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SWR4 Abendgedanken

Ich finde Reiseführer nützlich. Im Urlaub, der leider schon wieder vorbei ist, habe ich das neu gemerkt. Der Reiseführer hat mir geholfen, mich in der fremden Umgebung besser zurecht zu finden und er hat mich manchmal auf Sehenswürdigkeiten hingewiesen, an denen ich sonst achtlos vorbeigelaufen wäre.

Manchmal frage ich mich, ob es nicht auch für das Leben einen Reiseführer gibt. Das Leben ist ja auch so etwas wie eine Reise durch Jahre und Jahrzehnte. Wenn ich ehrlich bin, dann weiß ich ja auch nicht, was der nächste Tag oder das kommende Jahr für mich bringen werden. Sie sind wie ein unbekanntes Land. Wie hilfreich wäre es, wenn es einen „Lebens-Reiseführer“ gäbe, der mir hilft, mein Leben zu verstehen. So ein Reiseführer könnte dann auch hilfreiche Hinweise enthalten, wie ich mit meiner Ehe umgehe, wie ich meine Kinder erziehe oder wie ich Zeiten voller Leid und Schmerz bewältigen kann.

Tatsächlich glaube ich, dass es so etwas gibt. Für mich ist mein Glaube an Gott so etwas wie mein „Lebens-Reiseführer“. Darum lese ich gerne die Geschichten in der Bibel, in denen Menschen aufgeschrieben haben, was sie mit Gott erlebt haben. Ich lese gerne, was Jesus getan und gesagt hat. Das hilft mir, auch mein eigenes Leben besser zu verstehen.

Da ist zum Beispiel die Geschichte von den beiden Männern, die unterwegs waren in das Dorf Emmaus. Sie waren Jünger Jesu. Auf dem Weg begegnet ihnen ein Fremder. Sie kommen ins Gespräch. Und wie das manchmal so ist: Das Gespräch wird ganz persönlich. Der Fremde hilft ihnen zu verstehen, was sie bisher nicht verstanden haben. Er als er wieder weg ist, da begriffen die Jünger, dass das Jesus war. Er war mit ihnen unterwegs und sie hatten es erst nicht gemerkt.

Ich empfinde das in meinem Leben oft auch so: Ich gehe meinen Weg und habe das Gefühl, Gott ist ganz weit weg von meinen Alltagssorgen. Aber diese Geschichte sagt mir: Gott ist manchmal ganz nah, ich erkenne es bloß nicht. Er geht meinen Weg mit, auch wenn ich das nicht immer sehen kann.

So sind für mich der Glaube und die Bibel so etwas wie Reiseführer durch das Leben. Sie helfen mir, viele Situationen in meinem Leben besser zu verstehen und besser damit umzugehen.

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„Wann sind wir endlich da? Wie lange dauert das noch?“ Falls Sie in den vergangenen Ferien mit Kindern oder Enkeln im Auto in den Urlaub gefahren sind, dann kennen Sie vielleicht solche Sätze. Lange Autofahrten sind für Kinder kein Spaß. Wir haben das mit unseren Kindern auch oft genug erlebt. Wir waren immer froh, wenn die Zeit schnell umgegangen ist.

Es gibt solche Zeiten, da wünscht man sich einfach nur, dass sie umgehen. Das ist ja nicht nur bei Autofahrten mit Kindern so. Wenn ich auf dem Bahnsteig stehe und der Zug hat 20 Minuten Verspätung, dann hoffe ich, die 20 Minuten gehen schnell um. Denn die Wartezeit scheint mir verlorene Zeit zu sein. Oder im Stau auf der Autobahn. Verlorene Zeit. Aber auch, wenn ich krank im Bett liegen muss, dann warte ich darauf, dass ich endlich gesund werde, und das normale Leben wieder beginnen kann. Die Zeit der Krankheit scheint dann auch verlorene Zeit zu sein. Für manche Menschen ist auch die Zeit in ihrem Beruf verlorene Zeit. Ihnen macht ihre Arbeit keine Freude und sie warten nur darauf, bis endlich der Feierabend beginnt. Dann erst fängt das Leben an. Alles andere ist verlorene Zeit, die hoffentlich schnell vergeht.

Doch gibt es das wirklich: verlorene Zeiten? Zeiten, die sinnlos sind und von denen ich nur hoffe, dass sie schnell vorbei gehen.

In der Bibel lese ich etwas anderes. Da heißt es im Buch des Predigers: „Alles hat seine Zeit“. Und dann wird aufgezählt, dass es für alles im Leben eine Zeit gibt: Für Lachen und Weinen, Pflanzen und Ausreißen, Aufbauen und Niederreißen, Glück und Leid. Heißt das nicht: Jede Zeit hat ihre eigene Bedeutung. Es gibt keine leeren, verlorenen Zeiten. Gott kann mir helfen zu erkennen, wozu eine Zeit gut ist. Ein Freund von mir hat zum Beispiel aufgrund einer längeren Krankheitszeit erkannt, dass er sich in seinem Beruf neu orientieren muss. Oder als ich einmal meinen Arm gebrochen hatte und darum mehrere Wochen zuhause zum Nichtstun gezwungen war, hatte ich endlich wieder Zeit für andere Menschen zu beten und mit ihnen ausführlich zu telefonieren.

Darum ist jede Zeit wichtig. Nicht immer verstehe ich gleich, wozu. Doch Gott kann mir helfen, die Bedeutung von scheinbar sinnlosen Zeiten zu entdecken.

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Es geht nichts verloren. Es taucht alles wieder auf. Vielleicht haben Sie diese Erfahrung ja auch schon gemacht. Mir ging es so, als ich in diesem Sommer für den Urlaub packen wollte. Da fand sich in einem Rucksack meine Sonnenbrille, die ich schon seit Monaten vermisst hatte. Da habe ich mich gefreut. Manchmal tauchen aber auch Dinge wieder auf, die nicht so schön sind. 

Nichts geht verloren, - daran habe ich denken müssen, als uns einige Tage später ein befreundetes Ehepaar besucht hat. Der Mann erzählte an diesem Abend von seiner Kinderzeit. Er hatte als Kind eine schwere Zeit erlebt. Es gab Menschen, die hatten ihn damals tief verletzt. Er hat uns ganz offen davon erzählt und wir alle haben gespürt: Diese Verletzungen und Ungerechtigkeiten aus der Vergangenheit sind immer noch da. Er leidet immer noch unter den Dingen, die geschehen sind. Eine Zeitlang kann er sie immer wieder vergessen, aber dann tauchen sie erneut auf und beschäftigen ihn heute noch. 

Da habe ich an den Rucksack gedacht: Es geht nichts verloren. Alles kommt wieder. Auch die bösen 

Erfahrungen lassen sich nicht einfach verdrängen und vergessen. Jeder von uns trägt so etwas mit sich herum. Solche Lasten machen das Leben oft schwer.

Aber ich bin überzeugt, dass ich nicht ein Leben lang unter Dingen der Vergangenheit leiden muss.

Wenn ich in die Bibel schaue, dann lese ich dort immer wieder, wie Jesus Menschen begegnet ist, die eine schwere Last mit sich herumgetragen haben. Jesus geht zu den Menschen hin. Er heilt sie an Leib und Seele und richtet sie wieder auf. Ich denke zum Beispiel an einen gelähmten Mann, den Jesus geheilt hat. Wer weiß, was ihn bedrückt hat. Vielleicht hatte auch er schlimme Erfahrungen gemacht. Vielleicht hatte er sich selbst etwas vorzuwerfen. Als Jesus ihm sagt: Dir sind deine Sünden vergeben, – da fällt die Last von ihm ab. Da kann er wieder aufstehen und neu anfangen zu leben

Mir machen solche Geschichten Mut, dass auch ich von den Lasten der Vergangenheit frei werden kann. Zum Beispiel indem ich mit einem Menschen darüber rede, zu dem ich Vertrauen habe. Ich kann sie auch Gott im Gebet sagen. Ich kann um Vergebung bitten für mich und für die Menschen, die mir Schmerz zugefügt haben. Dann lebe ich freier und unbeschwerter.

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Jedes Mal, wenn ich nach dem Urlaub meinen Koffer auspacke, bin ich überrascht: Alles, was ich gebraucht habe, hat in diesen einen Koffer gepasst. Hemden, Hosen, Socken. Schlafanzug und Badehose. Regenjacke und Schuhe. Dazu die Zahnbürste, ein Kartenspiel für den Abend und ein Kriminalroman für den Strandkorb. Das hat gereicht, mehr brauchte ich eigentlich nicht.

Zuhause beim Auspacken komme ich dann ins Grübeln. Meine Schränke sind mit so vielen Dingen vollgeschichtet, aber im Urlaub reicht mir ein Koffer.

Dann denke ich darüber nach, dass zum Leben gar nicht so viele Dinge nötig sind. All die Sachen, die ich besitze, fordern meine Aufmerksamkeit. Ich muss sie in Schränke und Schubladen stopfen, ich muss sie waschen und instand halten, ich muss sie reparieren und ersetzen. Das kostet Zeit und Geld. Immer wieder denke ich: Weniger wäre mehr. Aber am nächsten Tag ertappe ich mich doch wieder dabei, wie ich noch ein Hemd kaufe, ein weiteres elektronisches Gerät anschaffe oder noch ein Buch erwerbe. Woher kommt das? Warum kaufe ich immer wieder neue Dinge, obwohl ein Koffer reichen würde?

Jesus hat einmal gesagt. „Macht euch keine Sorgen, was ihr essen und trinken und anziehen sollt. … Euer himmlischer Vater weiß, was ihr braucht“. Macht Euch keine Sorgen, sagt Jesus. Aber ich mache mir Sorgen. Das ist wohl der Grund, warum ich mich so vielen Dinge umgebe: Die Sorgen. Ich mache mir Sorgen, was die Zukunft bringt und darum kaufe ich ein Haus oder lege mein Geld in Wertpapieren an. Ich mache mir Sorgen, ob ich immer das Passende zum Anziehen habe und darum besitze ich lieber 40 Hemden als vier. Oder ich mache mir Sorgen, was die anderen Leute über mich denken, wenn ich nicht das neue Handy oder den großen Flachbildfernseher besitze.

Jesus sagt: Macht euch keine Sorgen. Gott weiß was ihr braucht. Er sorgt für euch.

Kann man das lernen, sich weniger Sorgen zu machen? Das Auspacken des Urlaubskoffers kann dabei vielleicht ein Anfang sein. Ich mache mir klar: Es reicht doch, was ich habe. Daran will ich dann wieder denken, wenn ich das nächste Mal einkaufen gehe und überlege, was ich an schönen Dingen jetzt anschaffen will. Es reicht doch. Ich brauche gar nicht so viel, denn Gott sorgt für mich.

 

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Im Urlaub diesen Sommer habe ich gemerkt, dass es mir schwer fällt zur Ruhe zu kommen und einfach mal abzuschalten. Sogar dann, wenn ich eigentlich frei habe. Denn es gibt ja immer noch etwas, was noch erledigt werden muss. Die Arbeit ist nie zu Ende. Es kostet mich richtig Überwindung, mich auf unserer Terrasse in den Liegestuhl zu legen, wenn der Rasen noch nicht gemäht ist und die wichtige Banküberweisung nicht erledigt. Dann stehe ich vor dem Liegestuhl und höre in mir diese Stimme, die sagt: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“

Mit diesem Satz bin ich aufgewachsen. Erst wird gearbeitet, dann darf man Spaß haben. Erst muss alles erledigt sein, dann kommt die Freizeit. Ich habe diesen Satz tief in mir verinnerlicht und merke, dass er mir heute manchmal das Leben schwermacht.

Natürlich ist an dem Satz was Richtiges. Wenn ich immer nur mein Vergnügen suche und dabei vergesse, meine Arbeit zu erledigen, dann bekomme ich schnell Probleme. In meinem Beruf gelte ich dann als faul, bei meinen Freunden als unzuverlässig und in meiner Familie als verantwortungslos. – Doch der Satz ist auch gefährlich. Er tut nämlich so, als sei die Arbeit das Wichtigste im Leben. „Erst die Arbeit…“ Und danach kommen die anderen Dinge: Vergnügen, Freizeit, Freunde, Familie. Ich kenne leider zu viele Menschen, die genau nach diesem Motto leben und daran krank werden. Oder sie merken irgendwann, dass ihnen die Kinder oder der Ehepartner fremd geworden sind. Weil immer zuerst die Arbeit kam.

Aber hat nicht Gott selber die Pause, den Feierabend, erfunden? In der Geschichte von der Erschaffung der Welt wird erzählt, dass Gott sechs Tage gearbeitet hat und dann am siebten Tag ruhte. Er schaute sich an, was er bisher erschaffen hatte und freute sich darüber. Dieser siebte Tag gehört auch noch zur Schöpfung dazu. Gott hat also nicht nur Himmel und Erde erschaffen, er hat auch die Freizeit erschaffen. Wenn also Gott einfach mal seine Arbeit unterbrechen und Pause machen konnte, dann darf ich das auch mit gutem Gewissen.

Darum will ich auch im Herbst, wenn der Urlaub längst vorbei ist, mich ohne Schuldgefühle mal in den Liegestuhl legen, auch wenn noch nicht alle Arbeit getan ist.

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