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SWR4 Abendgedanken

24MAI2019
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Haben Sie schon gewählt? Am kommenden Sonntag sind Wahlen: für den Kreistag, den Stadtrat, die Gemeinde, den Bezirk, das Land und für Europa, je nach Region sogar noch mehr. Ich finde es wichtig, dass man wählt.

„Bemüht euch um das Wohl der Stadt (...) und betet für sie, denn wenn es ihr gut geht, dann geht es euch auch gut.“ (Jer 29,7) Dazu rät der Prophet Jeremia aus der Bibel.

Deshalb gehe ich zur Wahl, denn indem man wählt, unterstützt man die Arbeit der Menschen, die sich zur Wahl stellen. Wahlbeteiligung – das ist für die Menschen, die sich für ein politisches Amt engagieren, ein wichtiges Zeichen der Unterstützung.

Politik ist für einige Menschen ein Beruf. Aber für noch sehr viel mehr Menschen, gerade in den Kommunalparlamenten, ist sie ein Ehrenamt. Sie engagieren sich neben ihrem Beruf und ihren Aufgaben in der Familie noch für die Allgemeinheit.

Mich beeindruckt das sehr. Vor allem, wenn ich erlebe, mit wie viel Mühe diese Arbeit in der Politik verbunden ist. Es ist eine Aufgabe, die viel Zeit und sicher auch viel Kraft kostet. Probleme werden oft in langen Sitzungen und nicht selten in hitzigen Debatten beraten. Der Umgangston ist manchmal ziemlich rau und nicht immer sachlich; und das um so mehr, wenn es um Dinge geht, die den Beteiligten sehr am Herzen liegen.

Ich bewundere es, wie Politikerinnen und Politiker das schaffen und aushalten und trotzdem weitermachen in ihrem Amt; manche tun das viele Jahre lang, weil sie sich trotz aller Mühe gerne einsetzen für andere und sich viele Gedanken machen um sie.

„Bemüht euch um das Wohl der Stadt (...) und betet für sie, denn wenn es ihr gut geht, dann geht es euch auch gut.“ (Jer 29,7)

Zu Zeiten von Jeremia hat es noch keine Kommunalwahlen gegeben. Aber er hat, denke ich, einen wichtigen Zusammenhang gesehen, nämlich dass ich mich nicht nur in einem gewählten Amt für die Allgemeinheit einsetzen kann sondern auch durch meine Haltung ihr gegenüber, meinen Respekt und zum Beispiel auch durch mein Gebet. Und dass das alles am Ende gut und sinnvoll ist – auch für mich.

Ich wünsche den Menschen, die sich am Sonntag zur Wahl stellen, Gottes Segen dafür.

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23MAI2019
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Kennen Sie Wegkreuze? Bestimmt sind Sie beim Spazierengehen schon einmal an einem vorübergekommen. Ich habe mir bisher selten darüber Gedanken gemacht, wenn ich an einem vorbeigekommen bin. Aber vor einigen Wochen habe ich zusammen mit meinem katholischen Kollegen ein Wegkreuz eingeweiht: Ein Denkmal, ein großes Holz-Kreuz auf einem Steinsockel, das schon lange an diesem Ort gestanden hat und das verwittert gewesen ist.

Der Geschichtsverein hat sich seiner angenommen und hat es restaurieren lassen. Jetzt steht es wieder stabil und hergerichtet an einer Kreuzung von zwei Feldwegen. Und ich habe angefangen, über dieses Kreuz am Weg nachzudenken.

Es steht am Übergang zwischen den Häusern unseres Städtchens und den Weinbergen. Früher ist es ein Anhaltspunkt gewesen, wenn die katholische Gemeinde zur Fronleichnamsprozession von Kreuz zu Kreuz gezogen ist. Und auch jetzt ist es ganz praktisch ein Punkt zum Anhalten: Man kann nämlich nicht so einfach mit dem Auto oder mit dem Traktor dran vorbeifahren. Man muss langsam machen und das Kreuz vorsichtig umfahren, wenn man hier weiterkommen will. Es steht buchstäblich im Weg und bremst allzu forsche Verkehrsteilnehmer etwas aus.

Der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho nennt Wegkreuzungen „heilige Orte“, wo sich große Kräfte kreuzen: die Kraft des Weges, der gewählt wird von dem Menschen, der hier weitergeht; und die Kraft des Weges, der verworfen wird, weil der Mensch da nicht weitergeht.

Da, wo das Wegkreuz steht, sagt Coelho, an der Kreuzung der beiden, werden beide für einen kurzen Augenblick zu einem Weg. Ich denke daran, wie oft ich in meinem Leben an so einer Wegkreuzung gestanden habe bei vielen großen und kleinen Entscheidungen. Niemand weiß, wie mein Leben weitergegangen wäre, wenn ich mich für den anderen Weg entschieden hätte.

Jetzt steht am Übergang zwischen den Häusern und den Weinbergen unseres Städtchens dieses Kreuz. Es erinnert mich daran, dass ich Gott bitten kann, dass er mir hilft, den richtigen Weg zu finden.

Jedes Wegkreuz aus Stein oder Holz erinnert mich daran, dass Gott mir ein Anhaltspunkt ist, wenn ich mich entscheide.

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22MAI2019
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Sich fahren lassen oder sich tragen lassen – das ist ja eigentlich ein schönes Gefühl. Jedenfalls finden kleine Kinder das meistens klasse, wenn Papa oder Mama sie auf dem Arm herumtragen oder im Kinderwagen herum fahren. Voller Vertrauen können sie sich dem überlassen.

Gott hat durch einen Propheten seinen Menschen ausrichten lassen, dass er sie in schwierigen Situationen tragen wird. In der Bibel kann man das nachlesen:

„Bis ins hohe Alter bin ich es, der euch trägt. Ich habe es getan, und ich werde euch tragen, und ich will euch halten und euch retten.“ (Jes 46,4).

Der Dichter Jochen Klepper hat dazu ein Lied geschrieben, es steht in unserem evangelischen Gesangbuch: „Ja ich will euch tragen, bis zum Alter hin…“ Viele singen das gern. Das Versprechen: Wenn ich allein nicht weiter kann, dann trägt mich Gott, – das tut vielen gut.

Andererseits: Es ist gar nicht so leicht, sich helfen zu lassen.

Wenn unsere Konfirmanden das Altenheim in unserer Gemeinde kennenlernen sollen, dann üben sie auch, einen Rollstuhl zu schieben. Ein Konfirmand setzt sich in den Rollstuhl hinein, und ein anderer schiebt ihn durch den Flur. Mir fällt auf, dass sich unter den Konfirmanden schnell jemand findet, der das Rollstuhlschieben üben mag. Im Rollstuhl sitzen, obwohl das doch so viel bequemer ist, – das mögen die Jugendlichen gar nicht so gerne. Und sie können es auch nicht einfach nur genießen.

Man muss ja einiges von der Kontrolle über die Situation abgeben. Man muss sich einem anderen überlassen. Ich finde, das ist nicht einfach: Die meisten Menschen haben es lieber, wenn sie die Situation im Griff behalten. Mir geht das auch so.

Aber fast jeden plagt doch auch die Angst: Irgendwann schaffe ich es vielleicht nicht mehr allein. Eine Krankheit, oder das Alter – es kann schnell gehen. Wie gut, dass Gott verspricht: „Ich will euch tragen.“
Ihm kann ich mich überlassen. Ihm kann ich mein Herz ausschütten, wenn mir alles zu viel wird. Bei ihm kann ich seufzen, wenn es mir schwerfällt, mich tragen zu lassen.

Das erleichtert. Und ich weiß Gott wird mir dafür ein tapferes Herz geben und Geduld, auch in schwierigen Zeiten. Und vielleicht kann ich dann spüren: Sich tragen lassen, das ist nicht einfach – aber es ist schön.

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21MAI2019
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„Da hat sich ein Kreis geschlossen,“ sagen Menschen manchmal. Und sie meinen damit, dass eine Geschichte zu einem Abschluss kommt und dabei gleichzeitig wieder dort anknüpft, wo sie begonnen hat. Eine solche Gesichte hat mir ein Freund erzählt, nachdem seine Frau gestorben war.

Mehr als sechzig Jahre waren sie verheiratet. Sie hatten sich kennengelernt, als beide Anfang zwanzig waren. Und den ersten Kuss hatten sie einander gegeben, als sie einmal an einem warmen Sommertag einen Ausflug unternommen haben. Mein Freund wusste noch genau, wo das gewesen ist: Wo sie ein Picknick gemacht haben und sich in die Sonne gesetzt haben auf einen großen Felsen am Waldrand.

Nach längerer Krankheit ist seine Frau jetzt gestorben, und er hat sich überlegt, wie der Stein für das Grab seiner Frau aussehen sollte. So ist er zum Steinmetz im Dorf gegangen. Der hat ihm angeboten: „Kommen Sie doch einfach mit, wenn ich in den Steinbruch fahre, wo ich immer meine Steine hole. Dann können Sie sich den Stein gleich selbst aussuchen“. So hat mein Freund den Steinmetz begleitet, als sie sich auf eine längere Fahrt gemacht haben. Und er hat nicht schlecht gestaunt, als der Steinmetz  mit ihm genau dorthin gefahren ist, wo er sechzig Jahre zuvor mit seiner Freundin das Picknick gehalten hat.

Ja, hier, von genau diesem Ort hat er dann den Stein bestellt, der auf das Grab seiner Frau kommen soll. Mein Freund schmunzelt jedes Mal, wenn er die Geschichte erzählt und wenn er an den Anfang denkt, an jenen Sommertag vor so langer Zeit. Jetzt hat sich der Kreis geschlossen, als er von diesem Steinbruch einen Stein fertigen lässt.

Manchmal schließt sich ein Kreis im Leben nach langer Zeit, und manchmal geschieht das sogar ohne, dass wir das bewusst herbeiführen.

Ich stelle mir vor, dass dieser besondere Stein meinem Freund hilft beim Abschied von seiner Frau. Es ist nicht nur ein schöner Grabstein, kunstvoll behauen und mit schöner Inschrift.  Es ist darüber hinaus ein Sinnbild dafür, wie lange die beiden beisammen waren.

Der Stein ist ein Sinnbild auch für den Weg, den sie zusammen gegangen sind seit diesem Ausflug damals, ein Sinnbild auch für die erste zarte Annäherung. Etwas was lange zurückliegt, ist beim Betrachten von diesem Stein wieder Gegenwart.

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20MAI2019
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„Eine Sache für Profis“ sei es, sich um das Klima zu kümmern - das hat ein bekannter Politiker im Fernsehen gesagt. Er hat gemeint, dass Schüler nicht naiv für die Rettung des Klimas streiken sollten, womöglich sogar während der Schulzeit. Klimarettung – das sollten sie den Wissenschaftlern und den Politikern überlassen. Solchen, die von Berufs wegen dafür zuständig sind. Profis eben.

Mit fällt dazu eine Gesichte von Jesus ein, wo es auch um Profis gegangen ist. Als er am See Genezareth dem Fischer Simon begegnet ist.
Simon war enttäuscht, wie die anderen Fischer. Sie hatten die ganze Nacht gearbeitet, und sie hatten kaum was gefangen. Jesus hatte vermutlich keine Ahnung vom Fischfang. Trotzdem hat er Simon und den anderen Fischern geraten, noch einmal hinauszufahren und die Netze noch einmal auszuwerfen.

Simon der Fischer hat es gewagt, zu widersprechen: Meister, wir haben die ganze Nacht über gearbeitet und nichts gefangen. Wahrscheinlich hätte er gerne noch dazu gesagt: „Jesus, das hat keinen Sinn! Wir haben es versucht. Es ist grad keine gute Zeit für Fischfang. Schon gar nicht am Tag.“ Und er hätte noch sagen können: „Jesus überlass das mal uns Fachleuten. Wir kennen uns damit aus.“

Aber dann hat er es sich anders überlegt. Simon scheint gespürt zu haben: Jesus war ein Fachmann für einen neuen Versuch. Simon sagt also zu Jesus: Wenn du es sagst, werde ich die Netze auswerfen.
Und tatsächlich ist dieser zweite Versuch dann besonders erfolgreich. Die Bibel erzählt, dass es ein sensationeller Fang wurde. Sie waren Profis, die sich von einem anderen Profi haben etwas sagen lassen. Wie gut!

Die Schülerinnen und Schüler, die für die Rettung des Klimas streiken, halten sich nicht für Profis. Obwohl viele von ihnen sich sehr intensiv mit den Problemen beschäftigt haben. Die meisten von ihnen wissen dadurch inzwischen mehr darüber als viele Erwachsene.

Aber die Schüler und Schülerinnen sind Profis in Beharrlichkeit. Und sie zeigen damit denen, die sich vielleicht noch nicht genug einsetzen,  wohin es gehen muss: Macht‘s nochmal! Vielleicht gegen alle Erfahrung und gegen den professionellen Umgang, der noch nicht genug gebracht hat. Versucht es anders.

Ich denke, dass Jesus den Jugendlichen, die sich für die Rettung des Klimas einsetzen, Recht geben würde.

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