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SWR4 Abendgedanken

Kann man ins Schwimmbad gehen und nicht nass werden? Natürlich kann man das. Ich kann das. In den Sommerferien gehe ich mit meiner Frau und den Kindern manchmal ins Strandbad. Wenn meine Familie dann mit Luftmatratze und Schwimmring bewaffnet ins Wasser stürmt, lege ich mich erstmal auf die Badedecke und lese in einem Buch. Dabei ist es tatsächlich schon vorgekommen, dass ich es verpasst habe, ebenfalls ins Wasser zu gehen. Ich habe Eintritt für den Badesee bezahlt, ich habe meine Badehose angezogen, ich hatte die besten Absichten. Aber irgendwie bin ich doch nicht ins Wasser gegangen und kam am Ende des Tages genauso trocken nach Hause, wie ich morgens aufgebrochen war. Man kann ins Schwimmbad gehen und nicht nass werden. Wirklich! Aber am Abend finde ich dann: Eigentlich habe ich das Wichtigste verpasst: Den Spaß mit meiner Familie.

Das ist bei anderen Dingen auch so. Ich kann zu einer Tanzveranstaltung gehen und nicht tanzen. Ich kann den ganzen Abend über von meinem Platz aus den anderen beim Tanzen zusehen: Aber ist das sinnvoll? So verpasse ich den Spaß und die Chance auf einen schönen Abend mit meiner Frau.

Leider ist es mit dem Glauben an Gott auch so.  Man kann auch beim Glauben wie ein Zuschauer auf Distanz bleiben. Man kann zusehen, wie die anderen glauben. Wie sie beten. Wie sie Trost und Ermutigung in ihrem Glauben finden. Wie sie mutige Taten der Nächstenliebe vollbringen. Aber auch was Glaube ist, kann man nur begreifen, wenn man mitmacht. Nur wenn ich die Worte der Bibel lese, erlebe ich, wieviel Trost und Kraft von ihnen ausgehen. Nur wenn ich ein Gebet spreche, erfahre ich, wie nahe mir Gott ist. Und manchmal finde ich im Gebet Antworten auf meine Fragen oder neue Kraft für meinen Alltag. Ich muss den Glauben ausprobieren, mitmachen, nicht nur zuschauen.

Darum erzählt die Bibel, dass Jesus die Menschen immer aufgefordert hat, mit ihm mit zu kommen. „Kommt her! Kommt mit! Folgt mir nach!“ sagt Jesus. Und Menschen stehen auf und gehen mit ihm. Erst dann erleben sie, wie das Vertrauen auf Gott sie zuversichtlicher macht. Wie vieles andere lernt man Glauben nicht aus der Distanz. Mitmachen ist das Zauberwort.

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Über eine Stunde mussten wir warten – bei der Rückreise aus dem Urlaub am Schalter der Fluggesellschaft. Dabei standen gerade einmal etwa 20 Personen vor uns in der Schlange. Aber es ging einfach nicht voran. Wir waren eingekeilt in Massen an Flugreisenden in der schwülheißen Halle des Flughafens. Ich bin eher ein ungeduldiger Mensch. Ich finde Warten schrecklich. Dieses Nichtstun. Oder besser: Zum Nichts-tun-verdammt-sein. Ich fühle mich so ausgeliefert. Gar nichts kann ich dazu beitragen, dass es endlich schneller voran geht. Manchmal denke ich: Am Ende meines Lebens werde ich wahrscheinlich Jahre meiner wertvollen Lebenszeit mit Warten verbracht haben. In Flughäfen, im Stau auf der Autobahn, in Arztpraxen und an S-Bahn-Haltestellen.

Deshalb ist es für mich eine Herausforderung, dass das Thema „Warten“ in der Bibel eine wichtige Rolle spielt. Immer wieder wird von Menschen erzählt, die warten mussten. Sie hatten zu Gott gebetet und warteten nun auf eine Antwort. Oder Gott hatte ihnen ein Versprechen gegeben und jetzt warteten sie darauf, dass er es auch erfüllt. Abraham und Sara zum Beispiel mussten bis ins hohe Alter warten, bis sie endlich ein Kind bekamen. Die Israeliten warteten über 40 Jahre, bis sie ins gelobte Land einziehen konnten. Wenn ich das lese, denke ich: Anscheinend lässt auch Gott uns Menschen manchmal warten. Vielleicht tut er das, weil die Zeit noch nicht reif ist. Oder weil wir noch nicht bereit sind für das, was Gott mit uns vorhat. Die Bibel erzählt vom Warten, aber auch davon, dass Gott schließlich handelt. Er erhört die Gebete und erfüllt seine Versprechungen. Doch manchmal dauert es eine Weile, bis es soweit ist.

Ich lerne daraus, dass es sich lohnt zu warten. Ich will deshalb viel mehr versuchen, Gott zu vertrauen, auch dann wenn er nicht sofort auf meine Gebete antwortet. Er weiß schließlich besser als ich, wann der richtige Zeitpunkt ist, und warum es jetzt noch notwendig ist, zu warten. Mit meinem eigenen Aktionismus und meiner Ungeduld bringe ich mein Leben nicht voran. Manchmal mache ich vieles damit nur schlimmer. Ich will lernen zu warten. Wenn ich wieder mal an einem Schalter anstehe, in einer Arztpraxis sitze oder im Stau stehe. Vor allem aber will ich lernen auf Gott zu warten und zu vertrauen. Es lohnt sich.

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„Kommen auch an unserem Strand Flüchtlingsboote an?“ Das haben meine Kinder im Reisebüro gefragt. Wir hatten gerade unseren Urlaub in Griechenland gebucht. Direkt am Meer. Einige Tage lang wollten wir uns so richtig erholen, Die Sonne genießen, im Meer baden, Ausflüge machen. Aber sogar die Kinder haben gewusst: Die meisten Flüchtlinge aus Syrien oder dem Iran kommen über das Mittelmeer. Von der Türkei in Booten nach Griechenland, dann weiter Richtung Deutschland. Und wir kannten die Bilder aus dem Fernsehen: Wie die Menschen müde und verängstigt nach tagelanger Überfahrt endlich den Strand erreichen. Und dann die vielen, die ihn nicht erreichen. Ertrunken im Mittelmeer. Wenn wir das plötzlich nicht im Fernsehen sehen würden, sondern hautnah miterleben – was dann? Die Dame im Reisebüro hat uns beruhigt: Nein, die Flüchtlingsboote erreichen Griechenland an einer anderen Stelle. Wir bräuchten uns um unseren Urlaub keine Sorgen machen.

Trotzdem hat mich der Gedanke nicht losgelassen. Als wir am Strand lagen hab ich auf‘s Meer geschaut. Und gedacht: Wie ungerecht! Uns geht es so gut. Wir genießen den Urlaub und dort draußen kämpfen Menschen um ihr Leben und ihre Zukunft. Wie ungerecht. Nur weil wir in einem anderen Land geboren sind als sie.

Und zugleich habe ich mich so ohnmächtig gefühlt: Was kann ich schon tun? Ja, wir haben in unserem Wohnort Kontakt zu einer Flüchtlingsfamilie, begleiten sie ein wenig und helfen ihnen hier und da. Aber was ist das schon angesichts des hunderttausendfachen Elends?

Ich habe gemerkt, dass ich keine Antworten habe. Warum ergeht es manchen Menschen so schlimm und anderen so gut? Warum lässt Gott das zu? Ach ja: Gott. Wo ist er überhaupt in all dem Flüchtlingsleid? Und wo Menschen Angst haben vor Überfremdung und Gewalt, wo ist da Gott? Dort am Strand in Griechenland habe ich gedacht: Wahrscheinlich ist Gott genau da, wo Menschen leiden. Wo sie um ihr Leben kämpfen in den kleinen Booten auf dem Mittelmeer. Wahrscheinlich ist Gott genau da, wo Menschen Angst haben und darum ihre Türen und Herzen verschließen vor den Fremden, die kommen. Dort ist Gott, leidet mit, und macht Menschen Mut, etwas zu wagen. Deshalb will ich ihn bitten, dass er die, die auf der Flucht sind, behütet. Und ich will Gott bitten, dass er denen, die in Frieden leben, ein offenes Herz gibt für die Menschen, die bei uns Schutz suchen.

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Selbst im Urlaub zieht es mich manchmal in eine Kirche. Nicht aus Kunstinteresse heraus oder weil ich einen Gottesdienst besuchen will. Sondern einfach, um in der Kirche einige Minuten Stille zu finden. Ich setzte mich dann ganz alleine in eine der alten Holzbänke, schaue zum Kreuz am Altar, werde still, denke nach. Das laute Leben ist für kurze Zeit hinter den dicken Kirchenmauern und Türen ausgeschlossen. Es fällt mir dann leicht, ein Gebet zu sprechen und Gott alles zu sagen was mich bewegt. Darum liebe ich es auch, wenn Kirchen den Tag über geöffnet sind, so dass jeder einfach hineingehen kann, wann er oder sie das will.

In unserem Urlaubsort dieses Jahr gab es auch eine kleine Kirche. Weiß und rot leuchteten weit sichtbar die Wände und Dächer. Davor war ein Kirchplatz mit einem Brunnen und Bänken. Doch als ich die Kirche betreten wollte, wurde ich enttäuscht: Die Kirchentüren waren verschlossen. Alle. Und zu jeder Zeit. Wann auch immer ich zu der kleinen Kirche kam und an den Türen rüttelte, sie waren stets abgeschlossen. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um wenigsten durch die Fenster einen Blick ins Innere der Kirche werfen zu können. Aber ich konnte nichts erkennen. Die Fenster waren aus trübem Glas, das keinen Durchblick gewährte. Ich war enttäuscht. Die verschlossene Kirche hat mir gesagt: Hier ist kein Platz für mich. Als ob Gott sich eingeschlossen hätte.

Natürlich weiß ich das besser: Gott schließt sich nicht ein. Nicht mal in Kirchen. Ich kann mich jederzeit an Gott wenden mit dem, was mich beschäftigt und sicher sein, dass er mich hört. Wann immer ich will und wo immer ich gerade bin darf ich beten und Gott meine Sorgen und mein Glück sagen. Ich kann das Zuhause tun, an meinem Schreibtisch oder auf dem Sofa im Wohnzimmer. Überall kann ich beten. Ich kenne Menschen, die beten beim Spazierengehen. Andere haben eine Bank am Waldrand gefunden, auf die sie sich setzten, um mit Gott zu reden. Vielleicht haben Sie auch einen eigenen Ort für das Gebet.

Ich persönlich finde, dass Kirchen sich dafür besonders gut eignen. Sie laden ein zur Stille und zum Gebet. Vielleicht gibt es ja in Ihrem Ort eine Kirche, die geöffnet ist. Gott hat auf jeden Fall ein offenes Ohr.

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"Bitte lassen Sie Ihr Handgepäck nicht unbeaufsichtigt!“ diese Durchsage habe ich am Stuttgarter Flughafen gehört, als ich gerade mit meiner Familie in den Urlaub fliegen wollte. Normalerweise überhöre ich solche Warnhinweise. Dieses Jahr aber haben sie mich aufgeschreckt. Nach den Ereignissen in Nizza, München und Ansbach bin ich dünnhäutiger geworden. Was, wenn irgendein durchgeknallter Typ gerade heute auf dem Stuttgarter Flughafen eine Bombe zünden will? So habe ich gedacht und mich dabei ertappt, wie ich mich nervös umgeschaut habe: Steht da irgendwo vielleicht ein herrenloses verdächtiges Gepäckstück? Sieht der dunkelhäutige Mann dort hinten, der so ernst dreinschaut, nicht aus wie ein Terrorist? Ich habe gemerkt: Die Ereignisse der letzten Monate haben bei mir Spuren hinterlassen. Ich bin etwas ängstlicher geworden und ich glaube, so geht es vielen Menschen.

Gott sei Dank ist uns auf dem Flughafen nichts passiert. Keine Bombe. Kein Attentat – und der vermeintliche Terrorist war ein italienischer Familienvater.

Aber ich muss zugeben: Die Unsicherheit bleibt. Ich ahne – vielleicht mehr als früher -, dass ich im Leben nie ganz sicher bin. Immer kann was passieren. Dabei sind es andere Dinge, die mir eigentlich vielmehr Sorgen machen. Nicht Bomben und Attentate. Ich habe mehr Angst vor einem Unfall im Straßenverkehr. Oder vor einer schlimmen Krankheit. Oder dass meinen Kindern etwas zustößt. Das ganze Leben ist wohl so etwas wie ein Gehen auf dünnem Eis. Das ist mir in der letzten Zeit noch bewusster geworden.

Es gibt also so vieles, was mir Angst und Sorgen machen kann. Aber dagegen will ich meinen Glauben setzen. Ich glaube, dass mein Leben nicht in der Hand eines blinden Schicksals liegt, sondern in Gottes Hand. Gott begleitet mich und hält von allen Seiten seine Hand über mir. So heißt es in einem Gebet der Bibel. Und wenn ich genau nachdenke, dann habe ich das ja oft genug erfahren. Wie oft habe ich mir Sorgen gemacht und dann kam alles doch anders. Ich bin schon oft bewahrt worden. Deshalb sage ich Gott meine Sorgen und Ängste im Gebet und spüre manchmal dabei, wie sie kleiner werden. Ich werde zuversichtlicher und gewinne neuen Lebensmut. Genau in dieser Spannung lebe ich: Zwischen all den Sorgen meines Lebens und dem Vertrauen auf Gott, der mich behütet.

 

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