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SWR4 Abendgedanken

Ich liebe Kleinanzeigen. Egal ob Kinderbett, Fahrrad oder neuer Esszimmerschrank. Eigentlich schaue ich immer zuerst, ob da jemand vielleicht was über eine Kleinanzeige verkauft. Denn da bekommt man fast immer einen echten Mehrwehrt. Nicht durch das Geld, das man dabei sparen kann. Sondern durch den Moment, wenn man die Sachen persönlich abholt.

Ich meine: ich weiß nie, was mich erwartet. Oder wer da auf mich wartet. Das gilt natürlich auch für mein Gegenüber. Wenn sich dann die Haustür öffnet, dann beginnt eine ganz kurze Geschichte. Zwei Menschen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, kommen zusammen. Ich finde diesen ersten Eindruck so spannend. Wie wird diese Begegnung sein. Wer erwartet mich? Ist er freundlich oder wortkarg? Sympathisch oder zurückhaltend? Und wie wirke ich wohl auf den oder die andere? Was hält er oder sie von der Begegnung.

Manchmal denke ich: Jesus ist auch vielen Menschen begegnet. Welchen Eindruck die Menschen dabei auf ihn gemacht haben, war ihm egal.  Jesus hat immer wieder versucht den Menschen klarzumachen. Es kommt auf das Herz eines Menschen an. Der erste Eindruck war ihm nicht wichtig. . Er hat mit Betrügern gegessen. Er hat eine zum Tode verurteilte Frau gerettet. Er hat auch seine engsten Freunde sicher nicht nach dem ersten Eindruck ausgesucht. Das waren Fischer, Söldner ja sogar ein Zöllner.[1] Die waren damals überall als Betrüger bekannt. Und als habgierig. Gott sei Dank ist das heute anders.

Für Jesus haben solche Urteile schon damals keine Rolle gespielt. Vielleicht, weil er das Gute in jedem Mensch gesucht und auch gefunden hat. Und weil er versucht hat den Menschen zu zeigen. Probiert das doch auch mal. Ihr werdet ganz oft die besten Seiten aus einem Menschen hervorholen, wenn ihr ihm ohne Vorurteile begegnet.

Ich nehme  mir das immer wieder mal ganz bewusst vor. Nicht nur, wenn ich was über eine Kleinanzeige kaufe. Sondern überall in meinem Alltag. Bei den Menschen, die mir begegnen. Wo auch immer.

Manchmal entsteht da was echt Spannendes. Ein Gespräch, das ich so gar nie erwartet hätte. Eine Begegnung, die mich noch lange begleitet. Und für mich ist das dann oft viel mehr wert als ein neuer Esszimmerschrank. Eben ein echter Mehrwert.



[1]   Matthäus 9,9.

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"Seid dankbar in allen Dingen, ...“[1] - ein ziemlich steiler Satz, den Paulus da in der Bibel geschrieben hat. Ganz am Ende eines Briefes, den er an die Leute in Thessaloniki geschrieben hat. „Seid dankbar in allen Dingen“.

Mit der Dankbarkeit ist das ja immer so eine Sache …  Ich meine: ich bin gerne dankbar. Auch für viele Kleinigkeiten. Ich versuche mir das eigentlich immer wieder ganz bewusst zu machen. Vieles in meinem Leben ist nicht selbstverständlich.

Es ist nicht selbstverständlich, genug zu essen zu haben. Es ist nicht selbstverständlich in Frieden leben zu können. Nicht fliehen zu müssen, eine Arbeit zu haben und und und.

Wir versuchen das auch unseren Kindern beizubringen. Jeden Abend überlegen wir, wofür wir heute danke sagen können. Ich finde das wichtig. Manchmal auch für was ganz Kleines danke zu sagen.
Aber für wirklich alles dankbar zu sein, so wie Paulus das empfiehlt: Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.

Ich bin nicht dankbar dafür, wenn Menschen schwer krank werden, oder ein Unfall passiert. Ich kann nicht dafür danken, dass Menschen sterben, weil sie in überfüllten Booten ein besseres Leben suchen. Ich kann auch nicht dafür dankbar sein, dass es nicht gerecht zugeht auf dieser Welt.

Ich glaube aber, dass das Paulus auch gar nicht so gemeint hat. Der Satz heißt ja nicht. Seid dankbar für alles. Sondern er heißt: Seid dankbar in allen Dingen.

Das heißt für mich nicht, dass ich für einfach alles dankbar sein muss. Das heißt auch nicht, dass ich im Schlechten noch irgendwas suchen muss, für das ich danke sagen kann. Auch Paulus hat gut gewusst, wie das Leben ist. Ich glaube „dankbar in allen Dingen“ bedeutet, in allen Dingen auf Gott zu vertrauen. Gott zutrauen, dass er auch schwierige Situationen mit mir aushält. Dass er da mit mir gemeinsam durchgeht. Obwohl er ganz sicher auch vieles nicht gut findet, was bei mir oder auf unserer Welt schief läuft.

Ich glaube nicht, dass Paulus die Menschen in seiner Gemeinde überfordern wollte. Und auch mich nicht. Ich glaube vielmehr, dass er Mut machen wollte: Du bist nicht allein. Gott geht mit dir.  Und dafür kann ich wirklich in allen Dingen dankbar sein.


 

[1]   1. Thessalonicher 5,18.

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Der Herbst zeigt sich mittlerweile in seiner ganzen Pracht. Überall die bunten Blätter. Der Nebel, der Wind, die Kälte. Alles bereitet sich auf den Winter vor. Die Pflanzen, die Tiere.

Wenn es draußen dunkler und kälter wird, dann werden auch die Themen in den Gottesdiensten herbstlicher. Es geht auf das Ende des Kirchenjahres zu. Und da werden auch die Themen dunkler. Da geht es um den Tod. Darum, an die Menschen zu erinnern, die schon gestorben sind. Im November kommen Volkstrauertag und Totensonntag.

Im Herbst führt uns die Natur vor Augen: Alles hat ein Ende. Im Blick auf ältere Menschen sprechen wir ja auch vom Herbst des Lebens.

Ein Theologe und Philosoph hat vielleicht auch aus diesem Grund einmal gesagt: „Ich ziehe deshalb den Herbst dem Frühjahr vor, weil das Auge im Herbst den Himmel, im Frühjahr aber die Erde sucht.[1]

Im Frühjahr schaut man  auf die Erde, was da alles wächst. Überlegt sich vielleicht schon, was man dieses Jahr in welches Beet setzt. Im Frühling feiern Christen Ostern. Dass Jesus von den Toten wieder auferstanden ist. Das Fest des neuen Lebens. Und in den Gärten blüht es.

Im Herbst ist das anders. Mir wird klar. Ich werde nicht ewig leben. Alles vergeht, so wie die Bäume ihre Blätter verlieren. Ich schaue immer wieder in den Himmel. Denn von oben fallen die Blätter, fällt der Regen oder tanzt der erste Schnee. Da oben fliegen auch die Drachen. Ich überlege mir dann manchmal: Wie wird das wohl sein, wenn ich mal sterbe. Was kommt dann? Wie wird das wohl sein – ganz bei Gott zu sein. Und das weitet meinen Blick. Hebt meinen Horizont. Das Leben ist nicht am Ende, wenn es zu Ende geht. Das glaube ich ganz sicher. Der Tod gehört zum Leben dazu. Danach geht es weiter. Und Gott umfasst beides: Tod und Leben. Wie der Himmel, den man jetzt so gut sieht, die Erde umfasst.

Deshalb finde ich es auch gut und wichtig, dass sich im Herbst noch einmal der ganze Reichtum des Lebens zeigt. In den Farben, in den Früchten, der ganzen Schöpfung Gottes. Ich mag den Herbst. Und diesen Blick in den Himmel. Weil der mich erinnert: Es geht weiter. Es kommt dann der Winter. Aber es wird auch ganz sicher wieder Frühling.


 

[1]          Søren Kierkegaard

 

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Es sind immer noch nicht alle Kartons ausgepackt. Von unserem Umzug. Es hat noch nicht alles wieder seinen Platz. Wir sind gerade umgezogen. Neuer Ort, neue Adresse, neues Einleben. Wobei so neu, ist das alles gar nicht.

Schließlich  wohnen wir jetzt wieder da, wo ich aufgewachsen bin. Das hat sich so ergeben. Ich bin quasi wieder zu hause. Wobei ich auch die letzten Jahre zu Hause war, aber eben woanders. In der Tat war es in den letzten Jahren manchmal so, dass ich von zu Hause heim gefahren bin. Hm ganz schön kompliziert. Aber inzwischen geht das ja vielen so. Nur noch selten bleiben Menschen ihr Leben lang an einem Ort.
Wo bin ich denn zuhause? Oder was braucht es, dass ich mich zu Hause fühle?

Ich glaube, dass das vieles sein kann. Für die einen ist das vielleicht ein ganz bestimmter Duft. Für andere eine bestimmte Landschaft, oder das Meer. Heimat kann auch an ein bestimmtes Möbelstück geknüpft sein. Bei mir ist es ganz sicher meine Familie. Wo meine Familie ist, da bin ich zuhause. Vor allem deshalb, weil ich da genau so sein kann, wie ich bin. Ich werde geliebt, genau so, wie ich bin. Da fühle ich mich wohl. Da fühle ich mich geborgen.

„Geborgen ist mein Leben in Gott.“[1] So heißt es in einer neueren Übertragung eines alten Gebets aus der Bibel. Wenn man das Wort „geborgen“ googelt oder im Duden nachschlägt, dann findet man da die Bedeutung: gut aufgehoben, sicher, beschützt. Für mich heißt das, ich habe noch ein zu Hause. Und das ist bei Gott. Vor ihm kann ich sein, wie ich bin. Und ihm sagen, was ich auf dem Herzen habe. Wie zu Hause eben.

Das zu wissen hilft mir ungemein. Ich bin in den letzten zehn Jahren viermal umgezogen. Aber dieses zuhause hat mich immer begleitet. Mein zuhause bei Gott ist immer da, wo ich gerade bin. Es ist äußerst mobil und auch tragbar. Ich habe es immer dabei. Geborgenheit, ein Gefühl, das mich immer ein bisschen zuhause spüren lässt. Egal, wo ich bin. Im Auto, im Zug, bei Sitzungen. Einfach überall. Mein kleines persönliches Stück zuhause mitten im Leben. Denn geborgen ist mein Leben bei Gott, egal wohin ich gerade umziehe. Und egal, wo ich gerade bin.


 

[1]   Psalmübertragung nach Psalm 31, Evangelisches Gesangbuch 767.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23005

Ich will Dich segnen und Du sollst ein Segen sein.[1] Das hat Gott zu Abraham gesagt, erzählt die Bibel. Abraham sollte alles hinter sich lassen. Seine Heimat aufgeben und einfach losziehen. Mit seiner Frau und mit allem, was er hatte. Ohne, dass er genau wusste, wohin. Das wollte Gott ihm unterwegs zeigen. Und Abraham hat es einfach gemacht.

Er hat es gemacht, weil Gott ihm versprochen hatte, dass er ihn begleiten wird. Dass er ihn segnen wird und er so auch wieder zu einem Segen werden kann. Darauf hat Abraham sich verlassen. Das hat ihm Mut gemacht und ihm Kraft gegeben. Deshalb ist dieser Satz wahrscheinlich auch ein so beliebter Taufspruch. Auch unser Sohn hat diesen Vers als Lebensmotto in der Taufe mit auf den Weg bekommen. Ich will Dich segnen und Du sollst ein Segen sein.

Ich will dich segnen: Das klingt gut. Gott wird mich nicht allein lassen und dafür sorgen, dass mein Leben gut wird. A
ber wie kann ein Mensch ein Segen sein für andere?

Nun zunächst können ja Kinder ein Segen sein, einfach deshalb, weil sie da sind. Sie sind wie der Segen ein Geschenk. Egal, ob sie lachen oder weinen. Sich freuen oder gerade ein bisschen bockig sind. Dadurch bereichern sie mein Leben. Sie machen mich dankbar. Ihre Fragen machen mich weise, wenn ich über die Antworten nachdenken muss. Ihr Staunen zeigt mir, wie schön unsere Welt ist. Oder wie schrecklich.

Ich glaube: Jeder kann das. Für andere da sein oder ein bisschen was von sich verschenken. Zeit vielleicht – im Büro für einen Kollegen oder zu Hause für einen längst überfälligen Anruf.

Oder auf dem Schulhof die Hälfte des Pausenbrotes – wenn jemand keins hat.
Ich glaube, wenn ich das mal glauben kann, dass ich gesegnet bin. Dann kann ich davon auch was abgeben.

Dass du in diesem Moment da warst, war echt ein Segen, Das ist ein Satz, den man ja manchmal sagt. Oder hört. Abraham war auch für viele da. Für eine sehr große Familie. Er hat an Gott festgehalten. Er hat darauf vertraut gesegnet zu sein und wurde so zum Segen eines ganz großen Volkes, das über viele Generationen aus seinen Kindern entstanden ist. Der Segen hat ihn begleitet. Ich will dich segnen und Du sollst ein Segen sein. Das gilt auch für mich. Ich gehöre auch dazu. Ich bin auch gesegnet. Und Sie sind es auch


 

[1]   1. Mose 12,2.

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