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SWR4 Abendgedanken

Heute wird im katholischen Gottesdienst meine Lieblingsbibelstelle vorgelesen:1In jener Zeit wanderte Jesus von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und verkündete das Evangelium vom Reich Gottes. Die Zwölf begleiteten ihn,außerdem einige Frauen, Maria Magdalena, 3Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten des Herodes, Susanna und viele andere. Sie alle unterstützten Jesus und die Jünger mit dem, was sie besaßen. (LK 8,1-3) Ich mag diese kurze Stelle aus dem Lukasevangelium so gerne, weil  dort ausdrücklich gesagt wird, dass Jesus nicht nur von den zwölf Aposteln, kurz die Zwölf genannt, begleitet wird, sondern dass viele Frauen ihn begleiteten. Und dann werden exemplarisch einige genannt: Maria Magdalena, Johanna und Susanna. Am meisten wissen wir über Maria Magdalena. Von ihr wird berichtet, dass Jesus sie von einer schweren Krankheit heilte. Sie gehörte ganz offensichtlich zu dem Umfeld von Jesus, zu der Jüngerschar, die mit Jesus durch Israel zog. Ich mag diese Bibelstelle deshalb so gerne weil hier deutlich wird, dass auch Frauen Jesus nachfolgten. Und zwar nicht die Frauen von Petrus und Andreas, von Matthäus und Johannes oder irgend einem anderen Jünger, sondern es sind Frauen, die offensichtlich eigenständig und auch mit eigenem Vermögen Jesus  nachfolgen. Diese Frauen unterstützen Jesus und seine Jünger, aber nicht nur das: sie sind auch diejenigen, die mutig und entschlossen unter dem Kreuz ausharren, als viele der Freunde Jesu schon vor Angst geflohen sind. Maria von Magdala wird ausdrücklich erwähnt. Sie ist dann auch die erste, die dem Auferstandenen begegnet – ein Privileg, das sie den Jüngern voraus hat. Und die Frauen – wir Frauen -  sind diejenigen, die die Botschaft von Jesus, seine heilende Botschaft bis heute weitertragen leider in meiner  katholischen Kirche nicht von der Kanzel und nicht mit Bischofsstab. Die Bibel wurde von Männern geschrieben und die Texte, die vorgelesen werden, von Männern ausgesucht, aber die Tatsache, dass viele Frauen Jesus nachfolgten kann nicht ignoriert werden und ich hoffe, dass viele sie hören!

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Heute ist der Gedenktag des Heiligen Matthäus. Allzu viel wissen wir nicht über ihn. Er war ein Zollpächter oder ein Zolleintreiber in der Stadt Kafarnaum am See Genezareth.  Das heißt: Er arbeitete für die Besatzungsmacht, für die verhassten Römer, als Zollpächter in dieser vergessenen Ecke von  Israel am See Genezareth. Also eigentlich jemand, der keine Aufmerksamkeit wert war. Was wir von ihm wissen: Er gehört zu den Aposteln und er hat das Matthäusevangelium geschrieben. Und das ist in der Bibel immerhin das erste Evangelium und auch das ausführlichste. Darin erzählt er uns auch von  seiner eigenen Berufung geht. Das allerdings recht kurz und knapp. Dort heißt es: „Als Jesus weiterging, sah er einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Da stand Matthäus auf und folgte ihm.“ (Mt 9,9)

Ich bin immer wieder verblüfft über diese kurzen und knappen Berufungsgeschichten. Jesus ist wie immer mit einem Pulk von Leuten unterwegs. Er hat gerade vorher einen Gelähmten geheilt und das hat für viel Aufsehen gesorgt. Nun geht er nach Kafarnaum durch das Stadttor. Jesus hat nichts zu verzollen, er kann einfach durchgehen. Und doch: er sieht den Zöllner dort, den Matthäus. Ich stelle mir vor, dass die Blicke der beiden sich treffen und etwas passiert. Was,  wissen nur die beiden, aber es genügt, das Jesus sagt: Folge mir nach! Und Matthäus folgt ihm. Und dieser Augenblick der Begegnung ändert das Leben von Matthäus. Es folgt keine Erzählung einer Bekehrung, einer Sündenvergebung oder dass Matthäus all sein Geld weggegeben hätte, nein. Aber er folgt Jesus nach und gleich entsteht etwas Neues: In der Bibel heißt es weiter:

„ Und als Jesus im Haus des Matthäus beim Essen war, kamen viele Zöllner und Sünder und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern.“ (Mt 9,10)

Aus der Berufung eines Einzelnen wurde ein Fest für viele. Gut, dass Matthäus uns an seiner Erfahrung teilnehmen lässt – auch wenn er dem ganzen nur zwei kurze Sätze widmet.

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Heute Morgen musste es beim Anziehen schnell gehen. Im Zweifelsfall greife ich nach einem meiner Lieblingsstücke im Kleiderschrank. Heute ein T-Shirt, lachsfarben, aus Seide. Als ich im Büro bin, entdecke ich zu meinem Entsetzten, dass dieses T-Shirt am Saum richtig ausgefranst ist. Wie peinlich Aber: dieses Shirt hat ja auch schon 23 Jahre auf dem Buckel. Ich erinnere mich noch gut daran, als ich es gekauft habe, in einem kleinen Laden, bei uns im Ort. Unser Sohn war gerade geboren und ich war auf dem Naturfasertrip.  Ein Oberteil aus Seide – Luxus pur. Das Shirt war für mich damals sehr teuer, aber es war ja sein Geld wert. Es hat sich all die Jahre immer gut getragen, passte zu vielen anderen Kleidungsstücken. Wenn ich dieses Shirt anziehe, schwingt aber auch die Erinnerung an diese Zeit, als ich es kaufte, mit. Und manchmal provoziert es ein Lächeln, ein „weißt Du noch…“ Im Büro komme ich mit meiner Kollegin über meinen ausgefransten Saum ins Gespräch. „Ach, ich habe auch noch das Kleid im Schrank von der Taufe meines Sohnes“ – der ist mittlerweile auch über 20 Jahre alt.“ meint sie. Mein Hochzeitskleid hängt auch noch im Schrank, der Hut meiner Trauung hat seinen Platz im Regal. Diese Kleidungsstücke bergen Erinnerungen, so wie Fotos oder andere Erinnerungsstücke. Ich versuche, nicht allzu viel anzusammeln, aber manche Gegenstände sind mir wertvoll und die möchte ich auch nicht entsorgen: das Tragetuch von unserem ersten Kind; eine Locke vom ersten Haarschnitt; die Tonfiguren, die ich mir von meinem ersten  längeren Aufenthalt im Ausland mitgebracht habe…. Im Gespräch mit der Kollegin wird uns beiden noch einmal so deutlich, welche Bedeutung diese Gegenstände haben. Sie erinnern uns an gute und frohe Momente im Leben und lassen sie wieder lebendig werden. Manchmal sind sie auch ein Anlass, von diesen Momenten zu erzählen: mein Hut und die Tonfiguren haben ihren Platz  bei uns im Wohnzimmer und gelegentlich werde ich danach gefragt: was tut der Hut im Wohnzimmer? Wo hast Du die her? Dann fange ich an zu erzählen und spüre die Freude wieder, die ich mit diesen Erfahrungen verbinde. Mein Shirt muss nun endgültig aus dem Kleiderschrank verschwinden – die Frage ist nur: kommt es in die Altkleidersammlung oder in meine Erinnerungskiste?

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Ich atme. Produktiver wird es heute nicht mehr. Diese Spruchkarte hat mir meine Freundin nach einem langen und anstrengenden Sitzungstag in die  Hand gedrückt. Ich atme. Produktiver wird es heute nicht mehr. Erst einmal lächle ich über den Spruch, finde ihn entspannend. Ich atme! Das ist etwas ganz Geniales, denn ich atme seitdem ich auf der Welt bin, Tag und Nacht und ich atme ohne bewusste Anstrengung, ohne eigenes Dazutun. Ich atme! Wie existentiell das ist, machen auch viele Redewendungen deutliche:  bis zum letzten Atemzug, eine Atempause haben, das ist atemberaubend… Mein Atem ist ein Geschenk! Der erste Atemzug als Neugeborenes – da entscheidet es sich zwischen Leben und Tod. Gott schuf den Menschen – aber erst als er ihm Atem einhaucht, so erzählt es die Bibel– erst da wird der Mensch lebendig. In den Heilungsgeschichten haucht Jesus den Menschen an – und macht ihn so heil und gesund. Bei den Begegnungen der Apostel mit dem Auferstandenen haucht Jesus die Jünger an: Empfangt den heiligen Geist! Atem – Hauch Gottes.. Manchmal tut es mir gut, meinen Atmen wirklich wahrzunehmen. Und ich spüre: Wenn ich achtsam auf meinen Atem bin, bin ich achtsam nicht nur für mich, sondern auch für meine Mitmenschen und für meine Umwelt. „Achtsamkeit ist das natürliche Gebet der Seele“, sagt der Dichter Paul Celan. Wenn ich meinen Atem wahrnehme  bin ich ganz schnell auch bei einem Gebet: ein Stoßgebet um Hilfe, ein Dank, wenn etwas gut geklappt hat, eine Bitte für einen lieben Menschen. Atmen und beten - das ist für mich eine enge und natürliche Verbindung. Manchmal sind es die Stoßgebete – manchmal ist es nur ein „Danke, ich bin da!“, die Freude daran, dass ich lebe und atme. Atmen und beten – das bewusst wahrzunehmen, gelingt mir oft nur ein paar Minuten am Tag. Aber dann kann ich dem Spruch zustimmen: Ich atme! Produktiver wird es heute nicht mehr!

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Den werd ich mal ins Gebet nehmen – diese Redewendung ist mir aus Kindertagen noch vertraut. Jemanden ins Gebet nehmen, das heißt ihm eindringlich zureden, etwas zu tun oder zu lassen oder auch jemanden zu ermahnen. In diesem Sinne wollte ich nie ins Gebet genommen werden. Aber: jemanden ins Gebet nehmen bedeutet ja auch noch etwas anderes. Der Apostel Paulus schreibt an seinen Schüler Timotheus:

„Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen, auch für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben,…“

(1 Tim 2,1-2)

Bitte, Fürbitte und Danksagung – das sind schon die Gebetsformen, die mir vertraut sind. In der Regel denke ich in meinem persönlichen Gebet  an meine Anliegen und an die Menschen, die zu mir gehören, meine Familie, Freunde und Bekannte – ja auch an die Menschen in der Gemeinde in der ich arbeite. Ich nehme sie gerne mit hinein in mein Gebet und empfehle ihre Anliegen Gott. Der Apostel Paulus geht aber noch einen Schritt weiter. Er fordert zum Gebet für alle Menschen auf, besonders auch zum Gebet für die, die Macht haben und herrschen. Donald Trump oder Herrn Erdogan würde ich ja ganz gerne mal ins Gebet nehmen. Ihnen so richtig die Meinung sagen und ihnen einige Ratschläge mit auf den Weg geben, wie sie mit ihrer Macht umgehen sollten. Aber die Chance werde ich wohl kaum bekommen. Auch Frau Merkel und Herrn Schulz und andere Politiker werde ich wohl nicht persönlich zu sprechen bekomme. Oft geben sie mir ja das Gefühl von Hilflosigkeit: Herrn Trump und Herrn Erdogan kann ich eh nicht ändern und einige politische Äußerungen auch in unserm Land machen mir eher Angst. Sie persönlich ins Gebet zu nehmen, das wird nicht klappen. Aber sie mit ins Gebet zu nehmen, wie der Apostel Paulus fordert, das kann ich schon tun. Und wenn ich diese Menschen dann mit ins Gebet nehme, dann muss ich mich von meiner Vorstellung verabschieden, dass ich ja sowieso nichts ändern kann. Denn: ich vertraue ja auf die Kraft des Gebetes! Im persönlichen fällt mir das leicht – auf weltpolitischer Ebene bin ich da viel kleingläubiger und verzagter. Aber ich werde es in den kommenden Wochen mal ausprobieren mit meinem persönlichen Gebet für die Mächtigen, besonders für die, mit denen ich mir schwer tue.

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