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SWR4 Abendgedanken

Als Kind habe ich mich darüber gefreut. Jeden Tag ein Türchen am Adventskalender aufmachen zu dürfen. Obwohl zu meiner Kindheit kein Stück Schokolade hinter dem Türchen auf mich wartete. Lediglich ein Bildchen war zu sehen. Mal ein Auto, mal ein Schaukelpferd und mal ein Teddybär. Ich glaube, meine Freude beim Aufmachen der Türchen hatte auch weniger mit dem Bildchen selbst zu tun, als mit der Tatsache, dass ich wusste, wenn alle Türen offen sind, dann ist Weihnachten. Und dann werden aus diesen kleinen Bildchen wirkliche, reale Spielsachen. Und die bringt mir das Christkind.

Wenn alle Türen offen sind, dann ist Weihnachten. Und in der Adventszeit geht es darum, jeden Tag eine Tür mehr aufzumachen. In vielen Dörfern und Nachbarschaften gibt es heute so genannte lebendige Adventskalender. Die Menschen treffen sich vor einem Fenster, in einem Hof, in einer Garage oder auch in einem Hausflur, wo auch immer. Machen irgendetwas gemeinsam: Singen Lieder, erzählen Geschichten, tragen Gedichte vor und trinken natürlich auch Glühwein und essen Plätzchen miteinander. Jeden Tag bei einem andern Nachbarn. Wichtig: Es treffen sich nicht nur Freunde, die sowieso immer was zusammen machen, sondern es kommen auch Nachbarn hinzu, die sonst eher für sich sind. Jeden Tag wird so eine neue Tür aufgemacht. Ich finde, das eine tolle Hinführung zum Weihnachtsfest. Türen öffnen, einander wahrnehmen, sich begegnen und miteinander feiern. Und wenn dann alle Türen offen sind, da bin ich mir sicher, dann kann es ein richtig schönes Weihnachtsfest werden.

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Der Advent beginnt. In der Kirche geht es um Umkehr und Buße. Draußen vor der Kirche ist Weihnachtsmarkt. Es duftet nach Plätzchen. Die Menschen treffen sich, reden, lachen, scherzen, trinken Glühwein und essen Bratwurst. Und drinnen, bei uns in der Kirche läuft ein Kontrastprogramm. In den Bibelstellen, die in den Gottesdiensten vorgelesen werden, kommt Johannes der Täufer vor, ein klassischer Bußprediger. „Kehrt um, verändert euer Leben“ fordert er von den Leuten. Und weiter: „Wer zwei Gewänder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.“ Johannes der Täufer ist ein Asket, er lebt in der Wüste und ernährt sich von Heuschrecken und wildem Honig. Zu Weihnachtsmarkt, Lebkuchen, Glühwein und Bratwurst passt er ganz und gar nicht.

Ich bin kein Asket und eigentlich mag ich es zu feiern und fröhlich zu sein. Und deshalb fällt es mir schwer, ein Spielverderber zu sein. Ich will den Leuten den Weihnachtsmarkt nicht vermiesen. Aber das muss ich auch nicht. Denn ich weiß, dass das alles nur ein Spiel ist. Ein großes Theater, das wir da veranstalten. Die Häuschen vom Weihnachtsmarkt sind nur Kulisse einer heilen Welt, die es so gar nicht gibt. Wir dürfen Theater spielen, ein bisschen heile Welt genießen, so lange wir die Wirklichkeit nicht vergessen. In der wirklichen Welt steuern wir auf eine Klimakatastrophe zu und die verantwortlichen Politiker schaffen es nicht, da gegenzusteuern. In der wirklichen Welt leiden Millionen von Menschen unter Hunger, Krieg und Terror und wir schaffen es im reichen Europa nicht, denen die davor fliehen, Schutz zu geben. In der wirklichen Welt gibt es auch bei uns im reichen Deutschland viele Menschen, die nicht mithalten können, die arbeits- oder wohnungslos sind.

Ich glaube, wenn Johannes der Täufer heute predigen würde, würde er uns wohl auffordern hinter die Kulissen zu schauen und hier für Gerechtigkeit zu sorgen. Weihnachtsmarkt mit Plätzchen, Bratwurst und Glühwein wären ihm wohl ziemlich egal.

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Mit dem Spekulatius im September fängt sie an. Die Geschichte mit Weihnachten und dem Nichtabwartenkönnen. Jeder beschwert sich und findet das total unangemessen, dass in den Lebensmittelläden schon das Weihnachtsgebäck in die Regale kommt. Aber alle wissen auch, Kaufleute räumen nur das in die Regale, was auch gekauft wird. Also irgendwer muss die Plätzchen schon im September kaufen. Ich nehme mal an, dass mit dem lauten öffentlichen Protest immer auch ein stiller Konsum einhergeht.

Ähnlich verhält es sich mit den Weihnachtsmärkten. In den meisten Städten sind sie jetzt schon dran. Es wird nicht bis Advent gewartet. Bratwurst- und Glühweinduft erfüllen jetzt schon unsere Plätze und Straßen. Und ähnlich wie beim Spekulatius im September: Ich finde es zwar nicht gut, dass es jetzt schon überall in der Stadt weihnachtet, aber wenn der Stand mit dem Glühwein nun mal gerade auf meinem Nachhauseweg steht?

So bin ich eben als Mensch, immer kompromissbereit. Mache einen Unterschied zwischen dem, was ich prinzipiell für richtig erachte und was ich konkret mache. Auch in der Kirche. Während in den Gottesdiensten konsequent in der Adventszeit kein fröhliches Weihnachtslied gesungen wird, sondern die eher getragenen Adventslieder, fährt man bei den Konzerten, die in den Kirchen stattfinden, nicht so eine harte Linie. Da heißt es bereits am ersten Adventssonntag manchmal „O Du fröhliche“ statt „Tauet Himmel den Gerechten“.

Es ist halt schwer mit dem Abwartenkönnen. Das Problem ist nur, wenn ich jetzt schon permanent Lebkuchen esse, schmeckt er mir an Weihnachten nicht mehr. Und wenn ich jetzt schon dauernd „Stille Nacht“ höre, bin ich an Weihnachten froh, wenn ich davon verschont werde.

Mal sehen, vielleicht schaffe ich es, zumindest diese Woche noch am Glühweinstand vorbei zugehen.

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Das Kirchenjahr 2017 geht zu Ende. Ein Grund Rückblick zu halten. Das große Thema in diesem Jahr war das Reformationsjubiläum oder wie wir Katholiken sagten: Das Gedenken an die Reformation, die vor 500 Jahren ihren Anfang genommen hat. Als Martin Luther seine 95 Thesen am 31. Oktober 1517 in Wittenberg veröffentlicht hatte. Mal egal wie dies stattgefunden hat, ob mit Anschlag an die Kirchentür oder sonst irgendwie. Diese Thesen haben was ins Rollen gebracht, eine Erneuerung der Kirche? Eine Spaltung? Auf alle Fälle eine Veränderung. Daran wurde viel erinnert in den zurückliegenden zwölf Monaten. Mit Gottesdiensten, Ausstellungen und Vorträgen und sogar einem zusätzlichen Feiertag. Und – was ich ganz toll fand – ökumenisch haben wir daran erinnert. Auch wir Katholiken haben mitgemacht. Das Lutherbild in der katholischen Kirche hat sich verändert. Aus dem bösen Kirchenspalter wurde einer, der die Kirche verändern wollte. Und zwar zu Recht, denn zu seiner Zeit herrschte großer Reformstau in der Kirche.

Ich habe auch einige Veranstaltungen besucht – auch einige mit organisiert und ich muss sagen: Es hat sich gelohnt das Jahr 2017. Es waren viele Impulse – gerade für die Ökumene. Denn immer ging es nicht nur darum, was uns trennt, sondern auch um das, was uns verbindet. Aber wie bei allem, was ganz stark und immer wieder betont und angesprochen wird, ist irgendwann auch mal genug. Das Jubiläumsjahr ist geschafft. Was aber nicht geschafft ist, was uns als Aufgabe immer erhalten bleibt, ist das eigentliche Anliegen Luthers: Die Reform der Kirche. Sie ist vielleicht dringender denn je.

Da stecken wir mitten drin. Immer wieder. Da gibt es keine Pausen – weder in der katholischen noch in der evangelischen Kirche.

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Die letzte Woche im Jahr hat begonnen – zumindest in den Kirchen. Denn das Kirchenjahr tickt anders als das Jahr auf meinem Küchenkalender. Es beginnt im Advent und endet in der letzten Novemberwoche. Eingeläutet wurde diese letzte Woche gestern durch einen besonderen Sonntag. In der Evangelischen Kirche feierte man den Totensonntag oder auch Ewigkeitssonntag genannt und in der katholischen Kirche das Christkönigsfest. Die Evangelischen Christen gedachten ihrer Toten. Das, was die Katholiken an Allerheiligen und Allerseelen am Anfang des Novembers gemacht haben. Eine eher stillere Angelegenheit. In den katholischen Kirchen ging es gestern hingegen lauter zu. Denn voller Inbrunst sang man: „Christus Sieger, Christus Herrscher, Christus König aller Zeit.“ In der einen Kirche Trauer, man gedenkt der Toten. Und in der anderen lauter Triumphgesang. Das scheint sich zu widersprechen. Aber der Schein trügt, denn beides gehört zusammen. Nicht um sonst heißt der Totensonntag in der evangelischen Kirche auch der Ewigkeitssonntag. Damit wird angedeutet, dass die Trauer um die Toten sich mit der Hoffnung verbindet, dass es eine Ewigkeit gibt. Etwas, was Bestand hat auch über den Tod hinaus. Ein Ort, wo Himmel und Erde zu einander finden, wo sich die Lebenden und die Verstorben treffen. Ich weiß, dass das manchmal schwer zu glauben ist. Mein Glaube daran ist oft nur eine schwache Hoffnung. Eine Hoffnung, die heißt: Der Tod hat nicht das letzte Wort, mit ihm ist nicht alles vorbei. Und diese Hoffnung beruht auf dem Glauben an Jesus Christus als dem Auferstandenen. Als dem, der den Tod endgültig besiegt hat. Und deshalb passt es durchaus zusammen, wenn die einen ihrer Toten gedenken und die andern singen: „Christus Sieger, Christus Herrscher, Christus König aller Zeit.“

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