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SWR4 Abendgedanken

Vorsicht Stufe! Hundertemale habe ich andere auf die kleine Stufe in unserer Wohnung hingewiesen. Neulich sind wir aus der Wohnung ausgezogen. Ein sehr anstrengender Umzug. Ich war ziemlich am Ende mit meiner Kraft.

Möbel und Kisten wurden hinaus getragen. Immer wieder habe ich erinnert: Vorsicht Stufe. Buchstäblich beim letzten Gang aus der Wohnung bin ich selbst unachtsam gewesen, habe die Stufe vergessen und bin hingefallen. Zum Glück war’s nur eine Schramme am Knie und ein Riss in der Hose. Aber ich habe noch eine ganze Zeit darüber nachgedacht, wie mir das passieren konnte. Und ich bin erschrocken. Ein vertrauter Weg – mit einem Schritt landet man daneben.

In der Bibel steht der Satz: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“ (Ps 139,5) Es ist ein Gebet, ein Psalm, in dem ein Mensch mit Gott spricht. Und dabei macht er sich klar, dass er geborgen ist bei Gott. Das heißt aber nicht, dass der Mensch nicht fällt oder dass ihm nichts passiert. Er weiß: Gott sieht mich, Gott kennt mich, Gott geht mit mir mit; er ist bei mir, noch bevor ich geboren werde und wenn ich sterbe. Er kennt meinen Weg. Und er bleibt bei mir, auch wenn etwas schief geht.

Als ich nach meinem Sturz auf dem Sofa lag und mir selbst leidgetan habe, habe ich mir überlegt, was Gott jetzt sagen würde zu meinem Sturz. Ich war ja schon ein bisschen sauer.  Mitten im Umzug kann ich nicht mehr, weil mir mein Knie wehtut.

Ich habe mit Gott gehadert: Du, Gott, warum hast du mich nicht gewarnt? Hättest du nicht verhindern können, dass ich falle? Ich kann das jetzt überhaupt nicht gebrauchen, wo es noch so viel zu tun gibt.

Und da ist mir klargeworden, dass er vermutlich schmunzelnd antwortet: Ich hab dich nur gebremst. Du warst wieder mal viel zu hektisch unterwegs, hast dir viel zu viel zugemutet. Jetzt hast du ein blutiges Knie und einen Riss in der Hose. Aber du gönnst dir mitten im Umzug eine Pause. Ich kenne dich und wer weiß, was noch passiert wäre, wenn ich dich nicht gebremst hätte.

„HERR, du erforschest mich und kennest mich.“ heißt es in dem biblischen Gebet weiter. Und: „Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; (...) Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege.“

Und ich möchte ergänzen: Und manchmal, Gott, bremst du mich rechtzeitig. Wie gut!

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Man kann zu Gott in allen Sprachen der Welt beten. Und sogar in einer Sprache, die eigentlich keine Sprache ist sondern nur eine Folge von Pieptönen oder Lichtsignalen: die Morsezeichen.

Für einen Gottesdienst hatten wir in unserer Gemeinde eingeladen, dass Menschen in ihrer Muttersprache beten: auf Italienisch, auf Niederländisch, auf Darsi, wie man es in Afghanistan spricht und noch in einigen anderen Sprachen. In der Vorbereitung für diesen Gottesdienst hat mich ein Mann aus unserer Stadt angesprochen. Er hat mir erzählt, dass er von Beruf Funker auf einem Handelsschiff gewesen ist. Er hat mir erklärt, dass die Morsezeichen auf hoher See oft das einzige Verständigungsmittel unter den Menschen gewesen sind.

Morsezeichen sind ein Funksignal, ein Ton oder ein Licht – abwechselnd lang oder kurz; eine festgelegte Folge ergibt einen Buchstaben.

Das Funken von Morsezeichen ist wie eine eigene Sprache, jedenfalls ein Mittel, um sich auszudrücken. Ich stelle mir vor, dass es den Menschen auf hoher See ein Gefühl der Sicherheit gibt, wenn sie wissen: Selbst bei hohem Seegang wird unser Signal in weiter Ferne von anderen Menschen gehört, und wir bekommen Hilfe, wenn es nötig ist.

Es war ein ganz besonderer Moment, als dieser Mann in dem Gottesdienst mit seiner Funktaste einen Satz im Gebet gemorst hat.

„Herr, gebiete den Winden, die hohe See zu glätten und begleite mich auf der Reise des Lebens.“ Wir, die wir keine Morsezeichen verstehen, haben diesen Satz im Liedblatt mitlesen können.

Als die Geräusche von der Funkertaste über die Lautsprecheranlage erklungen sind, war das ein richtiger Gänsehautmoment. Sofort hatte ich Bilder im Kopf von Menschen, die auf dem Meer weit entfernt sind vom sicheren Land.

Beten ist ja eigentlich etwas ganz ähnliches. Ich sende meine Zeichen aus. Ich nenne meinen Kummer. Ich äußere meine Sorgen. Ich sage, was mich freut. Ich sehe aber kein Gegenüber – genau wie der Funker auf See. Der sieht ja auch nicht, mit wem er Kontakt hat. Nur dass es beim Beten nicht darum geht, dass mich andere Menschen hören sondern Gott. Und ich muss mich auch nicht um eine besondere Sprache bemühen. Zu Gott kann man in allen Sprachen der Welt beten. Und er wird hören und helfen.

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Können Bibelworte gefährlich sein? Für manche anscheinend schon.  Deshalb hat im Jahr 1987 ein Sicherheitsbeamter der DDR den Auftrag bekommen, die Herrnhuter Losungen auszukundschaften. In Herrnhut, einem kleinen Städtchen 100 km östlich von Dresden, wird für jeden Tag ein Bibelwort ausgelost und dann im Losungsbüchlein jeweils für ein Jahr veröffentlicht.  Für viele Menschen sind diese Losungen eine tägliche Begleitung. Ausgerechnet für den 13. August 1987 wurde ein Satz aus den Psalmen ausgelost (Ps 24,9): „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch“.  Der 13. August war der Tag, an dem man an den Bau der Berliner Mauer erinnert hat.

Der Beobachter gab zu bedenken, dass dieser Text auf die Berliner Mauer bezogen werden könnte. Womöglich würden alle Christen an diesem Tage darum beten: Macht das Brandenburger Tor zu Westberlin auf!

Sein Misstrauen wurde noch größer, als schon am nächsten Tag wieder eine Mauer-Losung im Büchlein stand. „Ich suchte unter ihnen, ob jemand eine Mauer ziehen würde.“ 

Und dann auch noch die Losung vom 17. August 1987, die lautete: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“

Merkwürdig war das schon. Aber die Bibelsprüche für jeden Tag werden ja wirklich ausgelost. Der Sicherheitsbeauftragte verlangte, dass geprüft wird, welche Bibelsätze in Herrnhut in die Lostrommel kämen. Zum Glück ist das dann aber doch nicht passiert. Auch wenn die Bibelsprüche damals dem Kontrolleur gefährlich schienen.

Die Mauer der DDR ist zwei Jahre später tatsächlich gefallen. Das ist auch deshalb geschehen, weil viele Christen daran geglaubt haben, dass das möglich ist. Sie haben dafür gebetet und demonstriert. Ihr Glaube hat ihnen Mut gemacht. Vielleicht ja auch mit diesem Satz: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“

Die Herrnhuter Brüdergemeine gibt übrigens seit 1731 jedes Jahr einen Kalender heraus mit einem Bibelwort für jeden Tag. Ich lese diese Losungen gerne. Sie tun mir gut; und oft denke ich wie dieser DDR-Beamte: Das kann doch kein Zufall sein, dass heute ausgerechnet dieses Wort ausgelost ist.

Weil es oft genau zu dem passt, was ich gerade erlebe; und dann bringen die Losungen mich auch schon mal auf ganz mutige Ideen.

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12AUG2019
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Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. (Ps 18,30) Dieser Satz aus der Bibel ist mir eingefallen, weil morgen am 13. August der Tag des Mauerbaus begangen wird. Am 13. August 1961 hat man in Berlin mit dem Bau einer Mauer zwischen Ost und West begonnen. Für die nächsten 28 Jahre war die Spaltung Deutschlands damit zementiert; die Mauer wurde weltweit zum Symbol für den kalten Krieg. Ich war noch ein Kind damals und habe erst viele Jahre später gelernt, dass diese Mauer einen traurigen Zustand festgeschrieben hat: die Spaltung einer Stadt und eines ganzen Volks, ja sogar Europas. Familien wurden auseinander gerissen. Man durfte Eltern und Geschwister im Osten nicht besuchen. Die Post wurde kontrolliert. Die Menschen im Osten durften nicht ausreisen. Wer zu fliehen versuchte, wurde eingesperrt oder auf der Flucht erschossen.
Für mich als Kind war das unvorstellbar und wahrscheinlich für die meisten Erwachsenen auch.

Im Rückblick hat man wohl als besonders absurd empfunden, dass zwei Monate zuvor der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht in einer Pressekonferenz sogar behauptet hat, dass das nicht geschehen wird. „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen.“ Dieser Satz ist inzwischen oft wiederholt worden. Er ist ein Symbol auch für Lüge und Machtmissbrauch in der Politik.

„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Wer so redet, der hat die Erfahrung gemacht, dass Gott ihm Kraft und Mut gibt. Die hat man damals gebraucht. Kraft und Mut, um Dinge zu tun oder zu denken, die auf den ersten Blick schwierig oder fast unmöglich sind. Es geht dabei nicht nur um Mauern aus Stein sondern auch um Mauern, die einer um seine Seele errichtet hat.

Bei der Mauer in Berlin hat es zum Glück immer Menschen gegeben, die diese Mauer absurd fanden. Sie haben dafür gearbeitet, die Mauer zu überwinden. Mit großem Mut und mit aller Kraft. Sie haben gebetet und demonstriert. Aber es hat 28 Jahre gedauert, bis das geschafft war. Weil es ja nicht nur darum gegangen ist, ein paar Steine niederzureißen. Vorher mussten die Mauern in den Köpfen abgebaut werden. Gottseidank finden Menschen immer wieder den Mut und den Schwung, sich mit absurden Mauern nicht abzufinden!

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