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SWR4 Abendgedanken

Abschiede sind wichtig. Es ist nicht egal, wie eine Sache zum Abschluss kommt. Eine Beratung, eine Arbeit, ein Ausflug. Ein guter Schluss ziert alles, sagt das Sprichwort. Das gilt für jeden Tag, für die Woche und das Jahr. Ganz zum Schluss gilt es auch für mein Leben.

Am Abend geht der Tag zu Ende. Die Nacht kommt. Wir ruhen aus von der Mühe des Tages. Ich denke zurück, was an diesem Tag alles geschehen ist: Menschen sind auf die Welt gekommen. Im Nachbarort ist eine Bäckerei überfallen worden. Ein Mann ist mit dem Rad gestürzt. Eine Firma hat dem Kindergarten eine Puppenecke gespendet. Meist hatte ich freundliche Kontakte. Auf der Post. Am Gemüsestand. Meine Freundin hat mir eine Karte aus dem Urlaub geschrieben. Sie hat an mich gedacht. Das ist schön! Vieles konnte ich heute erledigen. Einiges ist nicht fertig geworden. Das muss ich nochmals aufnehmen oder eben unvollendet lassen. Auch das gibt es am Abend: Unfertiges, Offenes, auch Zerbrochenes.   

Am Abend schaue ich zurück und bin dankbar für diesen Tag. So schließe ich den Tag ab mit allem, was darin vorgekommen ist, und lege es in Gottes Hände. Es heißt: dass er es am Ende gut macht. Er kann auch auf krummen Linien gerade schreiben.

Manchmal denke ich: Die vielen kleinen Abschiede und jeder Abschluss am Abend sind wie ein Training, in dem ich den großen Abschied üben kann. Ich weiß nicht, wie ich ihn erleben werde. Gewiss wird auch beim letzten Abschied nicht alles getan sein, was ich mir vorgenommen habe. Nicht alles gesagt, was ich habe sagen wollen. Nicht alles geglückt, wie ich es mir gewünscht habe. Aber auch dann wird es ganz entscheidend darum gehen, dass ich lassen kann. Mich lassen. Fallen lassen in die liebende Hand, von der ein Dichter sagt:

Wir alle fallen und da ist einer, der dieses Fallen
Unendlich sanft in seinen Händen hält.

Jeden Abend mache ich eine kleine Übung im Fallen. Ich lasse los, mich und diesen Tag. Ich lasse mich hinein fallen in Gottes Hände.

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Überall ist von Angst die Rede. Sie durchzieht wie ein scharfer Geruch das Haus der Welt. Unser Land. Unsere Stadt. Jeden Tag lese ich von Gefahren und schlimmen Ereignissen. Sie machen Angst. Und was macht die Angst mit uns?    

Es gibt kein Leben ohne Angst. Es gibt immer etwas, was uns Angst macht. Angst kann ja auch ein Schutz sein. Sie hält mich ab, Dinge zu tun, die mein Leben gefährden.

Aber was zu viel ist zu viel. Wenn ich im Hauptbahnhof einen Menschen anspreche und spüre, der bleibt aus Angst nicht stehen, dann frage ich mich, wohin uns die Angst führt. Wenn keiner sich kümmert, wenn einer um Hilfe ruft, oder im Bus niemand sich neben einen offensichtlich Fremden setzt, dann erschrecke ich. Angst macht Menschen abweisend und unmenschlich.

Natürlich habe auch ich Angst. Aber ich will nicht, dass sie über mich bestimmt. Dabei helfen mir Menschen, die sich nicht einschüchtern lassen von der Angst. Die mit Fremden reden, die Auskunft geben und weiterhelfen.

So ein Mensch war auch Jesus. Ich würde nicht sagen, dass Jesus keine Angst gehabt hat. Aber ich glaube, er war mutig. Es war ihm wichtig, dass er sagt, was er für richtig hält und dass getan wird, was den Menschen hilft. Er wusste, dass er untrennbar verbunden war mit Gott.

Kein römischer Soldat, kein Verräter aus der eigenen Gruppe, kein Verführer zu Reichtum und Größenwahn konnte ihn einschüchtern. Woher hat er die Kraft genommen? Wie konnte er der Angst die Stirn bieten? Es wird erzählt, dass Jesus sich immer wieder zurückgezogen hat. Er hat die Stille gesucht. Er hat sich Zeit genommen alleine zu sein. Er hat gebetet und hat mit Gott gesprochen, wie mit einem Freund oder einem guten Vater.

Auf der anderen Seite hat ihm die Freundschaft mit seinen Weggefährten den Rücken gestärkt. Und was ich für besonders wichtig halte: Er war davon überzeugt, dass sich etwas ändern kann in der Welt. Dieser Traum war stärker als die Angst. Sie hat ihm Kraft gegeben, sich dafür einzusetzen: dass Menschen fair miteinander umgehen, dass sie einander vertrauen können und gerechte Verhältnisse schaffen. Damit die Welt so wird, wie Gott sie haben will. 

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Manches Mal geschieht ein Wunder. Es gibt keine Erklärung, wie und was geschieht. Aber es ist so. Es verändert sich etwas zum Guten. 

Dazu habe ich vor ein paar Tagen ein Beispiel aus dem Krankenhaus gehört: Auf der Station gibt es einen Patienten, dem es keiner recht machen kann. An allen hat er etwas auszusetzen. Dank kommt ihm nicht über die Lippen und sein Gesicht kennt kein Lächeln.    

Dann hat eine neue Schwester angefangen. Freundlich ist sie auf den unfreundlichen Mann zugegangen. Alle haben gemerkt, die kann mit ihm umgehen. Wenn Zimmer 14 geklingelt hat, dann haben alle gelacht und gesagt: Gabi für dich. Wer weiß, woran es lag. An wen sie ihn erinnert hat. Jedenfalls war er wie ausgewechselt, wenn sie in sein Zimmer gekommen ist.     

Vielleicht war es so auch bei Hananias. In der Bibel lese ich von ihm: Gott hat ihn zu Saulus geschickt. Vor dem hatten alle Angst, weil er so grausam die Christen verfolgt hatte. Aber Gott gibt dem erfahrenen Hananias den Auftrag: Geh zu Saulus. Hananias hatte Angst und sagte: Ich habe von vielen gehört, wie viel Schlimmes dieser Saulus den Christen in Jerusalem angetan hat. Was wird er mit mir machen? Gott aber ist dabei geblieben und hat gesagt: Geh nur, Hananias. Ich habe ihn ausgewählt und dafür bestimmt, dass genau er auf der ganzen Welt von mir erzählen soll. (Apostelgeschichte 9,13.15)

Sicher konnten es sich damals viele Menschen nicht vorstellen, dass dieser Saulus sich so grundlegend verändern könnte. Auch Hananias hatte Bedenken. Aber dann ist er doch bereit gewesen Saulus zu treffen. Er hat ihn mit Bruder angesprochen und ist ihm von Mensch zu Mensch begegnet. Hananias hat sich darauf verlassen: Wenn Gott mich zu diesem Menschen schickt, dann ist er auch beim Treffen dabei.   

So verändert sich etwas zum Guten. Menschen hören nicht auf das, was andere sagen. Sie hören auch nicht auf die Stimme ihrer Angst. Sie hören auf das, was Gott mit ihnen vorhat. Sie gehen auf den anderen zu und verlassen sich darauf, dass Gott an ihrer Seite bleibt. Dann kann ein Wunder geschehen – wie bei Schwester Gabi und ihrem schwierigen Patienten in Zimmer 14.

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Jeder Mensch hat einen Großvater. Aber nicht alle kennen ihren Großvater. Manche haben keinen Kontakt. Das kann wehtun.
Kennen Sie Ihren Großvater? Nicht besonders gut, hat ein Mann gesagt. Mein Großvater hat sich nicht sonderlich für mich interessiert. Eine Frau dagegen hat sich erinnert: Mein Großvater war ein toller Mensch. Er hat uns Enkelkinder mitgenommen zu seinem Wiesengrundstück. Dort hat er für uns ein Baumhaus gebaut.

Eine andere Frau erzählt, wie sie darunter gelitten hat und noch leidet, dass sie ihren Großvater nicht kennt. Sie erinnert sich, dass sie in der ersten Klasse einmal gesagt hat: Ich habe keinen Großvater. Da haben alle gelacht. Manche haben sie bedauert. Natürlich hatte sie einen Großvater. Aber sie kannte ihn nicht. Nicht einmal den Namen. Ich weiß nur, hat sie erzählt, dass meine Großmutter sehr jung war, als sie meine Mutter geboren hat. Darum haben sie ihr das Kind weggenommen. Es kam in eine Pflegefamilie. Später nahmen die Pflegeeltern Kontakt auf mit der leiblichen Mutter. So hat meine Mutter ihre richtige Mutter kennengelernt. Aber vom Vater, meinem Großvater, fehlte jede Spur.

Ich frage mich, was für ein Mann er gewesen ist. Hat ihn nicht interessiert, wie seine Tochter aufgewachsen ist? Sagt sie nachdenklich. Er hat sich nie gemeldet. Deshalb hat meine Mutter ihren Vater nicht gekannt. Ob sie darunter gelitten hat, das weiß ich nicht. Jedenfalls war die Frage nach dem Großvater in unserer Familie immer ein Tabu. Niemand schien etwas zu wissen. Da war eine Lücke in der Reihe der Familie. Daher hatte ich keinen Großvater. 
Je älter ich wurde, hat die Frau noch gesagt, umso mehr hat mir das zu schaffen gemacht.

Als ich der Frau zugehört habe, ist mir eine Bekannte eingefallen. Die hat mir neulich erzählt, dass sie jetzt Ersatz-Omi geworden ist für ihre Nachbarskinder. Wenn es brennt, ist sie zur Stelle. Sie holt die beiden ab zum Spielen. Sie sammeln bunte Blätter und die Überraschung für die Mama wird bei ihr versteckt.

Natürlich ist sie nicht die leibliche Großmutter. Aber sie gibt Kindern, was sie brauchen, Geborgenheit und Zeit. Wie eine Oma eben. Oder ein Großvater.  

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Schön, schöner, am schönsten – billig, billiger, am billigsten. Menschen sind verliebt in Superlative. Doch Superlative sind gefährlich. Im Kampf um die ersten Plätze bleiben viele auf der Strecke.

Jeder möchte gern günstig einkaufen. Und wer freut sich nicht über ein Schnäppchen. Aber der Wettlauf um die billigsten Preise bedeutet oft das Aus für die kleinen Läden. Sie müssen schließen. Es gibt kaum noch ein Sportgeschäft, das nicht zu einer Kette gehört.

Aber Superlative gefährden nicht nur kleine Läden. Sie bedrohen auch das Leben der Menschen im Süden der Erde. Wir wollen ein schönes Leben haben und leisten uns gerne ein bisschen Luxus, vor allem, wenn es nicht viel kostet. Dafür verbrauchen wir jedes Jahr mehr Energie und belasten die Umwelt. Das geht oft auf Kosten der Menschen in Afrika, in Asien und Südamerika. Auf ihren Feldern sollten Gemüse und Mais für ihre Kinder wachsen. Aber es wird dort Soja angebaut als Futtermittel für Rinder. Wir in den reichen Ländern können uns so häufiger ein Steak leisten. Urwälder werden abgeholzt und Kokospalmen angepflanzt. Aus dem Palmöl wird billige Kosmetik hergestellt. Für nur 1,49 gibt es bei uns ein Duschgel zu kaufen.

Die Bibel macht nicht mit beim Kampf um die Superlative. Wenn es nach ihr geht, stehen die Besten nicht immer oben auf dem Treppchen. Keck behauptet sie: Bei Gott bekommen die den ersten Preis, die nicht zuerst möglichst viel für sich selbst herausholen wollen. Und Gott gefällt es auch nicht, wenn die einen superreich und die anderen immer ärmer werden.

Deshalb kaufe ich gerne Kaffee und Reis aus gerechtem Handel. Das ist vielleicht ein wenig teurer, aber ich unterstütze eine Sache, die mich überzeugt. Und wo es geht kaufe ich in Hofläden ein. Ich finde es prima zu kaufen, wo es wächst. Und wenn ich das wähle, was gerade geerntet wird, jetzt z. B. Kürbis und Äpfel, dann komme ich auch so recht günstig zu Obst und Gemüse.  

Nichts gegen günstig einkaufen, aber die Frage, wer dabei auf der Strecke bleibt, darf nicht unter den Tisch fallen.

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