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SWR4 Abendgedanken

Mit Kritik umzugehen, ist nicht einfach. Manche überhören sie einfach. Manche ärgern sich darüber und werden dickköpfig: Jetzt erst recht, sagen Sie. Ich mache, was ich will!.
Wie geht man mit Kritik um? Einer, der sehr gut mit Kritikern umgehen konnte, war Jesus. Er hat sie ernstgenommen.

Einmal haben Leute beobachtet, mit wem Jesus Umgang hat.  Und sie waren davon ziemlich irritiert. Jesus kam zu Ohren, wie die Frommen über ihn gelästert haben: „Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.“ Das haben sie sich so nicht vorgestellt.  Dieser Jesus ist doch der Messias. Der, auf den alle Frommen warten. Und jetzt gibt er sich mit denen ab, die so ein Lotterleben führen. Er setzt sich mit Huren und Betrügern an einen Tisch. Die Menschen waren irritiert. Womöglich ist er gar nicht der Sohn Gottes, wenn er so etwas macht, haben sie gesagt.

Jesus hört ihre Kritik. Und er geht nicht einfach weiter und macht sein Ding. Er nimmt die Kritik ernst. Sie gibt ihm die Gelegenheit, etwas Wichtiges über Gott er sagen: Gott wendet sich denen zu, die von anderen Leuten gering geschätzt werden. Er macht sich Mühe gerade mit denen, die andere abgeschrieben haben.

Dazu erzählt Jesus folgende Geschichte. Ein Hirte hat hundert Schafe und eines kommt ihm abhanden. Der Hirte sucht das eine Schaf. Und ist glücklich, als er es nach langem Suchen endlich findet.

Seine Kritiker hören also von Jesus: Dieser Hirte kümmert sich um ein einziges Schaf, das ihm Mühe macht. Er sagt nicht: „Ich habe noch so viele andere Schafe, die brav im Pferch bleiben, da kommt es auf eines mehr oder weniger nicht an.“ Für ihn zählt nicht die Mühe sondern, dass das Schaf wieder da ist.

Die gerade noch über Jesus geschimpft hatten, die nickten jetzt mit dem Kopf. Ja, genauso würden sie es auch machen mit ihrem Vieh. Man muss das Verlorene suchen! Und was für das Vieh gilt, gilt das nicht erst recht auch für Menschen? Ist es also nicht selbstverständlich, dass Jesus sich den Menschen zuwendet, die auf die schiefe Bahn geraten sind oder sich verirrt haben auf den Wegen ihres Lebens?
So, sagt Jesus, geht Gott mit denen um, die vom Weg abkommen. Und mit denen, die motzen. Er bemüht sich auch um sie.

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Beim Saubermachen hilft mir Musik. Ich finde, mir geht die Arbeit dann leichter von der Hand. Je flotter der Rhythmus, umso flotter schwinge ich den Putzlappen. Putzen wird deswegen zwar nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, aber ich finde: Musik macht selbst langweilige Pflichten erträglich. Die richtige Musik gibt mir Schwung am Morgen und beruhigt mich am Abend.

Das kennen viele Menschen. In einem Gesprächskreis habe ich gefragt, wie die Teilnehmer den folgenden Satz ergänzen würden:  Ich liebe die Musik, weil...
Da kam eine lange Liste zusammen. „Ich liebe die Musik, weil sie mich in festliche Stimmung versetzt.“ Hat jemand gesagt.  „...weil sie mich trösten kann“ hat eine Teilnehmerin berichtet. Und eine Frau, die schon Großmutter ist, hat gesagt: „Ich liebe die Musik, weil sie kleinen Kindern beim Einschlafen hilft.“

Von Martin Luther gibt es auch so eine Liste, weshalb er die Musik hoch schätzt. Er schreibt in einem Aufsatz: „Ich liebe die Musik, (...) weil sie ein Geschenk Gottes und nicht der Menschen ist, weil sie die Seelen fröhlich macht, weil sie den Teufel verjagt, weil sie unschuldige Freude weckt.“

Martin Luther war sehr musikalisch. Er konnte mehrere Instrumente spielen, und er soll ein guter Sänger gewesen sein. Er hat Liedtexte gedichtet und Melodien komponiert. Martin Luther hat der Musik viel zugetraut und hat es wohl oft selbst erlebt, dass Musik viel bewirken kann. Er schreibt: „[Durch Musik] vergehen die Zornanwandlungen,  die Begierden, der Hochmut.“

Die Musik hat einen höheren Rang für Luther als alle anderen Wissenschaften und Künste, gleich nach der Theologie. Denn in der Bibel werden ja wichtige Gedanken in Liedern überliefert: nämlich in den Psalmen. Und im Paradies, meinte Luther, werden alle anderen Wissenschaft nicht mehr nötig sein, nur noch die Musik: Die Medizin wird dort nicht mehr nötig sein, weil alles heil sein wird. Und die Kunst der Juristen wird nicht mehr gebraucht, weil es gerecht zugeht. Und die Kriegskunst wird nicht mehr gebracht, weil dort, wo Musik gemacht wird, Frieden ist.

So ist die Musik eine paradiesische und eine nützliche Sache, nicht nur zum Putzen sondern vielleicht auch für eine gute Abendstimmung heute.

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„Vertragt euch!“, hat Hannelore Kohl vor 16 Jahren in den Abschiedsbriefen an ihre Familie geschrieben. Als nun Helmut Kohl gestorben ist, konnte man erkennen, wie ahnungsvoll diese Worte gewesen sind. Denn es ist der Familie gerade nicht geglückt, dass sich alle miteinander vertragen. Da gab es einen schmerzhaften Bruch zwischen dem Vater Helmut Kohl und seinen Söhnen.

Viele Menschen kennen das: Wenn die Familie auseinanderfällt. Und leider wissen viele auch das: Oft gelingt es nicht, das Ruder herumzureißen, sich zu versöhnen, frei zu werden von Hass und Misstrauen. Gefühle werden weitergereicht in die nächste Generation. Und es wird immer schwerer, den Knoten aufzulösen.

Die Bibel erzählt die Geschichte der Familie von Jakob. Einer seiner Söhne - Josef - ist dem Vater besonders liebgewesen; das hat die anderen Söhne eifersüchtig gemacht. Sie haben Josef loswerden wollen und haben ihn deshalb als Sklaven nach Ägypten verkauft. Aber durch Gottes Fügung ist Josef dort ein einflussreicher Mann geworden.

Viele Jahre später sind die Brüder einander wieder begegnet. Und jetzt ist die Frage gewesen, wie Josef reagiert. Wird er sich rächen? Wird der alte Kampf zwischen den Brüdern weitergehen? Josefs Brüder jedenfalls haben mit allem Schlimmen gerechnet; und umso verblüffter sind sie gewesen, als Josef sich ganz anders verhalten hat, als sie gedacht hatten. Er hat gesagt: Ihr habt nichts zu befürchten. Ihr wolltet mir böse. Aber Gott wollte, dass daraus etwas Gutes entsteht, etwas, das dem Leben dient.

Josef hat sein Glaube an Gott geholfen, dass er nicht gefangen war von Hass und Rachegefühlen. Er hat gesehen, wie oft ihm Gott in seinem Leben beigestanden hat und hat deshalb seinen Brüdern  mit offenen Armen entgegen gehen können.

Ich finde, das ist eine wunderbare Geschichte. Sie kann allen Menschen Mut machen kann, die fürchten, dass sie für immer in Streit verstrickt sind. „Vertragt euch!“, das geht nicht auf Kommando. Aber mit Gottes Hilfe können Menschen frei werden zur Versöhnung.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24763

„Lisa schläft schon drei Nächte lang nicht aus Angst vor der neuen Schule,“ hat mir die junge Mutter erzählt. Und ich muss daran denken, wie das war, als ich als Zehnjährige in eine neue Schule kam. Auch wenn das schon eine halbe Ewigkeit her ist, ich weiß noch genau, dass ich Angst hatte vor dem ersten Schultag in der neuen Schule.

Die Kinder in Rheinland-Pfalz haben das schon seit gut zwei Wochen hinter sich. In Baden Württemberg dauert es noch 14 Tage, bis es soweit ist. Was mir damals geholfen hat, daran erinnere ich mich nicht mehr. Aber inzwischen kenne ich die Geschichte von Timotheus. Heute würde man wahrscheinlich Tim zu ihm sagen. Vor dem stand auch eine große Aufgabe, und wahrscheinlich hatte er Angst davor.

Paulus, sein Lehrer wollte ihm Mut machen. Deshalb hat er ihm einen Brief geschrieben. In der Bibel kann man den nachlesen. Paulus schreibt an Tim: Du schaffst das, weil Gott dir alles mitgibt, was du für die neue Aufgabe brauchst: Kraft, Liebe und Besonnenheit. Das hilft gegen Furcht.
Als erstes liest Tim also, dass sein Lehrer ihm die neue Aufgabe zutraut. „Du schaffst das. Da bin ich mir ganz sicher.“

Sicher wird in diesen Tagen mancher Schulanfänger diese Worte gesagt bekommen: Von den Eltern oder den Großeltern. Sie ermutigen ihr Kind, wenn es in eine neue Schule geht und unsicher ist, weil es dort noch keinen kennt. Erwachsene wissen, dass so eine Ermutigung Kraft gibt.

„Liebe,“ schreibt Paulus weiter, „Liebe ist das andere, was einem hilft, wenn man Angst hat.“ Liebe wird auch heute den Kindern helfen, wenn es schwierig wird. Die Liebe der Eltern und der Großeltern, der Onkel und Tanten. Und vielleicht können sie in dem allen spüren, wie Gott sie liebt. Wer sich geliebt fühlt, der kann zuversichtlich in die Zukunft gehen.

Und dann schreibt Paulus an den Tim von damals noch von Besonnenheit. Besonnenheit? Gemeint ist Harmonie mit sich selbst und mit Gott. Es kommt nicht darauf an, was die anderen wollen und sagen. Du musst mit dir selbst einverstanden sein. So wie Gott mit dir einverstanden ist. Ich glaube, das hat Paulus gemeint.

Ob heutige Schulkinder das verstehen? Ich glaube, wir Erwachsene können sie spüren lassen, was gemeint ist. Und hoffen, dass Gott sie stark macht.

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„Frau Pfarrerin, ich habe heute ein Kleid an, und das hat Linien“. Mit diesen Worten hat mich Emma begrüßt. Sie ist zweieinhalb Jahre alt. Ihr kleines Brüderchen soll getauft werden. Deshalb habe ich einen Besuch bei der Familie gemacht. Und Emma war sehr gespannt, was ich mit den Eltern zu besprechen hatte. Erst einmal hat mich amüsiert, was die Kleine erzählt hat. Sie mag ihr hübsches gestreiftes Sommerkleidchen. Und sie freut sich, dass sie dem Besuch ihr Kleidchen zeigen kann.

Dabei ist mir eingefallen, dass es bei der Taufe oft auch um ein Kleid geht. In manchen Familien gibt es ein Taufkleid für den Säugling. Ein kostbares langes Kleidchen aus weißer Spitze, das von Generation zu Generation weitergereicht wird. Das hat die Oma schon getragen  und später alle ihre Kinder und jetzt das Enkelkind. Und wenn das einmal eigene Kinder hat, wird das Taufkleidchen vielleicht wieder zum Einsatz kommen. Ein schönes Zeichen finde ich. Es zeigt, wie der Glaube weitergeht von einer Generation zur nächsten.

Am Anfang der Christenheit, als in der Kirche vor allem Erwachsene getauft wurden, trugen diese zu ihrer Taufe lange, weiße Gewänder. Das haben die Christen von den Römern übernommen. Dort war es üblich, dass Menschen, die sich für ein neues Amt beworben haben, bei ihrer öffentlichen Vorstellung eine weiße Toga getragen haben.

Das lateinische Wort für die Farbe weiß - candidus - findet sich ja noch in unsere Begriff Kandidat. Kandidaten waren also die, die weiß gekleidet zu einem wichtigen Ereignis gekommen sind. An dem Gewand konnte man erkennen: Jetzt beginnt ein neuer Abschnitt im Leben dieses Menschen. Im weißen Kleid kommen sie zur Taufe in den neuen Glauben. Die Farbe Weiß war zugleich ein Zeichen dafür, dass sie ein reines Leben suchen, unbelastet von allem Düsteren.

Natürlich weiß jeder, dass man den Glauben nicht anziehen kann wie ein Kleidungsstück. Aber dass ein Kleid das Zeichen einer Haltung ist, das weiß schon ein kleines Kind wie Emma. Ihre Familie hat ein Taufkleid zum Weitergeben. Wer getauft wird und also in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen, der zieht es an. Und Emma? Sie darf zur Feier des Tages ihr Lieblingskleid anziehen, wenn ihr Brüderchen getauft wird. Weil sie sich mitfreut bei diesem großen Ereignis.

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