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SWR4 Abendgedanken

„Sagen Sie mal: Glauben Sie an Gott?“ Mit dieser Frage sprach mich vor einiger Zeit ein junger Mann an, der neben mir im ICE saß. Ich hatte die ganze Zeit in einem christlichen Buch gelesen. Dem jungen Mann war offenbar der Titel des Buches aufgefallen, und darum sprach er mich jetzt an. Ich gebe zu: Ich bin richtig zusammengezuckt. Natürlich glaube ich an Gott, aber irgendwie war mir das fast peinlich, dass es jemand gemerkt hat. Warum eigentlich?

Ich will einem anderen ja nicht meine Überzeugung aufdrängen. Aber es hat wohl auch mit der Angst zu tun, was der andere über mich denkt. Wenn ich sage, dass ich an Gott glaube, dann hält er mich vielleicht für einen Spinner, der noch ein Weltbild hat wie im Mittelalter. Oder er meint, ich sei ein Fundamentalist. Irgendwie vernagelt, intolerant und gefährlich. Also zeige ich meinen Glauben lieber nicht so deutlich. Es ist mir peinlich.

Im ICE aber hatte mich mein Buch in der Hand verraten. Also habe ich es zugegeben: „Ja, ich glaube an Gott“ Daraus hat sich dann ein munteres Gespräch entwickelt. Der junge Mann hat von seinen Eltern erzählt, die beim Zubettgehen immer ein Gebet für ihn gesprochen hatten. Und von seinem Konfirmandenunterricht vor vielen Jahren. Der war richtig interessant gewesen, als da mal einer kam und den Jugendlichen berichtet hat, wie er im Gefängnis angefangen hat, an Gott zu glauben. - Und dann hat mein Mitfahrer mir erzählt, dass er mal selbst versucht hat, in der Bibel zu lesen. Aber er habe nichts verstanden und es wieder aufgegeben.

Als der junge Mann eine Stunde später ausgestiegen war, hatten wir über vieles miteinander gesprochen. Es war auch ganz persönliches dabei. Und der Mann hat sich für das Gespräch bedankt. Es habe ihm geholfen, hat er gesagt.

Hinterher hab ich mich gefragt: Warum war mir das am Anfang eigentlich so unangenehm, als er mich nach meinem Glauben gefragt hat? Man kann doch auch über den Glauben sprechen. Das muss gar nicht peinlich sein. Das kann richtig gut sein und hilfreich. Ich muss ja nicht für alles eine Erklärung bereit haben. Nur ein bisschen Mut, mal darüber zu reden.

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In der S-Bahn ist mir letztens ein kleines, gesprächiges Mädchen aufgefallen. Sie gehörte zu einem Haufen fröhlicher, lärmender Kinder. Ein paar junge Frauen haben versucht, die Kinderschar unter Kontrolle zu halten. Ein Kindergartenausflug!, dachte ich. Mitten drin dieses Mädchen, das mit lauter Stimme immer wiederholt hat, was die Erzieherinnen gerade gesagt hatten. Da sagte die Erzieherin: „Bei der nächsten Station müssen wir aussteigen“. Und das Mädchen wiederholte laut: „Bei der nächsten Station alle aussteigen“. Dann wieder die Erzieherin: „Wir warten alle vor dem Buchladen“. Und genauso das Mädchen: „Beim Buchladen alle warten“. Ich musste grinsen.

Als die Kinder ausgestiegen waren, ging mir immer noch das kleine Mädchen im Kopf herum. Und ich habe gedacht: Manche Erwachsene sind genauso. Sie müssen auch alles, was sie hören, weitersagen. Sie schauen abends Nachrichten im Fernsehen, und am nächsten Tag werden die aufregendsten Ereignisse gleich dem Nachbarn erzählt.  Oder sie hören den neusten Klatsch und Tratsch über jemanden und sagen es sofort im Bekanntenkreis weiter. Mir passiert das leider auch manchmal.

Dabei ist es mir aber schon passiert, dass ich etwas weitererzählt habe, das sich später als falsch herausgestellt hat. Oder ich habe jemandem anderen etwas Vertrauliches berichtet, was ich nicht hätte weitersagen dürfen. Das ist ganz schön blöd. Weil ich ja meine Worte nicht mehr zurückholen kann, wenn sie einmal aus meinem Mund heraus sind. Wenn mir das passiert ist, hat es mir hinterher leid getan. Aber dann war es zu spät.

In der Bibel lese ich den Satz „Ein jeglicher Mensch sei schnell zu hören, langsam aber zu reden“ O ja, denke ich. Wenn ich das nur öfter beherzigen könnte.

Vielleicht hilft mir dabei ja, wenn ich aus dem, was ich höre, erst einmal ein Gebet mache. Nicht gleich anderen Menschen etwas weitersagen, sondern es Gott sagen. Dabei kann ich dann auch für die Menschen beten, um die es geht. Und ich kann vor Gott nochmal nachdenken, ob das alles wahr ist, was ich gehört habe. So ein Gebet bremst meine Geschwätzigkeit erstmal aus. Wenn eine Sache danach immer noch wichtig ist, dann kann ich darüber mit anderen sprechen.

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Es sind einfach nur drei Zeichen: Ein Kreuz. Ein Ist-Gleich-Zeichen und ein Herz. Immer wenn ich durch meinen Ort fahre, sehe ich diese drei Zeichen an einer Hauswand. Ich kenne die Bewohner des Hauses nicht, aber sie haben diese drei Zeichen ausgesägt aus Holz und sie dann an ihrer Hauswand befestigt. Richtig groß, so dass jeder sie sehen kann. Ein Kreuz, ein Ist-Gleich-Zeichen und ein Herz.

Was die Bewohner dieses Hauses damit sagen wollen, ist nicht schwer zu erraten. Das Kreuz ist ein Symbol für Jesus oder für Gott. Und das Herz steht für Liebe. Die Botschaft ist also ganz einfach: Gott ist Liebe. Oder man kann es auch so verstehen: Gott liebt dich. Ich finde es echt mutig, dass die, die dort wohnen, ihren Glauben so öffentlich zeigen.

Aber manchmal kommen mir dabei auch Zweifel. Kann man den Glauben auf drei Zeichen reduzieren? Ein Kreuz, ein Ist-Gleich-Zeichen und ein Herz? Zum Glauben gehört doch noch viel mehr dazu. Gott ist doch nicht nur der liebe Gott. In der Bibel gibt es auch viele Geschichten, wo Gott ein strenger Richter ist, oder wo er Leid zulässt oder wo er manchmal auf eine Art handelt, die ich nicht verstehe. Wenn ich ehrlich bin, dann begreife ich Gott manchmal nicht. Warum er einem Menschen hilft und einem anderen scheinbar nicht. Warum er das Böse zulässt. Warum er manche Gebete erhört und andere bleiben scheinbar ohne Antwort. Ich versteh das nicht.

Und dann diese drei Zeichen. Kreuz, Ist-Gleich, Herz. Gott ist Liebe. Das provoziert mich. Kann ich den Glauben an Gott mit diesen drei Worten oder Zeichen zusammenfassen? Wahrscheinlich kann ich das nicht. Über Gott muss man noch viel mehr sagen, als nur dass er Liebe ist. Es gibt auch Fragen über Gott, da habe ich keine Antwort. Aber es ist vielleicht trotzdem eine gute Zusammenfassung des Wichtigsten, was man über Gott sagen kann. Er ist Liebe. Und wer an diesen Gott glaubt, der geht auch mit seinen Mitmenschen liebevoller um. Der ist barmherziger mit ihnen, vergibt ihnen eher, hilft ihnen in ihrer Not.

Wenn ich diese drei Zeichen verstanden habe: Kreuz, Ist-Gleich, Herz, dann habe ich längst nicht alles vom Glauben kapiert. Aber das Wichtigste.

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„Weil wir dich lieben. BVG“ Dieser Satz steht auf den Werbeplakaten der Berliner Verkehrsgesellschaft. Dazu ein gelbes Herz. Ich war vor kurzem in Berlin unterwegs; da ist mir diese Werbebotschaft immer wieder begegnet. Fast an jeder Haltestelle und in jeder S-Bahn hingen die Plakate. Immer waren sie anders gestaltet mit anderen Bildern und anderen Texten, aber jedes Mal stand dieser Satz drauf: „Weil wir dich lieben. BVG“.

Schon komisch, habe ich mir gedacht. Die Berliner Verkehrsgesellschaft kennt mich doch gar nicht. Trotzdem behaupten die, sie würden mich lieben. Und ich merke, dass mich das sogar irgendwie freut. Warum eigentlich?

Ich glaube, die Werbefachleute der BVG haben etwas Wichtiges beobachtet: Wir Menschen wollen alle geliebt werden. Ich auch. Ich möchte von meiner Frau geliebt werden, ich möchte, dass meine Kinder mich gern haben und meine Mitarbeiter mich mögen. Ich gehe durch mein Leben und immer suche ich nach Menschen, die mich lieben und mich so akzeptieren wie ich bin.

Ich bin sicher, das geht jedem Menschen so, nicht nur mir. Ihnen bestimmt auch. Die Werbefachleute der Berliner Verkehrsgesellschaft haben das kapiert und darum haben sie diesen kleinen Satz auf alle ihre Plakate gedruckt. „weil wir dich lieben“.

Damals in Berlin habe ich gedacht: Warum braucht es eigentlich solche Plakate? Wir könnten uns doch allesamt viel häufiger gegenseitig sagen und zeigen, dass wir uns lieb haben. Ich könnte das doch auch. Jeden Tag könnte ich meiner Frau sagen: „Du, ich lieb dich“. Jeden Tag könnte ich meinen Kindern zeigen, was sie mir bedeuten. Und ich könnte meinen Mitarbeitern täglich vermitteln, wie froh ich bin, dass sie da sind. Nur mache ich das viel zu selten. Meistens bin ich so mit mir beschäftigt, dass ich die anderen gar nicht richtig wahrnehme. Oder ich sehe vor allem die Fehler der anderen und ihre schwierigen Seiten.

Schade eigentlich, wenn die Menschen um mich herum solche Plakate brauchen. Ich hab mir jetzt vorgenommen. Dass sie von mir erfahren sollen, dass sie geliebt sind. Ich will ihnen das viel öfter sagen und zeigen. Mal sehen, was dann passiert.

 

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„Anna, ich liebe dich. F.“ So stand das in großen Buchstaben auf den Beton der Autobahnbrücke geschrieben. Eine Zeitlang bin ich immer wieder unter dieser Brücke hindurchgefahren. Und jedes Mal habe ich diese Worte gelesen. „Anna, ich liebe dich. F.“ Da hatte sich irgendeiner, dessen Name mit F anfängt die Mühe gemacht bei Nacht und Nebel seine Liebeserklärung auf die Brücke zu schreiben. Wahrscheinlich musste seine Angebetete genauso wie ich regelmäßig unter dieser Brücke durchfahren. Dann konnte sie jedes Mal lesen, dass F. sie liebt.

Irgendwie hat mich das berührt. Da schreibt einer mit großen Buchstaben seine Liebe an eine Brücke. Ganz öffentlich. Für alle sichtbar, nicht nur für Anna. Und ganz bestimmt war das nicht ungefährlich, an der Brücke herum zu klettern, mit Farbtopf und Eimer, um das dahin zu schreiben. Der unbekannte Liebhaber hat dabei Kopf und Kragen riskiert. Aber das war es ihm offenbar wert. Anna musste unbedingt wissen, dass er sie liebt.

„Die Liebe ist stark wie der Tod“. So heißt es in der Bibel. Im Hohelied. Wer einen anderen liebt, der sucht manchmal ungewöhnliche Wege, das zu zeigen und setzt dafür eine Menge ein. Das ist bei uns Menschen so. Das ist aber auch bei Gott so. Über ihn heißt es: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab“. Das war Gottes Art, seine Liebe zu zeigen: Keine Botschaft an einer Brücke, mit großen Buchstaben auf Beton geschrieben sondern Gott schickte seinen Sohn, Jesus, zu uns, damit der uns zeigte, wie sehr Gott uns liebt. Und Jesus redete nicht nur von der Liebe Gottes, er lebte sie auch. Wo immer er Menschen begegnete, tat er ihnen Gutes, half ihnen ihr Leben wieder zu bewältigen oder heilte sie. Am Ende gab Jesus sein Leben für uns.

Mich berührt es, dass Gott mich so sehr liebt, dass er seinen Sohn hergegeben hat. Von Gott fühle ich mich angenommen und akzeptiert mit meinen schönen und auch mit meinen schwierigen Seiten. Dass ich von Gott geliebt bin, gibt mir das Vertrauen, dass Gottes es mit mir gut meint. Zugegeben: Wenn mal was schiefläuft in meinem Leben, dann werde ich wieder unsicher. Aber ich will daran festhalten: Gott hat seine Liebe in Jesus ganz deutlich und für alle sichtbar gezeigt.

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