Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR4 Abendgedanken

„Hier ruht in Frieden.“ Diesen Satz lese ich ganz häufig, wenn ich über den Friedhof gehe. Eine schöne Aussage. Dass da jemand in Frieden ruht, seinen Frieden gefunden hat. Warum gilt dieser Satz erst am Ende des irdischen Lebens für das ewige Leben bei Gott?

Viel schöner fände ich es, durch mein Dorf zu gehen und an den Häusern zu lesen: Hier lebt in Frieden Sabine mit ihrer Familie. Oder: Hier lebt in Frieden Georg mit seinem Hund. Wie auch immer!

In Frieden leben, friedvoll und friedfertig das Leben gestalten. Das wäre es doch! Und dann so ein Schild an der Hauswand haben. Toll!

Also muss ich wohl meinen Teil dazu beitragen, dass ich in Frieden leben kann. So muss ich mein Verhalten überdenken, mein Handeln und Reden. Frieden beginnt nämlich im Kleinen. Das ist meine Erfahrung. Und mir hilft ein Blick in die Bibel, wie ich selbst Frieden machen kann. „Dann hüte deine Zunge vor böser Nachrede und deine Lippen vor verlogenen Worten. Halte dich fern vom Bösen und tue Gutes!“ So heißt es in Psalm 34.

Ganz einfach oder auch nicht? Gerade das Reden über andere hat sich so ausgebreitet. Es wird gelästert und gehetzt, hier mal über den Nachbarn beim Einkauf und dort durch einen bösen Post in den sozialen Netzwerken. Und viele stimmen schnell mit ein ins Lästern. Ich denke, niemand ist davor sicher. Ich auch nicht.

Wenn ich in Frieden leben möchte, muss ich daran arbeiten. Und mit den Menschen reden. So neulich: Schräg gegenüber meinem Haus haben neulich junge Menschen nachts laut Musik gehört. Mit dem Schlafen war es für mich vorbei. Also habe ich das Fenster aufgemacht und gefragt, ob es möglich wäre, leiser zu hören. Und zu meiner Freude haben die Jugendlichen gesagt: „Klar, natürlich. Aber können wir noch dieses eine Lied hören. Das haben wir selbst gemischt. Vielleicht hören Sie einfach mit.“ Das habe ich auch getan. Es war nicht meine Musik, aber dennoch habe ich am Fenster gestanden und zugehört. Und danach wurde die Musik leiser gedreht. Es geht doch – das Miteinanderreden. Schön, oder? Und wer weiß, vielleicht helfen mir diese jungen Menschen eines Tages mit der Bohrmaschine, wenn ich mein Schild anschraube: „Hier lebt in Frieden Sabine.“ Das wär’s doch.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27907

Es gibt für alles einen Anlass und für alles einen Tag. So kommt es mir vor. Heute zum Beispiel ist der „Wirf-Deine-Jahresvorsätze-über-Bord-Tag“. Ganz im Ernst. Heute. Am 17. Tag des Jahres.

Aber das möchte ich nicht. Ich werde bestimmt nicht heute schon meine guten Vorsätze knicken. Etwas mehr Ausdauer und Durchhaltevermögen traue ich mir da schon zu.

Ich habe mir für dieses Jahr vorgenommen, regelmäßig zu laufen, zu joggen, um genauer zu sein. Noch regelmäßiger als letztes Jahr. Da habe ich oft geschwächelt und mir sind ständig Ausreden eingefallen, warum ich nicht joggen kann. Ausreden, die so leicht zu durchschauen sind: Es ist zu kalt. Es hat ein wenig geregnet. Das Telefon hat geklingelt.

Ich habe mich selbst damit ausgetrickst und am Ende hat es mich gestört. Deswegen möchte dieses Jahr konsequenter sein, nicht so schnell aufgeben. Vor allem nicht schon heute.

Aber weil ich meine eigenen Schwächen inzwischen kenne und auch weiß, dass ich mir selbst am meisten im Weg stehe, habe ich mir einen Freund gesucht, der mich motiviert soll. Wenn ich nicht mehr kann oder denke, es nicht mehr zu schaffen, soll er mich aufbauen „He, nicht aufgeben. Halte durch! Trau dir was zu!“

So oder so ähnlich hat vor mehr als zweitausend Jahren der Prophet Jesaja das Volk Israel motiviert, nicht aufzugeben, Er hat den Menschen Mut gemacht an Gott festzuhalten und auf einen guten Ausgang der Geschichte zu hoffen. So hat er gesagt: Die sich auf Gott verlassen, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. (Jesaja 40,29)

Gott spricht in einer schwierigen Zeit seinem Volk Mut zu und verspricht neue Kraft. Ich denke, darum geht es in meinem Leben: Ich brauche jemanden, der mir etwas zutraut, mich motiviert und mir dadurch Kraft schenkt. Beim Laufen ist es mein Freund. Und vor allem vertraue ich Gott, dass er mir die Kraft schenkt, durchzuhalten. Vielleicht ist mein Freund so eine Art Sprachrohr Gottes. Das brauche ich. Nicht nur beim Joggen, sondern vor allem im freundlichen Miteinander mit meinen Mitmenschen.

Deswegen habe ich auch heute nicht meine Vorsätze über Bord geworfen. Sondern ich will durchhalten. Mit Gott an meiner Seite.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27906

„Ich mach heut nichts, nichts, nichts, was etwas nutzt, nutzt, nutzt.“ „Nichtsnutz“ heißt dieses Lied von Judith Holofernes und ich frage mich: Kann ich das eigentlich? Also nichts tun? Wirklich nichts tun?

Wenn ich mal Zeit für mich habe, und die to-do-Liste abgearbeitet ist, dann stelle ich fest: Mist, was mache ich jetzt eigentlich?

Nichtstun ist gar nicht so einfach wie es sich anhört. Spazierengehen ohne Hund finde ich seltsam, einfach mal so im Garten sitzen und Löcher in die Luft gucken fühlt sich komisch an. Habe ich verlernt, nichts zu tun? Habe ich Angst als Faulenzerin bezeichnet zu werden?

Mich beschäftigt das. Denn ich merke: Wenn ich immer etwas mache, komme ich nie zur Ruhe. Mein Körper kommt nicht in den Ruhemodus und ich bekomme keine neue Energie. Aber irgendwann ist der Akku leer. Und ich muss etwas tun, um ihn aufzufüllen.

Klingt seltsam, aber vielleicht gibt es einfach Dinge, die Energie kosten und Dinge, die Energie bringen. Folglich muss ich unterscheiden lernen zwischen Tun und Nichtstun. Beides brauche ich. Ich kann nicht immer nur Energie verbrauchen, sondern ich muss mir auch Energie zuführen.

Deswegen ist es sinnvoll, glaube ich, dass ein Tag pro Woche frei ist. Ob das der Sonntag ist oder der Montag oder gar der Donnerstag tut nichts zur Sache. Wichtig ist nur: Ein Tag steht dem Müßiggang zur Verfügung.

Das ist eine uralte Erkenntnis und steht ganz am Anfang der Bibel. Im ersten Schöpfungsbericht heißt es, dass Gott an sechs Tagen die Erde, Himmel, Meer, Tiere, Pflanzen und den Menschen erschaffen hat. Am siebten Tag hat Gott geruht. Er hat nichts getan. Im ersten Buch Mose ist zu lesen: „Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken!“ Gott hat sozusagen das Gute und Gelungene aufgezeigt. Daraus kann ich heute noch Kraft schöpfen.

Gott hatte beim Ruhen gewiss kein schlechtes Gewissen und er musste sich niemanden gegenüber rechtfertigen für die Pause. Vielleicht sollte ich davon etwas lernen und wirklich nicht nur singen, dass ich nichts mache, sondern wirklich mal nichts tun. Oder jedenfalls nur das, was mir Kraft gibt. Einen Tag pro Woche bin ich ein Nichtsnutz, damit der Akku wieder voll wird.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27905

„Träum doch nicht!“ Wie oft habe ich diesen Satz schon gehört. Meistens dann, wenn ich irgendwelche Ideen habe, wie man das Leben gestalten könnte. Oder wie ich meine Projekte angehen und verwirklichen kann. „Träum doch nicht!“ Meistens meinen die Leute dann damit: Bleib mal realistisch. Mit den Füßen auf dem Boden. Stell dir nichts vor, was du nicht erreichen kannst.

Mir gefällt das nicht. Träume finde ich wichtig. Visionen von der Zukunft. Von gelingendem, gemeinschaftlichen Leben. Träume zeigen mir, wie das Leben, die Welt sein könnte, wenn Träume wahr werden würden oder könnten. Deswegen träume ich gerne. Tagträume.

„Ich habe einen Traum“, hat vor 55 Jahren Martin Luther King gesagt. Er war der Vorkämpfer für die Gleichberechtigung der Schwarzen in den USA. Er hat in einer wichtigen Rede diesen Traum öffentlich gemacht. Und mit seinem Traum die Herzen vieler Menschen erreicht – auch über seine eigene Zeit hinweg. Martin Luther King hat davon geträumt, dass Menschen nicht auf Unterschiede achten, sondern auch auf  Gemeinsamkeiten, auf das, was uns verbindet, uns alle zu Menschen macht: der Charakter und der gegenseitige Respekt. Martin Luther King hat damals gesagt: „Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt. Ich habe heute einen Traum!"

Diesen Traum träume ich heute noch gerne mit. Aber ich weiß, dass Träume sich nur dann verwirklichen lassen, wenn ich an der Umsetzung arbeite. Das will ich dieses Jahr tun. Den Charakter der Menschen anschauen. Ich will meine Vorurteile und Klischees nicht zuerst sprechen lassen, sondern die Menschen selbst zu Wort kommen lassen. Heute wäre der 90. Geburtstag von Martin Luther King. Da will ich gemeinsam mit ihm träumen. Von einer Welt, die ich mitgestalten kann durch Liebe und gegenseitigen Respekt.

Und so werde ich des Öfteren mal zu mir selbst oder zu anderen sagen: Träum mit mir zusammen. Träum mit mir den Traum von den Menschen, die sich gegenseitig als Menschen annehmen. Unabhängig von ihrer Hautfarbe, ihrem Besitz und ihrem Kontostand. Die sich annehmen, weil sie alle Menschen sind. Ich wünsche Ihnen für heute schöne Träume.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27904

Mein Kalender erinnert mich heute an Albert Schweitzer. Denn heute wäre sein 144. Geburtstag. Mir ist aufgefallen, dass ich nicht mehr viel von ihm weiß. Deswegen habe ich mal nachgeschlagen und mein Wissen aufgefrischt.

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Auf diesen einen Satz kann ich seine Botschaft gut zusammenfassen. Denn Albert Schweitzer ging es um das Leben, um ein Leben, das es wert ist geschützt und geschätzt zu werden. „Ehrfurcht vor dem Leben“ war die Grundlage für sein Handeln.

Doch leider ist er etwas in Vergessenheit geraten, zumindest bei mir, der Musiker, Philosoph, Mediziner, Theologe und Friedensnobelpreisträger. In allen Fachbereichen war er versiert.

Geboren und aufgewachsen im Elsass, ist Schweitzer 1913 als Arzt nach Afrika gegangen und hat dort in Lambáréne ein Hospital eröffnet, um den Menschen zu helfen und um Leben zu retten. „Ehrfurcht vor dem Leben“ – das war das Motto seines Handelns und Denkens. Und diese Ehrfurcht bezieht sich nicht nur auf das menschliche Leben, sondern auf das Leben im Allgemeinen. Albert Schweitzer hat auch Tiere als Brüder der Menschen bezeichnet und nicht nur Menschen, sondern auch Tiere und Pflanzen gepflegt.

Wer so viel Ehrfurcht vor dem Leben hat, der wehrt sich gegen das Töten und gegen den Krieg im Besonderen.

So ein Blick in den Kalender kann wunderbar sein. Denn mich hat der heutige Gedenktag zum Nachdenken gebracht. Ehrfurcht vor dem Leben, sollte das nicht auch das Prinzip für mein Handeln sein. Und nicht nur für mich, sondern für alle Menschen? Denn wenn jeder das Leben des anderen respektiert, dann begegnet er dem anderen in Achtung, vielleicht sogar in Liebe. Und das wäre gut biblisch. Und so kann ich diesen einen Satz von Albert Schweitzer auch für mich annehmen: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Leben möchte ich auch. In Frieden und Harmonie mit meinen Mitmenschen. Und dazu kann ich beitragen, wenn ich meinen Nächsten ehrfürchtig begegne. Dazu muss ich gar nicht weit in die Ferne schweifen, sondern kann gleich hier vor Ort beginnen. Bei all den Menschen, mit denen ich mein Leben teile und mit denen ich gemeinsam Leben gestalten kann. Leben, das leben kann, in einer Gemeinschaft, in der man aufeinander achtet.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27903