erzählt oder haben einer Predigt zugehört. Aber besonders intensive Momente mit Gott fanden sie in der Stille. Wenn alles andere sich raushält aus dem, was ich von Gott zu erfahren habe.

Deshalb gehe ich gerne in die Kirche lange, bevor es losgeht. Wenn alles fertig vorbereitet ist aber noch alles still ist. Ein kostbarer Moment für mich; ein Moment zwischen Gott und mir.

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19DEZ2019
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In der Adventzeit denken Menschen gerne an Engel und dekorieren die Häuser und Straßen mit Engelsfiguren. Und die Bibel erzählt: Einer, der einem Engel begegnet ist, wirkt selbst wie ein Engel auf andere.

Das war so: Der Apostel Petrus war ins Gefängnis geworfen worden, weil der König die Anhänger von Jesus loswerden wollte. In der Nacht ist Petrus geweckt worden. Vor ihm stand ein Engel. Der hat den Petrus aus dem Gefängnis befreit. Nach seiner Befreiung hat Petrus bei Freunden angeklopft. Die sind erst mal erschrocken. Sie hatten ja gedacht, er ist noch im Gefängnis. Deshalb haben sie den, der da bei ihnen angeklopft hat, für einen Engel gehalten.

Ich denke mir, das ist so, dass die Begegnung mit einem Engel die Menschen verändert. Etwas von dem Licht, das der Engel mitbringt, geht auf die Menschen über. Dass die Begegnung ihnen gut getan hat, das merkt man den Menschen an.

Es gibt auch Musik, bei der das so funktioniert. Jedenfalls bei mir. Sie gehört für mich zu den schönsten Musikstücken, die ich kenne; und sie handelt von Engeln: „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten“ So fängt es an. So singen die Chorsänger. Die sind dabei selber so etwas wie Engel, weil die Musik fast überirdisch schön klingt.

Das Lied spielt auf ganz bezaubernde Weise musikalisch mit der Vorstellung, die manche Leute von Engeln haben. Ganz sanft schwingt die Melodie. Manchmal ist es wie ein Flüstern, manchmal wird der Klang groß und prachtvoll wie eine Kathedrale, manchmal zärtlich wie das Zwiegespräch unter Vertrauten. Kunstvoll sind die acht Stimmen miteinander verwoben. Zuletzt klingt es wie ein ruhiges, tiefes Atmen, wenn ein Mensch schläft, behaglich zugedeckt und geborgen. Dreieinhalb Minuten dauert das Chorstück. Es liegt ganz viel von dem drin, was Menschen sich vorstellen, wenn von Engeln die Rede ist: Schutz und Begleitung, Vertrautheit und den Überblick behalten, Erhabenheit und Leichtigkeit, Licht und Wärme.

Auch Petrus hat das anscheinend damals erlebt, als er aus dem Gefängnis geholt wurde und sich sicher war: Das war einer, den Gott mir geschickt hat, ein Engel. Und das hat man dem Petrus ansehen können.

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18DEZ2019
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Adventszeit ist auch Engelszeit. In diesen Tagen gibt es Engel als Dekoration überall zu sehen: aus Holz, aus Papier, aus Stroh, als Plätzchen. Meistens sind sie niedlich und haben etwas Zartes, Heiteres: ein weißes Gewand, lockiges Haar, ein freundliches Lächeln im Gesicht. Viele Menschen glauben an Engel. Aber manche können mit der Vorstellung gar nichts anfangen.

Ein Engel aus Bronze steht im Raum der Stille unserer Kirche in Oppenheim. Er ist nicht wirklich schön, jedenfalls ist er nicht niedlich. Er ist an die zwei Meter hoch und hat wenig Ähnlichkeit mit den üblichen heiteren Engelsfiguren.

Dieser Engel aus Bronze ist rau. Die Künstlerin Carmen Stahlschmidt hat absichtlich die Oberfläche nicht glatt gemacht. An diesem Engel ist nichts leicht, und nichts gleitet einfach nur an ihm ab. Sein Kopf ist in den Nacken gelegt, fast als würde er stöhnen. Die Gesichtszüge sind nur angedeutet.

Zu dem Engel im Raum der Stille unserer Kirche gelangen Menschen, wenn sie vielleicht eine Kerze anzünden wollen im Gedenken an jemanden. Oder wenn sie sich für einen Augenblick aus dem Kirchenschiff zurückziehen wollen, denn da sind gerade jetzt in der Adventszeit immer auch Touristengruppen unterwegs.

Manche setzen sich Menschen einen Augenblick in dem kleinen Nebenraum hin und betrachten die Kerzen und schauen auf den Engel.

Vielleicht denken sie darüber nach, was dieser Engel für sie bedeutet. Seine raue Oberfläche und sein kraftvolles Material passen gut, wenn es in meinem Leben gerade nicht sanft und heiter zugeht. Wenn ich mit harten Realitäten umgehen muss, mit unbequemen Dingen. Dann kann ich mich in so einem Engel besser wiederfinden. Besser jedenfalls als in einem vergnügten Engelchen mit rosigen Bäckchen und Tüllröckchen. Dieser Engel aus Bronze ist nicht dekorativ. Aber ich finde, er ist näher dran sein an den Menschen und passt besser zu ihrem Leben als all die vielen kunstvollen Dekorationsengel, die jetzt vor Weihnachten die Häuser und Straßen schmücken.

Und selbst wenn einer mit Engeln sonst womöglich gar nichts anfangen kann: Dieser Engel lädt ein, Ruhe zu finden mit allem, was in meinem Leben gerade nicht leicht ist.

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17DEZ2019
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„Zu Weihnachten fahre ich nach Hause.“ Dieser Satz fällt in diesen Tagen oft. Erwachsene Kinder, die vielleicht aus beruflichen Gründen woanders wohnen als ihre Eltern, die überlegen sich, an Weihnachten nach Hause zu fahren. Für ein paar Stunden oder über die Feiertage. Auch ich freue mich, wenn unsere Kinder an Weihnachten zu Besuch kommen. Heimfahren an Weihnachten – das tun viele. Die Züge sind übervoll; wer keinen Platz reserviert hat, muss stehen. Und auf den Autobahnen steht man im Stau. Hoffentlich gibt es wenigstens nicht auch noch Eis und Schnee! Die Straßen sind voll, weil viele andere auch zu Weihnachten nach Hause fahren. Und während der langen Fahrt nach Hause denkt man an die Weihnachtsfeste dort. Viele freuen sich, manche würden am liebsten nicht fahren. Es ist ein besonderes Heimfahren: Angefüllt mit Erinnerungen und Erwartungen und Befürchtungen, während ich heimfahre zu Weihnachten. Es ist nicht einfach nur Heimfahren, es ist auch irgendwie heilig.

Auch die Weihnachtsgeschichte in der Bibel beginnt damit, dass sich einer aufmacht in seine Heimat. Josef soll wegen einer Volkszählung nach Bethlehem, wo seine Familie ursprünglich herstammt. Es hat also eine sehr lange Tradition, dass Menschen sich auf diese besondere Reise begeben: Heim zu dem Ort, von dem sie herkommen. Die Bibel macht eine Volkszählung dafür verantwortlich. Tatsächlich steckt noch viel mehr dahinter. Das Kind, das Josefs Frau erwartet, soll in Bethlehem geboren werden. Und dieser Ort ist ein besonderer Ort. Nicht nur die Familie von Josef stammt von dort, sondern eine lange Familiengeschichte geht zurück bis auf den König David. Schon der stammte aus Bethlehem. Es ist als würde sich ein Kreis schließen, wenn Jesus ausgerechnet dort zur Welt kommt. Er knüpft an an der Geschichte dieses besonderen Königs.

Driving home for Christmas – Heimfahren zu Weihnachten. Es gibt einen englischen Schlager, der vom Reisen in der Weihnachtszeit erzählt. Das Lied erwähnt die Bibelgeschichte nicht und deutet nur an: Ich setze meine Füße auf heiligen Boden, „get my feed on holy ground“ heißt das auf Englisch.

Ich wünsche allen, die unterwegs sind oder demnächst fahren wollen, eine gute Fahrt und fröhliche und gelungene und gesegnete Feiertage.

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16DEZ2019
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Auf Gott kannst du dich verlassen. Es tut gut, wenn das einer zu mir sagt – vor allem dann, wenn Menschen oder Dinge in meinem Leben gerade nicht verlässlich sind. Auf Gott kannst du dich verlassen.

Wenn einer so entschieden von Gott spricht, das imponiert mir. Es wirkt auf mich so als hätte er mit Gott ein inneres Navigationsgerät, und das sagt ihm, in welche Richtung es im Leben zu gehen hat. Ich gehe davon aus, dass der entsprechende Erfahrungen gemacht hat, der das sagt.

Wir Menschen ändern schon mal gerne unsere Richtung, unsere Meinung und unsere Pläne. Manchmal geben wir ein Versprechen und können es dann vielleicht nicht halten. Dann ist es gut, wenn einer die Übersicht behält.

„Ihre Route wird neu berechnet,“ sagt das Navigationsgerät in meinem Auto. Dieser Satz kommt immer dann, wenn ich anders fahre als das Navi mir vorgeschlagen hatte. Das Gerät stellt sich sofort darauf ein; so als würde es sagen: „Der Weg, auf dem Sie unterwegs gewesen sind, der passt Ihnen nicht. Sie haben Ihre Meinung geändert. Na gut, macht nichts; dann suche ich Ihnen einen anderen Weg. Ihre Route wird neu berechnet.“ Dem Navigationsgerät kann’s egal sein. Selbst wenn ich mich alle paar Minuten entscheide anders zu fahren. Mit der Gelassenheit einer Maschine wird das Navi sagen: Ihre Route wird neu berechnet.

Der Apostel Paulus musste auch seine Pläne ändern. Er hatte den Menschen in Korinth geschrieben, dass er sie besuchen würde. Er hatte einen Konflikt mit ihnen auszutragen. Dann aber haben sich seine Reisepläne geändert. Paulus hat deshalb befürchtet, dass die Leute in Korinth seine Glaubwürdigkeit anzweifeln würden. Und schlimmer noch: Womöglich würden sie nun auch die Glaubwürdigkeit von Gott anzweifeln, von der er immer wieder gesprochen hatte.

Auf Gott kannst du dich verlassen, das war Paulus wichtig. Gott hilft dir. Er wird dir beistehen. Paulus hat das in seinem Leben erlebt und hat den Menschen immer wieder davon erzählt.

Auch wenn ich als Mensch meine Route und meine Pläne immer mal ändere, ich will darauf vertrauen und dafür stehen: Auf Gott kannst du dich verlassen.

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