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SWR4 Abendgedanken

Ich spüre oft eine große Unruhe in mir, hat mir eine Frau erzählt. Sie sagt: Ich fühle mich hin und her gerissen. Was ist stärker? Meine Wut oder meine Geduld? Meine Ängstlichkeit oder mein Mut? 

Das ist nicht nur ihr Problem. Ich kenne das auch. Und Paulus, der Lehrer und Prediger in den ersten christlichen Gemeinden, hat das auch erfahren. Er hat gewusst, wie es sich anfühlt, hin und her gezerrt zu werden zwischen dem Guten und dem Bösen. In einem Brief schreibt er: Das Gute, das ich tun will, das tue ich nicht. Aber das Böse, das ich nicht tun will, das tue ich.

Ich verstehe das so: Das Gute, das ich will, fällt mir nicht in den Schoss. Ich muss mich dafür entscheiden und es versuchen. Paulus gibt praktische Tipps, wie das aussehen kann. Ich kann zum Beispiel die Sorgen meiner Schwester ebenso ernst nehmen wie meine eigenen. Die Partnerin so nehmen wie sie ist und nicht versuchen, sie nach meinen Vorstellungen zu ändern. Meinem Kollegen seinen Erfolg gönnen und mich mitfreuen.

Es gibt viele Wege, das Gute in mir zu nähren und das Böse, alles was Unfrieden bringt, auszuhungern. Nicht nur Christen müssen lernen mit dem Bösen umzugehen. Das ist für alle Menschen wichtig. Davon erzählt eine indianische Geschichte:  

Ein Mann sagt zu seinem Enkel: „Manchmal hab ich das Gefühl, dass in mir ein Kampf tobt. Ein Kampf zwischen zwei Wölfen. Der eine Wolf ist böse. Er ist der Wolf, der Zorn und Sorgen bringt. Der andere Wolf ist gut. Er ist der Wolf der Freude und der Gemeinschaft. Er legt mir nahe zu vergeben. Er macht mir Mut, dass ich mein Schicksal selbst in die Hand nehme und er zeigt mir, wie ich das machen kann.

Eine Weile hat der Enkel nachgedacht. Dann hat er gefragt: Großvater, sag mir, welcher der beiden Wölfe wird gewinnen? Der alte Mann antwortete: Der Wolf, den ich füttere.

Die Geschichte zeigt mir: ich kann mich entscheiden. Der Wolf, den ich gewinnen lassen will, den muss ich füttern und pflegen: immer neu versuchen, das Gute zu tun. Das macht das Gute stark.

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Wasser kommt aus der Leitung. Und Strom aus der Steckdose. Montags wird der  Müll abgeholt und die Zeitung steckt jeden Morgen im Briefkasten. 
Es ist schön, wenn das immer gut klappt. Fast immer. Neulich habe ich es anders erlebt.

Ich wollte noch schnell die Bluse bügeln. Ich hole also das Bügelbrett hervor, stelle das Bügeleisen darauf. Stecker rein. Temperatur einstellen. Los geht es. Aber nichts tut sich. Das Eisen wird nicht warm. Da fällt mir ein: vor ein paar Tagen ist ein Brief gekommen. Darin stand: am Montag von 9 bis 13 Uhr wird der Strom abgestellt.

Ich habe es meiner Nachbarin erzählt. Sie hat gelacht und dann ihr Beispiel dazu gesetzt. Sie hatte einem Gast einen Kaffee angeboten. Erst nach ein paar Minuten hat sie bemerkt, dass das Wasser nicht heiß wurde. Es gab keinen Strom. Klar, so war es angekündigt worden. Der Gast musste mit einem Glas Wasser vorlieb nehmen. 

Später habe ich gedacht: vielleicht ist es ganz gut, wenn ab und zu etwas nicht klappt. Sonst vergesse ich, wie gut es uns geht und wie viele angenehme Dinge mir das Leben erleichtern. Schon ein Gebet in der Bibel erinnert mich: Nimm das Gute und Angenehme nicht zu selbstverständlich. Vergiss nicht, was Gott dir Gutes getan hat und jeden Tag tut. 

Anscheinend braucht man ab und zu eine Erinnerung. Wenn das Konzert ausfällt wegen Krankheit oder der Kindergarten geschlossen bleibt wegen Scharlach, dann stört das den gewohnten Ablauf. Ich bin enttäuscht und es bringt meine Pläne durcheinander. Aber es hat auch eine positive Seite. Es lässt mich neu sehen, wie gut ich es habe und wie sehr ich davon ausgehe, dass vieles selbstverständlich zur Verfügung steht. 

Unterbrechungen lassen mich erkennen, es liegt viel Gutes in meinen Tagen. Ich will es nicht übersehen, sondern es wertschätzen. Wenn ich über den deutschen Tellerrand hinausschaue in andere Länder, dann sehe ich erst recht viel Grund, dankbar zu sein. Ich freue mich und bin dankbar für das Gute und Angenehme, das mir Tag für Tag zur Verfügung steht und mein Leben erleichtert.

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Viele Menschen ziehen die Schuhe aus, wenn sie heimkommen. Sie schaffen sich dadurch einen besonderen Ort. Sie beachten den Übergang von draußen nach drinnen. Sie machen sich bewusst: ich betrete jetzt unsere Wohnung. Mit den Schuhen streifen sie auch den Lärm und die Hektik des Tages ab. Lassen alle Anstrengungen und unfreundlichen Worte hinter sich.

Eine Geschichte in der Bibel erzählt auch vom Schuhe ausziehen. Mose, der später das Volk Israel aus Ägypten führte, hat die Herden seines Schwiegervaters gehütet. Da hört er eine Stimme: Mose, bleib stehen. Lauf nicht hier rein. Ziehe deine Schuhe aus. Der Ort, wo du gerade stehst, ist heiliges Land. Für Mose ist klar: Das ist Gott, der so mit mir spricht. Gott selbst fordert Mose auf, seine Schuhe auszuziehen. Doch da ist kein Haus oder keine Kirche zum Hineingehen. Das Ganze spielt sich im Freien ab. Aber Mose spürt, da ist etwas Besonderes. Da ist Gott bei mir. Ich bin nicht allein.   

Eine Bekannte hat mir erzählt: Wir glauben, dass Gott bei uns wohnt. Er ist uns nahe, da wo wir zu Hause sind. Er wohnt mit uns wie in einer WG. Das ist der Ort, wo wir geschützt sind und uns geborgen fühlen. Der Gedanke gefällt mir: Menschen wohnen miteinander und Gott wohnt mit dabei. Das macht eine Wohnung zu einem besonderen Ort.

Schuhe ausziehen oder nicht, das kann jeder selbst entscheiden. Es kann aber helfen, einen Ort bewusst zu erleben. Als einen Ort, der anders ist als die Straße, der Sportplatz und der Supermarkt.

Auch in meiner Wohnung gibt es einen Platz, wo ich einfach still dasitzen kann und zurückschauen in den Tag. Wo ich an andere Menschen denke und für sie bete. Dass Gott mit ihnen ist, gerade wenn eine Operation bevorsteht oder eine Prüfung oder wenn ein neues Leben auf die Welt kommt.   

Das gehört für mich zum Abend. Den Tag ausklingen lassen. Von der Arbeit und Mühe des Tages ausruhen. Bis morgen früh die Sorgen lassen. Und darauf vertrauen, dass Gott bei den Menschen wohnt und sie behütet.   

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„Heimat im Wandel“ heißt das Motto der Heimattage Baden-Württemberg. Sie finden in diesem Sommer in Karlsruhe statt.
Heimat – das ist mehr als zu Hause. Wenn ich gefragt werde: wo sind Sie zu Hause, dann gebe ich meine Adresse an, den Ort und die Straße mit Hausnummer. Wenn ich umziehe, dann ändert sich meine Adresse. Ändert sich auch meine Heimat? Nein. Vielleicht fühle ich mich erst nach Jahren in meiner neuen Region daheim. 

Zu Heimat gehören: Menschen und Landschaften, Mundart, Brauchtum und Speisen. Für mich gehören Erinnerungen dazu: an Schulfreundinnen, spielen am Bach, die alte Steinmauer um den Friedhof und der Schlag der Glocken vom Kirchturm. Für jeden ist etwas Anderes wichtig, wenn es um Heimat geht.

Dennoch klingt Heimat für mich auch belastet. Rückwärtsgewandt. Heimat kann auch heißen, die von anderswo gehören nicht dazu. Die sind nicht wie wir. Die passen nicht zu uns. Wir bleiben lieber unter uns.

Wie Heimat verstanden wird, kann sich wandeln. Es muss sich wandeln. Menschen sind unterwegs, aus ganz verschiedenen Gründen. Sie finden vielleicht Arbeit in einem fremden Land. Oder sie müssen fliehen und anderswo Sicherheit suchen. Deshalb muss Heimat sich öffnen – wie ein Haus. Da bin ich daheim. Da kenne ich mich aus. Daher kann ich andere einladen. Ich kann ihnen zeigen, was mir wichtig ist. Ich kann anbieten, was mir schmeckt. Ich kann teilen, was mir vertraut ist. Das hat auch Jesus erfahren. Er hatte kein eigenes Haus. Aber andere haben ihn eingeladen. So konnte er sich auch unterwegs zu Hause fühlen.

Menschen aus allen Teilen der Welt kommen zu uns nach Baden-Württemberg. Sie kommen als Reisende. Sie kommen, um hier zu arbeiten oder zu studieren. Und seit 2015 kommen auch viele als Flüchtlinge zu uns. Ihre Heimat können wir nicht ersetzen, aber wir können ihnen doch ein Zuhause bei uns anbieten. Viele Menschen machen dabei mit. Andere wehren sich dagegen.

Was Heimat ist und wo, das wird in Zukunft ein wichtiges Thema sein, nicht nur bei den Heimattagen. Für meine Heimat wünsche ich mir, dass unterschiedliche Menschen friedlich miteinander wohnen können.  

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Danken hat schlechte Karten, denke ich manchmal. Danken liegt nicht im Trend. Es ist uncool geworden. 
Eine Frau sagt zu einer anderen: Dein Geschenk hat mich sehr gefreut. Vielen Dank. Die andere antwortet: Nichts zu danken.

Ich finde es schön, wenn Menschen schenken und einander helfen. Und es gefällt mir, wenn sie kein großes Tamtam darum machen. Aber schade finde ich, wenn ich mich bedanke und zur Antwort bekomme: nichts zu danken. Das heißt ja so viel wie: Du brauchst nichts zu sagen. Was ich getan habe, ist nicht der Rede wert. Es gibt nichts zu danken.

Warum ist das so? Ist das pure Bescheidenheit? Jesus war bestimmt kein Wichtigmacher. Er hat den Menschen gerne geholfen. Aber auch er fand danken wichtig und hat sich darüber gefreut. Einmal hat er zehn Männer von ihrer Krankheit geheilt. Nur einer von ihnen ist zurückgekommen und hat sich bei ihm bedankt. Das hat Jesus gefallen. Es hat ihn aber gewundert, dass die anderen einfach weitergegangen sind. Sie fanden nicht, dass es da etwas zu danken gab.

Ich finde Danke sagen wichtig. „Danke“ ist so eine Art Feedback, eine Rückmeldung. Ich sage dem anderen, wie gut es mir getan hat, dass er an mich gedacht hat. Wie soll er das sonst wissen? Ich glaube, das stärkt die Hilfsbereitschaft. Es ermutigt, anderen Gutes zu tun. Deshalb finde ich Danken so wichtig.

Ich stehe an der Straße. Die Autoschlange scheint endlos. Da kommt schon die Straßenbahn. Gott sei Dank, einer hält an. Ich kann schnell überqueren und bekomme gerade noch die Bahn. Dass einer aufmerksam gewesen ist, hat mir eine halbe Stunde geschenkt. Ich hätte sonst auf die nächste Bahn warten müssen.  

Ein anderes Mal bringe ich einen Brief zur Post. Alle Parkplätze sind belegt. Da streckt mir ein Mann seinen Parkschein hin und sagt: Ich fahre weg. Wenn Sie wollen – es sind noch 8 Minuten drauf.  

Und da soll ich nicht danke sagen. Soll einfach davonrennen, ohne dem anderen zu zeigen, wie hilfreich sein Verhalten für mich gewesen ist? Es müssen nicht immer Worte sein, ein Zeichen mit der Hand, ein Lächeln oder auch mal ein großzügiges Trinkgeld – ich kann auf viele Weisen danke sagen.   

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