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SWR4 Abendgedanken

Freut Euch und jubelt – so heißt das neue Schreiben von Papst Franziskus. Der Papst schreibt: Jeder Mensch kann ein Heiliger werden. Heilig zu leben bedeutet für ihn, zum wahren Leben, zum Glück zu finden. Es geht nicht darum, auf möglichst viel zu verzichten und den ganzen Tag zu beten. Gleich zu Beginn heißt es bei Franziskus: Du musst nicht perfekt sein, aber du brauchst dich auch nicht mit einem mittelmäßigen Leben zufrieden zu geben. Darum heißt das Schreiben „Freut Euch und jubelt.“ Denn der Papst ist überzeugt: In jedem Menschen steckt etwas ganz Besonderes. Darüber sollen wir uns freuen und dafür will er uns die Augen öffnen.

Heilig sein, heilig leben – in meinem Alltag habe ich meistens andere Sorgen. Da soll ich im Beruf alles auf die Reihe kriegen, noch mal schnell die Emails checken und dann noch den Kindern bei den Hausaufgaben helfen. Nun soll ich mich auch noch freuen und jubeln und dabei heilig werden – na toll.

Genau hier setzt der Papst an: Er sieht in diesem Alltag ganz viel Heiliges.Der Papst erkennt es zum Beispiel in den Eltern, die ihre Kinder mit viel Liebe erziehen, in den Männern und Frauen, die arbeiten, um sich und die Familie zu ernähren, in den Kranken. In diesen oft kleinen Dingen erkennt er die Heiligkeit „von nebenan“. Der nächste Heilige wohnt vielleicht gleich um die Ecke.

Heilig zu werden kann damit losgehen, kleine Dinge in großartiger Weise zu erledigen. Ich verstehe es so: Es geht nicht darum, alles anders zu machen. Es geht zuerst um einen liebevollen Blick auf meine Umgebung. Dazu nennt Franziskus ein Beispiel: "Wenn ich einem Menschen begegne, der in einer kalten Nacht unter freiem Himmel schläft, kann ich fühlen, dass dieser arme Wicht ein Nichtsnutz und ein Störenfried für mein Gewissen ist. Sollen sich doch die Politiker darum kümmern. Oder ich kann aus dem Glauben und der Liebe heraus reagieren und in ihm ein menschliches Wesen erkennen, mit gleicher Würde wie ich […]“.

Ich finde es klasse, wie lebensnah der Papst hier schreibt. Ich hab viel besser verstanden, was er mit heilig meint. Er sieht ganz viel Heiliges in unserem Alltag, in unseren Freundschaften und Familien. Freut euch und jubelt: Es läuft schon sehr viel gut in der Welt. Darauf sollten wir aufbauen. Denn für jeden gilt: Dein Leben strahlt und ist heilig.

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Raumschiff Enterprise – das war meine Lieblingsserie während der Schulzeit. Unendliche Weiten, fremde Welten und Abenteuer. Einmal quer durch die Galaxis. Irgendwann ist mir aufgefallen: Auf der Enterprise arbeiten Russen Hand in Hand mit Amerikanern. Asiaten, Afrikaner und Europäer - in diesem Raumschiff haben alle Platz. Mitten im kalten Krieg eine internationale Gemeinschaft. Selbst Mister Spock gehört dazu. Als Außerirdischer ist er voll integriert.

Raumschiff Enterprise finde ich sehr aktuell: Im ganzen Land diskutieren Bürger und Politiker darüber, wie vielfältig unsere Gesellschaft sein kann. Jeder scheint eine andere Meinung zu haben, ob und wie die verschiedenen Kulturen, Sprachen und Religionen gut zusammen leben können.

Ich rege mich auf, wenn manche dann so tun, als sei früher alles besser gewesen. Die wunderbaren 70er und 80er Jahre – na schönen Dank auch. Manch ein Bekannter würde sich anscheinend am liebsten eine Zeitmaschine bauen, um in dieser Vergangenheit leben zu können. Es braucht schon viel Fantasie, um all die Probleme der damaligen Zeit zu übersehen.

Zurück in die Vergangenheit oder zurück in die Zukunft? Diesen Streit gibt es schon in der Bibel: Auf der einen Seite das Paradies. Dort waren die Menschen noch fröhlich wie die Kinder, ohne Sorgen, ohne Schmerz. Zurück ins Paradies - zum Anfang der Schöpfung, als noch alles in Ordnung war. Auf der anderen Seite ist da noch ein ganz anderes Bild. Das Bild von einer fernen Zukunft: vom neuen Jerusalem. Die Vision einer großen Stadt, in der alle Menschen glanzvoll und friedlich leben. Alle Völker machen sich dorthin auf den Weg, die Stadttore stehen weit offen. Das neue Jerusalem strahlt in hellem Licht, auch weil die verschiedenen Völker mitbringen, was sie so besonders macht.

Ich will nicht zurück ins Paradies, sondern vertraue auf die Zukunft. Probleme und Herausforderungen muss ich dafür nicht kleinreden. Es gibt genug zu tun. Doch mir gefallen die Visionen von einer Zeit, in der wir Menschen zusammen etwas aufbauen – der eine mag dabei an Raumschiff Enterprise denken, die andere an das neue Jerusalem. Mit solchen Bildern im Kopf denke ich: ja, die Zukunft kann kommen.

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Mein Freund Matthias ist in Ostdeutschland aufgewachsen. Das hieß für ihn: kein Kontakt zur Kirche, kein Religionsunterricht. Jetzt lebt er in Heidelberg, ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Frau wünscht sich, dass die Kinder getauft werden. So lernt Matthias den christlichen Glauben langsam kennen. Er informiert sich, findet vieles interessant. Jesus, Bibel, Kirche – alles schön und gut. Und doch kommt er an einem Punkt nicht weiter. Er ruft mich an und sagt: Ich weiß nicht, wie ich zum Glauben finden soll. Als Kind habe ich es nicht gelernt an Gott zu glauben – jetzt scheint es mir unmöglich.

An etwas zu glauben, was ich nicht sehen und begreifen kann: da habe ich auch schon oft gezweifelt und nicht weiter gewusst. Mir hilft dabei eine Geschichte von Nikolaus Cusanus, einem Theologen aus dem 15. Jahrhundert. Cusanus erzählt: Ein Mensch, der nicht glaubt, beobachtet einen Christen. Erstaunt fragt er ihn: „Wie kannst du mit solchem Ernst etwas anbeten, das du nicht kennst?“ Der Christ antwortet: „Eben weil ich ihn nicht kenne, bete ich ihn an.“

Für mich heißt das: Weil Gott ein Geheimnis bleibt, kann ich zu ihm beten. Das ist ja das Besondere an Gott: Er geht über die Dinge hinaus, die ich verstehen und erklären kann.

Eines weiß ich sicher: Mein Glauben hat ganz viel mit anderen Menschen zu tun. Das Abendgebet als Kind bei meiner Oma, die Gemeinschaft auf der Jugendfreizeit oder eine Pilgerwanderung mit Freunden. Und dann gibt es noch diese besonderen Momente wie die Geburt unserer Kinder: Da fühle ich mich Gott ganz nah.

So wechselt sich bei mir beides ab: Momente, in denen Gott mir vertraut ist und Momente, in denen er mir fremd ist. Diese Zeiten, in denen ich zweifle und Gott weit weg scheint, braucht es aber auch. Oder um mit Cusanus zu sprechen: Eben weil ich ihn nicht kenne, bete ich ihn an.“

Lieber Matthias, es kann so vieles bedeuten, wenn jemand sagt: Ich glaube. Bei mir ist es so: Ich will die Welt unbedingt besser verstehen. Menschen, Schicksale, der Sinn des Lebens – da gebe ich keine Ruhe. Oft stoße ich dabei an eine Grenze und hinter dieser Grenze wartet Gott. Gegen diese Grenze renne ich an, will sie durchbrechen. Das heißt für mich zu glauben: Dass ich über mich hinaus will, weil ich ahne, dass es so viel mehr gibt. Besser kann ich es gerade nicht erklären. Aber das ist mein Versuch.

 

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... nicht aber die Stimme der Gerechtigkeit.“

Meine Schwägerin Theresa wohnt seit zwei Jahren in El Salvador. Sie arbeitet dort für eine Menschenrechtsorganisation. Ihre Aufgabe ist es, Familien zusammen zu führen. Vor rund 30 Jahren hat die Militärdiktatur vielen Eltern ihre Kinder weggenommen. Die Militärs haben Urkunden gefälscht und die Kinder zur Adoption freigegeben. Nun begegnen Eltern ihren Kindern wieder, die sie seit Jahrzehnten nicht gesehen haben. Und erst heute erfahren viele dieser Kinder, wer ihre wahren Eltern sind.

Theresa könnte auch in Deutschland arbeiten. Da wäre es für sie und ihre Familie viel sicherer und bequemer. Denn Theresa und ihre Kollegen müssen aufpassen, wenn sie nach den Angehörigen suchen. Keiner der Täter von damals sitzt heute im Gefängnis. Die Verbrechen der Militärdiktatur bleiben ungesühnt.

Theresa will trotzdem dort arbeiten. Ihr großes Vorbild heißt Oscar Romero. Romero hat sich als Erzbischof für Gerechtigkeit in El Salvador eingesetzt. Er lässt sich nicht einschüchtern, als er deswegen Morddrohungen erhält. Er stellt sich auf die Seite der armen Bauern, die gegen die Militärdiktatur protestieren. Einige raten ihm, er solle das Land verlassen. Romero antwortet ihnen: „Mich kann man töten, nicht aber die Stimme der Gerechtigkeit.“

Vor 38 Jahren feiert Romero einen Gottesdienst in einer Krankenhauskapelle. Da trifft ihn die Kugel eines Scharfschützen und Romero stirbt. Daraufhin beginnt ein Bürgerkrieg, von dem sich das Land bis heute nicht erholt hat.

Es ist schrecklich, wie viel Gewalt und Ungerechtigkeit noch immer in El Salvador herrschen. Ich bewundere Menschen wie Theresa und ihre Kollegen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, obwohl es gefährlich ist. Sie tun alles dafür, dass Menschen zu ihrem Recht kommen. Dass tiefe Wunden langsam heilen können. Der Frieden kann erst wachsen, wenn das, was passiert ist, nicht länger totgeschwiegen wird.

Vor drei Jahren hat Papst Franziskus Oscar Romero seliggesprochen. Damit wir ihn nicht vergessen und uns daran erinnern, wie mutig dieser Mann war. „Mich kann man töten, nicht aber die Stimme der Gerechtigkeit.“

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