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SWR4 Abendgedanken

Es gibt Menschen, die sind ständig nur am Schimpfen. Sie schimpfen über die Politiker und das Wetter, über die Verspätung der Straßenbahn, den langsamen Autofahrer vor ihnen und über die lange Schlange im Supermarkt. Sie schimpfen über die Nachbarn und die Kinder, die auf der Straße zu laut Fußball spielen. Sie schimpfen über das Fernsehprogramm und dass niemand sie besuchen kommt.

Ich hoffe, dass ich nicht zu dieser Art Menschen gehöre, aber manchmal ertappe ich mich auch beim Schimpfen. Da ist irgendetwas, das mich stört, ich bekomme schlechte Laune und suche ich mir jemanden oder etwas, das ich dafür verantwortlichmachen kann. Letztens so passiert: Ich komme abends in unser Bad und überall liegen Sachen unaufgeräumt in der Gegend herum: Handtücher, Haarbürste, Kleidungsstücke, Fön. Ich ärgere mich und schimpfe über die Kinder, die das Bad wieder mal so verlassen haben, sowieso nie aufräumen, immer so schlampig sind und ich kann jetzt erst mal für Ordnung sorgen. Beim Aufräumen habe ich dann bemerkt, dass einige Sachen, die unordentlich herumlagen, von mir selber stammten. Nun hätte ich eigentlich über mich selber schimpfen müssen. Hab ich aber nicht. Ich war lieber still und habe die Sachen kleinlaut aufgeräumt.

 „Wir haben keinen Grund, uns über etwas anderes zu beklagen, als über uns selber“ Dieser Satz stammt von Johannes Calvin. Johannes Calvin kannte mich und unser Bad nicht, er lebte vor etwa 500 Jahren in der Schweiz und war dort neben Huldreich Zwingli der zweite große Schweizer Reformator.

Calvin kannte mich nicht, aber er hatte wohl schon bei sich selbst und seinen Zeitgenossen entdeckt, wie leicht Menschen zum Schimpfen und Motzen neigen. Für alles was uns nicht passt, machen wir gerne andere verantwortlich. So wie ich neulich in meinem Badezimmer. Aber in Wahrheit bin ich selbst oft mitverantwortlich für Dinge, die nicht gut laufen. Ich nehme mir deshalb vor, nicht länger den anderen die Schuld zu geben sondern daran zu denken: Der einzige Mensch, der in meinem Leben etwas ändern kann, das bin ich selbst.

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Meine Kinder puzzeln gerne. Ich nicht. Aber ich habe beim Zuschauen eines gelernt: Wenn man ein Puzzle zusammensetzen will, dann muss man mit dem Rahmen beginnen. Zuerst muss man alle Puzzleteile aneinanderfügen, die den äußeren Rand bilden. Dann kann man anfangen vom Rahmen her nach innen die Teile einzufügen.

Ich glaube, ich mag nicht puzzeln, weil man bei einem Puzzle lange Zeit das endgültige Bild nicht erkennen kann. Mich irritiert es, wenn ich einzelne Puzzleteile habe und keine Ahnung, was daraus werden soll.

Dabei geht es mir in meinem Leben oft auch so: Ich versteh manchmal nicht, wo die einzelnen Teile meines Lebens hingehören. Mein Leben kommt mir wie ein großes Puzzle vor. Jeder Tag ein Teil. Jeder Mensch, dem ich begegne, ein Teil. Jeder glückliche Augenblick ein Teil. Jedes Leid, jede Niederlage – ein Teil. Aber wie passen diese Teile meines Lebens zusammen? Ist das alles Zufall, oder ergeben alle diese Teile meines Lebens am Ende ein sinnvolles Bild?

Heute hat Philipp Melanchthon Geburtstag. Er wurde am 16. Februar 1497 in Bretten bei Pforzheim geboren und war der engste Mitarbeiter von Martin Luther. Er war der kluge Kopf der Reformation. Er hat Luthers Ideen theologisch durchdacht und zu Papier gebracht. Kurz bevor er 1560 starb, hat Melanchthon auf ein Blatt Papier geschrieben, warum er keine Angst vor dem Sterben hat. Vielleicht wollte er sich damit selbst trösten: „Du wirst von der Sünde erlöst, von den Sorgen befreit… ,du wirst Gott schauen… du wirst die wunderbaren Geheimnisse erkennen, die du in diesem Leben nicht begreifen konntest“. 

Vermutlich kannte Melanchthon die Puzzle nicht. Aber er hat anscheinend gewusst: Man braucht zuerst einen Rahmen, wenn ein Bild entstehen soll. Jedenfalls gilt das für das Leben. Melanchthon sagt auch, was dieser Rahmen ist: Gott. Ihn werden wir einmal schauen, das glauben wir Christen. Und dann werde sich alle Teile unseres Lebens an ihren Ort fügen und es wird ein Bild entstehen von meinem Leben. Dann werde ich begreifen, welche Bedeutung jedes Glück und jedes Leid, jeder Tag und jede Begegnung hatte. Jetzt begreife ich mein Leben manchmal noch nicht. Aber ich vertraue darauf, dass alles von Gott her einen Sinn hat.

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„Wahrheit oder Lüge“. So hieß ein Spiel, das wir als Kinder manchmal gespielt haben. Wir haben uns Geschichten erzählt, die entweder tatsächlich passiert sind oder die wir gerade erfunden hatten. Die anderen in der Gruppe mussten dann raten, ob es die Wahrheit war oder eine Lüge. Das hat Spaß gemacht. Manchmal war es gar nicht so einfach, zu erkennen, ob eine Geschichte erfunden war oder nicht.

Was bei uns Kindern nur ein Spiel war, das ist heute leider Ernst. Jeden Tag bekomme ich so viele Informationen und Nachrichten aus Zeitung, Fernsehen und über das Internet.

Ich weiß längst nicht mehr, was davon Wahrheit ist und was Lüge. Letztes Jahr beim Wahlkampf in den USA zum Beispiel wurden bewusst Falschmeldungen verbreitet, um den Kandidaten fürs Weiße Haus zu schaden. So sollten die Wähler beeinflusst werden

Medienfachleute sagen, dass sei keine Ausnahme. Längst gäbe es vor allem im Internet viele falsche Nachrichten. Die werden erfunden und verbreitet, um Menschen zu einer bestimmten Meinung zu verführen. Mir macht das Angst. Was kann ich noch glauben?

 „Lüge ist der Anfang zu allem Bösen!“  Das hat schon Huldreich Zwingli gesagt. Vor fast 500 Jahren war er auch ein Reformator. Er war sozusagen der Luther der Schweiz. Zwingli hat sich für die Erneuerung der Kirche eingesetzt und die Reformation in der Schweiz eingeführt.

“Lüge ist der Anfang zu allem Bösen“.  Als ob Zwingli geahnt hat, was in unserer Zeit heute passieren würde.- Lüge ist der Anfang zu allem Bösen. Darum fordern uns die Zehn Gebote der Bibel auch auf, bei der Wahrheit zu bleiben. „Du sollst nicht lügen“ heißt es da. Oder in einer anderen Übersetzung: „Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten“. Weil jede Lüge Vertrauen zerstört. Weil Lügen das Zusammenleben von Menschen kaputt macht. Das erlebe ich in meinen privaten Beziehungen genauso wie in der großen Politik. Darum will ich mich gegen die Lügen wehren. Ich will selbst die Wahrheit sagen und mich für die Wahrheit einsetzen. Ich will genau prüfen, was man mir erzählt und nicht vorschnell Gerüchte weiter verbreiten. Dass die Wahrheit über die Lüge siegt, das fängt bei mir an.

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Ich nehme mich manchmal selbst so wichtig. Das ist mir vor wenigen Wochen wieder aufgefallen. Ich war eingeladen, bei einem Gottesdienst die Predigt zu halten. Hinterher kamen einige Leute auf mich zu und bedankten sich. Sie schüttelte mir die Hände, klopften mir auf die Schulter und ich fühlte mich richtig gut. Später habe ich gedacht: Wenn nun niemand zu mir gekommen wäre?  Kein Händeschütteln und Schulterklopfen. Wäre ich dann enttäuscht gewesen? Und: Worum ging es mir eigentlich? Um die Predigt? Das war doch schließlich meine Aufgabe. Oder ging‘s mir um mich selbst?

Ich nehme mich selbst wichtig - und das ist eigentlich gar nicht falsch. Schließlich muss ich mit mir selbst den ganzen Tag zusammen sein. Ich muss mich selbst aushalten. Ich habe erst mit den Jahren gelernt, dass meine Wünsche und Bedürfnisse auch wichtig sind und ich sie ruhig äußern darf. „Du musst mit dir selber gut befreundet sein“ hat mir mal jemand geraten.

Also: Wo ist das Problem? Ich will mich selbst wichtig nehmen. O.k. Aber ich muss zugleich aufpassen, dass es mir nicht vor allem darum geht, dass die anderen mich wichtig nehmen. Oft ertappe ich mich dabei, dass ich in den Augen der anderen gut dastehen will. Aber damit  mache ich mich von den Menschen, denen ich begegne, abhängig. Mein Wert hängt dann davon ab, was andere Leute über mich denken und ob sie mich genug loben.

Als mich diese Gedanken beschäftigt haben, habe ein Zitat des Reformators Martin Luther gelesen. Der schrieb in einem Brief an einen Freund über sich selbst: „Ich kenne auch den Luther nicht, will ihn auch nicht kennen; ich predige auch nichts von ihm, sondern von Christus. Den Luther soll der Teufel holen – wenn er kann“  Typisch Luther: Diese direkte, urwüchsige Sprache. Aber was er sagen will, ist mir gleich klar: Er nimmt sich selbst nicht so wichtig. Ihm ist auch nicht wichtig, was die Leute von ihm denken. Ihm ist nur Jesus Christus wichtig. Alles was er tut, das soll nicht auf ihn selbst, sondern auf Jesus hinweisen. Jesus zu verkündigen, das ist für ihn die große Aufgabe seines Lebens, hinter die er selbst einen Schritt zurücktreten kann. Mir imponiert diese Haltung von Luther. Lieber Martin  Luther, das will ich von dir lernen.

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"Es gibt kein sanfteres noch lieblicheres Ding auf Erden als einen süßen Schlaf“ Nein, das steht nicht in einer Werbeanzeige für Beruhigungspillen oder Schlaftabletten. Das hat Martin Luther gesagt. Der Mann hat Recht! Das wissen alle von uns, die ab und zu schlaflose Nächte haben. Schlafstörungen können ja viele Gründe haben; die häufigsten sind zu viel Stress oder zu viele Sorgen. Dann kommen Herz und Hirn nicht zur Ruhe. All die Aufgaben, die noch nicht erledigt sind, die Sorgen und Ängste vor der Zukunft beschäftigen einen in der Nacht weiter. Manchmal wirken sie im Dunkeln noch größer und bedrohlicher als am Tag und dann kann man nicht schlafen.

Martin Luther kannte das anscheinend auch. Wahrscheinlich hat deshalb einmal gesagt:
„Es gibt kein lieblicheres Ding auf Erden als einen süßen Schlaf“. Luthers Leben war ja nicht gerade ruhig und beschaulich. Als Mönch hatte er Angst, dass Gott auf ihn zornig sein könnte. Später hat man versucht, ihn gefangen zu nehmen, um ihm den Ketzerprozess zu machen. Luther wusste, dass er vielleicht auf dem Scheiterhaufen landet. Keine schönen Zukunftsaussichten. Luther hatte viele Gründe, sich Sorgen zu machen.

Dennoch lobt er den süßen Schlaf. Wieso konnte er trotz allem gut schlafen? Ich vermute, das war sein Gottvertrauen, was ihn dennoch schlafen ließ. Luther glaubte einfach fest daran, dass sein Leben in Gottes Hand liegt. Gott weiß doch ganz genau, was uns fehlt, was wir brauchen und mit welchen Problemen wir uns rumschlagen. Luther hat darauf vertraut, dass Gott ihn einen guten Weg geführt hat und das auch weiter tun wird.

Und ich? Ich kann manchmal nachts auch nicht schlafen. Dann mache ich mir Sorgen, wie es mit den Kindern weitergeht, oder mit der Gesundheit. Oder mich beschäftigt das Leid eines Menschen, der mir nahe steht. Oder bei meiner Arbeit gibt es ein Problem, für das ich noch keine Lösung habe. Dann will ich daran denken, dass das alles in Gottes Händen liegt. Ich meine ja immer, ich müsste alle Probleme und Sorgen aus eigener Kraft lösen. Aber das kann ich nicht. Doch Gott kann. Wenn ich also vor Sorgen nicht schlafen kann, bete ich. Und meistens finde ich dann mehr Gelassenheit und Ruhe.

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