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SWR4 Abendgedanken

„Glück ist, wenn wir auch mal daran denken, was uns glücklich macht.“ Genau das sagt mir einer meiner Schüler aus der sechsten Klasse. Ich schaue ihn erstmal etwas überrascht an. Ich hatte der Klasse die Aufgabe gegeben, aufzuschreiben, was für sie Glück ist. In der sechsten Klasse erwarte ich eher konkrete Antworten wie: Meine Musik macht mich glücklich, mein Hund, meine Freundinnen, Fußballspielen, oder meine Oma. Aber mit so einer Antwort habe ich wirklich nicht gerechnet: „Glück ist, wenn wir auch mal daran denken, was uns glücklich macht.“ Der Schüler erklärt mir, dass wir immer nur daran denken, was nicht klappt, was schief geht. Wenn er mit Erwachsenen spricht, dann geht es oft darum, was nicht gut genug ist, wie man besser werden kann und was so gar nicht geht. Mein Schüler ist enttäuscht, dass für viele das Glas halbleer ist, statt halbvoll.

So sieht ein Schüler also uns Erwachsenen: Als Langzeitpessimisten. Ich denke mir sofort: Das bin ich ganz bestimmt nicht. Ich bin eher ein lustiger Mensch. Als ich abends im Bett liege, merke ich aber, dass mein Schüler vielleicht doch Recht hat. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich darüber ärgere, was alles über den Tag hinweg NICHT geklappt hat: Als Morgenmuffel habe ich meiner Familie den Start in den Tag erschwert, dann habe ich die Bahn verpasst, im Job sind einige Aufgaben liegen geblieben und meine Freundin habe ich wieder nicht zurückgerufen. Ich bin erschöpft und mies gelaunt. Aha, ich bin also doch ein Pessimist. Aber nein, das möchte ich auf keinen Fall sein. Deshalb überlege ich mir: Was hat denn heute gut geklappt? Was war schön? Als ich die Bahn verpasst habe, habe ich mir die Wartezeit mit einem leckeren Kaffee versüßt, mittags habe ich mit einer Kollegin Tränen gelacht, meine Tochter lernt das Laufen und wird dabei immer mutiger und meine Nachbarin hat mir Macarons vorbei gebracht. Ich bin dankbar für diese schönen Momente und schlafe ohne miese Laune ein.

„Glück ist, wenn wir auch mal daran denken, was uns glücklich macht.“ Der Satz meines Schülers begleitet mich seither den ganzen Dezember. Ich möchte mir nicht nur Gedanken über die Dinge machen, die schlecht laufen oder besser werden müssen. Ich möchte auch den Dingen Aufmerksamkeit schenken, die mir Freude und Spaß bereiten. Die mich glücklich machen. Und deshalb soll der Satz meines Schülers auch am Ende dieses Jahres mein Motto sein. Denn ich erlebe jeden Tag schöne Momente, die mich immer wieder sagen lassen: Danke Familie, danke Freunde, danke Gott, dass ich glücklich bin.

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Nach Weihnachten fühle ich mich immer leicht verkatert. Nicht vom vielen Glühwein, sondern von den ganzen Familienfestivitäten, den hitzigen Diskussionen und ständigen Scherzen meines Vaters. Ich bin dann immer ganz froh, wieder zu Hause in meinen eigenen vier Wänden zu sein und einfach nur gedankenverloren aus dem Fenster zu starren. Meine Tochter sieht das ganz anders. Sie will am liebsten wieder zurück zu ihren Großeltern. Wenn es nach ihr ginge, bräuchte sie niemals eine Pause von Momo und Budi – so nennt sie ihre Großeltern. Und das sind laut ihr die besten Menschen der Welt.

Warum sind gerade diese Beiden ihren Lieblingsmenschen geworden?

Kinder brauchen neben ihren Eltern natürlich auch noch andere Bezugspersonen. Wir haben Gott sei Dank gute Freundinnen und Freunde, die unsere Töchter lieben, auf die sie sich verlassen können und sogar öfter treffen als ihre Großeltern. Warum also sind es dann doch die Großeltern, die unseren Töchtern am wichtigsten sind?

Wenn ich sie miteinander beobachte, dann wirken sie unheimlich entspannt und gelassen, irgendwie so zeitlos. Sie spielen gemeinsam, lachen ausgelassen, kuscheln, kochen zusammen das Mittagessen und erkunden jede Ecke des Hauses. Meine Eltern lassen sich voll und ganz auf die Mädels ein, als gäbe es um sie herum kaum mehr etwas anderes. Kein Zeitdruck, kein Leistungsdruck, keine Erwartung. Ein Ort, an dem meine Töchter so sein können wie sie sind – und das genießen die beiden sehr. Und ich glaube, wie anstrengend es auch für meine Eltern mit zwei kleinen Kindern sein mag; auch die beiden genießen, dass sie für ihre Enkelinnen die Größten sind.

Das weckt in mir ein tiefes Gefühl der Gelassenheit – was mir eigentlich als Mama in meinem Alltag oft fehlt. Ich spüre dann, dass ich nicht alleine bin. Dass es neben meinem Mann und mir noch zwei Menschen gibt, die für meine Töchter da sind, wenn es brennt. Die mir signalisieren: Entspann dich, bleib auch mal locker. Sei du auch mal wieder Kind. Und genau das spüren meine Töchter: Dass ihre Mama auch mal wieder Kind sein kann. Gemeinsam mit meinen Töchtern. Und das ist für mich eigentlich das schönste Weihnachtsgeschenk.

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