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SWR4 Abendgedanken

Was für ein wunderschöner Tag. Als ich meinen runden Geburtstag Anfang September gefeiert habe, hatten wir traumhaftes Wetter. Strahlend blauer Himmel. Ein richtiger Sommertag. Passend zu der Idee, mit den weit gereisten Gästen aus Norddeutschland, das Weinland Baden zu erleben. Eine geführte Wanderung durch die Weinberge im Kraichgau. Mit Verkostung und Imbiss. Die zwei jungen Damen, die uns begleiteten, führten uns in die Arbeit im Weinanbau ein. Sie taten das mit viel innerer Beteiligung; sie waren und sind begeistert von dem, was sie tun. 

Trotz aller technischen Möglichkeiten ist viel menschliche Arbeit nötig. Trotz aller chemischen und biologischen Hilfsmittel bleibt es sehr unsicher, wie im Herbst der Ertrag sein wird. Wir haben keinen Einfluss auf das Wetter, auf die Sonnenstunden, auf Regen, auf Wind. Es bleibt spannend und jedes Jahr ist anders. Die Menge unterscheidet sich und auch der Geschmack. Wir konnten erkennen, welche Spuren die Trockenheit dieses Jahr an den Weinstöcken hinterlassen hat. Wir hörten von dem mühsamen Einsatz, für Feuchtigkeit zu sorgen. 

Wir kosteten von den Trauben und probierten Wein und Sekt. Und hatten einen ganz neuen Zugang zu dem Genuss bekommen. Wir schätzten den Wein in einer größeren Weise als zuvor. Es war eine Form von Dankbarkeit, die schätzen lernt, dass das Gute nicht einfach da ist. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir guten Wein trinken dürfen. Es ist nicht selbstverständlich, dass es uns vergleichsweise so gut geht. Ganz überwiegend haben wir, was wir zum Leben brauchen. Und meist sogar mehr als das. 

Wenn ich erlebe, dass wir nicht alles im Griff haben; wenn ich ahne, dass es in meinem Leben auch ganz anders sein könnte, dann macht es mich dankbar. 

Dankbar dafür, dass ich mit freundlichen Menschen meinen Geburtstag feiern darf. Dankbar für das schöne Wetter an dem Tag. Dankbar für die freundlichen Damen bei unserer Wanderung durch die Weinberge. Dankbar dafür, dass wir auch in diesem Jahr guten Wein trinken dürfen. Gott sei Dank dafür. 

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Da sitzen sie mir gegenüber, die beiden jungen Menschen, weil sie heiraten wollen. Sie sind zum Traugespräch gekommen und ich fragen sie ganz direkt: warum wollt ihr das? Warum wollt ihr überhaupt heiraten? 

Wenige Wochen vorher hatte ich erst eine Sendung von Alex Burckhardt gesehen, mit dem Thema: Wie schafft ihr das, zu heiraten? 

Es spricht doch so viel dagegen und so wenig dafür. Die Begeisterung vom Anfang verfliegt bald in den Anforderungen des täglichen Lebens. Die Scheidungsrate ist hoch, Scheidungen sind kompliziert und teuer. Warum soll man sich festlegen und binden? Niemand weiß, was kommen wird und ob wir unsere Entscheidung nicht irgendwann bereuen. Warum also vor dem Staat und in der Kirche ein Gelübde ablegen? Es gibt genügend moderne Kritik sowohl an der einen wie an der anderen Institution. Man kann doch so zusammenleben, mit wem man möchte. 

Alex Burckhardt fragt seine Freunde, die heiraten, warum sie das tun. Sie erzählen ihm etwas von Sicherheit, von Steuerersparnis, von einem rauschenden Fest. Sie kennen seine Vorbehalte und antworten: Ja, aber ... Das entscheidende Argument zu heiraten, sei das ‚aber‘. Also gegen alle Vernunft, gegen Erfahrung und Statistik: ‚aber …‘ 

 Und dann sitzen sie mir gegenüber, die beiden jungen Menschen, weil sie heiraten wollen. Ich frage sie also: warum wollt ihr das? Sie schauen einander an, lächeln und sagen, einer nach der anderen: ‚Weil wir einander lieben‘ 

Wir wollen miteinander leben, wir wollen füreinander da sein, wir wollen Verantwortung füreinander übernehmen, wir wollen miteinander alt werden. Und ich spüre: der Boden von Vernunft und sachlichen Argumenten ist damit verlassen. 

Das sind keine Kinder mehr, sie sind 30 Jahre alt; die entscheiden bewusst. Sie wissen ganz genau, dass sie nicht wissen, was aus ihrem gemeinsamen Leben noch wird. Was auf sie zukommt, womit sie umgehen müssen. Aber was es auch sein wird – sie wollen es gemeinsam. Und sie wollen es mit dem Segen Gottes. Darauf freuen sie sich. Das schenkt ihnen Mut. Das lässt sie vertrauen. 

Schön zu sehen, wie Menschen unvernünftig sind. Aber voller Liebe und voller Vertrauen. Ich freue mich auf ihre Trauung.

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Ich würde mir das so wünschen, dass wir alle an denselben Gott glauben! Manche sagen das ja. Es ist ja sowieso derselbe Gott, an den wir alle glauben! Das macht doch keinen Unterschied!

Ich fände das schön. Wirklich. Es würde so Vieles einfacher machen. Egal ob man nun Hindu oder Christ, Moslem oder Jude ist – alles gleich. - Doch das stimmt leider nicht.

Ich persönlich habe verschiedene Religionen für mich miteinander verglichen, habe ihre heiligen Bücher gelesen und spreche so gern mit denen, die anders glauben als ich. Fast immer kann ich etwas lernen. Denn Weisheit ist in allen Religionen zu finden.

Was mich mit Leidenschaft an meinem christlichen Glauben festhalten lässt ist die Erkenntnis, dass ich nur hier Gott als Vater im Himmel habe. Der Gott, der mich liebt und der mir entgegenläuft, egal welchen Mist ich gebaut habe – den habe ich nirgends sonst gefunden. Weil Gott Liebe ist.

Nirgends sonst habe ich auch gefunden, dass Gott seinen Kindern, den Menschen, so umfassend und gerne vergibt. Für mich war das immer so selbstverständlich: Wir machen Fehler, aber Gott vergibt gerne, wenn wir ihn darum bitten…

Doch das ist nicht selbstverständlich. In anderen Religionen konnte ich das einfach nicht spüren. Es ist etwas Besonderes. Uns wird vergeben. Und wir sollen diese Vergebung auch an andere weitergeben. Weil Gott Liebe ist.

Nirgends sonst, in keiner anderen Religion, ist die Liebe so im Mittelpunkt wie im christlichen Glauben. Nirgends sonst ist sie mir so wichtig gemacht worden. Die oberste Regel ist nicht, dass ich Gott gehorchen soll. Ich soll ihn lieben! Von ganzem Herzen, mit all meiner Kraft und mit ganzer Seele. Und ich soll meinen Mitmenschen lieben. So wie mich selbst auch. Das ist das Wichtigste. Liebe ist das Wichtigste. Weil Gott Liebe ist.

Ich fühle mich verbunden mit allen Gottsuchern auf der Welt. Aber ich weiß: Mein Glaube ist anders als der Glaube in anderen Religionen. Wir haben nicht alle denselben Gott. Wir suchen denselben Gott. Ich halte fest an dem, den ich als Christ kenne. Warum? Weil er Liebe ist.

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Erinnern Sie sich noch wie Ihr Start in diesen Tag war? War der Start eher hektisch oder ruhig? Mit Sorgen gefüllt oder erwartungsfroh? Ich finde ja: Der Morgen macht den Tag. Am Morgen ist mein Herz noch leer. Und ich fülle es gerne erst einmal mit etwas Gutem, damit ich dann auch anderen gut begegnen kann. Jesus hat einmal gesagt: Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund…

Ich lese nicht als erstes die Zeitung. Nein! Mit einem leckeren Kaffee setze ich mich hin und sammle einfach alles, was am gestrigen Tag gut war. Es gab auch anderes, aber morgens interessiert mich nur das, was gut war, was gelungen ist, was ich geschafft habe und was ich geschenkt bekommen habe.

Manchmal schreibe ich das auf. Manchmal stelle ich es mir noch einmal vor: Der Sonnenuntergang. Ein Anruf, vor dem ich mich gefürchtet habe und der dann doch ganz gut gelaufen ist. Ein paar nette Worte mit der Kassiererin im Supermarkt fallen mir ein. Ein Besuch, bei dem wir Kaffee getrunken haben und auf dem Balkon sitzen konnten…

Und dann lese ich noch einen kleinen Abschnitt aus der Bibel. Die Bibel bringt mich auf Gedanken, die ich im Alltag nicht so denke. Ich verstehe nicht immer alles, aber ich nehme etwas Gutes von Gott in mein Herz auf. Dann ist der Kaffee getrunken und auch mein Herz ist nicht mehr leer. Und so bete ich dann. Wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund…

Ich sage einfach Danke zu Gott für alles Gute, das mir eingefallen ist. Ich muss nicht noch einmal alles aufzählen. Mein Vater im Himmel weiß es ja schon. Aber manchmal erzähle ich es ihm trotzdem noch einmal. Eigentlich, damit ich das Gute nicht vergesse. Es soll mein Herz wirklich ganz füllen.

Und so kann ich in den Tag starten. Die Probleme und Widrigkeiten kommen von allein. Aber für das Gute in meinem Herzen bin ich selbst verantwortlich.
Ich habe auch einmal versucht, so etwas am Abend zu machen. Das hat gar nicht funktioniert! Ich war viel zu müde. Aber morgens, wenn das Herz leer ist, da geht es gut. Vielleicht wäre das auch etwas für Sie? Vielleicht gleich morgen früh?

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Wenn ein Mensch gestorben ist, bleibt ganz Unterschiedliches zurück bei den Hinterbliebenen. Neulich ist mir das bei einer Beerdigung ganz besonders aufgefallen…

Die Verstorbene war in den Achtzigern gewesen und sie war wohl das, was man gerne „resolut“ nennt, wenn man nicht noch deutlicher werden will. Jetzt bei der Trauerfeier, habe ich auf den Gesichtern der Menschen ganz typische Gefühle wahrnehmen können.

Ganz rechts außen in der ersten Reihe saß die Schwester. Tränen liefen über ihr vom Leben zerfurchtes Gesicht. Vom Charakter her war sie ihrer Schwester ähnlich gewesen. Jetzt liefen die Tränen, doch ich wusste: seit einer Erbstreitigkeit hatten sie sich nur noch zum Geburtstag nichtssagende Karten geschickt. Auch in den letzten Monaten der Krankheit hatte sich das nicht geändert. War es das wirklich wert? Wie oft merken Menschen erst im Rahmen der Trauerfeier, dass sie dem anderen etwas schuldig geblieben sind.

In der Mitte der ersten Reihe saß aufrecht ein großgewachsener Mann, der einzige Sohn der Verstorbenen, ein gestandener Handwerker. Ich habe die Anspannung gesehen, ich konnte erkennen wie er die Kiefer zusammengepresst hat. Seine Mutter hatte immer zu tun. Das Kind ist irgendwie im Weg gewesen. Sie war mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Als Kind war er größtenteils bei der strengen Großmutter aufgewachsen. Zuneigung, liebevolles Bemuttern? Fehlanzeige.
Wie oft merken Menschen bei einer Trauerfeier noch einmal ganz deutlich, dass die, die gegangen sind, ihnen etwas schuldig geblieben sind.

Die Enkel und Urenkel hatten eine ganz andere Frau erlebt: Sie war milder, bereit, Zeit zu investieren und für andere da zu sein. Die Dankbarkeit brach vor allem bei den Jüngsten in Tränen aus ihnen heraus. Wie schön, dass ich die Dankbarkeit auch noch gesehen hatte. Und wie gut, dass wir später das Vaterunser miteinander beten konnten, in dem es heißt:
Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Wir alle bleiben einander etwas schuldig. Aber wir müssen nicht schuldig bleiben. Wir können Vergebung annehmen und wir können anderen vergeben. Schöner ist es zu Lebzeiten, doch zu spät ist es nie.

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