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SWR4 Abendgedanken

„Komm, lieber Mai, und mache die Bäume wieder grün

und lass mir an dem Bache die kleinen Veilchen blühn!

Wie möchte ich doch so gerne ein Veilchen wieder sehn,

ach, lieber Mai, wie gerne einmal spazieren gehn!“

Ein Text voller Sehnsucht. Bei mir in Furtwangen und im ganzen Schwarzwald spüre ich diese Sehnsucht ganz besonders. Ich vermisse die Blumen, die hellgrünen Blätter. Erst in diesen Mai-Tagen bekommen die Laubbäume die neuen Blätter. Ich warte auf das Blühen des Flieders vor meiner Haustür, auf seinen intensiven Geruch.

Ich habe viele Sehnsüchte. Nach Sonne und Wärme, Frühling und Sommer. Nach erholsamem Schlaf. Nach Liebe.

Aber auch nach einem erfüllenden Beruf. Nach einem belebenden Urlaub.

Alte Menschen sehnen sich danach, möglichst lange selbständig zu Hause zu wohnen. Die Sehnsucht von kranken Menschen ist, wieder gesund zu werden. Und Kinder sehnen sich danach, endlich groß zu sein.

Wir Menschen brauchen etwas, wonach wir uns sehnen, was unser Ziel sein kann.

Ich bin davon überzeugt, Sehnsucht ist der Treibstoff unseres Lebens. Auch wenn wir manchmal lange warten müssen, bis sich eine Sehnsucht erfüllt, gibt sie uns doch Ausdauer und langen Atem und lässt uns manches im Leben leichter ertragen.

Ich trage in mir noch eine ganz besondere Sehnsucht. Nicht erst seit heute, schon viele Jahre. Als Jugendlicher ist diese Sehnsucht gewachsen und sie ist bis heute präsent.

Einmal nur würde ich gerne Jesus begegnen, den Klang seiner Stimme hören, ihn live erleben. Ihm in die Augen schauen. Spüren, was die Menschen so begeistert hat, dass sie ihr Leben teilweise radikal geändert haben. Seine Liebe einmal ganz persönlich erleben.

Diese Sehnsucht treibt mich an, ihn immer wieder zu suchen, im Gebet, im Gottesdienst, beim stillen Meditieren, und auch beim Singen.

Da ist es besonders ein Lied, das für mich meine Sehnsucht in begeisternde Worte fasst.

„Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott,

nach dir, dich zu sehn, dir nah zu sein.

Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück,

nach Liebe, wie nur du sie gibst.“

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Es ist Abend. Nicht mehr lange und die Sonne geht unter. Und mit ihr verschwindet das Licht. Für uns Menschen beginnt die Zeit des Schlafes. Ohne Schlaf können wir nicht leben. Und doch geben wir während des Schlafens unser Bewusstsein aus der Hand.

Ein Nachtgebet, das mich schon immer beeindruckt hat, fasst diese Erfahrung in Worte:

„Schon wirft die Erde sich zur Nacht

Des dunklen Mantels Falten um.

Der Schlaf, des Todes sanftes Bild,

führt uns dem Grab des Schlummers zu.“

Das erinnert mich unweigerlich an Karfreitag. Schlafen ist fast wie ein bisschen sterben. Und tatsächlich stirbt der vergangene Tag und wird zur Vergangenheit. Damit ist er beendet, zurückholen kann ich ihn nicht. Und ich erhole mich beim Schlafen. Ich stelle mir vor, dass ich stundenlang still daliege und schlafe und wieder aufstehe, wenn der Wecker klingelt.

Da wir Menschen gerne alles erforschen, haben wir Schlaflabore erfunden, in denen Menschen während des Schlafens beobachtet werden. So wissen wir, dass es Phasen des Tiefschlafes gibt. Die wechseln sich ab mit Phasen, in denen wir nicht so tief schlafen, aber dafür träumen. Wir schauen beim Träumen sogar mit unseren geschlossenen Augen umher. Sie bewegen sich ganz schnell.

Und wir bewegen uns eifrig im Schlaf. Im Durchschnitt drehen wir uns etwa 17mal um die eigene Achse. Aber davon bekommen wir gar nichts mit.

Traum – fast wie ein Film, den wir aber selbst gar nicht beeinflussen können. Manchmal können die uns sogar ganz schön erschrecken – Alpträume.

„Wenn uns die schwarze Nacht umhüllt,

sind wir von Traum und Wahn bedrängt,

bedroht von Zweifel und von Angst.“ So sagt es das Gebet.

Vielleicht gibt es kaum eine andere Tageszeit, über die es so viele Texte und Lieder gibt, wie über die Nacht. Weil sie so besonders ist. Weil wir über unsere Lebenszeit im Schlaf keine Kontrolle haben.

Wenn es dann Morgen wird und hell, wachen wir auf. Meistens durch den Wecker. Und dann stehen wir auf.

Schlafen ist ein bisschen wie sterben. Aber: Nach Karfreitag kommt Ostern.

Nach dem Einschlafen kommt das Auf – er – stehen.

Jeden Tag ein kleines Ostern.

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„Bevor die Sonne sinkt“. So beginnt ein Abendlied, das in vielen Gesangbüchern zu finden ist. Vielleicht haben Sie es selbst auch schon gesungen. Ich mag es gerne, weil es uns Menschen viele Tipps gibt, wie wir den Tag ausklingen lassen können.

„Bevor die Sonne sinkt, will ich den Tag bedenken.“

Der erste Tipp: Den Tag bedenken. Zurückblicken, auf die Stunden, die wir an diesem Tag erlebt haben. Begegnungen, Gespräche. Hoffentlich Worte, die den anderen geholfen haben. Sich noch einmal über das gut Gelungene freuen, noch einmal das nicht Gelungene anschauen, vielleicht kommt ja auch noch eine Idee, wie es das nächste Mal besser gehen kann. Bestimmt gibt es auch manches, zu dem wir heute gar nicht gekommen sind. Das dann auf der ToDo-Liste weitergeschoben wird auf den nächsten Tag.

„Die Zeit, sie eilt dahin“ heißt es im Lied. Als Kind habe ich das nicht verstanden. Jetzt, wo ich älter bin, kann ich das immer besser nachvollziehen. Ich habe oft den Eindruck, dass die Zeit sogar zu rennen scheint.

„Bevor die Sonne sinkt, will ich das Sorgen lassen.“

Der zweite Tipp: Das Sorgen lassen. Das ist oft aber leichter gesagt als getan. Man kann die Sorgen ja nicht ausknipsen, wie das Licht beim ins Bett gehen. Doch schläft es sich bestimmt besser, wenn wir nicht ständig an unsere Sorgen denken müssen. Vielleicht hilft es da, mit jemand Vertrautem zu sprechen. Anderen gelingt es, sie im Gebet Gott zu übergeben. Oder einfach nur, sie aufzuschreiben.

„Bevor die Sonne sinkt, will ich dir herzlich danken.“

Der dritte Tipp: Gott herzlich danken. Dafür, dass ich leben darf. Dafür, dass ich Freunde habe. Dafür, dass ich eine Arbeitsstelle habe. Dafür, dass ich in Sicherheit leben kann. Dafür, dass …, so vieles geht mir da durch den Kopf, dass ich gar nicht alles sagen kann.

„Die Zeit, die du mir lässt, will ich dir Lieder singen“ heißt es weiter im Text. Keiner von uns weiß, wieviel Zeit uns bleibt. Und das finde ich sehr gut so. Ich will gar nicht wissen, wann mein letzter Tag ist. Ich werde es merken. So erlebe ich jeden Tag dankbar als geschenkten Tag.

„Bevor die Sonne sinkt, will ich dich herzlich bitten: Nimm du den Tag zurück in deine guten Hände.

Der vierte und letzte Tipp: den Tag in Gottes gute Hände zurücklegen. Den Tag abgeben, er ist gewesen, und jetzt ist er fast zu Ende. Wir können ihn nicht mehr ändern.

So freue ich mich auf das Neue, das mich morgen erwartet.

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„Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“ Diese Worte begleiten mich fast an jedem Abend. Sie stammen aus einem österlichen Bibeltext. Er steht im 24. Kapitel des Lukasevangeliums und ist einer meiner Lieblingstexte in der Bibel.

Weil er Hoffnung gibt. Weil Menschen nach all diesen Erfahrungen wieder ins Leben zurückfinden. Vorher haben die gleichen Menschen den Zusammenbruch ihres ganzen Lebensentwurfes erlebt. Jesus wurde gekreuzigt und begraben. Und mit ihm alle Hoffnungen der Menschen. Nur Verzweiflung ist übriggeblieben.

Es geht um Kleopas und einen nicht namentlich genannten Jünger. Der könnte so wie ich heißen, oder so wie jeder, der mitgehen will. Diese Idee hat mich schon immer begeistert. Ich selbst bin auf dem Weg nach Emmaus dabei. An vielen Abenden. Auch heute wieder.

„Wir haben uns auf den Heimweg gemacht. Es war zu traurig. Vielleicht ein bisschen Flucht. Aber das schien uns die einzige Möglichkeit. Nach Emmaus, 24 Kilometer von Jerusalem entfernt. Traurig, mit hängenden Köpfen. Den fremden Wanderer haben wir kaum bemerkt. Erst als er uns nach dem Grund unserer Traurigkeit fragt. So bringt er uns zum Sprechen und das hat sehr gut getan.“

Ich wünsche mir das für alle Menschen. Einen anderen, der sie in schwierigen Lebenslagen begleitet. So eine Art Notfallseelsorger, wie sie jetzt bei Unfällen und Katastrophen immer gerufen werden.

„Der Fremde hat die Initiative übernommen. Und uns Einzelheiten in der Bibel erklärt. Wie alles zusammenhängt. Wo überall vom Erlöser die Rede ist. Das hat uns neue Hoffnung gegeben. Ein bisschen Zuversicht.

So ist es Abend geworden. In Emmaus haben wir den Fremden dann zu uns eingeladen. Damit er nicht in der Nacht laufen muss. Aber dann ist es ganz anders gekommen.

Am Tisch bricht er mit uns das Brot, wie beim Abendmahl vor wenigen Tagen. Da begreifen wir: Das ist Jesus und er lebt wirklich. Aus Hoffnung ist Sicherheit geworden. Aus Trauer neue Kraft.

Und nun sind wir es, die nichts mehr zu Hause hält. Die mitten in die Nacht hinein loslaufen, zurück, nach Jerusalem. Die den anderen dort berichten, dass alles wahr ist. Jesus lebt.“

Eine ganz besondere Nacht. An die ich mich noch lange erinnere. Weil Hoffnung und Zuversicht gewachsen sind und Freude am Leben. So eine Freude spüre ich jedes Mal, wenn ich diesen Text lese, - denn ich bin ja dabei gewesen, der namenlose Jünger, und weiß: Jesus ist wirklich auferstanden.

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Auch heute brennt die Osterkerze mit der Zahl 2019 in unserer Kirche. Ostern ist für uns Christen so wichtig, dass wir es insgesamt 50 Tage lang feiern. Und damit seine zentrale Botschaft: Der Gekreuzigte lebt. Der Tod ist besiegt. Das Grab ist offen und leer.

Dabei erfahren wir im Leben oft etwas ganz anderes. Der Tod ist endgültig, hier auf der Erde begegnen wir den Verstorbenen nicht mehr. Wer auf den Friedhof geht, sieht, dass die Gräber zugeschaufelt sind. Behalten also doch die Menschen recht, die davon sprechen, dass die Christen einer verrückten Idee anhängen? Ich bin da auch immer mit vielen Fragen auf der Suche.

Aber ich will mich nicht damit abfinden, dass nach dem Tod nichts mehr kommt, dass einfach Schluss ist. Aus und vorbei.

Die Bibel erzählt anderes. Jesus ist nach seiner Auferstehung den Jüngern erschienen. Nur einer ist nicht dabei gewesen. Thomas.

Die anderen erzählen ihm von ihrer Begegnung mit Jesus. Aber Thomas zweifelt. Wollen die anderen Jünger ihm nur etwas erzählen? Soll er sich tatsächlich auf so etwas Unglaubliches einlassen? Thomas entscheidet sich für die Sicherheit. Wenn ich Jesus nicht selbst sehe, meinen Finger nicht in seine Wundmale legen kann, dann glaube ich nicht. Thomas der Zweifler. Thomas der Ungläubige.

Ich habe mir schon oft die Frage gestellt, wie ich mich wohl in dieser Situation entschieden hätte. Und ich muss ehrlich sagen, dass ich wahrscheinlich auch den Beweis gewollt hätte. Von daher kann ich Thomas gut verstehen.

Ja, Ostern ist ein verrücktes Fest. Es stellt alle menschlichen Erfahrungen auf den Kopf. Der Tod ist nicht das Ende, das Leben siegt. Der auferstandene Jesus steht mitten unter den Jüngern, zum Greifen nah. Und das nicht nur einmal. So hat Thomas seine Antwort bekommen. Als Jesus das nächste Mal zu den Jüngern kam, lädt er Thomas ein, sich zu überzeugen. Aber Thomas berührt Jesus nicht, allein das Sehen der Wundmale hat ihn überzeugt. Aus seinem Zweifel ist Sicherheit geworden. Für unseren Glauben bedeutet das, dass wir wie Thomas auch den Zweifel zulassen dürfen und trotzdem auf sein Wort vertrauen. Wir können uns ja nicht so an Jesus annähern, wie Thomas das konnte. Für uns bleibt also ein Stück Risiko in unserem Glauben. Und trotzdem wage ich zu glauben. Jesus lebt.

Mit dieser Botschaft ist Thomas in die Welt hinausgegangen, 6900 km ist er unterwegs gewesen. Bis nach Südindien ist er gekommen. Und hat dort vom auferstandenen Jesus erzählt.

Und von seiner Antwort auf Jesus: „Mein Herr und mein Gott!“

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