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SWR4 Abendgedanken

Viele meiner Schüler wissen nicht mehr, wie man überhaupt beten kann. Einige kennen nicht mal das Vater Unser. Das liegt vermutlich daran, dass sie es nicht mehr gelernt haben. Sie haben Beten nur als eine lästige Pflicht kennengelernt, die man hinter sich bringen muss. Oder sie mussten Gebete auswendig lernen, ohne dass man mit ihnen über ihren Sinn gesprochen hat.

Im Religionsunterricht versuche ich, darauf zu reagieren: Wir beten gemeinsam und wir sprechen über Beten. Ich finde es wichtig, dass es dabei nicht darum geht, dass man dabei etwas falsch machen kann oder richtig machen muss. Ich erzähle den Kindern dann gerne von Don Camillo und davon, wie er betet.

Don Camillo, dieser Pfarrer, der mit Gott spricht, wie mit einem sehr guten Freund. Meistens macht er das in der leeren Kirche. Er spricht da zu Jesus am Kreuz. Und der gibt ihm meistens sogar Antwort.

Es gibt eine Episode, da hat er mal wieder eine Auseinandersetzung mit seinem Kontrahenten, dem kommunistischen Bürgermeister Peppone gewonnen. Camillo hat mit faulen Tricks gearbeitet und war nicht so ganz ehrlich wie man es von einem Pfarrer erwarten dürfte. Als er in die Kirche kommt, versucht er deshalb am Kreuz vorbei zu schleichen und nicht mit Jesus zu sprechen. Aber Jesus ruft ihn zurück. Don Camillo spricht mit Jesus, erleichtert sein Gewissen und zerbröselt als Zeichen der Reue eine seiner heißgeliebten Zigarren. Aber er schummelt noch einmal. Es ist nur eine halbe Zigarre, die andere hat er für später gerettet. Er macht eine Kniebeuge und will weitergehen. Jesus merkt das natürlich und ruft ihn zurück. Ohne Vorwürfe, sondern wie ein Freund der ihn so mag, wie er ist. Der aber auch ehrlich behandelt werden will.

Das gefällt mir, weil Don Camillo als ein Mensch mit Schwächen vor Jesus kommt. Seine Schwächen sind zwar nicht belanglos, aber auch nicht das Entscheidende. Jesus ist und bleibt sein Freund. Diese Zuneigung Jesu ist es, die Don Camillo dazu bringt, ehrlicher mit sich selbst zu werden und ernst zu machen mit den guten Vorsätzen. 

Wenn ich bete, versuche ich es auch so. Das heißt, ich sage ehrlich alles, was ich denke und was ich sagen will. Und manchmal ist es so, als ob mein Gegenüber mir dabei freundschaftliche Fingerzeige gibt, was ich anders machen könnte. Eben wie ein Freund, der mich so mag wie ich bin.

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Soll die Kirche sich aus der Politik heraushalten? Über diese Frage haben wir erst vor kurzen im Freundeskreis diskutiert. Ich glaube, es ging mal wieder darum, wie wir in Europa mit den Flüchtlingen umgehen. Da hat ein Freund gemeint, die Bischöfe und Pfarrer sollten sich da doch raushalten aus der Diskussion. Ich habe noch dagegengehalten, wie sich Kirchengemeinden für Flüchtlinge engagieren und echte Hilfe leisten. Aber es geht mir eben nicht um diese einzelne Frage, sondern grundsätzlich darum, ob das Christentum Privatsache ist oder eben doch politisch.

Viele Leute denken, wenn man Christ ist, betet man für sich im Privaten, man geht sonntags vielleicht in die Kirche oder man spendet ab zu was für wohltätige Zwecke und ist generell freundlich zu den Mitmenschen. Aber mit Politik hat das alles nichts zu tun.

Ich wüsste gar nicht, wie ich das trennen könnte. Wenn ich die Bibel aufschlage, finde ich schon im Alten Testament hochpolitischen Stoff. Das fängt an bei den Israeliten, die aus Ägypten fliehen, einen Staat gründen und darum ringen, wie sie regiert werden sollen.

Auch im Neuen Testament fällt mir eine sehr private Situation ein: Maria, die Mutter Jesu, trifft Elisabeth, ihre Cousine, und sie tauschen sich über die Geburt ihrer Kinder aus. In ihrer Freude wird Maria plötzlich hochpolitisch und singt ein Jubellied auf Gott, weil er sogar Machthaber vom Thron stürzt. Da geht es nicht nur ums private Glück, sondern um eine politische Veränderung. Und bei Jesus geht das grad so weiter, wenn er eine Gesellschaft propagiert, in der keiner ausgestoßen wird oder zu kurz kommt.

Klar, Christen haben sich selten konsequent genug an die Anweisungen von Jesus gehalten. Es hat immer wieder Christen gegeben, die politische Macht missbraucht haben. Von den Kreuzzügen bis in die Zeit des Nationalsozialismus, wo es Kirchenleute gab, die mit dem Regime zusammengearbeitet haben. Aber es gab auch die, die wegen ihres Widerstands ins Exil mussten oder hingerichtet wurden.

Und das zeigt doch: Das Christentum ist politisch, weil Christen ein Teil der Gesellschaft sind und weil ihre Werte sich darin auswirken. Und das ist zum Beispiel eine Gesellschaft, in der jeder Schutz findet und keiner ausgeschlossen wird. Dafür will ich mich einsetzen, weil ich überzeugt bin, dass das auch meinem Heimatland guttut. 

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Wahrscheinlich kennt das jeder aus dem Urlaub. Man wird von den Leuten auf der Straße angesprochen, die Gäste in ein Restaurant locken oder irgendwelche Waren an Touristen verkaufen sollen. Und vermutlich weil ich hellhäutig bin und helle Haare habe, halten viele mich für einen Engländer oder Holländer. Ich mag das nicht, wenn man mich auf der Straße so distanzlos anspricht. Und ich mag auch nicht, dass man mich wegen meines Aussehens in eine Schublade steckt. Ich fühle mich dann wie eine Sache behandelt, und nicht wie ein Mensch.

Wie es da erst dunkelhäutigen Menschen bei uns gehen muss? Sie werden bestimmt mit allerhand Klischees konfrontiert. Es gibt ja auch vermeintlich schöne Klischees, aber ich bin nicht sicher, ob die immer gut ankommen. Zum Beispiel, dass Leute aus Lateinamerika fröhlich und tänzerisch begabt sind. Denn jedes dieser Klischees hat eine Kehrseite. Den fröhlichen Lateinamerikaner nehme ich nicht ernst, und als prinzipientreuem Deutschen traut mir niemand zu, dass ich auch mal was locker nehme.

Es ist nicht so einfach. Denn die meisten Menschen kommen gar nicht ohne Vorurteile aus. Es macht uns den Umgang aufs erste leichter, wenn wir einen anderen so einordnen und auf die Schnelle reagieren können. Das will ich gar nicht bestreiten. Schwierig wird es dann, wenn ich bei meinem Vorurteil bleibe und dem anderen keine Chance gebe, zu zeigen, wie er wirklich ist. Aber genau das bin ich ihm schuldig. Andernfalls wird aus meinem Vorurteil ein Urteil und ich halte das, was ich mal so auf die Schnelle annehme, für die Wirklichkeit. Wahrhaftig leben ist aber etwas anderes.

Zwei Dinge sind mir dabei klar geworden: Wenn ich als Fremder im Ausland mit Vorurteilen gegenüber Engländern, Holländern und Deutschen konfrontiert werde, will ich mich nicht mehr ärgern, sondern daran danken, wie es wohl Leuten hier bei uns geht, die fremd aussehen.

Und das Zweite ist: Ich habe in solchen Situationen oft erlebt, dass sich die Sichtweisen ändern, wenn ich mit den Leuten rede. Wenn mich also nächstes Mal im Ausland wieder jemand als Engländer anspricht, ziehe ich mich nicht vorschnell zurück, sondern komme mit den Leuten ins Gespräch. Vielleicht wird es ja interessant, wenn der andere erfährt, wie ich in Deutschland lebe und was uns hier beschäftigt. Und ich lerne das Land und die Leute besser kennen, die ich besuche. Und die Vorurteile, die wir voneinander haben, bleiben keine Urteile, sondern werden der Anfang eines Gesprächs. Von Mensch zu Mensch.

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Ich finde die Augenblicke besonders schön, wenn ich abends in den Himmel schaue und die ersten Sterne leuchten sehe. Seit einiger Zeit kommt mir dabei ein Gedanke von Friedrich Schiller in den Sinn, den ich schon in der Schule gelesen habe. Und zwar aus seinem Theaterstück „Wilhelm Tell“. Es geht darum, ob die Leute das Recht haben, sich gegen die staatliche Obrigkeit aufzulehnen. Da sagt einer von ihnen, dass jeder Mensch sich auf bestimmte Rechte verlassen kann: nämlich auf die, die ewig, unverkäuflich und unzerbrechlich sind wie die Sterne am Himmel. Dazu gehört, dass ich mein Leben und meine Persönlichkeit frei entfalten, meine Meinung frei sagen und meine Religion ausüben darf. Diese Rechte dürfen nicht angetastet werden– von keinem Vorgesetzten, nicht von der Polizei und von keinem Staat.

Bei uns hat der Staat diese Rechte festgeschrieben. Wenn Schillers Gedanke stimmt, dann sind sie aber sogar noch vor dem Staat da. Der schreibt ja nur fest, was sowieso schon immer gilt und feststeht. Wie die Sterne am Himmel.

Für mich verweisen die Sterne auf Gott, weil ich darauf vertraue, dass er diese Welt gut geschaffen hat und für Gerechtigkeit sorgt. Deshalb habe ich gar nicht die Alternative, diese Rechte abzulehnen, sondern den Auftrag mich dafür einzusetzen, dass alle Menschen zu ihrem Recht kommen.

Wenn ich mit meinen Schülern diskutiere, bin ich manchmal entsetzt, wie viele die Einführung der Todesstrafe befürworten. Ich verstehe, dass Rachegefühle aufkommen können. Wenn ich zum Beispiel an einen denke, der Kinder missbraucht und getötet hat. Aber mit diesen Gefühlen muss ich zurecht kommen. Selbst wenn viele Leute so fühlen wie ich. Was passiert ist, wird nicht wieder gut durch einen Racheakt. Selbst wenn der Staat als Rächer fungiert.

Die Rechte, die jeder Mensch hat, sind mehr als Gefühle! Daran erinnere ich mich, wenn ich abends in den Sternenhimmel schaue. Und ich bin froh, dass es da etwas gibt, das noch größer ist als starke Gefühle.

 

„Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,

Wenn unerträglich wird die Last – greift er

Hinauf getrosten Mutes in den Himmel,

Und holt herunter seine ew'gen Rechte,

Die droben hangen unveräusserlich

Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst“

         (Stauffacher in Friedrich Schiller: „Wilhelm Tell“)

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Auf vielen Bildern von der Auferstehung Jesu ist es zu sehen: Jesus kommt zu seinen Freunden und er zeigt ihnen seine Wunden. Er lässt sogar zu, dass sie seine Wunden anfassen. Das ist eigentlich seltsam. Wenn ich eine offene Wunde habe, würde ich sie niemals anfassen und schon gar nicht andere reinfassen lassen. Sondern Pflaster drauf und gut wird’s.

Dass Jesus so anders mit seinen Wunden umgeht, bringt mich ins Nachdenken. Nach seiner Auferstehung kommt er zu seinen Freunden nicht mit Vorwürfen wie „Ihr habt mich im Stich gelassen“. Nein, er zeigt ihnen seine Wunden und lässt sogar zu, dass sie sie berühren. Ich finde das stark. Weil es seine Souveränität zeigt. Er hat das Tödliche nicht überwunden, indem er den Tod und die Schmerzen abgeschafft hat. Er weist gerade auf seine Wunden hin und zeigt, dass darin ein Potential steckt: Das Leben ist stärker als Tod und Schmerzen.

Ich kenne das von seelischen Verwundungen. Wenn mich jemand verletzt, weil er etwas gesagt hat, was mich trifft und niederschlägt. Da möchte ich erst mal dichtmachen. Ich versuche dann nicht zu zeigen, wie es mir geht. Vielleicht weil es noch mehr schmerzen würde und weil ich Zeit brauche, um damit fertig zu werden.

Erst später merke ich, dass das Potential gerade in diesen Wunden steckt. Es geht dann gar nicht mehr darum, dass etwas wieder so gut wird, wie vorher. Wenn ich meinen Freunden nicht zeige, wie es mir wirklich geht, sehen sie nur eine Fassade von mir. Aber nicht mich. Und ich bin sicher, sie merken das und halten sich auch mir gegenüber bedeckt. Sie zeigen dann auch nur das, was ich sehen soll. Aber das ist nicht die Wirklichkeit, das Leben.

Zum echten Leben gehören meine Schwachstellen, meine Wunden. Und wenn die anderen sie anschauen und ich mich berühren lasse, dann merke ich, dass ich ihnen etwas bedeute.

Ich habe es noch nie erlebt, dass ich abgewiesen worden bin, wenn ich darüber gesprochen habe, was mich quält. Selbst wenn meine Freunde mich verletzt haben. Im Gegenteil. Wenn ich es wie Jesus mache und meine Wunden zeige ohne Vorwürfe, lässt das meine Freunde nicht kalt. Und selbst wenn es am Anfang wehtut, diese Augenblicke sind ein Stück mehr Leben.

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