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SWR4 Abendgedanken

Für Frauen gibt es grad einiges zu feiern: Hundert Jahre Wahlrecht für Frauen, kürzlich der Weltfrauentag und überhaupt immer mehr Frauen, die erfolgreich in Politik und Wirtschaft unterwegs sind.

Klar: Es gibt noch viele Ungerechtigkeiten, an denen wir arbeiten müssen. In Europa werden noch immer durchschnittlich 16 Prozent der Frauen bei gleicher Arbeit deutlich schlechter bezahlt als Männer. Nur ein Drittel der Abgeordneten im Bundestag sind Frauen. Und das sind nur zwei Beispiele von viel zu vielen Ungerechtigkeiten.

Ich glaube, dass Gott uns alle zu Menschen gemacht hat. Wir sind alle seine – völlig egal, welches Geschlecht ich habe. Deshalb kann ich als Christin diese Ungerechtigkeiten nicht verstehen und nicht akzeptieren.

Umso mehr freue ich mich dann, wenn ich junge Frauen erlebe, die selbstbewusst sind und genau wissen, was sie können und sich deshalb nicht einfach auf irgendeine für sie vorgesehene Rolle zurückziehen. Junge Frauen, die sich frei machen von starren Rollenbildern und gegen Sexismus kämpfen. Sexismus bedeutet, dass ein Mensch nur aufgrund des Geschlechts benachteiligt wird.

Aber nicht nur Frauen kämpfen gegen Sexismus, sondern auch Männer. Männer wie der Schauspieler Lars Eidinger. Bei einer Preisverleihung witzelt eine Kollegin darüber, dass ihm die Haare ausfallen und er bereits eine Glatze hat. Das Publikum lacht. Lars Eidinger reagiert erst später in einem Interview darauf. Er sagt, dass er noch immer zusammenzuckt, wenn er seinen kahlen Hinterkopf in einem Film sieht. Für ihn ist es nicht einfach, älter zu werden. Und er vermutet, dass eine Bemerkung über das Älterwerden des weiblichen Körpers nicht so salonfähig wäre wie die Bemerkung über seine Glatze. Würde er einen Witz über die schlaffen Brüste seiner Kollegin machen, dann würde das beim Publikum sicherlich nicht für einen Lacher, sondern für Empörung sorgen.

Ich glaube, damit hat er Recht. Dass wir schneller über körperliche Makel von Männern witzeln als über die der Frauen. Und dahinter stecken viele Gründe. Letztlich vor allem starre Rollenbilder und Sexismus. Das Beispiel von Lars Eidinger ist nur eines von ganz vielen, dass Sexismus in unserem Alltag einen festen Platz hat – und das nicht nur gegen Frauen, sondern auch gegen Männer und andere Geschlechter.

Ich finde wir Menschen – ganz egal welchen Geschlechts – sollten alle daran arbeiten, respektvoll und achtsam zueinander zu sein. Dann werden wir schneller und erfolgreicher all die lästigen Schubladen los und die Freiheit genießen können, die Gott uns geschenkt hat. Die Freiheit, Mensch zu sein!

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Ich unterrichte eine fünfte Klasse in Religion. Zuletzt haben wir uns mit Abraham beschäftigt. Abraham ist gemeinsam mit seiner Sippe unterwegs in der Wüste. Er ist auf der Suche nach einem geeigneten Ort, an dem sie leben können. Die ganze Wandertruppe ist müde, hungrig, durstig und durchgeschwitzt – und trotzdem wandern alle weiter. Denn im Gepäck hat Abraham das Vertrauen, dass Gott sie an den richtigen Ort führen wird.

Ich frage die Schülerinnen meiner fünfte Klasse, ob sie in ihrem Leben auch mal eine anstrengende Zeit erlebt haben, in der sie aber trotz aller Anstrengung darauf vertraut haben, dass Gott immer für sie da ist. Die Mädchen und Jungs antworten sehr unterschiedlich, aber vor allem sehr konkret. Ein Mädchen erzählt, dass sie länger krank war, aber selbst in den schlimmeren Zeiten im Krankenhaus ganz tief geglaubt hat, dass Gott da ist und ihr Kraft gibt. Oder ein Junge, der von einem Flug in den Urlaub berichtet, bei dem es starke Turbulenzen gab und er irgendwann mit seinem Vater ein Gebet gesprochen hat und ihm das Gebet sehr viel Ruhe gegeben hat und er darauf vertrauen konnte, dass alles gut wird.

Das sind nur zwei von vielen Geschichten, die mich noch immer sehr bewegen: Zum einen finde ich es ganz wunderbar, zu erfahren, dass Gott für so viele Schüler*innen da ist und wirklich vorkommt in deren Leben. Zum anderen, dass zehn- und elfjährige Mädchen und Jungs so selbstbewusst und offen zur Sprache bringen, wann Gott für sie wichtig und da ist. Und das wohlgemerkt vor der ganzen Klasse und in diesem Alter.

Ich glaube auch daran und vertraue darauf, dass Gott in meinem Leben da ist und sich immer wieder zeigt. Aber manchmal fällt es mir schwer, genau das zur Sprache zu bringen. Obwohl ich Theologin bin und als Pastoralreferentin arbeite. In meiner beruflichen Rolle fällt mir das leichter. Aber wenn ich als Privatperson und nicht im Rahmen der Kirche unterwegs bin, dann fällt es mir schon schwer. Wenn ich über meinen Glauben spreche, geht es ja nicht um Fakten oder Eindeutiges, sondern um das, an was ich glaube und was mir wichtig ist. Wenn ich über meinen Glauben spreche, zeige ich Menschen sehr viel von mir und mache mich damit auch verletzbar. Deshalb braucht es Mut, Selbstbewusstsein und auch ein bisschen Gelassenheit im Bezug darauf, was Andere dann von mir denken könnten. Meine fünfte Klasse hat mir gezeigt, dass sie selbstbewusst, mutig und gelassen ist, wenn es um ihren eigenen Glauben geht. Und dass es sich lohnt – denn sie haben mich damit bewegt, selbst auch wieder gelassener und mutiger zu werden. Und in meinem Alltag mehr davon zu erzählen, wie dankbar ich bin, dass Gott da ist.

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Seit einigen Wochen bin ich mit meinem neuen Lasten – Ebike unterwegs. Ein Fahrrad, das mit Strom unterstützt wird und genug Platz bietet, um meine Kinder mitzunehmen. Ich habe mir das neue Rad gekauft, weil ich die Umwelt schonen und meinen Alltag erleichternwollte. Doch seitdem ich damit in Stuttgart unterwegs bin, bin ich nicht nur schneller, sondern lerne auch meine Stadt ganz neu kennen. Ich entdecke andere Kaffees und mache liebend gerne einen großen Umweg, um zum neuen Lieblingsspielplatz meiner Tochter zu fahren. So ein Lasten-Ebike fällt auf. Ich werde häufig angesprochen und lerne so nette Leute aus meinem Viertel kennen. Ich habe das Gefühl, mein Viertel nach fünf Jahren nochmal ganz neu kennen und lieben zu lernen. Und ich merke: Es macht mir seither wieder viel mehr Spaß, dort zu leben, obwohl sich mein Viertel selbst gar nicht groß verändert hat.

Aber sowas funktioniert ja nicht nur bei meiner Stadt, sondern auch bei mir selbst. Eine kleine Veränderung bewirkt manchmal wahre Wunder. Ich fühle mich beispielsweise nach dem Frisör oft wie ein neuer Mensch – auch wenn ich eigentlich noch die Gleiche bin, sehe ich anders aus. Und darum schaue ich auch mit einem ganz anderen Blick in den Spiegel. Ich fühle mich plötzlich wieder wohler und mag mein Spiegelbild mehr. Das hört sich erst einmal oberflächlich an, aber es geht dabei viel mehr als nur um mein Aussehen. Diese kleine Veränderung, die neue Frisur, hilft mir, mich mit anderen Augen anzusehen. Das Schöne an mir genauer anzusehen und mich darüber zu freuen.

So wie meine Stadt es verdient, auch mal neu angesehen zu werden, so verdiene auch ich es. Kleine Veränderungen an mir oder meinem Alltag können mir dabei helfen, mich selbst neu kennen und auch lieben zu lernen. Es muss nicht unbedingt der Frisörterminsein. Es kann auch damit anfangen, dass ich mich selbst morgens im Spiegel anlächle, mir meine Lieblingsblumen kaufe, um mir selbst eine Freude zu machen oder mich wieder traue, eine neue Sprache zu lernen. Denn ich bin es wert, immer wieder von mir selbst neu entdeckt und geliebt zu werden. Egal ob ich 5, 15, 35 oder weit über 75 bin: In jedem Menschen  schlummern verborgene Talente und Seiten, die dringend entdeckt werden wollen. Man muss sich nur trauen, mal was Neues auszuprobieren, seinen Alltag zu durchbrechen, um dann wieder mehr Spaß mit sich selbst zu haben.

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Stark, standhaft und da, egal, wie stürmisch es auch ist – das ist ein Fels in der Brandung. Vielleicht fällt ihnen ja bei diesem Stichwort sofort ein Mensch ein, der für sie ein fester Halt in unruhigen Zeiten war oder gerade ist. Ein Mensch, bei dem sie das Gefühl haben: Der ist immer da, egal wie wild es wird.

Bisher konnte ich mit diesem Bild nicht so viel anfangen. Klar kenne ich stürmische Zeiten auch aus meinem eigenen Leben, aber diesen Fels, diesen dicken Brocken Stein in menschlicher Form habe ich so noch nie erlebt. Bis vor zwei Wochen.

Ich war mit meinen Kindern bei Freunden zu Besuch. Die Kinder rennen wild durcheinander, die Stimmung ist super. Bis meine jüngste Tochter sich am Kopf verletzt. Verletzungen gibt es bei den Kindern immer wieder, aber diesmal scheint es ernster zu sein: nicht nur eine große Beule am Kopf, sondern dazu Schwindel, eine Schnittwunde an der Stirn und viel Blut. Wenige Minuten später sitze ich mit meiner Tochter im Krankenwagen. Ich versuche, ruhig zu bleiben, damit meine die Kleine sich geborgen und sicher fühlt. Innerlich bin ich aber alles andere als ruhig. Ich mache mir Sorgen, dass es was Ernstes ist, mache mir dazu auch noch Vorwürfe, nicht genug aufgepasst zu haben. Ich fühle mich für einen Moment so, als würde ich in den Sorgen und Vorwürfen untergehen, habe große Mühe, ruhig zu bleiben. Und in all der Aufregung entdecke ich ihn; den, den ich bisher für völlig überzogen und unwirklich gehalten hatte; den, den eine starke Frau wie ich eigentlich gar nicht braucht: den Fels in der Brandung, zum Greifen nah. Der Sanitäter von den Johannitern im Krankenwagen. Er ist ruhig und wirkt vertrauensvoll. Er weiß, was zu tun ist. Verarztet meine Tochter und ist dabei sehr liebevoll und zugewandt. An ihm kann ich mich festhalten. Und er scheint zu wissen, was ich und meine Tochter brauchen, obwohl er uns gar nicht kennt. Er bringt uns zum Lachen – bläst Hygienehandschuhe auf und zieht aus kleinen Schubladen spannende Gegenstände; und nimmt mir auch noch so ganz nebenbei die Sorge, nicht gut genug aufgepasst zu haben. Indem er mir eine Geschichte aus seinem Alltag als Vater erzählt.

Zwei Wochen später ist von der ganzen Aufregung bei meiner Tochter nur noch ein Pflaster auf der Stirn zu sehen. Und bei mir ist  - durch das, was ich da im Krankenwagen erlebt habe – etwas Neues entstanden: Ich glaube, dass Gott uns diese ganz besonderen Menschen schickt, die uns in bestimmten Lebenssituationen genau das geben, was wir brauchen: Halt und Hoffnung. Auch wenn wir sie nicht genau kennen und gar nicht wissen, woher sie kommen. Sie sind einfach da und überstehen mit uns eine stürmische Zeit. Wie ein Fels in der Brandung.

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Ich nehme an, auch Sie haben sie heute schon öfter gehört. Die Worte, die am ersten April einfach ein Muss sind: April, April! Die Worte, die am Ende eines Aprilscherzes immer gerufen werden. 

Als Schülerin hat mir der Tag besonders viel Spaß gemacht. Wir haben mit größter Freude Zahnpasta unter die Türklinke geschmiert, die selbstgebastelte Stinkbombe ins Zimmer der Parallelklasse geworfen und als Überraschung für den geliebten Mathelehrer die Innenseite der Tafel mit schlechten Witzen vollgeschrieben. Ich fand es als Schülerin toll, dass es einen festen Tag im Jahr gibt, an dem ich einen Freifahrtschein habe, um meine Lehrer*innen zu ärgern. Und weil ich genau weiß, wie viel Spaß und Kreativität Schüler*innen auch heute noch haben, um diesen Tag angemessen zu begehen, finde ich es ein bisschen schade, dass ich heute keinen Unterricht habe. Denn 1. April ist nicht nur eine gute Gelegenheit, um andere aufs Korn zu nehmen, sondern auch einfach mal über sich selbst zu lachen. Mir tut das meistens ziemlich gut – wenn ich lauthals über mich lachen kann. 

Ich finde es wichtig, dass jeder Mensch sich selbst ernst nimmt und selbst achtet – aber genauso wichtig ist es, über sich selbst zu lachen, und sich einfach mal nicht so ernst zu nehmen. Und das nicht nur als Kind oder Jugendliche, sondern eben auch als Erwachsene. Denn das ist wahnsinnig befreiend und macht glücklich. Und das gibt mir das Gefühl: Gott ist voll dabei gerade dann, wenn ich aus vollem Herzen lache. Dieses befreiende Gefühl habe ich dann, wenn ich mit meiner Freundin aus Grundschulzeiten unterwegs bin. Bei uns beiden hat sich seit den letzten dreißig Jahren natürlich viel verändert. Aber wenn wir dann merken, wie viel von diesen beiden Grundschülerinnen noch in uns steckt, können wir Tränen lachen. Denn auch noch nach Jahrzenten können wir uns wunderbar über unsere älteren Brüder lustig machen; oder in unsere alten Rollen schlüpfen, sie die große Zynikerin und ich der laute Klassenclown.

In solchen Situationen, wenn ich laut und aus tiefem Herzen lachen kann, entdecke ich das Kind in mir. Und dann merke ich, wie nah ich mir selbst und damit auch Gott bin. Wie dankbar ich bin, dass er mir das Lachen und den Humor geschenkt hat.

Deshalb mag ich den ersten April so gerne. Denn er ist für mich nicht nur Anlass, meine Mitmenschen mit einem kleinen Scherz aus dem Konzept zu bringen und nicht ganz so streng zu sich selbst zu sein;  sondern auch eine Erinnerung daran, wie gut es tut, nicht alles ganz so ernst zu nehmen.

Katharina Leser von der katholischen Kirche

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