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SWR4 Abendgedanken

Offline – was das heißt, davon kann ich ein Lied singen. Wir hatten gerade eine große Baustelle bei uns und der Bagger hat das Telefonkabel abgerissen. Kein Telefon, kein Internet. Alle Leitungen tot. Unsere Verbindung zur Welt für eine Weile komplett abgerissen.

Übermorgen ist Totensonntag. Für mich ist das der Tag der abgerissenen Verbindungen. Ich habe schon Menschen verloren, ich weiß, wie das ist: Da ist eine Verbindung weg, die sonst immer da war. Der Gesprächspartner am Esstisch fehlt. Der Sessel in der Stube ist plötzlich leer. Manchmal sind Mama oder Papa plötzlich nicht mehr da. Oder Eltern trauern um ein Kind. Immer, wenn ein Mensch stirbt, dann reißt da etwas ab. Eine Verbindung. Oder sogar ein Teil von einem selbst. Es fehlt einfach was.

Ein gerissenes Telefonkabel kann man wieder reparieren. Einen gestorbenen Menschen, können wir nicht wieder zurückholen. Die Verbindung scheint tot.
Aber ich glaube trotzdem: Das Leben geht weiter. Der Totensonntag wird auch Ewigkeitssonntag genannt, weil wir Christen glauben, dass der Tod nicht das Ende ist. Das Leben geht weiter – bei Gott.

In der Bibel ist aufgeschrieben, was schon die ersten Christen geglaubt haben: „Und Gott wird jede Träne abwischen von ihren Augen. Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Klagegeschrei und keinen Schmerz. Denn was früher war, ist vergangen; sieh doch: Ich mache alles neu!“.

Alles neu – nach dem Tod ein neuer  Anfang der Geschichte Gottes mit uns Menschen. Geborenwerden – leben – sterben. Alles gehört in diese Geschichte mit hinein. Gott umfasst alles. Und gerade deshalb glauben wir Christen, dass wir am Ende auch wieder bei Gott sind. Meine direkte Verbindung zu einem Verstorbenen mag abgerissen sein. Aber die Verbindung zu Gott reißt niemals ab. Weil Gott sie nicht abreißen lässt. Er bleibt bei mir. Und er ist den Menschen nahe, die gestorben sind. Gott ist die Verbindung zwischen uns. Diese Verbindung beginnt jetzt schon in meinem Herzen und meinen Erinnerungen.

„Und Gott wird jede Träne abwischen von ihren Augen. Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Klagegeschrei und keinen Schmerz. Denn was früher war, ist vergangen; sieh doch: Ich mache alles neu!“. Darauf vertraue ich.

 

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Wir haben gerade einen Pflegeigel. Er hatte noch nicht genug Gewicht, um allein über den Winter zu kommen. Deshalb hat die Igelstation nach Pflegeeltern gesucht, die ihn vollends aufpäppeln, damit er den Winter überlebt.

Wenn ich ihn füttern will, dann werde ich zuerst angefaucht und wenn ich ihn wiegen will, dann igelt er sich ein. Rollt sich zusammen und stellt seine Stacheln auf. Einigeln und warten bis die Gefahr vorbei ist. Das ist seine Überlebensstrategie.

Eigentlich bewundernswert. So würde ich die Probleme in meinem Alltag auch gerne lösen können. Das funktioniert vielleicht bei einem Igel, aber leider nicht bei mir.

Denn sich einigeln ist irgendwie so sinnvoll, wie den Kopf in den Sand stecken. Ich sehe vielleicht das Problem nicht mehr, aber es hilft mir nicht wirklich weiter. Wenn sich jemand ganz in sich zurückzieht und im besten Fall noch die Stacheln nach außen stellt. Das hilft leider niemandem was.

In der Bibel steht die Geschichte von einem Mann. Ich glaube, der hatte sich auch eingeigelt: er war gelähmt und saß deshalb den ganzen Tag an einem Tor und hat gebettelt. Er musste sich jeden Tag zu diesem Platz tragen lassen. Er hat sich eingeigelt. Vielleicht enttäuscht. Vielleicht hat er auch akzeptiert, dass das jetzt sein Leben ist. Hat aufgegeben, noch etwas vom Leben zu erwarten.

Da kommt Petrus vorbei, der ja früher mal mit Jesus unterwegs gewesen war, Und der sagt zu ihm: Versuch es! Steh auf und geh. Und er gibt ihm die Hand. Da steht der Mann auf.

Mir sagt diese Geschichte: wer sich eingeigelt hat, kommt da von allein nur ganz schwer wieder raus. Er braucht einen Impuls von außen. Für einen Igel ist das Einrollen überlebenswichtig. Für einen Menschen ist es selbstzerstörend.

Was diesem armen Mann wirklich geholfen hat, weiß ich nicht. Aber, dass Petrus ihn angesprochen hat, dass er ihn ansehen musste, dass er aktiv werden musste, hat sicher einen Teil dazu beigetragen. Das hat diesen Mann wieder ins Leben geholt. Er konnte jetzt wieder als offener und aufrechter Mensch am Leben teilnehmen.

Ich glaube, dass es viele Menschen gibt, die sich gerne mal einigeln. Und ich habe mir vorgenommen, in meinem Umfeld mal bewusst drauf zu achten, wo ich gebraucht werde. Wo ich vielleicht einen Anstoß geben kann, sich wieder auszuigeln.

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27604

 


Ein weißes T auf einem blauen Schild – dieses Verkehrsschild kennt glaube ich jeder. Sackgasse. Hier geht es am Ende, zumindest mit dem Auto, nicht mehr weiter. Man muss umdrehen – oder Lkws gleich rückwärts reinfahren, damit man dann wieder vorwärts rausfahren kann.

Um Sackgassen geht es für evangelische Christen auch heute am Buß- und Bettag. Buße: Seit es für alles einen Bußgeldkatalog gibt, klingt das immer nach Strafe. Ich fahre zu schnell, parke falsch oder vergesse die Parkscheibe ins Auto zu legen. Dann gibt es ein Knöllchen. Bußgeld ist Strafe.

Aber so ist der Buß- und Bettag gar nicht gemeint. Es geht nicht um Strafe. Sondern darum, sich mal umzuschauen im eigenen Leben. Bin ich irgendwo vielleicht auch in eine Sackgasse geraten und habe es noch gar nicht gemerkt? Und wenn ich es vielleicht gemerkt habe: Wie komme ich da wieder raus? Allein ist das ja oft gar nicht zu schaffen.

In der Bibel steht die Geschichte, wie das bei einem Menschen, namens Zachäus war. Der war reich geworden, weil er andere über den Tisch gezogen hatte. Er hatte ein großes Haus und alles, was man sich wünschen konnte. Aber ich glaube, dass er auch irgendwie gemerkt hat, dass sein Leben in der Sackgasse steckt. Er war einsam. Freunde hatte er mit seinen Betrügereien natürlich nicht gewonnen. Aber dann ist er Jesus begegnet. Und Jesus hat sich auch kurzerhand bei ihm zum Abendessen eingeladen. Der Clou an der Sache war, dass allein dadurch bei Zachäus der Knoten geplatzt ist. Er hat gemerkt, dass er in einer Sackgasse ist und er wollte das ändern. Deshalb hat er alle entschädigt, von denen er zu viel verlangt hatte, und er hat auch die Hälfte von seinem Besitz verschenkt.

Für Zachäus war das kein Bußgeld. Auch keine Strafe. Für ihn war das ein Neuanfang. So, meine ich, ist der Buß- und Bettag gemeint: Ich meine nicht, dass ich heute mein Leben ganz und gar umkrempeln müsste. Aber ich habe mir Zeit genommen zu überlegen: wo stecke ich in einer Sackgasse? Wo muss ich vielleicht auch wenden? Ein Stück zurückgehen. Dafür ist der Buß- und Bettag gedacht. Heute Abend ist durchaus noch Zeit dafür. Oder morgen… Und vielleicht hilft ein Gebet: Barmherziger Gott, bitte hilf mir heraus aus meiner Sackgasse.

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27603

Bei uns hier im Ort fliegen sie schon – die Weihnachtsengel. Im Rathaus. Obwohl erst in fünf Wochen Weihnachten ist. Und auch die Weihnachtsmärkte erst Ende nächster Woche öffnen.

An den Weihnachtsengeln, die ich meine hängen kleine Wunschzettel. Wünsche von Kindern, deren Familien sich vermutlich sonst keine Weihnachtsgeschenke leisten könnten. Andere Familien können sich dann so einen Engel abholen, das Geschenk besorgen und dann schön verpackt wieder auf dem Rathaus abgeben. Dann bringt der Weihnachtsengel an Weihnachten nicht nur ein paar Hirten die Botschaft, dass da in Bethlehem ein Kind geboren wurde. Diese Weihnachtsengel vom Rathaus sorgen dafür, dass für ärmere Kinder auch Weihnachten wird. Dass sie ein Geschenk bekommen. Dass sie merken: es denken Menschen an mich.

Ich finde das eine ganz tolle Idee. Wenn Sie mal ein bisschen googeln oder in Ihrer eigenen Gemeinde nachfragen, dann finden Sie bestimmt heraus, dass es so was an vielen Orten gibt.

In unserem Land gibt es Kinderarmut. Durch diese Aktion merkt man das. Es gibt unter uns Menschen, die arm sind. Die aus verschiedenen Gründen in die Arbeitslosigkeit abgerutscht sind oder von vorneherein einen ganz schlechten Start ins Leben hatten. Die wirklich jeden Cent zweimal umdrehen müssen und sich vielleicht am Monatsende gut überlegen müssen, wo sie noch was zum Essen herbekommen.

Die Sache mit den Weihnachtsengeln gibt anderen Menschen ganz konkret die Chance, was dagegen zu tun. Mir ist klar, dass ein Geschenk für ein armes Kind das Grundproblem nicht ändert. Da muss politisch mehr getan werden als bisher. Aber ich finde, es ist schon viel, wenn arme Kinder merken: da denkt jemand an mich. Vielleicht verstehen sie dann auch: Gott lässt auch die Armen nicht im Stich.  Denn Jesus ist doch damals auch in armen Verhältnissen geboren worden. In einem Stall. Und die ärmsten Menschen damals, die Hirten, waren die ersten, die die Weihnachtsengel besucht haben. Sie haben den Armen gezeigt: Gott ist für euch da! Wie schön, wenn auch die Weihnachtsengel vom Rathaus diese Botschaft zu den Menschen bringen.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=27602

Ach Katze müsste man sein! Das denke ich mir manchmal, wenn ich unseren Kater so zusammengerollt auf dem Sofa liegen sehe. Ihm ist es völlig egal, ob die Kinder um ihn rumtoben. Oder ob wegen dem Rüttler von der Baustelle draußen das ganze Haus wackelt. Er liegt einfach nur da und pennt. Beneidenswert.

Wenn ich ihn da so liegen sehe, dann muss ich manchmal an einen Vers aus der Bibel denken. Aus einem alten Gebet: „In Frieden kann ich schlafen gehen. Denn Du allein, Gott, sorgst dafür, dass ich hier sicher wohnen kann.“ Ich weiß nicht, ob eine Katze so denkt. Aber ich, ich könnte eigentlich nur so tief und ruhig schlafen, wenn ich weiß, dass alles gut ist. Dass ich alle meine Aufgaben geschafft habe. Dass ich keinen Termin verpasse. Dass die Kinder versorgt sind. Wenn ich mir keine Sorgen machen muss. Dann kann ich ruhig schlafen.

„In Frieden kann ich schlafen gehen. Denn Du allein, Gott, sorgst dafür, dass ich hier sicher wohnen kann. „Frieden“ und „Sicherheit“. Das braucht doch eigentlich jeder, damit er gut schlafen kann. Für sich, seine Familie und auch für andere. Und wenn ich ehrlich bin, dann habe ich das doch auch. Ich muss mich in kein Boot mit Flüchtlingen setzen und hoffen, dass mich irgendjemand aus dem Wasser zieht. Ich muss nicht in einer Unterführung auf Zeitungen schlafen und hoffen, dass der Winter nicht so kalt wird. Es geht mir gut. Ich habe einen Job und ein Dach über dem Kopf.

Ich glaube, das ist es, was ich von unserem Kater lernen könnte. Eine gewisse Grundzufriedenheit mit dem was ich habe und was ich bin. Aber leider gelingt mir das nur selten. Denn Sorgen kann man sich immer machen: was bringt der Tag morgen? Bleibe ich gesund? Schaffe ich es, die Erwartungen an mich zu erfüllen?

Deshalb möchte ich nicht nur vom Kater, sondern auch von diesem alten Gebet lernen: Ich möchte lernen, Gott zu vertrauen,  wie der Mensch, der diesen Vers gebetet hat. Gott trägt meine Sorgen mit. Er sorgt für mich. Es wird einen Weg geben. Ich vertraue, dass Gott mit sorgt, das will ich mir immer wieder klar machen. Ich glaube, dann klappt das auch mit dem Schlafen besser.

 

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