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SWR4 Abendgedanken

„Die Zeit läuft mir davon. Zu warten wäre eine Schande für die ganze Weltbevölkerung. Ich muss jetzt los, sonst gibt's die große Katastrophe. Merkst du nicht, dass wir in Not sind? Ich muss jetzt echt die Welt retten.“ So hat Tim Bendzko schon vor Jahren gesungen. Mir klingt dieses Lied noch immer in den Ohren und mittlerweile sehe ich, dass viele Jugendliche genau das umsetzen.

Fridays for future – heißt die weltweite Aktion, die die sechzehnjärige Greta Thunberg ins Leben gerufen hat. Es geht um die Zukunft und um unser menschliches Verhalten. Da Greta und inzwischen viele andere junge Menschen der Ansicht sind, es muss sich was ändern, gehen sie auf die Straße und demonstrieren für ihre Zukunft. Die Auswirkungen des Klimawandels gefährden die Zukunft und dagegen muss etwas getan werden. Am besten gleich. Am besten sofort. Ansonsten gibt es keine Zukunft. Das ist die Botschaft der jungen Menschen.

Mich beeindruckt das Verhalten der Jugendlichen. Sie nehmen alle Kritik auf sich und demonstrieren für ihre Zukunft. Es gibt nur diese eine Welt, sagen sie, und warum sollten sie freitags lernen, wenn sie nicht wissen, ob sie dieses Wissen noch brauchen und welches Wissen sie noch brauchen werden für eine veränderte Welt.

Mich bringen diese Freitagsaktionen zum Nachdenken. Und ich versuche jetzt, freitags für mich im Kleinen die Welt zu retten. Zumindest einen Anfang zu machen. Freitags versuche ich, mein Auto stehen zu lassen und viele Wege mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurückzulegen. Wenn ich freitags einkaufe, bemühe ich mich, so wenig in Plastikverpackungen wie möglich zu kaufen.

Fridays for future. Mit der Jugend möchte ich dem uralten Schöpfungsauftrag nachkommen, Wir Christen glauben: Gott hat den Menschen den Auftrag gegeben, diese Erde zu bebauen und zu bewahren.  So könnten wir alle eine Zukunft haben. Ich weiß, dass das nicht leicht ist. ich genieße ja auch so vieles, was der Erde schadet. Aber es muss sich was ändern. Das begreife ich. Ich habe den Auftrag, die Erde zu bewahren.

Denn Gott hat die Erde gut gemacht und wir können das Leben hier gemeinsam gut für die Zukunft gestalten. Nicht nur freitags. Alleine kann ich das nicht. Aber gemeinsam haben wir eine Chance.

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Gibt es ein Pendant zum Morgenmuffel? Das habe ich mich neulich gefragt. Ein Morgenmuffel ist klar definiert. Das ist ein Mensch, der morgens schlechte Laune hat, mürrisch und wortkarg ist. Aber ein Abendmuffel?

Ich gebe zu, ich bin manchmal ein Abendmuffel. Stolz bin ich nicht darauf. Aber ich bin an manchen Abenden mürrisch und schlecht gelaunt. Das hat meistens seine Ursache in dem, was ich tagsüber erlebt und gearbeitet habe. Also eher in dem, was ich nicht geschafft habe. Das liegt mir dann im Magen und verdirbt mir die Laune.

Meistens habe ich mir zu viel vorgenommen und nicht alles hat geklappt und ist erledigt. Dann sitze ich da und ärgere mich über das Nichtgelungene. Bei all dem Ärger sehe ich nicht, was ich alles geschafft habe und wo ich schöne Momente hatte.

Das schöne Gespräch am Morgen mit einer Frau aus dem Dorf zum Beispiel, das Spielen im Garten mit meinen Kindern am Nachmittag, die Sitzung, die einen guten Ausblick auf die nächsten Tage gegeben hat. All das sehe ich nicht mehr. Weil ich muffelig bin und nicht mehr alles im Blick habe.

Für mich ist deshalb ein Abendmuffel ein Mensch, der mit zu kritischem Blick auf den Tag zurückblickt. So kann er das Schöne und Gelungene, die wunderbaren Kleinigkeiten nicht mehr sehen. Das äußert sich bei mir wie beim Morgenmuffel: Ich habe schlechte Laune, bin mürrisch und wortkarg. Und während bei dem einen der Tag nicht gut beginnt, endet er bei mir nicht gut.

„Abend und Morgen sind seine Sorgen; segnen und mehren, Unglück verwehren sind seine Werke und Taten allein. Wenn wir uns legen, so ist er zugegen; wenn wir aufstehen, so lässt er aufgehen über uns seiner Barmherzigkeit Schein.“So heißt es in einem alten Kirchenlied von Gott.

Vielleicht sollte ich das ab und mal beherzigen. Meine Sorgen Gott anvertrauen. Nicht erwarten, dass er sie für mich löst, aber einfach nicht alles immer selbst und sofort machen wollen. Sondern auch einfach mal loslassen. Abends das Unerledigte unerledigt sein lassen. Es aber auch nicht mit ins Bett nehmen, sondern bis zum nächsten Morgen in Gottes Hände legen. Und morgens, wenn ich nicht muffelig bin, mit frischem Blick darauf schauen. Dann ergibt sich oft auch für Abendmuffel eine neue Perspektive.

 

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„Meine Schwester hat die beste Schwester“, das hat mir vor kurzem eine Freundin schmunzelnd mitgeteilt. Es hat ein wenig gedauert, bis ich verstanden habe, dass sie über sich selbst geredet hat. Da musste ich doch lachen. Ich weiß nämlich nicht, ob mein Bruder so eine Aussage über mich bestätigen würde. Als Kinder waren wir oft einer Meinung. Aber oft auch grundverschieden. Wir waren ein Herz und eine Seele und manchmal hat es richtig gekracht zwischen uns.

So war das wohl auch mit Jakob und Esau. Von ihnen wird in der Bibel berichtet. Zwillingsbrüder, grundverschieden. Jakob war der feinere, Mamas Liebling. Er hat mehr Zeit zuhause verbracht und konnte gut kochen. Esau war der wildere von beiden. Er ging auf die Jagd, trug raue Kleidung und war Papas Liebling. Wie das bei Zwillingen so ist, war natürlich trotz allem einer der Ältere, das war Esau. Er sollte der Tradition nach mal das Familienoberhaupt werden. Das hat Jakob nicht gepasst und so hat er die Gunst der Stunde genutzt und Esau in einem schwachen Moment das Recht des Erstgeborenen abgeschwatzt. Und nicht genug. Als der Vater im Sterben lag und Esau als Erstgebornen segnen wollte, hat sich Jakob diesen Segen durch eine List erschlichen.

In diesem Moment war klar: Die Brüder waren auf Dauer geschieden. Denn Jakob hat vor dem Zorn seines Bruders fliehen müssen. Und was auch schlimm war, er musste mit der Schuld leben, seinen Bruder betrogen zu haben.

Viele Jahre später hat Jakob das Heimweh geplagt, er wollte wieder nach Hause, doch er hatte auch Angst vor der Reaktion seines Bruders. Wie würde Esau auf ihn reagieren? Wie würde er ihn empfangen? Wäre er willkommen oder würde er ihn verjagen? Gott jedoch gab den Brüdern die Kraft, sich zu versöhnen. Er will, dass Feindschaft aufhört und Frieden herrscht. Und so konnten sich die beiden wieder in die Arme schließen.

Jakob und Esau stehen für die Lebensgeschichten vieler Geschwister. Wie gut, wenn sie einander vergeben können Und sei es erst nach Jahren. Und wer weiß, vielleicht hat Esau irgendwann auch einmal gesagt: Mein Bruder hat den besten Bruder! Ich jedenfalls werde nachher meinen Bruder mal anrufen oder ihm zumindest eine kleine Nachricht schreiben. Er soll wissen, dass ich an ihn denke.

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Eine schwere Last tragen, ist nicht einfach. Aber neulich habe ich eine schöne Situation beobachtet. Es war beim Einkaufen im Getränkemarkt. Ich habe meinen Wagen mit den vollen Kisten Richtung Auto geschoben. Dabei habe ich eine junge Frau gesehen, die ihre Sprudelkiste ganz alleine getragen hat. Da hat ein älterer Mann die junge Frau angesprochen und dann haben sie die Kiste gemeinsam getragen. Jeder hat auf einer Seite angefasst. Und zusammen sind sie zum Auto gelaufen und haben die Kiste in den Kofferraum gestellt.

Mich hat die Situation zum Nachdenken gebracht. „Warum hat der Mann nicht wie ein Gentleman die Kiste alleine getragen? Das wäre doch wirklich beeindruckend gewesen.“ Aber ich glaube, dann wäre es vielleicht ihm zu schwer gewesen. Gemeinsam jedoch ging es gut für beide und sie konnten sich dabei noch unterhalten. So war die Last leichter und keiner war damit überfordert.

„Es gibt zwei Möglichkeiten, einem Menschen, der von einer Last gedrückt wird, zu helfen. Entweder man nimmt ihm die ganze Last ab, so dass er künftig nichts mehr zu tragen hat. Oder man hilft ihm tragen, in dem man ihm dies Tragen leichter macht. Jesus will nicht den ersten Weg mit uns gehen.“

Das hat Dietrich Bonhoeffer einmal gesagt. Mir gefällt das. Denn auch wenn ich an Gott glaube, so ist das Leben nicht immer nur leicht. Ich erfahre auch Trauer und Kummer und manches geht mir nur schwer von der Hand. Aber dennoch glaube ich, dass ich nicht alleine durch das Leben gehe. Ich fühle, dass Gott mit mir geht und mir hilft, meine Lasten zu tragen. Weil er mir Menschen zur Seite stellt, mit denen ich reden kann. Weil er mir gerade jetzt in der Zeit vor Ostern zeigt, dass Last und Leichtigkeit gleichzeitig zum Leben gehören. Dass ich mal beim Tragen geholfen bekomme und mal anderen helfen kann. Mir hilft es oft, dass ich Gott erzählen kann, was mich bewegt und beschwert. Manchmal hilft es mir schon, es einfach ausgesprochen zu haben. Irgendwie ist es dann leichter zu tragen.

So wie die Sprudelkiste. Ihr Gewicht ist gleich geblieben. Doch als die junge Frau und der ältere Mann zusammen getragen haben, hat jeder nur die halbe Last gehabt. Ich hoffe, ich vergesse das nicht so schnell wieder.

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Ich trage eine Brille. Und obwohl ich diese regelmäßig putze, sehe ich manchmal trotzdem nicht, was eigentlich los ist. Was wirklich wichtig ist, das übersehe ich.

Oftmals sehe ich nur das, was mir wirklich vor Augen ist, was offensichtlich und klar erkennbar ist. Für manch anderes habe ich keinen Blick. Das ist halt so und nicht der Rede wert. Oder ich habe es schon so oft gesehen, dass ich es gar nicht mehr bewusst wahrnehme. Manchmal bin ich so in Eile, dass ich gar nicht richtig hinschaue. Oder ich lasse mich von dem leiten, was an der Oberfläche ist und mache mir nicht die Mühe, dahinter zu blicken.

„Der Mensch sieht was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an.“ In der Bibel wird erzählt, dass das bei Gott anders ist. Gott sei Dank. Er sieht tiefer. Sieht, was wirklich los ist. Zum Beispiel als es um die Auswahl eines neuen Königs geht. Obwohl David noch Brüder hat, die älter und stärker und schöner sind als er, fällt die Wahl Gottes auf ihn. Gott hat sich richtig Zeit genommen. Er hat sich also nicht von den Äußerlichkeiten leiten lassen, sondern hat auf die inneren Werte geschaut. Das, was er dort gesehen hat, das hat er wertgeschätzt. Und David wird ein großer König. Später hat er selber auch Fehler gemacht. Aber damit konnte er umgehen, zu seinen Fehlern stehen und neu anfangen. Vielleicht war das das Besondere, das Gott in ihm erkannt hatte.

Das möchte ich auch können. Den Blick auf das Besondere des Menschen richten. Erkennen, was ihn ausmacht, was ich nicht gleich sehe. Viel zu oft beurteile ich Menschen nach dem, was mir vor Augen ist. Und wahrscheinlich werde ja auch ich selbst so angeschaut: Wie ist die denn angezogen? Was für eine schreckliche Brille! Und die Frisur erst…

Es ist immer besser, einen zweiten Blick zu wagen und sich nicht blenden zu lassen von dem Sichtbaren. Die mit der komischen Brille ist vielleicht richtig nett. Und hilfsbereit. Und wie gut sie zuhören kann! Aber das merkt man natürlich nicht gleich. Ein Gespräch klärt vieles, sagt viel mehr über einen Menschen aus als die Kleidung, die er trägt. Deswegen möchte ich mir zukünftig mehr Zeit für den zweiten Blick nehmen. Gerade dann, wenn der erste Blick mich schon zu sehr auf eine Meinung festlegt. Also werde ich zukünftig nicht nur meine Brille putzen, sondern auch meinen Blick schärfen und versuchen, ins Herz zu schauen.

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