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SWR4 Abendgedanken

Die große Stille – so heißt ein Film über die Kartäusermönche. Der Film macht seinem Namen alle Ehre. Keine Filmmusik, kaum jemand spricht. Fast drei Stunden geht das so. Minutenlang ist zum Beispiel ein Mönch beim stillen Gebet zu sehen. Und doch hat der Dokumentarfilm vor einigen Jahren viele Preise gewonnen. Es ist faszinierend zu sehen, wie ganz anders dieses Leben der Mönche ist. Seit dem Mittelalter hat sich kaum etwas verändert. 

Heute gedenkt die Kirche des Ordensgründers: Bruno, der Kartäuser. Vor rund 1000 Jahren wurde er geboren. Ein kluger Mann, der wohl gehofft hat, Bischof von Reims in Frankreich zu werden. Als daraus nichts wurde, hat er sich mit einigen Gefährten in eine felsige Berggegend zurückgezogen. Dort haben sie eine kleine Kirche und ein paar Hütten gebaut. Schon konnte es losgehen: Jeden Tag sieben Gebetszeiten, ein wenig Gartenarbeit, Lesen in der Bibel. So ist es bis heute. Die Kartäuser ziehen sich völlig aus dem Alltag zurück: Kein Radio, kein Fernseher, Besucher sind auch nicht willkommen. So abgeschieden zu leben – das macht kein anderer kirchlicher Orden. 

Manche Menschen predigen  Wasser und trinken Wein. Diese Mönche  trinken Wasser und predigen niemandem etwas. Sie wollen ein stilles Zeichen setzen: Die Welt ist laut und bunt – wir wollen uns ganz auf das Wesentliche konzentrieren, auf Gott. Die Kartäuser sagen: Wir sind viele Stunden am Tag in unserer Zelle, doch sind wir dabei nie allein. In der Einsamkeit fühlen wir uns Gott ganz nah. 

Wer neugierig geworden ist, kann im Film „Die große Stille“ mehr erfahren. Er ist wie eine Doku über eine Extremsportart. Hier heißt der Extremsport Schweigen. Nach dem Film war ich hin- und hergerissen: Auf der einen Seite finde ich es merkwürdig, sich so aus der Gesellschaft zurückzuziehen. Mich irritiert, wenn die Mönche sich selbst mehr oder weniger wegsperren. Auf der anderen Seite finde ich es interessant, wie ausgeglichen und froh die Mönche dabei wirken. Eben: einsam, aber nicht allein.

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„Du immer mit deinen verrückten Ideen.“ Ich habe meinem alten Schulfreund Jan richtig angesehen, was er gerade dachte. Bei einem Glas Wein habe ich ihm erzählt, was mich so beschäftigt. Da ging es viel um Religion und Glaube. Doch Jan kann damit nichts anfangen. Er arbeitet als Wissenschaftler im Labor, forscht an neuen Medikamenten. Religion hat ihn noch nie interessiert. 

Wenn ich ihn das nächste Mal treffe, will ich trotzdem wieder diskutieren. Ich habe nämlich einen Satz gelesen, der gut zu unseren Gesprächen passt. Er ist von Albert Einstein. „In unserer Zeit sind die ernsthaften Wissenschaftler die einzigen tief religiösen Menschen", sagt er. Richtig gehört: Forscher und Wissenschaftler sollen heute die einzigen tief religiösen Menschen sein. 

Ich verstehe Einstein so: Wissenschaftler sind Menschen, die nie ganz fertig sind mit dem Fragen. Sie können vieles erforschen und erklären. Moleküle, Atome, immer weiter, immer kleiner. Kaum aber ist ein Rätsel gelöst, tun sich wieder tausend neue Fragen auf. Für Einstein entzaubern Wissenschaftler nicht einfach die Welt, sondern sie stoßen auf immer neue Wunder. Einstein sagt, dass ich darin  Gottes Handschrift erkennen kann. 

Für mich heißt das: Es geht nicht darum, so zu tun, als wüsste ich alles über Gott und die Welt. Zu leicht machen es sich zum Beispiel religiöse Fundamentalisten. Die wissen angeblich, wer Gott ist und welche Regeln er aufstellt. Kritische Fragen sind verboten. Wer das nicht glauben will, den bekämpfen sie. Viel zu oft endet das in Terror und Gewalt. Das Gegenteil wäre richtig: Hartnäckig weiterfragen, neugierig bleiben und dazulernen. 

Wenn ich meinen Freund Jan das nächste Mal treffe, werde ich ihn fragen, wie er Albert Einstein versteht. Bisher spreche ich viel von Gott und er viel über die Welt. Super fände ich es, wenn wir beim nächsten Mal miteinander über beides reden: Gott und die Welt.

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Meditation liegt voll im Trend. Es gibt viele Angebote: in Yoga-Zentren, Meditationskursen oder Kirchen. Die einen suchen dabei etwas Ruhe vom Alltag, die anderen sehen es als spirituelle Kraftquelle. Ich habe es auch schon ausprobiert. In einem Kloster… ist ja keine große Sache: ein heller Meditationsraum, ein kleines Höckerchen  – mehr braucht es nicht. Um es gleich zu sagen: Ich kann es weiterempfehlen. Am schönsten finde ich, wenn ich dabei spüre, wie ich gelassener werde. Was eben noch super wichtig war, rückt weiter weg. Ich atme ruhiger, der hektische Alltag verschwindet. 

Doch das Ganze kann auch starke Nebenwirkungen haben. Auf einmal lenkt mich nichts mehr ab. Auf einmal höre ich auf die innere Stimme. Ich erinnere mich vielleicht an Sachen, die ich längst vergessen wollte. Wie so kleine Gespenster kommen die dann hervor. Da ist der Freund, mit dem ich mich zerstritten habe. Oder die Angst, im Leben auf dem falschen Weg zu sein. Es kann ganz schön hart sein, mehr als zehn Minuten auf so einem kleinen Meditationshöckerchen still dazusitzen. 

Meditation ist für mich mehr als eine Entspannungstechnik. Für mich ist es ein Weg zur eigenen Seele, zu Gott. Meister Eckhart war im Mittelalter ein berühmter Theologe. Heute wäre er vielleicht ein Lehrer für Meditation oder überhaupt für Spiritualität. Er hat gesagt: „Gott ist immer in uns, nur wir sind so selten zu Hause.“ Sein Satz gefällt mir: „Gott ist immer da, nur wir sind oft ganz woanders.“ Ich verstehe das so: In der Stille kann ich nach Hause kommen. Vielleicht gefällt mir erst mal nicht, was ich dort sehe. Vielleicht muss ich da erst mal Ordnung  schaffen. Alte Sachen wegräumen, mal durchlüften. Konkret heißt das: Mich mit dem Freund vertragen, wie ich es schon so lange vorhatte. Meinen Ängsten nicht mehr ausweichen. Das kann sich lohnen: Mit der Zeit komme ich dann wieder gerne nach Hause. Und ich fühle, wie ich dabei auch Gott näher komme, der dort längst auf mich wartet.

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Hiob ist der größte Verlierer, den die Welt je gesehen hat. Er verliert alles – seine Gesundheit, seine Familie, seinen Besitz. Die Geschichte von Hiob ist eine der härtesten Geschichten der Bibel. 

Dabei sieht es am Anfang noch so gut für ihn aus: Hiob hat alles, was er sich wünscht: eine große Familie, Geld und gute Freunde. Er ist gesund und freut sich des Lebens. 

Doch dann geht alles schief: Räuber stehlen sein Vieh, seine Kinder sterben bei einem Hauseinsturz. Eine „Hiobs-botschaft“ nach der anderen. Jetzt sitzt er buchstäblich im Dreck. 

Seine Freunde kommen vorbei und reden auf ihn ein. „Gib es zu, irgendetwas musst du doch verbrochen haben – sonst ginge es dir nicht so dreckig. Raus mit der Sprache.“ Doch Hiob sagt: „Nein, ich war immer fair. Da gibt es nichts zu beichten.“ Die klugen Reden seiner Freunde helfen Hiob nicht weiter. Doch er will sich nicht mit seinem Schicksal abfinden. 

Warum, warum das alles? fragt er immer wieder. All seine Sorgen und seine Wut schleudert er Gott entgegen. Immerhin: Gott antwortet Hiob. Er sagt: Ich habe die Welt nicht nur für dich geschaffen. Tiere, Menschen, die tausend Sterne am Himmel –  so weit ist meine Schöpfung. Du kannst doch Gott nicht allein daran messen, ob du gerade glücklich bist.   

Ich lerne von Hiob zwei Dinge. Erstens: Hiob ringt mit seinem Glauben. Er schießt die Sache mit Gott nicht einfach in den Wind, sondern zweifelt und streitet mit ihm. Bei all den Katastrophen sehnt er sich danach, Gott nah zu sein. Das imponiert mir. Wie Hiob aufsteht und sagt: Ich bin zwar nur ein kleiner Mensch, aber ich habe das Recht auf eine Antwort. 

Zweitens lerne ich von Hiob, dass Gott in keine Schublade passt: Gott ist kein Buchhalter, der mal bestraft und mal belohnt. Er ist ganz anders als unsere menschliche Logik. Auch wenn es schwer zu glauben ist: Am Ende fühlt sich Hiob Gott sogar näher als zuvor. Er versteht jetzt: Gott ist größer und lässt sich nie ganz begreifen. Aber er sieht mich.

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