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SWR4 Abendgedanken

Vielerorts beginnt heute der Endspurt  für die Karnevalstage. Im Rheinland gelten sie als 5. Jahreszeit. Da wird einige Tage gefeiert und gelacht, geschunkelt und sich in farbenfrohe Kostüme gekleidet.

In der Bibel, im Buch Kohelet (Kap 9), auch Buch der Prediger genannt, heißt es: 

7 Darum iss dein Brot und trink deinen Wein und sei fröhlich dabei!

8 Nimm das Leben als ein Fest:

9 Genieße jeden Tag mit der Frau, die du liebst, solange das Leben dauert… 

Eine Einladung, das Leben zu genießen! Man könnte meinen, dass der Schreiber ein Optimist ist, dem es leicht fällt, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Aber eher das Gegenteil ist der Fall. „Windhauch, Windhauch, alles ist Windhauch“ ist eine immer wiederkehrende Aussage in seinem Buch. Kohelet schaut sich das Leben an und kommt zu dem Schluss, dass sein Mühen und  Ringen nicht den gewünschten Erfolg hat – und dass es vielen Menschen so geht.

Er ist eher resigniert, was seinen Einfluss auf die Welt angeht.

Und doch findet sich bei ihm diese Aufforderung, das Leben zu genießen:

„Iss dein Brot und trink deinen Wein und sei fröhlich dabei! Nimm das Leben als ein Fest. Genieße jeden Tag mit der Frau, die du liebst – solange das Leben dauert“.

Auch ich kenne die Zeiten, in denen ich erlebe, dass viel Arbeit nicht zum Erfolg führt, dass mein Einfluss auf die Dinge begrenzt ist und ich denke: lohnt sich alles nicht! „ Alles nur Windhauch“ würde Kohelet sagen. Aber: kein Grund, sich nicht an den schönen Dingen des Lebens zu erfreuen, die da sind: Essen, Trinken, Liebe.

Für mich ist dieser Text eine Ermutigung, über Misslungenes hinweg auf das zu schauen, was an Gutem und Schönem da ist: ein gedeckter Tisch und Menschen an meiner Seite; eine Einladung, die fröhlichen Seiten des Lebens zu sehen und anzunehmen – gerade wenn mir nicht danach zumute ist.

Denn Kohelet sagt: „So hat es Gott für die Menschen vorgesehen und so gefällt es ihm.“

Das, was da ist, wert zu schätzen und zu genießen.

Und zu feiern. Nicht nur an Karneval, der ab heute in seinen Endspurt geht. Aber auch an Karneval. Für alle, die es tun werden: Viel Spaß dabei!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25839

Der heutige Tag hat viele unterschiedliche Namen: Schwerdonnerstag, schmutziger Donnerstag, fetter Donnerstag. Hier bei uns im Rheinland  heißt er Weiberfastnacht.

 

Da sind die Möhnen los, sie sperren Straßen und nehmen Straßenzoll von jedem, der durchfahren will, besonders natürlich von den Männern. Den Männern droht eine zusätzliche Strafe: ihnen wird der Schlips abgeschnitten!

Da werden die Rathäuser gestürmt, die Sparkassen „geplündert“  und in großen Umzügen durch die Straßen gezogen.

Einen Tag lang wird die bestehende Ordnung insbesondere das Verhältnis von Männern und Frauen auf den  Kopf gestellt.

Das Schöne ist, dass  es an diesem Tag nicht sprachlich korrekt  um Frauenkarneval, sondern um Weiberfastnacht geht, und die Akteure sind nicht  Frauen, sondern Möhnen.

Möhnen und Weiber sind alte Ausdrücke und heutzutage weitgehendst ausgerottet.

Und doch haben diese alten Worte eine eigene Ausstrahlung.  Bei dem Wort „Weib“  entsteht ein anderes Bild im Kopf als bei dem Wort Frau und „Möhnen“ sind etwas anderes als alte Tanten.

„Weiber“: da klingt gerne Abwertendes und Negatives mit: Weibergeschichten; Weibergeschwätz, Weiberwirtschaft.

Aber beim Wort Weib klingt auch noch anderes mit: Lebensfreude und Selbstbewußtsein. Weiber lassen sich von den Männern nichts sagen.

Das alles wird an Weiberfastnacht zelebriert: Frauen übernehmen die Macht und stellen die klassische Ordnung von Mann und Frau auf den Kopf, sie sind selbstbewußt, stark und unabhängig. Sie genießen das Leben und sie wollen an diesem Tag den Männern  gar nicht gefallen.  Deshalb müssen sie auch nicht schön sein, sondern sie treten als Möhnen auf –  das sind ursprünglich alte Frauen, die eher übersehen wurden und etwas lästig in der Familie waren.

Weiberfastnacht – heute gehören der Straßenkarneval und die Sitzungssäle den Frauen.

Und wir Weiber genießen es, unter uns zu sein und so zu feiern, wie es uns gefällt.

Und manchmal  bleibt am nächsten Morgen nicht nur ein Kater übrig, sondern die schöne Erfahrung, lebensfroh und unabhängig als Frauen  miteinander unterwegs zu sein und  das Leben selbst in die Hand zu nehmen – eine gute Erfahrung, nicht nur an Karneval!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25838

Er ist ein eher seltener Anblick, aber in diesen Tagen leuchtete er groß und bunt vor meinem Wohnzimmerfenster, der Regenbogen.

Gerade ist die Landschaft noch regengrau und trist, da schleicht sich ein Sonnenstrahl durch die Wolkendecke ein Regenbogen entsteht. Dieses Mal ist er besonders prächtig von einem Ende zum anderen taucht er die Landschaft in ein buntes Licht. Die Intensität seiner Farben wechselt schnell von kräftig und bunt zu fragil und durchscheinend.

Und jedes Mal, wenn der Regenbogen  auftaucht, muss ich innehalten, ihn bewundern.Einfach weitermachen geht nicht. Ich nehme mir eine kleine Auszeit , um ihn anzuschauen.

Dieses Schauspiel der Natur rührt mich immer wieder an und erinnert mich dabei an die alte Erzählung  von Noah, der Sintflut und der Arche.

Gott, so wird dort erzählt, war entsetzt über das Verhalten der Menschen und hatte beschlossen, die Erde und die Menschen zu vernichten. Er wollte es regnen lassen, bis alle Lebewesen ertrunken wären. Nur Noah war  ein gottesfürchtiger Mann. Er sollte verschont bleiben und bekam von Gott den Auftrag, eine Arche zu bauen.

Seine Familie und je ein Paar der Tiere sollten darin die Sintflut überleben. Als die Flut vorüber ist und die Erde wieder bewohnbar ist, schließt Gott mit Noah einen Bund.

Er sagt: „Nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben“ (Gen 9,11b).

Und er fährt fort: „ Meinen Bogen setze ich in die Wolken, er soll das Zeichen des Bundes werden zwischen mir und der Erde. (Gen 9,13)

„Steht der Bogen in den Wolken so werde ich auf ihn sehen und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen lebenden Wesen“ (Gen 9,16).

Langsam verblasst der Regenbogen vor meinem Fenster.

Aber er bleibt  ein geheimnisvolles, sehr konkretes und zugleich ungreifbares Zeichen, das den Himmel mit der Erde verbindet. Und eine Erinnerung an das Versprechen Gottes, die Erde nicht mehr vernichten zu wollen.

Ich staune und komme ins Gespräch mit Gott: Danke für den Regenbogen. Hilf mir, die Erde zu bewahren. Und ermutige mich, meinen Teil dazu beizutragen, so wie ich es kann.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25837

Was machst Du mit all den Millisekunden, die du sparst, wenn du „LG“ statt „liebe Grüße“ schreibst? So ein Plakat habe ich in der U-Bahn gelesen.

 

Ja, was mache ich mit den gesparten Millisekunden?

„LG“  ist eine recht verbreitete Abschiedsfloskel in einer E-Mail, einer SMS oder anderen digitalen Nachrichten.

„LG“ statt „liebe Grüße“. Die automatische Wortergänzung schlägt mir das immer als erstes vor.

Und ich ertappe mich selber dabei, dann meine Nachricht so zu beenden.

Manchmal bin ich sogar versucht, alle Höflichkeitsformulierungen zu kürzen oder wegzulassen. Ich weiß doch, an wen ich schreibe, muss ich da noch liebe, lieber oder zumindest Hallo schreiben?

Der Angeschriebene weiß doch, wer ihm schreibt, muss ich da noch „liebe Grüße“ und meinen Namen darunter schreiben?

Rein sachlich sicherlich nicht. Aber ich spüre, wie sich der Umgangston abkühlt – wie die Höflichkeit und Freundlichkeit allmählich abnehmen und aus dem Blick geraten.

Mir sind Höflichkeit und Freundlichkeit wichtig. Trotzdem ertappe ich mich selber dabei, immer mehr Abkürzungen zu nutzen, immer weniger Anreden zu schreiben oder sogar nicht mehr mit meinem Namen zu unterschreiben.

Ja, und was mache ich eigentlich mit den Sekunden, die ich dabei spare?

Seitdem ich dieses Plakat gelesen habe, entscheide ich mich immer häufiger,  meine Kurznachrichten oder E-Mails wieder ordentlich mit Anrede und Unterschrift zu versehen.

Denn ich selber freue mich auch immer über ein Hallo, ein guten Tag oder die Anrede Liebe Marianne.

Ich habe beschlossen, diese Sekunden nicht mehr zu sparen. Das gilt nicht nur für das Schreiben sondern auch für das Reden. Ich will mir Zeit nehmen für die Sekunden, die es dauert, einem anderen zuzulächeln, zuzunicken oder höflich die Tür aufzuhalten. Das sind nur kleine Gesten und Freundlichkeiten. Aber sie geben  dem Alltag ein liebenswertes Gesicht und entlocken mir ganz von alleine ein Lächeln.

Das manchmal wiederum einen anderen auch zum lächeln bringt…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25836

Gestern habe  ich im Gottesdienst den Blasiussegen ausgeteilt.

„Auf die Fürsprache des heiligen Blasius bewahre dich der Herr vor aller Krankheit und vor allem Bösen“ so heißt das Segenswort. Ich halte die Formulierung immer etwas allgemeiner: Der Herr bewahre dich vor allem Übel und vor aller Krankheit.

Vielleicht ist da auch etwas Magie und Aberglaube dabei, aber vor allem ist es Zuspruch, Stärkung und Trost. Deshalb teile ich gerne den Blasiussegen aus.

Da kommen Menschen aller Generationen nach vorne, warten geduldig in der Schlange bis sie dran sind und viele schauen mich erwartungsvoll an. Sie erwarten die Zusage, dass Gott sie sieht und sich ihrer annimmt.

Dieser Moment des Blickkontaktes ist nur kurz, aber für mich ganz intensiv.

Da erwartet jemand etwas von mir. Jemand, der in seinem Beruf Verantwortung übernimmt und gewohnt ist, zu entscheiden. Jemand, der Verantwortung für seine Kinder hat, den Haushalt managt und auch noch nach den alten Eltern schaut. Menschen, die im Alltag zupacken und tatkräftig sind.

Sie alle lassen in dem Moment ihre Aufgaben los und lassen sich auf den Segen ein, und nehmen die Zusage Gottes mit, der sagt:“ ich bin für dich da“.

Sie machen das Kreuzzeichen und gehen – wie ich empfinde – froh nach Hause.

 Auch viele ältere Frauen und Männer kommen. Sie können oft  nicht mehr gut gehen und manchem fällt es schwer, in der Schlange zu warten. Sie haben den größten Teil ihres Lebens hinter sich.

Sie scheinen mit dem Blasiussegen noch etwas anderes zu verbinden:

Sie hören  „der Herr bewahre dich vor aller Krankheit und  vor allem Bösen“; als  Zusage für das, was für sie kommen wird in absehbarer Zeit.

Für sie ist die Abwehr von Krankheit und allem Bösen sehr konkret, sie hoffen auf ein Leben nach dem Tod bei Gott

Wenn diese Menschen das Kreuzzeichen machen und wieder gehen, scheint mir der eine oder die andere davon getröstet und berührt.

Den Menschen ein Segenswort zuzusprechen, das sind ein sehr intensiver und schöner  Moment.

Und deshalb teile ich gerne den Blasius – Segen aus.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25835