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SWR4 Abendgedanken

08NOV2019
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„Ordnung ist das halbe Leben.“ Wenn ich mir meinen Schreibtisch anschaue, fällt mir dieser Satz ein. Da liegt sehr oft ziemlich viel durcheinander: Unterlagen, Papier, Stifte, Briefumschläge, zwischendrin steht noch eine Kaffeetasse. Ich brauche das, sage ich immer. Mein kreatives Chaos.

Andere sehen das anders. Manchmal fragt mich jemand: Hier kannst du arbeiten? Ich könnte das nicht.

Ich kann das, weil mein Chaos auch irgendwie eine Struktur hat. Aber grundsätzlich merke ich, dass eine gewisse Ordnung das Leben einfacher macht. Ich mag es zum Beispiel nicht, wenn im Supermarkt die Regale neu sortiert sind. Ohne die gewohnte Ordnung fängt dann die Sucherei an und alles dauert viel länger.

„Ordnung ist das halbe Leben.“ Es gibt Regeln und Maßeinheiten, Systeme für Ablage, Ordner in verschiedenen Farben. Alles lässt sich irgendwie ordnen und sortieren.

Aber dennoch. Wenn Ordnung das halbe Leben ist, was ist dann die andere Hälfte? Unordnung? Chaos?

Egal welche Antwort ich darauf gebe, eine Hälfte bleibt übrig. Eine geordnete Hälfte und dann die andere. Das finde ich schön. Das bedeutet doch, dass das Leben mehr als nur Ordnung ist.

Im biblischen Buch der Weisheit wird Gott der Schöpfer dafür gelobt, dass er alles „nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet“ hat. Aus einer großen Unordnung, einem Tohuwabohu hat er eine Ordnung geschaffen. Gott ordnet also. Nicht weil er ein Ordnungsfanatiker wäre. Gott schafft einen Rahmen, ein Gerüst. Das gibt Stabilität, lässt aber gleichzeitig auch sehr viel Raum, sich innerhalb dieses Rahmens frei zu bewegen und zu entfalten. Gott macht keine halben Sachen. Mit seiner Ordnung schafft er einen sinnvollen Rhythmus des Lebens, ein friedliches Miteinander.

Gottes Ordnung hat das ganze Leben im Blick. Und ich denke mir: Weil alles schon so gut geordnet ist, reicht es, wenn ich halbe Ordnung halte und den Rest vom Leben lebe. So wie es gerade kommt. Mal total strukturiert, mal total chaotisch. Aber damit kann ich umgehen. Weil nämlich Gottes Ordnung mir Halt und Sicherheit gibt.

Und so sitze ich an meinem Schreibtisch und freue mich. Über Gott. Und über mein Chaos. Beides zusammen macht mein Leben gut.

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07NOV2019
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„Man zeigt nicht mit dem Finger auf andere Leute!“ So habe ich vor kurzem meine Kinder ermahnt. Und natürlich ist sofort die berechtigte „Warum-Frage“ gekommen. Ja, warum macht man das eigentlich nicht? Und warum man? Und nicht ich?

Also, warum soll ich nicht mit dem Finger auf andere Leute zeigen? Selbst dann nicht, wenn ich mich richtig über sie ärgere, ihr Verhalten mich stört, ihre Aussagen nicht meine sind? Aus einem einfachen Grund: Wenn ich mit einem Finger auf die anderen zeige, zeigen vier Finger auf mich selbst zurück.

Aus diesem einfachen Grund versuche ich es zu vermeiden, einfach so auf das Verhalten anderer hinzuweisen, das mir nicht gefällt. Vielmehr versuche ich mich so zu verhalten, dass andere keinen Grund haben, auf mich zu zeigen.

Das ist nicht einfach. Bedeutet es doch, dass ich sorgsam darauf achte, welche Worte ich wähle, was ich schreibe, denke und wie ich handle.

Eben nicht den einfachen Weg gehen und auf die anderen schauen, was die alles falsch machen, sondern für die anderen so leben, dass sie gerne auf mich schauen.

Der Apostel Paulus hat diesen Gedanken auch mal seiner Gemeinde in Rom geschrieben. Er hat den Menschen damals folgenden Rat gegeben. „Lasst uns aufhören, uns gegenseitig zu verurteilen! Achtet vielmehr darauf, den Bruder oder die Schwester nicht zu Fall zu bringen. Gebt ihnen auch keinen Grund, Anstoß zu nehmen.“ (Römer 14,13, Basisbibel)

Darum geht es: Nicht die Fehler der anderen suchen und sie ihnen dann brühwarm unter die Nase reiben. Sondern selbst so zu leben, dass mein Verhalten nicht anstößig ist. Und noch mehr: Ich soll nicht nur nicht mit dem Finger zeigen, sondern die anderen an die Hand nehmen, die Hilfe brauchen. Den anderen zur Seite stehen und sagen: Komm, ich helfe Dir. Dir fällt das nicht leicht. Ich kann das. Aber kannst Du mir dafür bei was anderem helfen. Das fällt mir nämlich schwer.

Und dann – so stelle ich mir vor – zeigen wir nicht mehr mit den Fingern einer auf den anderen. Sondern wir reichen uns die Hände. Um zu helfen, um zu unterstützen und um miteinander besser zu leben. So hat dann nicht nur ein Finger eine Aufgabe, sondern alle gemeinsam.

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06NOV2019
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Ich brauche Musik zum Leben! Weil Musik mir gut tut. Zum Bügeln höre ich gerne fröhliche, flotte Musik, weil nämlich dann das Bügeleisen viel schneller über die Bluse gleitet als ohne Musik. Beim Autofahren höre ich Radio und lasse mich von der Liedauswahl überraschen.

Aber auch wenn ich traurig bin, wenn ich den Eindruck habe, der vor mir liegende Tag wird nichts oder nicht so wie ich ihn gerne hätte, gerade dann brauche ich Musik. Ein paar schöne Lieder, deren Texte mir gefallen oder ein paar schöne Melodien. Schon wird der Tag irgendwie heller.

Musik tut mir gut. Ich kann dann abschalten, meine Gedanken auf etwas anderes lenken, ich fahre sozusagen mein Betriebssystem etwas runter und beeinflusse meine Stimmung.

Über diese Art von heilsamer Musik wird auch schon in der Bibel erzählt. Der König Saul, heißt es, war schwermütig. Und die beste Medizin für ihn war: Musik. Deshalb hat der König ganz gezielt nach einem Menschen suchen lassen, der ihn mit Harfenmusik wieder fröhlich machen konnte. Auf diese Weise ist der Hirtenjunge David an seinen Hof gekommen und immer, wenn es Saul schlecht ging, hat David für ihn musiziert. Und – so heißt es dann in der Überlieferung – „Saul erquickte sich und es ward besser mit ihm“.

Ich kann das nachempfinden, weil Musik bei mir auf ähnliche Weise funktioniert. Ich muss nur die richtige Musik auswählen. Jetzt in diesen Tagen, in denen es früher dunkel wird oder es morgens beim Spaziergang mit dem Hund neblig ist, da brauche ich meine Musik. Und beim Autofahren suche ich mir ganz bewusst das Radioprogramm aus, das meine Musik spielt. Musik, die mir gut tut. Die muss nicht immer laut und fröhlich sein, sondern sie muss einfach zu mir und meiner Stimmung passen.

Manchmal hilft mir auch ein Lied des Hirtenjungen David, der später als König viele Lieder geschrieben hat, überliefert in den biblischen Psalmen. „Dies ist der Tag, den der Herr macht, lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.“ (Ps 118, 24) So heißt es in einem seiner Lieder.

Mit Musik, alt oder neu, laut oder leise, fröhlich oder traurig – kann ich in dieses Lied einstimmen. Mal mehr, mal weniger. Aber doch ganz oft sehr beschwingt. Dank der Musik. Sie ist mein Energiespender. Ich brauche Musik zum Leben.

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05NOV2019
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Beim Autofahren rege ich mich gerne mal auf. Meistens über andere. Das ist ja klar. Manchmal auch über mich. "Sag mir, wie du Auto fährst, und ich sage dir, wie du bist." Ich kenne viele, über die man das sagen kann. Über mich sicher auch.

 „Sage mir, wie du Auto fährst, und ich sage dir, wie du bist.“ Im Straßenverkehr kann man Menschen kennen lernen, finde ich. Feststellen, wo sie ein Problem haben.

Ich entdecke genauer gesagt zwei Probleme: Egoismus und Rücksichtslosigkeit. Denn komisch: Meistens hat der andere Vorfahrt, auch wenn das Straßenschild etwas anderes meint. Als ob das Auto eine eingebaute Vorfahrt hätte.

Da hupt der junge Vater die ältere Dame an und der Krawattenträger zeigt der Fahranfängerin den Vogel. Das beobachte ich oft. Unabhängig vom Outfit der Fahrer und der Automarke. Und ich erwische mich dabei, dass ich da auch mitmache. Da quetsche ich mich auch noch schnell an den geparkten Autos vorbei und ärgere diejenige, der ich damit die Vorfahrt nehme und wenige Minuten später rege ich mich auf dem Parkplatz auf, weil ein Auto über zwei Lücken geparkt hat

Aber eigentlich gefällt mir das nicht. Und so habe ich mir vorgenommen, mich an wieder verstärkt an einer anderen Regel zu orientieren. An einer, die auf Jesus zurückgeht, die er zwar so nicht formuliert, aber doch gemeint hat: „Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ In diesem Sinne könnte ja auch gelten: „Sag mir, wie du Auto fährst, und ich sage dir, wie du bist.“

Das klingt nicht nur besser, sondern das fühlt sich auch besser an. Da bin ich mir ganz sicher. Und ich will es jetzt immer wieder ausprobieren. Ich fange beim Autofahren an, dränge mich nicht mehr vorbei, sondern warte, so wie es sich gehört. Und dann warte ich mal ab, was passiert. Vielleicht lächelt mir der entgegenkommende Autofahrer ja zu. Das wäre es. Und ich lächle dann zurück. Und schon ist für uns beide ein anderes Gefühl da. Ein gutes Gefühl. Und mit dem fahre ich bestimmt viel besser weiter als mit einem schlechten Gefühl.

„Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“

Das wird mein neuer Grundsatz. Mal gucken, ob er abfärbt. Ausprobieren will ich es. Zu allererst im Straßenverkehr und wenn es klappt, dann werde ich es ausweiten: auf mein ganzes Leben.

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04NOV2019
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„Die drei ist eine gute Zahl“, hat unser Sohn gesagt. Er ist jetzt ein Schulkind. Und so sitzt er mittags am Tisch und macht Hausaufgaben. Mal mit mehr, mal mit weniger Freude. Auf alle Fälle kommentiert er immer alles. „Guck mal, das M sieht aus wie eine Rutsche, die wieder hochgeht.“ Oder eben: „Die drei ist eine gute Zahl!“

Eine gute Zahl. Das hatte ich noch nie gehört. Ich habe eine Lieblingszahl, die Acht. Aber ob die gut oder schlecht ist, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht.

„Die drei ist eine gute Zahl, weil alle guten Dinge drei sind. Das habe ich mal gehört.“ So hat mein Sohn begründet, warum ihm die drei so gefällt..

Mich hat das zum Nachdenken gebracht. Ist das so? Warum nicht zwei oder fünf oder acht? Drei kommt ziemlich häufig vor. In der Chemie zum Beispiel, da sind die Zustände der Elemente entweder fest oder flüssig oder gasförmig. Im Fitnessstudio trainieren einige drei bestimmte Zonen: Bauch, Beine und Po. In der Mathematik rechnet man mit Höhe, Breite und Tiefe. Dreiteilig ist auch der sportliche Ehrgeiz: schneller, höher, weiter. Wer blöd ist, kann nicht bis Drei zählen. Und viele Abkürzungen bestehen aus drei Buchstaben. Zum Beispiel: FCK, ICE, ABC, MFG und VFB.

Warum die Drei so oft in unserem Leben vorkommt? Vielleicht hat das religiöse Gründe. In der Dreieinigkeit von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist ist sie die göttliche Zahl schlechthin. Die heilige Familie hat drei Mitglieder: Maria, Josef und Jesus. Die heiligen Könige waren zu dritt. Und Jesus ist am dritten Tag von den Toten auferstanden. Das ist doch wohl das Unglaublichste, das ich als Christin glauben kann.

Allerdings: Mit der Drei wird das Leben auch kompliziert. Das erste Kind macht aus der Zweisamkeit eine Dreiecksbeziehung. Drei Geschwister streiten öfter als zwei. Im Paradies geht’s Adam und Eva gut, bis die Schlange dazu kommt.

Die Drei steht also für Bewegung, für Harmonie, für Ehrgeiz, für Vollständigkeit. Aber auch für Probleme, Herausforderungen und so manche Auseinandersetzung. Kurz: Für das Leben. So, wie es nun mal ist. Und ich glaube: Genau deshalb sind aller guten Dinge drei!

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