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SWR4 Abendgedanken

„Der ist es!“ sagt Johannes der Täufer zu Andreas. Und weist ihn auf Jesus hin. Andreas ist ein Fischer zu Zeit Jesu. Zusammen mit seinen Kollegen und Freunden ist er am See Genezareth unterwegs. Er ist ein Anhänger des Propheten Johannes.

 

Johannes verkündet immer wieder die Botschaft, dass einer kommen wird, der Befreiung und Hoffnung und Heil bringen wird. Und jetzt gibt er seinem Jünger Andreas diesen Hinweis: Der da, dieser Jesus, der uns gerade begegnet, er ist es.

Schnell gehen Andreas und sein Freund Jesus hinterher – neugierig, aber auch zurückhaltend. Wie soll man so jemanden ansprechen? Jesus bemerkt die beiden und dreht sich um: Was sucht ihr?

Und ertappt und verlegen antworten sie: „Wo wohnst du?“ Jesus lädt sie ein: „Kommt und seht.“ Die beiden gehen mit und bleiben den ganzen Tag bei ihm.

Andreas nutzt  seine Chance, Jesus kennenzulernen, vielleicht sogar, ihm auf den Zahn zu fühlen. Was ist das für ein Mensch? Was sind seine Überzeugungen? Was tut er? Erst danach trifft er seine Entscheidung, mit Jesus zu gehen.

So schildert das Johannesevangelium die Berufung der ersten Jünger Jesu.

Auch heute ist die Sehnsucht nach einem „Heilsbringer“ wieder sehr stark. Und viele gibt es, die rufen:“ Ich bin es, geht mit mir. Glaubt mir. Folgt meiner Botschaft.“ 

Wem soll ich vertrauen- was ist richtig? Was ist falsch?

Deshalb gefällt es mir gut, wie Andreas mit der Aussage: „er ist es“, umgeht.

Er geht Jesus nach, er lernt ihn kennen, er fragt nach  und dann entscheidet er sich.

Immer wieder muss ich mich entscheiden:

Wem vertraue ich, wem gebe ich meine Stimme, wessen Botschaft glaube ich?

Das Angebot ist groß.  Von Andreas kann ich  lernen:  Nichts ersetzt die eigene Erfahrung. Der Hinweis von Johannes dem Täufer „Er ist es“ macht ihn neugierig, aber das allein reicht ihm nicht. Erst muss er Jesus noch kennenlernen. „Einen ganzen Tag bleibt er bei ihm“, heißt es, erst dann entscheidet er sich und wird ein  Jünger Jesu. 

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Ich suche häufig meine Schlüssel: den Haustürschlüssel, den Autoschlüssel und manchmal auch die Büroschlüssel. Jedes Mal bringt mich das ins Schwitzen und anschließend in Stress.

Aber es ist natürlich auch das gute Gefühl: ich habe die Schlüssel in der Hand. Ich habe die Macht, auf- und zuzuschließen und es gibt mir Sicherheit: wie oft habe ich ein zweites Mal kontrolliert, ob ich wirklich abgeschlossen habe.

Im Sommer war ich mit einer Gruppe auf der Insel Wangerooge. Dort hatte die Gemeinde ein Haus neu hergerichtet, um Gruppen aufzunehmen. Wir waren die ersten, die dort übernachten durfte.

Wir hatten schon mit einigem Unfertigen gerechnet, aber nicht damit:

Die Dame, die uns in Empfang nahm, sagte: „wir haben noch keine Schlösser. Deshalb gib es keinen Haustürschlüssel und auch keine Zimmerschlüssel.

Viele aus unserer Gruppe zuckten zusammen: „keinen Schlüssel?“ „Nein, keinen Schlüssel, aber machen Sie sich keine Sorgen,  auf der Insel kommt nichts weg.“ – so beruhigte uns die Dame.

Mit dieser Botschaft gingen wir  alle in unsere Zimmer. Und mit der Sorge: wo tue ich mein Portemonnaie, meine Handtasche hin, wo meinen Fotoapparat und mein Handy? Wer kann alles in dieses Haus gehen?

Die erste Nacht und der erste Tag waren für einige von uns stressig und unruhig.  Dann akzeptierten alle nach und nach die Situation – ändern konnten wir sie nicht. Am Ende der Woche waren die fehlenden Schlüssel kein Thema mehr.

Ganz im Gegenteil :

Ich habe es nach dem ersten Schreck als sehr befreiend und entlastend empfunden in dieser Woche keinen Schlüssel suchen zu müssen und  mich um keinen Schlüssel kümmern zu müssen. Alle Türen waren offen, nie gab es für mich die Frage: hast Du an deinen Schlüssel gedacht?

Wir sind nach der Woche mit all unserem Hab und Gut wieder nach Hause gefahren – nichts war uns abhanden gekommen.

Mich hat diese Erfahrung noch länger beschäftigt:

Natürlich schließe ich zuhause wieder meine Haustür und mein Auto ab.

Aber mir ist viel präsenter, wieviel Sorge, wieviel Ängste ich um meinen Besitz und um meine Sicherheit habe.

Diese ungewollte Vertrauensübung auf der Insel lässt mich freier und auch unbeschwerter durch den Alltag gehen. Auf – und zuschließen zu können ist ein gutes Gefühl – aber ich bin wesentlich gelassener geworden bei der Frage: habe ich auch sicher alles abgeschlossen?

Meine Sicherheit und mein Schutz hängen nicht nur von einem Schlüssel ab, ebenso wichtig sind mein Vertrauen und meine Gelassenheit.

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„Die innere Ruhe kann mich mal“ – dieser Titel springt mich förmlich an. Das Buch steht zwischen den Ratgebern für ein gelungenes Leben versteckt, die mir Meditation, Yoga, Atemübungen und anderes empfehlen.

Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis verspricht spannende Themen:

Hören Sie auf zu meditieren – tun sie nichts

Hören sie auf, ruhig zu werden – genießen sie lieber ihren Seelenfrieden

Hören sie auf, sich zu vergleichen – seien Sie einfach sie selbst.

In diesen und vielen weiteren Kapiteln entfaltet Fabrice Midal seine Behauptung:

Alle Anleitungen zur Meditation, alle Entspannungstechniken, alle Übungen, zur Ruhe zu kommen nützten uns nichts. Ganz im Gegenteil.

Denn wenn ich mich darauf einlasse setze ich mich oft nur selbst unter Druck, indem ich mich mit anderen vergleiche, die das viel besser können. Oder ich schäme mich, weil ich nicht wirklich zur Ruhe komme und mich die Übungszeit eher nervt als entspannt.

Dagegen setzt Fabrice Midal seine Idee:

„Lassen Sie sich in Frieden. Es gibt keinen besseren Weg, Ihre vergessenen Möglichkeiten neu zu entdecken. Halten Sie inne!“

Innehalten – sich in Frieden lassen – nichts tun.

Das klingt einfach. Es ist auch einfach.

Denn ich muss nicht immer besser und perfekter werden, ich darf mich so annehmen  wie ich bin. Ich muss mich nicht mit Anleitungen, wie mein Leben noch besser gelingt, unter Druck setzen.

„Lassen Sie sich in Frieden!“ – und beginnen Sie, zu leben, heißt es im Untertitel.

Ich probiere das seit einiger Zeit immer mal wieder aus:

Der Blick am morgen in den Spiegel sagt: meine Haare wollen heute gar nicht so wie ich sie gerne hätte. Na und – ich nehme es wahr und lasse mich in Frieden.

Ich nehme mir nicht mehr vor mich zu verändern. Ich bin so und akzeptiere mich so, ohne mir meine Schwächen vorzuhalten.

Meine Arbeit braucht viel länger, als ich geplant habe. Ich ärgere mich und lasse meinen Ärger zu, statt ihn herunter zu spielen und so tun, als ob ich alles im Griff hätte.

Lieber Frieden mit mir selber als der stressige Versuch meine innere Ruhe zu finden – ein spannendes Projekt, das ich noch weiterverfolgen werde.

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„Wir gehen noch Madita besuchen.“ Mit diesem Satz machen sich die Kindergartenkinder auf den Weg zum Friedhof. Dort gibt es seit fast einem Jahr direkt am Eingang ein Kindergrab – das erste, das an dieser Stelle ist. Madita liegt dort, 6 Jahre, ein Kindergartenkind, das sich auf die Schule freute. Sie ist innerhalb weniger Tage plötzlich verstorben.

Jedes Mal wenn ich auf den Friedhof komme, gehe ich dort vorbei.

Jedes Mal ist dieses Grab anders geschmückt. Es ist deutlich erkennbar ein Kindergrab, bunt mit vielen Kerzen und einigen Spielsachen, immer neuen Bildern und es ist auch noch nicht fertig eingefasst. Es ist der Ort, wo Madita ist und wo ihre Freundinnen sie besuchen. Und so drücken es auch die Kindergartenkinder aus, wenn sie sagen: „Wir gehen noch Madita besuchen.“

In diesem unkomplizierten Umgang mit dem Tod sind sie uns Erwachsenen voraus. Wenn wir den Friedhof besuchen, dann erleben wir den Verlust des Menschen, der dort begraben ist und spüren Trauer und Einsamkeit.

Auch Madita fehlt ihren Freundinnen. Aber sie nehmen sie noch eine ganze Weile mit hinein in ihr Leben, lassen sie an ihrem Leben teilhaben.

Es gibt einen Text, den ich gerne bei Trauerfeiern vorlese. Er stammt aus einer Kathedrale in England. Und er lädt zu einem unverkrampfteren Umgang mit dem Tod ein: 

Nimm den Tod nicht zu ernst.

Ich bin nur nach nebenan gegangen,

in den nächsten Raum.

Ich bin ich, und du bist du.

Was immer wir füreinander waren,

das sind wir jetzt auch noch.

Nenn mich bei meinem altvertrauten Namen:

Sprich zu mir so, wie du es immer getan hast….

Lache, wie wir immer zusammen gelacht haben,

über die kleinen Scherze, an denen wir uns erfreut haben…

Warum sollte ich dir aus dem Sinn sein, nur deshalb, weil du mich nicht mehr siehst?

Ich warte auf dich, bis wir uns wiedersehen….

Ich warte auf dich, irgendwo ganz in der Nähe, vielleicht gerade nebenan...

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„Sein Missmut packte die Koffer, öffnete die Tür, zog die Verstimmung am Ärmel mit sich und begann den langen Weg die Treppe hinunter.“

Diese wunderbare Beschreibung finde ich bei Donna Leon.

Sie erzählt, dass Comissario Brunetti, der in Venedig ermittelt, an einem Abend unerwartet früh nach Hause zu seiner Familie kommt. Er erwartet, dass sich seine Frau und seine beiden Kinder über seinen frühen Feierabend freuen. Stattdessen findet er alle beschäftigt vor: seine Frau ist in einem Buch versunken, sein Sohn hat Musik auf den Ohren und seine Tochter ist mit Hausaufgaben beschäftigt.

Enttäuscht begibt sich Comissario Brunetti in die Küche und beginnt mit den Vorbereitungen für das Abendessen, nicht ohne besonders laut mit den Töpfen zu klappern.

Mit jeder Minute der Missachtung durch seine Familie wächst sein Ärger.

Aber dann taucht auf einmal seine Tochter in der Küche auf, ehrlich erfreut darüber, dass er schon zu Hause ist und bietet ihm ihre Hilfe an. Und dann heißt es:

„Sein Missmut packte die Koffer, öffnete die Tür, zog die Verstimmung am Ärmel mit sich und begann den langen Weg die Treppe hinunter.“

Eine wunderbare Beschreibung!           

Ich finde darin diesen Moment wieder, wenn ich mich in eine Sache so richtig rein gesteigert habe und von Minute zu Minute ärgerlicher werde. Keiner nimmt mich wirklich wahr, keiner nimmt mich wirklich ernst. Da ist noch gar nichts gesagt, noch kein spürbarer Streit entstanden. Aber mein Ärger und meine Verstimmung, die füllen mich ganz aus.

Manchmal hilft mir dann ein freundliches Wort oder ein aufmunterndes Lächeln des anderen. Es zieht mich aus meinem Kreisen mich selber heraus und mein Ärger öffnet die Tür und geht.

Aber das ist nicht immer so! Manchmal muss ich selber dafür sorgen, dass ich am Abend nicht mit Missmut und Ärger zu Bett gehe. Dann versuche ich, mich neben mich selber zu stellen und mein Verhalten anzuschauen. Oft entdecke ich dann, dass es keinen wirklichen Grund für meine Verstimmung gibt, dass ich mich in etwas hineingesteigert habe.

Da hilft mir dann die nette Beschreibung von Donna Leon, meinen Groll oder meine Enttäuschung anzuschauen und sie freundlich, aber bestimmt zur Türe rauszuschicken, (damit sie den langen Weg die Treppe hinunter antreten kann.)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27643