Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR4 Abendgedanken

Schnell noch ein paar Dinge einkaufen – den Großeinkauf erledige ich morgen. Dann komme ich mit meinem wenigen Einkäufen an die Kasse. Schlange stehen – wie immer. An der Kasse direkt vor mir ist das Band vollgepackt – das wird dauern, auch wenn die Kassiererinnen hier noch so schnell sind.

Am Band nebenan steht ein junger Mann mit einem vollgepackten Wagen, aber er legt seine Einkäufe nicht aufs Band. Ich stutze. Wartet er noch? Soll ich fragen, ob ich schnell vor darf? Aber ich entscheide mich für die Kasse direkt vor mir, bleibe in meiner Reihe und lege meine Einkäufe nach und nach aufs Band. Es dauert und so habe ich Zeit, die Kasse neben mir zu beobachten. Der junge Mann hat seine Einkäufe immer noch nicht aufs Band gelegt. Vor ihm ist  eine alte Dame, mühsam legt sie jedes einzelne Teil auf das Kassenband. Das dauert. Jedes Teil aus dem Wagen heben, ablegen. Manchmal  baut sie kleine Türmchen, dann muss sie sich nicht so weit recken. Das Band ruckelt an, ein Türmchen fällt zusammen und einige Teile fallen auf den Boden. Der junge Mann bückt sich flink und hebt sie für die alte Dame auf. Erst als die alte Dame fertig ist, legt er seine Einkäufe auf das Band – ohne seiner Vorgängerin Stress zu machen. Auch an der Kasse sitzt ein junger Mann. Geduldig reicht er der alten Dame ihre Einkäufe an, denn das schnelle Tempo der Kassierer kann sie natürlich nicht mithalten. Und nicht nur geduldig. Fast liebevoll. Das dauert. Ich bin trotz des vollgepackten Bandes in meiner Schlange früher fertig und werfe beim Hinausgehen noch einen Blick auf diese ungewöhnliche Szene: hier spielt die Zeit nicht die entscheidende Rolle: schnell-schnell. Hier findet Entschleunigung statt. Und das an einem Freitagabend im Discounter – mit freundlichen Gesichtern und gegenseitigem Wohlwollen.

Ich bin überrascht, erstaunt, erfreut. Und ich gehe  selbst entschleunigt ins Wochenende und auch ein wenig beschämt: denn ehrlich gesagt, war ich anfangs kurz davor, Stress zu machen: warum geht das hier nicht schneller? So wurde der schnelle Freitagabend – Einkauf zu einer Einstimmung aufs Wochenende: Und da ist für mich Entschleunigung angesagt!

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24309

Heute vor 60 Jahren starb Helene Schweitzer Bresslau. Helene Schweitzer - Bresslau ist keine bekannte Persönlichkeit. Ihr Mann ist dafür umso bekannter: Albert Schweitzer. In meiner Kindheit habe ich ihn immer als den Urwald-Doktor wahrgenommen und er hatte meine uneingeschränkte Bewunderung. Auch für Albert Schweitzer gilt: hinter jedem berühmten Mann steht eine starke Frau:

Helene Bresslau wurde  1879 in Berlin geboren, zu einer Zeit, als Bildung für Frauen nicht selbstverständlich war. Aber Helene wollte lernen, wollte studieren und wollte arbeiten. So studierte sie zunächst auf Lehramt, dann Kunst und Musik. Aber das reichte ihr nicht, sie wollte sich gerne für Menschen engagieren, denen es nicht so gut ging, wie ihr. Sie fand ihre Aufgabe im Engagement für Waisenkinder und Pflegekinder und es gelang ihr, ein Kinderheim einzurichten, in dem junge Mütter und ihre Kinder zusammenbleiben durften – ein absolute Neuigkeit zur damaligen Zeit.

Bei einer Hochzeit begegnete sie Albert Schweitzer und in ihm fand sie einen Menschen, der ihre Ideale und religiöse Überzeugungen teilte. Deshalb gehörte sie zu denen, die Albert Schweitzer darin bestärkten, Urwalddoktor zu werden. Und mehr als das: Sie machte eine Ausbildung zur Krankenschwester und konnte ihn so nach Afrika begleiten und bei seiner Arbeit unterstützten. Aber als der Traum des Spitals in Afrika Wirklichkeit war stellte Helene fest, dass sie das  tropische Klima immer weniger vertrug. Es war ihr zeitweilig unmöglich in Afrika zu leben. Das war für sie eine bittere Erfahrung. Aber sie gab sie nicht auf sondern nutzte ihre Fähigkeiten: Das Spital in Lambarene war auf Spendengelder angewiesen und sie sammelte diese auf Vortragsreisen in Europa und Amerika ein und machte dabei auch die Gedanken ihres Mannes einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

Eine Frau, deren Leben mindestens so interessant und anerkennenswert ist, wie das ihres Mannes: Helene Bresslau-Schweitzer, gestorben am 01. Juni 1957.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24308

Zeitvertreib – was für ein merkwürdiges Wort. Ich habe eigentlich nicht den Eindruck, die Zeit vertreiben zu müssen. Ich habe eher den Eindruck, der Zeit hinterher zu laufen. Nie ist meine to-do-Liste abgearbeitet, immer ist noch etwas zu tun. Also möchte ich die Zeit gar nicht vertreiben, eher im Gegenteil: ich möchte die Zeit festhalten oder verlängern.

Andererseits es gibt soviel Zeitvertreiber. Das Fernsehen gehört dazu. Wenn ich nach Hause komme und das Fernsehen anmache, dann bleibe ich schnell eine zeitlang auf dem Sofa sitzen und lasse mir die Zeit vertreiben. Handys und Smartphones sind perfekte Zeitvertreiber. Mittlerweile ist es selbstverständlich: Sobald die kleinste Lücke im Ablauf des Tages auftaucht wenn ich z.B einen Moment warten muss, bis der Zug kommt oder bis eine Besprechung beginnt, greife ich schnell zum Smartphone: will jemand was von mir? Was gibt es Neues? Alleine im Café zu sitzen ohne auf das Smartphone zu schauen, das geht gar nicht!

Das Gegenteil von Zeitvertreib ist für mich: Zeitgenuss. Statt die Zeit zu vertreiben: die Zeit genießen, die kurzen Pausen, die Wartezeiten als geschenkte Zeit ansehen. Wenn ich im Café sitze, lasse ich  das Handy in der Tasche. Ich schaue die Menschen um mich herum an, nehme vielleicht Blickkontakt auf oder lächle jemandem zu. Ich nehme die Bedienung wahr und bedanke mich. Und vor allem genieße ich den Kaffee: Die Farbe, den Geruch, den Geschmack. Dann wird aus dem  Zeitvertreib ein Zeitgenuss.

Zeitgenuss –was für ein schönes Wort. Ich hänge es mir an den Kühlschrank – als Erinnerung. Und lass das Handy immer öfter in der Tasche.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24307

aber alle andern werden wir leben 

Charlie Brown sitzt mit seinem Hund Snoopy auf dem Anlegesteg am See. Charlie sagt: Eines Tages werden wir sterben, Snoopy. Und Snoopy antwortet: Ja, aber alle anderen werden wir leben. Diesen winzigen Comic bringt mir meine Freundin mit.

Hey, denke ich: Charlie Brown das könnte auch ich sein. Eines Tages werden wir sterben. Diesen Blick auf das Negative, das Traurige kenne ich. Das passiert mir oft am Tag: ich schaue auf das, was nicht gelungen ist, was nicht rund läuft, was mir Sorgen oder Ärger macht. Und dann bleibe ich daran hängen und verliere alles andere aus dem Blick.

„Eines Tages werden wir sterben.“ „ Aber alle anderen werden wir leben!“ Diese Antwort von Snoopy lädt mich ein, einmal andersherum zu denken. Nicht nur auf das zu schauen, was mir das Leben schwer macht  oder gar auf das Ende meines Lebens, sondern auf das Schöne und Gute, was es auch jeden Tag gibt – auch heute.

Ich habe mich gefreut über die Tasse Kaffee, die mir mein Mann früh am Morgen ans Bett  bringt – ein kleiner Alltagsluxus. Ich habe auf der Arbeit ein Kompliment bekommen – und mich darüber gefreut, statt es abzuwehren. Ich habe eine echte Postkarte von Freunden aus dem Urlaub bekommen. Keine SMS und keine Email, sondern einen handschriftlichen Gruß. Ich freue mich über die Mühe, die ich ihnen wert bin. Und darüber hinaus gibt es immer wieder kleine, frohe Momente: das Konzert der Vögel früh am Morgen, die geheimnisvollen Minuten der blauen Stunde, kurz nach Sonnenuntergang, das Farbspiel der Blumen…

„Eines Tages werden wir sterben.“ „ Aber alle anderen werden wir leben!“ Danke, Snoopy für den anderen Blick auf den Tag!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24306

Heute ist ein Gedenktag mit einem schwierigen Namen: Tag des Friedenssicherungspersonals. Also kurz gesagt: Tag der Blauhelme, der UN- Soldaten, die den Frieden sichern. Die UN- Friedenstruppen gibt es seit 1956 – ihr erster Einsatz war der Nahe Osten. 750000 Menschen haben seitdem für die Friedenssicherung in der Welt gearbeitet – mehr als 1500 sind bei dieser Aufgabe gestorben.

Ich lebe in einer Region der Welt, zu leben, die keine Blauhelm-Soldaten braucht. Dar über bin ich sehr glücklich. Wir leben in Frieden – auf jeden Fall im völkerrechtlichen Sinn. Und ich kenne keine andere Situation; ich bin in Friedenszeiten geboren. Aber den Frieden sichern – das will ich nicht nur den Blauhelmen überlassen.

Denn auch bei uns ist der Friede gefährdet. Der Ton und die Sprache in politischen Auseinandersetzungen und in den Medien werden immer schärfer und aggressiver. Und was als Beschimpfung beginnt, eskaliert oft in konkreter Gewalt. Deshalb ist mein Beitrag zur Friedenssicherung, auf meine Sprache zu achten. Unser Alltag ist voll mit Ausdrücken, die ihren Ursprung in kriegerischen Handlungen und Haltungen haben z.B. Fronten aufbauen, einen Volltreffer landen, Grabenkämpfe und  Duelle ausfechten, sich entrüsten, Manöverkritik üben, verschanzen, sich wappnen…. Das ist nur eine kleine Auswahl. Unsere Alltagssprache, auch die Sprache der Medien ist voll von solchen Ausdrücken. Sie sind mir absolut geläufig und manchmal erschrecke ich mich selber, wie viele dieser Wörter ich unüberlegt benutze. Aber ich kann sie vermeiden: Dann mache ich Meinungen deutlich statt Fronten aufzubauen, dann bereite ich mich vor, statt mich zu wappnen, dann übe ich aufbauende Kritik statt Manöverkritik , dann nehme ich jemanden in den Blick statt ins Visier.

Denn auch die Sprache, das was ich höre und lese, das was ich sage, beeinflusst mein Handeln und mein Denken. Und meine Sprache beeinflusst die anderen und wie sie auf meine Meinung reagieren. Das fordert mich jeden Tag aufs Neue heraus, mich einer wohlwollenden, friedliebenden Sprache zu bedienen. Das ist nicht immer einfach. Aber es ist mein kleiner Beitrag zur Friedenssicherung.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24305