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SWR4 Abendgedanken

Ich freue mich immer noch über Ansichtskarten aus dem Urlaub. Auch wenn man das altmodisch finden kann. Ich habe begriffen: Nicht der Inhalt ist wichtig, nicht, was sie mir schreiben, sondern dass sie mir schreiben. Darauf kommt es an. Die Urlaubsgrüße zeigen mir, dass Menschen an mich denken, und sich Zeit dafür nehmen. Und das tut mir gut.

Im Schwäbischen, wo ich lebe, sagen wir zur Begrüßung „Grüß Gott“. Mit diesem Gruß ist es so ähnlich. Das ist nämlich keine Aufforderung, Gott zu grüßen, wie manche Spaßvögel meinen. Genauer müsste es heißen „Grüß dich Gott!“ Und das ist ein Wunsch. „Möge Gott dich grüßen“. Ich habe nachgelesen: In mittelhochdeutscher Sprache hieß ‚grüezen‘ ursprünglich „segnen, sich zuwenden“. Gott möge sich dir zuwenden und dich segnen. Und das ist ja nun ganz ähnlich, wie bei den Urlaubsgrüßen. Auch da wenden Menschen sich einander zu und manchmal ist das ein Segen.

Grüße helfen, dass die Verbundenheit nicht abreißt, wenn man getrennt ist. Sogar in den Briefen des Apostels Paulus gibt es am Ende immer lange Grußlisten von ihm und seinen Begleitern an alle Adressaten. Bis heute kann man spüren, wie das die Verbindung zwischen den Menschen aufrecht gehalten hat. Sie haben gemerkt: Ich bin nicht allein. Es gibt viele, die denken und glauben wie ich. Die kennen mich zwar nicht, aber sie denken an mich. Das hat gut getan, damals, glaube ich. So, wie mir heute die Urlaubsgrüße von Kindern, Freunden und Bekannten gut tun.

Solche Urlaubsgrüße sind auch eine Chance. Man kann einen Gesprächsfaden aufgreifen, der schon fast abgerissen ist. Ein Gruß aus dem Urlaub kann ein Anfang sein. „Vielleicht sehen wir uns mal wieder, wenn ich zurückkomme.“ So kann man anfangen. Und dann zu Hause Ernst damit machen. Einfach mal anrufen. So kann es ein Segen werden, wenn ich mich mit meinen Urlaubsgrüßen einem anderen zuwende.

Genauso sehe ich das mit unserem schwäbischen „Grüß dich Gott!“. Für mich ist das ein Wunsch, der die Verbindung wach hält. Er erinnert an Gott, auch aus der Ferne. Er erinnert auch Menschen, die sonst wenig mit ihm zu tun haben. Gott wendet sich dir zu, sagt dieser Gruß. Und wenn es nötig ist, kannst du darauf zurückkommen. Für heute also: „Grüß Gott!“ – möge Gott Sie segnen!

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Woran kann man sich orientieren, um gut durch den Tag zu kommen? Man braucht Hinweise und Erfahrungen. Für das Wetter zum Beispiel: „Abendrot, gut Wetterbot‘“ hat meine Mutter immer gesagt. Wenn die Wolken abends rot glühen, dann gibt es morgen gutes Wetter, dann braucht man keinen Schirm und im Sommer wahrscheinlich auch keine Jacke.

Zugegeben, für solche Orientierung gibt es heute den Wetterbericht und die Apps, die man auf sein Smartphone herunterladen kann. Da braucht man keine Bauernregeln mehr. Aber eigentlich funktioniert das doch genauso wie früher. Die Meteorologen machen Beobachtungen, sie lassen Ballons aufsteigen, sie haben Erfahrungen – und daraus berechnen ihre Computer dann, wie das Wetter wird. Das stimmt meistens, aber auch nicht immer.

Beobachtungen und Erfahrungen – so kann man sich orientieren. Jesus hat einmal erzählt (Mt 16,2f): genauso ist das auch, was den Glauben angeht. Da verlangen manche Menschen klare Beweise, Wunder, Zeichen vom Himmel gewissermaßen. Aber die gibt es nicht, hat Jesus gesagt: Es ist beim Glauben wie beim Wetter: Man kann Beobachtungen machen und Erfahrungen zusammentragen. Die alte Dame zum Beispiel, der ihr Glaube hilft, das Alter tapfer zu ertragen. „Gott wird mich zu sich holen“. Diese Hoffnung gibt ihr eine beeindruckende Geduld. Der Freiheitskämpfer, dem sein Glaube Mut gibt und Kraft. Und der schließlich sein Land in die Freiheit führt. Die Geburt eines Kindes oder Enkelkindes, die mir zeigt: Gott meint es gut mit mir. Eine biblische Geschichte oder ein Vers, der mich plötzlich anrührt und ich begreife: Ja, so ist es. Darauf will ich mich verlassen. Auch in Zukunft.

Nun sagen Sie vielleicht: Aber was ist mit den Menschen, die immer wieder Enttäuschungen erleben und nur schlechte Erfahrungen machen? Haben die einfach Pech gehabt, dass sie verbittert werden und böse?  Solche Schicksale gibt es, das ist wahr. Ich weiß da auch keine Antwort. Aber ich hoffe und bete, dass Gott auch zu solchen Menschen einen Weg findet, dass ihr Leben wieder heller wird und erträglich.
Denn Beobachtungen und Erfahrungen – daran kann man sich orientieren. Und wenn heute ein Unwetter war, kann man darauf hoffen, dass das Wetter auch wieder gut wird.

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Mit einem Splitter im Auge kann man nicht gut sehen. Es reibt, die Augen tränen und man muss blinzeln. Dann sieht man nur noch unscharf und wie durch einen Schleier. Im medizinischen Sinn ist das ein Fall für den Augenarzt.

Jesus hat auch einmal vom Splitter im Auge erzählt Mt 7, 3-5). Er hat dabei Menschen im Blick, denen irgendetwas die Sicht trübt. Sie kennen das vielleicht auch: Wenn man einen Menschen nicht leiden kann – dann sieht man nur noch seine Fehler und Ungezogenheiten. Dabei gäbe es wahrscheinlich auch Gutes von ihm zu berichten. Und wenn mir ein Mensch sympathisch ist – dann übersehe ich gern und leicht seine Macken und Fehler. Der Splitter im Auge, Sympathie oder Antipathie, Vorurteile und schlechte Erfahrungen von früher engen das Blickfeld ein. Die Sicht wird unklar. Das Problem: Bei anderen erkennt man so einen „Splitter“ oft schneller als bei sich selbst. „Ist der denn blind? Sieht der nicht, was hier Sache ist?
Wer würde seinem Gegenüber nicht gern helfen, so einen Splitter zu entfernen, damit er wieder klar sieht. Damit er wieder sieht, wie ich die Dinge sehe?

Aber halt, hat Jesus seinen Zuhörern gesagt. Du willst dem anderen seinen Splitter entfernen. Aber bemerkst du denn gar nicht, dass du selber einen Balken im Auge hast? Ein ganzer Balken im Auge – im medizinischen Sinn ist das sicher unmöglich. Aber ein Balken im Auge, wenn man Menschen einschätzt oder Zustände – gewissermaßen ein Brett vor dem Kopf – das kann schon sein.

Vorgefasste Meinungen: So sind sie nun mal, die Schwaben. Wusste ich doch gleich, der ist halt ein Badenser…  Haben Sie noch nie so gedacht?   Erfahrungen von früher, vielleicht längst überholt: Der war schon in der Schule so ein Vollpfosten, auf den kann man sich nicht verlassen. Gilt das wirklich heute noch? Oder das was angeblich alle sagen: Die Politiker belügen uns doch bloß und die Journalisten erst recht! Wirklich? Solche Vor-Urteile verstellen einem die Sicht auf die Welt. Sie verstellen mir den Blick auf die Menschen um mich herum.

Kann das sein? Jesus hat gemeint, das kann sein.
Mich macht das unruhig. Vielleicht habe ich so einen  Balken im Auge? So ein Brett vor dem Kopf? Und merke es gar nicht?  Ich will versuchen, auf das zu hören, was andere mir sagen. Vielleicht merke ich es dann.

 

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Manchmal bin ich ein bisschen schnell mit meinem Urteil über andere. Ist ja unmöglich, wie die sich verhalten, was sie reden, was sie tun. Meistens behalte ich das zum Glück für mich – ich bin ja nicht dazu da, die Menschen zu erziehen, denke ich mir. Aber manchmal hätte ich doch gern, dass ihnen mal jemand ordentlich die Meinung sagt.

So ähnlich stelle ich mir die Situation vor, als man damals eine Frau zu Jesus gebracht hat. Die Männer, die die Frau gebracht haben, wollten sie nicht erziehen – sie wollten ihr Urteil über sie vollstrecken, das ihnen schon ganz klar war. Sie hatten die Frau beim Ehebruch erwischt (Joh 8, 1-11). Und jetzt wollten sie eine harte Strafe durchsetzen. Die Frau muss gesteinigt werden, wie es das Gesetz vorschreibt, fanden sie. Gedacht haben sie wahrscheinlich: Dann wird so schnell keine Frau wieder wagen, aus ihrer Ehe auszubrechen.

Dabei hatten die Männer noch einen Hintergedanken. Sie wollten Jesus öffentlich bloßstellen. Über den hatten sie nämlich auch schon ein Vor-Urteil. „Was sollen wir mit ihr machen“, haben sie gefragt. „Unser Gesetz schreibt vor, dass wir sie steinigen. Was sagst du?“ Ja, was würde er sagen, dieser Prediger von Liebe und Vergebung? ---

Jesus malt in den Sand. Er weiß: So einfach sind die Dinge nicht. Er gönnt sich eine Denkpause – und den anderen auch. Schnelle Antworten greifen meistens zu kurz. Wer weiß, was die Frau bewegt hat? Und wem würde es helfen, sie zu töten? Ihrem Mann? Hatte sie vielleicht Kinder? Jesus malt in den Sand und schafft Raum für solche Gedanken.

Dann schaut Jesus die Männer an und sagt: „Wer von euch ohne Schuld ist, soll den ersten Stein auf sie werfen.“ Dann malt er weiter.

Und die wütenden Männer? Die sind verblüfft. Wer weiß, was ihnen in dem Moment durch den Kopf gegangen ist. Woran sich jeder einzelne von ihnen erinnert hat. Und immerhin: Sie sind ehrlich. Sie lassen ihre Steine fallen und gehen. Einer nach dem anderen. Zuerst die Älteren.

Nur Jesus – Jesus bleibt bei Frau und redet mit ihr. Für ihn geht es nicht darum, festzustellen, wer Recht hat. Es geht ihm um die Menschen, die Hilfe brauchen. Es geht darum, dass kein Unrecht geschieht. Jesus schaut nach vorn, nicht zurück.

Vielleicht kann man das besser, wenn man erst eine Weile nachdenkt und in den Sand malt.

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Wissen Sie, was Sauerteig ist?
Sauerteig ist eine bräunliche, klebrige, säuerliche Masse aus Roggenmehl und Wasser. Man braucht ihn zum Brotbacken, damit das Brot locker und luftig wird. Man muss ungefähr 300 Gramm Sauerteig mit einem Kilo Mehl, Salz und Wasser verkneten und das Ganze über Nacht gehen lassen. Dann kann man am nächsten Morgen einen schönen lockeren und saftigen Laib Brot backen. Von dem Teig kann man vor dem Backen einen kleinen Teil abnehmen und im Kühlschrank aufbewahren, das ist dann der Sauerteig für das nächste Mal backen.

Jesus hat mal das Reich Gottes mit Sauerteig verglichen. Das Reich Gottes, also die Welt, wie Gott sie sich gedacht hat und haben will: ohne Krieg und Angst, ohne Gewalt und Tränen. Diese gute Welt Gottes ist wie Sauerteig, hat Jesus gemeint und er hat erzählt: „Eine Frau nahm den Sauerteig und verarbeitete ihn mit einer großen Menge Mehl. Am Ende war der ganze Teig durchsäuert.“ (Mt 13, 33)

Ich verstehe das so: Die gute Welt Gottes ist noch nicht da. Immer noch zeigt unsere Welt ihre schlechten Seiten. Aber man kann schon jetzt die Welt mit dem Sauerteig der Welt Gottes durchsetzen. Das verändert die Welt.

Dafür braucht es  Menschen, die sind wie Sauerteig. Nichts Besonderes eigentlich, nicht auffallend, sie müssen auch nicht besonders klug oder besonders schön sein. Aber freundlich sollten sie sein. Freigiebig. Großherzig. Sanftmütig, hat Jesus gesagt. Bereit, Frieden zu machen. Barmherzig, nicht   nur zu Freunden und Verwandten, sondern zu allen, die ihre Hilfe brauchen.

Solche Menschen sind wie Sauerteig – sie machen die Welt besser. Genießbarer. Ohne Sauerteig würde aus Mehl und Wasser ein brettharter, geschmackloser Fladen. Ohne Menschen, die freundlich sind und barmherzig und sanftmütig, bleibt die Welt ein Kampfplatz, wo die Starken gewinnen und die Schwächeren zu Verlierern werden. Manche sogar zu Terroristen oder zu Ausbeutern und Menschenschindern.

Aber wo Menschen wie Sauerteig sind, da wächst die gute Welt Gottes. Unaufhaltsam eigentlich. Und wie beim Sauerteig: Man kann ein Stück davon nehmen und anderswo wieder neu anfangen, die Welt freundlicher zu machen. Menschen, die Freundlichkeit erlebt haben und Barmherzigkeit – die werden auch selber freundlich sind. Da bin ich sicher.

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