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SWR4 Abendgedanken

Vor den letzten Ferien habe ich einen Kollegen gefragt, was er denn so vorhat. Ich habe damit gerechnet, dass er mir von seinen Reiseplänen berichtet. Er hat aber gemeint, er wird sich um seine Familie kümmern. Ich weiß, dass er mit einem Mann zusammenlebt. Deshalb habe ich sofort gedacht, dass seine Eltern krank sind und er sie jetzt pflegen muss.

Es war aber ganz anders. Er und sein Partner haben seit kurzem zwei Pflegekinder bei sich aufgenommen. Sie werden eine kleine Familie. Die leibliche Mutter hat so schwere Probleme zu tragen, dass sie ihre Kinder nicht großziehen kann. Und die beiden haben die Kinder schon oft in Pflege gehabt. Und jetzt ist der Moment gekommen, wo sie sie ganz zu sich nach Hause holen können.

Als wir weiter darüber gesprochen haben, ist mir erst richtig klar geworden, was die beiden für eine Herausforderung auf sich nehmen: Obwohl die beiden Kinder noch im Kleinkindalter sind, haben sie schon so viele schwierige Situationen miterlebt, dass sie eine psychotherapeutische Begleitung brauchen. Und die beiden Väter wollen das alles gerne übernehmen. Kein Gedanke an Opfer, die sie hier bringen oder Probleme, die sich in den Weg stellen könnten. Bei meinem Kollegen war zwar zu spüren, dass er und sein Partner diese Probleme sehen, aber was überwogen hat, war die Freude, die ich gespürt habe. Inzwischen ist einige Zeit vergangen und allen geht es nach wie vor gut auf diesem Weg. 

Wenn ich so etwas höre, bewundere ich meinen Kollegen und seinen Partner. Ich respektiere alle, die ein Kind haben und es großziehen. Denn das ist ja an sich schon eine verantwortungsvolle Aufgabe. Ein fremdes Kind wie ein eigenes Kind anzunehmen noch mehr. Und erst recht, wenn dieses fremde Kind schon von schweren Belastungen geprägt ist. Fiese beiden reden nicht nur von Liebe, sie machen Ernst damit und verwirklichen sie im Alltag. Und zwar so, dass auch andere noch etwas von ihrer Liebe spüren.

Für mich als Christ berührt das genau den Punkt, an dem ich daran glauben kann, dass Gott die Menschen liebt. Weil ich schon sehe, was unter Menschen möglich ist, wenn sie mit ihrer Liebe ernst machen. Das ist mutig und macht auch mir Mut.

Deshalb bin ich überzeugt, dass diese vier Menschen als Teil der Familie Gottes unter seinem Schutz und Segen stehen. Und ich hoffe, dass sie immer auf Menschen treffen, die sie auf diesem Weg unterstützen.

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Immer wieder bekomme ich mit, wie Menschen ein Verhalten zeigen, das ich nicht gut finde. Das beschäftigt mich. Zum Beispiel, wenn ich im Verkehrsfunk Meldungen höre über Gaffer bei Autounfällen. Diesen Sommer haben solche Gaffer auf einer Autobahn einen schweren Unfall ausgelöst, weil sie stehen blieben um den Unfall auf der Gegenfahrbahn zu sehen.

Es entsetzt mich, dass Menschen sich dazu hinreißen lassen. Ich kann die Neugier dieser Leute zwar verstehen. Zumindest muss ich mich selbst ja auch überwinden, weiterzufahren und nicht zu gaffen, wenn ich an einem Unfall vorbeikomme. Es ist ja nicht nur die Sensation, das Spektakuläre, das ich hier sehen könnte, wenn Polizei, Feuerwehr und Sanitäter im Einsatz sind. So etwas zu sehen, reißt mich ja völlig überraschend aus dem Alltag und bringt mich unmittelbar an eine Grenzsituation des Lebens: Da sind andere in großer Gefahr und werden vielleicht sogar sterben. Und Angehörige stehen im Schock dabei und sind außer sich. Für die Gaffer ist es vielleicht so, dass diese Leute jetzt etwas erleben, was sie genauso treffen und überfordern könnte, wenn sie an der Stelle der Betroffenen wären. Aber ich verstehe nicht, wie dieser Kitzel einen so weit bringen kann, dass man sich und andere in Gefahr bringt und die behindert, die gerade helfen wollen.

Und fast genauso schlecht finde ich, dass es das umgekehrte Phänomen auch gibt. Wir Menschen sind ja nicht nur Gaffer, ich kenne auch die Versuchung wegzuschauen, wenn es anderen schlecht geht und meine Hilfe gefragt ist. Das ist vielleicht gar nicht böse gemeint. Aber es ist nicht richtig, wenn ich so tue als wäre nichts, nur weil ich nicht weiß, wie ich helfen könnte und mich vielleicht überfordert fühle. Immer wieder höre ich davon, dass viele weiterfahren ohne zu helfen, wenn sie einen Autounfall sehen, der gerade passiert ist. Oder wenn sie miterleben, wie jemand in der Bahn angepöbelt wird. Hier geht es auch um Grenzsituationen und darum, dass man sich darin überfordert fühlt. Aber wegschauen gilt hier nicht. In solchen Momenten muss ich hinschauen und Hilfe rufen. Ich muss mich nicht in Gefahr bringen, aber ich muss mich einmischen.

Beides geht nicht. Dass ich dem Kitzel nachgebe, der mich zum Gaffen bringt, und dass ich wegschaue, wenn andere meine Hilfe brauchen. Ich will nicht im Weg stehen und andere behindern, wenn Hilfe gebraucht wird. Aber ich will dafür sorgen, dass Hilfe ankommen kann.

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Als Schwabe sage ich „Grüß Gott“, wenn ich andere Leute begrüße. Deshalb ist es mir in anderen Regionen in Deutschland schon passiert, dass ich mit meinem Gruß belächelt werde. Klar, da wo man „Guten Tag“ oder nur „Moin“ sagt, klingt dieser Gruß vermutlich provinziell und ein bisschen naiv. Das macht mir aber nichts aus. Erstens bin ich stolz darauf, wo ich herkomme. Und zweitens ist mir wichtig, dass ich es nicht einfach gedankenlos daher sage, sondern wirklich meine, dass Gott mit dem anderen sein soll, dem ich begegne.

Wenn andere mich deswegen also belächelt haben, fand ich das eher übertrieben, fast schon zickig. Schließlich geht es doch letztlich darum, dass ich grüße und dass ich das ehrlich und freundlich mache.

Eine andere Dimension hat diese Frage für mich in der Diskussion bekommen, ob eine muslimische Frau mir zum Gruß die Hand geben muss. Neulich bin ich einer syrischen Familie begegnet. Ich wusste, dass sie im Krieg und auf der Flucht schon viel Schlimmes erlebt haben. Da wollte ich nicht gleich am Anfang des Gesprächs aufs Händeschütteln bestehen. Deshalb habe ich dem Vater und den Kindern die Hand gegeben. Die Mutter hat zur Begrüßung eine Geste gemacht, wie sie gegenüber Fremden üblich ist: Sie hat die rechte Hand aufs Herz gelegt, mich angelächelt, den Kopf geneigt und mit der Hand in meine Richtung gedeutet. Und das hat mich berührt. Ich habe gespürt, was ich gesehen habe: Ihr Gruß kommt von Herzen.

Bisher habe ich bei Begegnungen mit muslimischen Frauen selber oft so reagiert, wie viele Norddeutsche bei mir. Ich habe nämlich auch immer gemeint, dass diese Frauen sich überwinden und an unsere Gepflogenheiten anpassen sollen. Und mir die Hand geben. Schließlich sind sie hier Gäste oder sollen sich sogar in unsere Gesellschaft integrieren.

Aber es ist doch egal, ob jemand arabisch oder schwäbisch oder norddeutsch grüßt. Wenn ich’s bloß verstehe, was mein Gegenüber meint. Ich glaube, unsere Gesellschaft kann diese Vielfalt ertragen und ich will nicht wegen so einer Äußerlichkeit kleinlich sein. Es geht nicht ums Wie, sondern ums Was. Und wenn ich jemanden grüße, dann soll es ehrlich sein und von Herzen kommen.

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Manche Forderungen im Christentum sind schon ziemlich provozierend. Zum Beispiel wenn Jesus sagt: „Liebt eure Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen.“ Ganz schön starker Tobak. Wenn ich mit anderen Christen darüber rede, sind wir uns meistens einig, dass Jesus hier übertreibt und zuspitzt. Er will vermutlich provozieren.

Aber wenn ich nicht ernst nehme, was Jesus da sagt, dann bleibt vom Christentum nicht viel mehr übrig als die Forderung, dass ich meinen Nächsten lieben soll wie mich selbst. Den Feind zu lieben, ist aber doch eine ganz spezielle Forderung des Christentums. Sie klingt für mich beinahe unerreichbar. Und das wird auch dadurch nicht besser, dass Jesus es vormacht und sogar den Menschen vergibt, die ihn töten. Obwohl ich die Vorstellung beeindruckend finde, dass ein Mensch damit wirklich ernst macht. Sogar wenn es um Leben und Tod geht. Gerade weil ich am Leben so hänge und es genießen will, weiß ich ja wie schwierig das ist.

Trotzdem ich bin stolz darauf, dass meine Religion so einen einzigartig hohen Anspruch hat und Liebe über Vergeltung stellt. Wenn jemand das umsetzt, zeigt das nämlich, dass er voll und ganz überzeugt ist, dass es für Gottes Liebe keine Grenzen gibt. Nicht einmal der Hass der anderen kann Gottes Liebe dann aufhalten.

Es beeindruckt mich deshalb besonders stark, wenn Menschen diese Feindesliebe leben. Einer von ihnen ist Antoine Leiris. Er hat vor über einem Jahr bei den Anschlägen in Paris seine Frau verloren und ist jetzt mit seinem Sohn allein. Er lässt sich nicht von diesem Hass anstecken. Deshalb hat er einen Brief an die Terroristen geschrieben, wo er ihnen sagt: „Ihr bekommt meinen Hass nicht.“ Ich kann es vielleicht gar nicht ermessen, was das für diese beiden heißt: Kindergeburtstage ohne Mutter, Weihnachten ohne die Mutter, jeden Morgen ohne die Partnerin aufwachen. Und trotzdem kein Hass!

Ich weiß nicht einmal, ob Antoine Leiris ein Christ ist, aber er ist für mich ein Vorbild. Weil er zeigt, dass es möglich ist, was Jesus fordert. Selbst wenn ich damit noch am Anfang bin.

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Vor kurzem ist es mir wieder passiert: Ich bin im Feierabendverkehr unterwegs. Plötzlich nimmt mir einer die Vorfahrt und fährt direkt vor mir in meine Spur. Ich hupe. An der nächsten Ampel kurbelt der andere Autofahrer die Scheibe runter und ruft etwas, das ich nicht verstehe bis auf „Depp“ und „fahren lernen“.

Normalerweise bringt mich so etwas auf Hundertachtzig. Weil ich das letzte Wort haben will. Aber wenn ich Gleiches mit Gleichem vergelte, geht’s mir hinterher kein bisschen besser. Im Gegenteil. Selbst wenn ich zuhause angekommen bin, stecke ich in Gedanken immer noch in der Diskussion fest. Ich kann nicht damit aufhören, zu überlegen, was ich Besseres hätte sagen können, um den anderen zu einem richtigen Verhalten zu erziehen. Ob ich es freundlich hätte sagen können, oder ironisch, damit er merkt, dass ich überlegen bin und Recht habe.

Allerdings bin ich nicht der Erzieher der Menschen, die ich treffe. Ich habe gar nicht das Recht oder den Auftrag dazu. Es muss noch eine andere Art geben, wie ich mit den anderen in schwierigen Situationen umgehe. Das fängt damit an, dass ich den anderen nicht von oben herab oder mit Rachegedanken anschaue, sondern als einen Menschen wie ich einer bin. Mit Fehlern und mit Launen. Und ich akzeptiere ihn, wie er ist. Mit der schlechten Laune, die ich gerade abbekomme.

Bei der Begegnung mit diesem Autofahrer, der mich beschimpft hat, lief es tatsächlich anders. Ich weiß nicht einmal wieso. Ich war dieses Mal gelassener und bin freundlich geblieben. Ich habe mir zwar noch Gedanken über ihn gemacht. Aber andere als sonst. Ich habe mir überlegt, was er wohl für einen Stress haben muss, dass er so grob reagiert. Und dass ich das von mir ja auch kenne: Wenn mich beruflicher Stress oder ein Konflikt noch beschäftigt, bekommt es manchmal einfach der Nächstbeste ab, der mir über den Weg läuft. Und gerade dann täte es mir doch besonders gut, wenn die andern großzügig sind und meine Fehler ertragen.

Ich will es in Zukunft nicht dem Zufall überlassen, ob ich wieder so einen gelassenen Moment habe. Ich kann es ja üben, dass ich grundsätzlich gelassener werde. Gelassen-Sein könnte so eine Lebenseinstellung werden, bei der ich andere Menschen so annehme wie sie sind. Und dann sehe ich ja, was passiert.

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