Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR4 Abendgedanken

25OKT2019
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Es gibt so Telefonanrufe, da ist hinterher nichts mehr so wie es war. Mich haben in letzter Zeit zwei solcher Anrufe erreicht: Eine nahe Verwandte ruft an und erzählt, dass sie im Krankenhaus liegt. Und das Kind einer Freundin kriegt Chemotherapien. Leukämie.

Mir ist da kurz das Herz stehen geblieben. Und als ich aufgelegt habe, waren plötzlich Dinge, die eben gerade noch total wichtig waren, ganz nebensächlich. Und andere Dinge ganz zentral: Kann ich irgendwie helfen, unterstützen, Blumen gießen oder den Briefkasten leeren… Und ganz schnell sind mir auch die „Warum?“-Fragen in meine Gedanken hineingekrochen: Warum trifft es denn ausgerechnet die? Warum muss denn dieses Kind nun so leiden? Warum, Gott, lässt Du so etwas zu?

Tja, wäre nett, wenn dann das Telefon klingeln und er mal kurz anrufen würde, um mir die Welt zu erklären. Tut er aber nicht.

Stattdessen muss ich mich mit dem zufrieden geben, was ich von Gott weiß: Dass sich selbst Jesus am Kreuz von Gott im Stich gelassen gefühlt hat: „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“, hat er geschrien. Dass Gott also manchmal weit weg zu sein scheint. Dass er Jesus dann trotzdem zu sich zurückgeholt hat, aus der Gottesferne in seine Nähe, die eine ganz andere Nähe ist als die, die es in dieser Welt gibt.

In manchen Situationen weiß ich das zwar alles. Aber es trägt mich nicht. Dann rast mein Herz weiter und bittere Gedanken nisten sich in meinem Kopf ein. Und die kann ich dann auch nicht einfach abstellen oder wegschütteln. Sie bleiben. Und ich kann nur darauf hoffen, dass sie wieder verschwinden. Irgendwann. Wenn ich jemand anderem mein Herz ausschütte, vielleicht. Oder wenn ich höre oder lese, wie jemand anders hofft oder glaubt.

Manchmal, da trägt mich mein Wissen aber auch. Dann schlägt mein Herz ruhiger weiter. Dann kann ich darauf vertrauen, dass Gott uns mit all unserem Kummer hält und auffängt.

Wie es mit dem Kind mit der Leukämie weitergeht, wissen wir noch nicht. Es kämpft sich gerade durch seine erste Chemotherapie. Meine nahe Verwandte aber ist wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden: Alles nicht so schlimm. Wenn ihre Nummer nun auf dem Telefondisplay erscheint, dann weiß ich, wir können gemütlich ein bisschen plaudern. Gott sei Dank!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29625
24OKT2019
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ein junges Paar aus Deutschland hat sich aufgemacht, sie wollten einmal die Welt umrunden. Ohne dabei zu fliegen. Sie sind mit dem Zug und dem Schiff gefahren. Die meiste Zeit aber sind sie getrampt. So haben sie viele, viele Menschen aus allen möglichen Ländern getroffen. Was sie erlebt haben, haben sie dokumentiert. Sie haben sich selbst und die Menschen, die sie getroffen haben, immer wieder gefilmt.

Ich habe ihren Film vor einer ganzen Weile im Kino gesehen, aber ich denke immer noch darüber nach. Der Film heißt „weit“ und ich war schwer beeindruckt. Diese Art zu Reisen wäre zwar absolut nicht meine – ich hätte viel zu viel Angst, so etwas zu unternehmen. Aber was mich berührt hat, ist, dass die Zwei überall offen und freudig und herzlich empfangen wurden: Vom Lastwagenfahrer in Kirgisien, von der Lehrerin Russland und dem Lastenträger in Nepal. Sogar dort, wo sie sich mit Hilfe von Sprache gar nicht verständigen konnten, in China zum Beispiel. Sie haben überall Menschen getroffen, die ihnen nicht nur eine Autofahrt, sondern oft genug sogar ein Bett zum Schlafen angeboten haben. Einfach so. Und die sich über den ungewöhnlichen Besuch gefreut haben.

Ob es einem ausländischen Ehepaar bei uns hier genauso gehen würde? Nachdem ich den Film gesehen habe, habe ich gedacht, ich müsste mir eigentlich von dieser herzlichen, offenen Lebensart eine dicke Scheibe abschneiden. Wie oft lade ich jemanden nicht ein, obwohl ich es mir natürlich leisten könnte, dass ein zusätzlicher Esser mit am Tisch sitzt! Wie oft verpasse ich die Chance, etwas Neues kennenlernen, statt immer nur im eigenen Saft zu schmoren. Nur aus Angst vor dem Fremden, dem Unbekannten-

Die Bibel erzählt: Abraham haben einmal drei ihm unbekannte Männer besucht. Er hat sie bestens bewirtet und liebevoll umsorgt. Am Schluss stellte sich heraus, dass die drei Männer Engel Gottes waren. Und dass sie ihm einen Sohn ankündigen wollten, den Sohn, den er sich schon so lange gewünscht hatte (1.Mose 18,1-15). Was wäre passiert, wenn er sie vor seinem Haus hätte stehen lassen…

Weit. Herzlichkeit und Offenheit. Ich wünsche mir mehr solcher Erfahrungen. Wer weiß, was die fremden Engel mir mitbringen…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29624
23OKT2019
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ich werde älter. Und meine Tochter fragt mich aus. Sie will wissen, wie das früher war. Besonders, wenn wir Fotos anschauen: Warum hatten die Leute so komische Frisuren? Wie ging das eigentlich ohne Handy? Warum gab es „zwei Deutschlands“? Und warum war es „da drüben“ so anders?

Ich versuche zu antworten, so gut ich kann. Und manchmal muss ich über mich selbst grinsen. Ich komme mir vor, wie mein eigener Großvater, den ich früher mit Fragen gelöchert habe: Über den Krieg, über seine Jugend, warum er so früh arbeiten musste, und wie das eigentlich ging, so ohne Telefon.

Ja, ich werde älter. Meine Tochter fragt mich über damals aus. Erlebnisse in meinem Leben sind schon Geschichte. Da ist mir zum ersten Mal bewusst geworden, dass ich nun einfach nicht mehr jung bin. Vieles im Leben ist schon vorbei: Jung sein, ohne große Verantwortung, alle Türen stehen offen. Das wird nie wieder so sein.

Diese Einsicht ist ein bisschen wie Abschiednehmen. Und trotzdem tut sie auch gut: Ich bin nicht mehr jung. Ich kann etwas weitergeben, kann die Welt erklären, so wie ich sie verstehe. Und ich muss auch nicht mehr alles mitmachen: Ob ich ein Kilo mehr oder weniger auf den Hüften habe, ist das wirklich so wichtig? Ob der neue Pulli oder das neue Handy wirklich die modernsten und coolsten sind – ist mir doch egal. Ich muss nicht mehr etwas werden, ich bin schon etwas, bin schon jemand. Wie viel entspannter lebt es sich da.

„Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; (…) Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; (…) Suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit“ (Prediger 3,1-6, gekürzt). So steht es in der Bibel, im Buch Prediger. Und vielleicht komme ich dem, was diese Sätze bedeuten, nun zum ersten Mal ein wenig auf die Spur.

Und wissen Sie, wie der Bibeltext weiter geht? – Ich verrate es Ihnen. Es heißt dort: Es gibt „nichts Besseres dabei (…) als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes“ (Prediger 3,12-13).

Klingt doch gut, oder? Und darum: Egal wie alt Sie sind, einen fröhlichen Abend wünsche ich Ihnen. Tun sie Sich gütlich!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29623
22OKT2019
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Im Kongo werden jeden Tag vermutlich über hundert Frauen vergewaltigt und Männer und Kinder getötet. Regionale Warlords vertreiben auf diese Art und Weise die Bevölkerung, reißen Dorfgemeinschaften auseinander, traumatisieren Frauen, Kinder und Männer. Ihr Ziel: Land zu gewinnen, um dort an die Bodenschätze zu gelangen. Vor allem Coltan wird im Kongo auf diese Weise gewonnen. Die Warlords verkaufen dann die abgebauten Rohstoffe. Sie finanzieren damit neue Waffen, Schmiergelder und ihren eigenen, ausufernden Lebensstil.

Und wer kauft etwas, das auf diese Art und Weise produziert wurde, etwas, das Menschenleben gekostet und Glück und Gesundheit zerstört hat? – Sie tun das. Ich auch. Wir alle. Coltan ist in jedem Handy, in jedem Laptop, in jeder Batterie eines E-Autos enthalten. Und sauber gewonnenes Coltan, das gibt es derzeit auf dem Weltmarkt kaum.

Friedensnobelpreisträger Doktor Denis Mukwege, der die Opfer in seinem Krankenhaus im Kongo behandelt, hat über dies alles in einem Vortrag berichtet. Ich habe ihm zugehört und kam mir auf einmal dreckig vor. Ich habe mich geschämt für das Handy in meiner Hosentasche und den Laptop in meinem Rucksack. Sind dafür auch Menschen gestorben?

Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch Ebenbild Gottes ist. Jeder Mensch hat eine Würde, jeder Mensch ist unendlich wertvoll. Und dann kann ich mich doch nicht einfach wieder in Ruhe an meinen Laptop setzen oder das Handy aus der Tasche ziehen, als sei nichts gewesen.

Wir alle können nämlich etwas tun. Wir können aufhören, mit jedem Handyvertrag auch gleich ein neues Handy zu kaufen. Wir können im Handyladen nach fair produzierten Produkten fragen. Solche Handys gibt es nämlich, auch wenn sie natürlich teurer sind. Wir können alte Handys zum Recyceln geben. So können die Rohstoffe wiederverwertet werden und kosten keine neuen Menschenleben-

Auch wenn es Überwindung kostet, einen ersten Schritt zu machen. Wir können anfangen! Jetzt. Denn jede vergewaltigte Frau, jeder getötete Mann ist einer zu viel.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29622
21OKT2019
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Unser Abendgebet steige auf zu dir, Herr,
und es senke sich auf uns herab dein Erbarmen.

So fängt ein altes Kirchengebet an (EG Württemberg, S. 1219). Für mich ist das ein wohltuendes Bild: Das Abendgebet, das zu Gott hinaufsteigt, und sein Erbarmen, das sich wie eine warme, wohltuende Decke auf mich herabsenkt. Nicht, um alle Dummheiten des Tages zu vertuschen. Sondern als schützende Hülle. Gott weiß um meine Fehler und um die Verletzungen, die ich anderen und vielleicht mir selbst zugefügt habe. Fehler, die dumm waren. Sie gehören zu mir, aber das ist nicht alles, was über mich zu sagen ist. Gott verurteilt die Fehler. Aber mich er liebt trotzdem.

Das Gebet geht so weiter:
Dein ist der Tag und dein ist die Nacht.
Lass, wenn des Tages Schein vergeht,
das Licht deiner Wahrheit uns leuchten.

Auch diese Vorstellung gefällt mir. Das Tageslicht verblasst, aber dass das Licht von Gottes Wahrheit leuchtet auch in der dunkelsten Nacht. Nicht als grelles, blendendes Licht, das mich bloßstellt. Sondern als Licht, das Hoffnung gibt wie eine Kerze in einem dunklen Raum. Goll lässt mir ein Licht aufgehen. Und ich kann erkennen, wie sich Gott die Welt und mein Leben eigentlich gedacht hat.

Geleite uns zur Ruhe der Nacht
und vollende dein Werk an uns in Ewigkeit.
So endet das Gebet.

Geleite uns zur Ruhe der Nacht. Ja, genau das ist es, was ich mir abends wünsche: Eine Nacht, die ich in all ihrer Dunkelheit nicht fürchten muss. Die mir Ruhe schenkt und Erholung. Eine Nacht ohne Angst. Eine Nacht, in der Gott mich weiter so werden lässt, wie er sich seine Menschen vorstellt: Auch im Dunkel voller Licht, trotz aller Fehler leuchtend in seinem Erbarmen.

Mögen Sie dieses alte Kirchengebet noch einmal hören? Mir tut es immer wieder gut:
Unser Abendgebet steige auf zu dir, Herr,
und es senke sich auf uns herab dein Erbarmen.
Dein ist der Tag und dein ist die Nacht.
Lass, wenn des Tages Schein vergeht,
das Licht deiner Wahrheit uns leuchten.
Geleite uns zur Ruhe der Nacht
und vollende dein Werk an uns in Ewigkeit.

Amen (EG Württemberg, S. 1219)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=29621