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SWR4 Abendgedanken

Jeden Morgen ein eisiger Blick, niemals ein Lächeln. Sie ist eine unangenehme Person. Jeden Morgen kommt sie an die Pfarrhaustür und holt sich ihren Schein ab. Einen Gutschein für ein Essen im Restaurant für Wohnungslose. Sie ist nicht die einzige, etwa zwanzig Leute kommen jeden Morgen aus diesem Grund an die Pfarrhaustür. Die meisten sind Stammkunden, auf die Dauer kennt man sich. Viele von Ihnen sind freundlich und man kommt ins Gespräch. Oft sind es nur unverbindliche Tür- und Angelgespräche über das Wetter oder so. Manchmal aber erzählen sie auch von ihrem Alltag, von den Schwierigkeiten mit den Behörden und natürlich vom Geld, rumkommen mit Hartz IV ist ein heißes Thema. Es kommt auch vor, dass die Gespräche noch tiefer gehen, dann erzählen einige auch mal von ihrer Lebensgeschichte. Wie das so gekommen ist, dass sie heute ganz unten stehen. Häufig kommt die Formulierung: „Das hätte ich mir vor 10 Jahren nicht träumen lassen, dass ich heute für einen Essensgutschein an die Pfarrhaustür kommen muss.“ Es sind viele darunter, die einen ganz normalen Job hatten, Familie, Wohnung, eben ein ganz normales Leben. Und dann ist irgendetwas schief gelaufen. Arbeitsplatzverlust, Scheidung, Alkohol, Schulden und dann ging's bergab.

Sie erzählt nie etwas von sich. Ich weiß so gut wie nichts von ihr. Sie schleudert einem allmorgendlich nur entgegen: „Ich hätt gern den Schein.“ Wenn sie mal mehr sagt, dann schimpft sie über alles und jeden und dass es überhaupt eine Frechheit sei, dass wir ihr nur einen Essensgutschein geben würden. Sie brauche mehr, sie brauche Geld. Und egal ob sie redet oder schweigt, immer trifft einen dieser eisige Blick. Sie ist kein einfacher Mensch, begegnet sie mir auf der Straße, möchte ich am liebsten die Seite wechseln. Und doch weiß ich, sie ist ein einzigartiger Mensch. Sie ist ein Geschöpf Gottes, von Gott geliebt. Und deshalb hat sie ein Recht auf meinen Respekt, meine Achtung und meine Freundlichkeit, auch wenn’s mir schwer fällt. 

 

 

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Täglich beten Millionen Menschen für Frieden und Gerechtigkeit auf der Welt. Das ist sicherlich gut. Aber die kritische Frage lautet: Bringt’s was?

Ich glaube die Frage, ob Beten was bringt oder nicht, hängt nicht davon ab, wie viele Menschen beten und um was sie bitten, sondern vielmehr davon wie die Menschen beten.

Ein täglicher und intensiver Beter ist Don Camillo, Pfarrer in einer Stadt in Oberitalien und ewiger Gegenspieler von Peppone, dem kommunistischen Bürgermeister des Ortes. Es ist Wahlkampfzeit, Peppone verfasst Wandzeitungen. Da Rechtschreibung nicht seine starke Seite ist, strotzen diese nur so vor Schreibfehlern. Der ganze Ort lacht über ihn. Damit nicht genug, jede Nacht schreibt irgendein Schmierfink über die Wandzeitungen mit dicken roten Buchstaben: „Peppone ist ein Esel“. Dieser Schmierfink ist natürlich Don Camillo.

Jeden Abend betet Don Camillo vor dem großen Kreuz in der Kirche und bespricht seinen Tag mit Jesus. Seine Schmierereien verschweigt er natürlich, aber Jesus kommt ihm auf die Schliche und macht ihm klar, dass es unfair von ihm ist, Peppone - nur weil er die Rechtschreibung nicht beherrscht - vor allen Leuten lächerlich zu machen. Zunächst wehrt er sich natürlich gegen die Vorwürfe Jesu, aber der lässt nicht locker und auf die Dauer erkennt Don Camillo, dass er falsch gehandelt hat. Und am Ende korrigiert er – der katholische Pfarrer des Ortes - die kommunistischen Wandzeitungen, bevor sie auf gehangen werden. Und so muss sich Peppone  wegen seiner Rechtschreibfehler nicht mehr blamieren.

Ob beten was bringt, hängt nicht nur davon ab, was ich Gott sage, sondern auch, ob ich mir von Gott was sagen lasse.

 

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 „Der Schatz der Kirche, das sind die Armen“. Das hat er dem Kaiser klar gemacht: Der Heilige Laurentius. Heute ist sein Gedenktag. Er lebte im 3. Jahrhundert in der Zeit der Christenverfolgung. Er war Diakon und als solcher in der Gemeinde von Rom zuständig für die Finanzen und die soziale Arbeit. Er sorgte also dafür, dass die Armen, Witwen und Waisen nicht zu kurz kamen. Er kümmerte sich um das, was wir heute gerne die Caritas oder die Diakonie nennen.

Eine Legende erzählt folgende Geschichte: Der Kaiser Valerian lädt Laurentius vor und verlangt von ihm die Herausgabe der finanziellen Mittel der Gemeinde, wenn man so will des Kirchenschatzes. Laurentius erbittet sich drei Tage Bedenkzeit. Die werden ihm gewährt und Laurentius nutzt diese Zeit, um das Geld der Kirche an die Armen zu verschenken. Als Valerian ihn dann nach drei Tagen wieder nach dem Kirchenschatz fragt, präsentiert Laurentius ihm die beschenkten Armen. Und sagt: „Der Schatz der Kirche, das sind die Armen“. Das erzürnt natür­lich den Kaiser und der lässt daraufhin Laurentius umbringen. Am 10. August 258 erleidet Laurentius in Rom den Märtyrertod.

„Der Schatz der Kirche, das sind die Armen“. Damit hat Laurentius nicht nur dem römischen Kaiser clever geantwortet, sondern auch der Kirche etwas ganz wichtiges ins Stammbuch geschrieben: Normalerweise denken wir beim Thema Kirchenschatz an materielle Güter: Prächtige Kirchen, wertvolle Kunstwerke, Immobilien, Aktienpakete und sonstige Rücklagen. Laurentius macht klar: Der eigentliche Schatz sind die Armen. Für sie muss Platz sein in der Kirche und zwar nicht als Geduldete am Rande, sondern in der Mitte, denn um sie, muss sich alles drehen.  Ein großer Anspruch, aber einer, der nicht aufgegeben werden darf. Gut, dass Laurentius und andere Heilige immer wieder daran erinnern.

 

 

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Wie ist Gott? Wie verhält er sich zum Menschen? Das ist eine der Hauptfragen der Bibel. Und die biblischen Erzähler versuchen in einer ganzen Reihe von Geschichten und Bildern diese Frage zu beantworten. Ein besonders schönes ist das Bild des Winzers. Gott ist der Winzer und wir, die Menschen sind der Weinberg, so nachzulesen beim Propheten Jesaia (Jes 5). Für mich als Mensch von Rhein und Mosel ein besonders schönes und griffiges Bild. Wenn ich auf unsere steilen Weinberge sehe, dann merke ich wie viel Arbeit so ein Winzer hat. Wie er sich um den Weinberg mühen muss, damit da ein vernünftiger Wein wächst: Pflanzen, Schneiden, Binden, Aufgraben, Ausgeizen, Düngen, Spritzen und was da alles bei Hitze und Kälte, Sonnenschein und Regenwetter geschafft werden muss. Und so ist also Gott, er müht sich um uns Menschen. Das ist die Erfahrung der Bibel. Aber - und das ist auch ausgesagt in dieser Bibelstelle bei Jesaia - Gott will, dass dabei was Gutes  herauskommt, dass wir – um im Bild zu bleiben - gute Früchte hervorbringen. Damals bei Jesaia war das nämlich nicht so. Der Prophet beklagt sich darüber, dass das Volk keine süßen Trauben, sondern nur saure Beeren hervorbringt. Und er sagt auch deutlich, worin die sauren Beeren bestehen: Es herrscht Ungerechtigkeit im Volk. Die Starken schützen die Schwachen nicht, die Rechte der Witwen, Waisen und Fremden werden nicht beachtet, überall herrscht soziale Ungerechtigkeit. Nun, ob wir heute vor Gott viel besser dastehen, als das Volk Israel damals? Auch bei uns im Land herrscht Ungerechtigkeit, es gibt einige Reiche und viele Arme. Und weltweit gesehen schreit die Ungerechtigkeit  nur so zum Himmel. Auf der nördlichen Halbkugel herrscht Überfluss und im Süden verhungern die Menschen.

Und wie geht Gott damit um, heute im Jahr 2016? Ich glaube, dass er sich immer noch nicht mit der Ungerechtigkeit auf der Welt abgefunden hat. Aber ich hoffe auch, dass er noch immer ein geduldiger Winzer ist. Der sich trotz allem um uns sorgt. Der die Hoffnung nicht aufgibt, dass wir Menschen auch süße Trauben hervorbringen können. Für Frieden und Gerechtigkeit sorgen können, im Großen wie im Kleinen.

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Heute ist Feiertag – sogar ein gesetzlicher, staatlich geschützt. Aber nur in einer einzigen Stadt in Deutschland: in Augsburg. Dort begeht man heute das Augs­burger Hohe Friedensfest. Der Hintergrund: Augsburg spielte in der Frage des Religionsfriedens in Deutschland eine große Rolle. Da war zunächst das Jahr 1530, da formulierte man auf dem Reichstag in Augsburg die „Confessio Augustana“, das Augsburger Bekenntnis. In dem bis heute verbindliche Grundsätze der lutherischen Kirche festgelegt sind. Kurze Zeit später, 1548, proklamierte sich Augsburg zur ersten so genannten paritätischen Reichsstadt, was bedeutete, dass alle Ämter der Stadt doppelt besetzt waren, von einem Katholiken und von einem Protestanten. Und 1555 kam es hier zum Augsburger Reichs- und Religionsfrieden, der Pax Augustana. Protestanten und Katholiken waren im Deutschen Reich ab sofort gleichberechtigt. Der hier ausgehandelte Religionsfriede hielt aber leider nicht sehr lange, es kam zum Dreißigjährigen Krieg und danach zu einer Art Kaltem Krieg zwischen Protestanten und Katholiken. Der ist Gott sei dank vorbei. Protestanten und Katholiken gehen heute in der Regel recht friedlich miteinander um. Der Friede zwischen den Konfessionen ist hergestellt, aber der zwischen den verschiedenen Nationalitäten, Religionen und Kulturen ist eine wichtige Aufgabe. Dafür gab es in Augsburg in den letzten Wochen eine ganze Reihe von Vorträgen, Ausstellungen, Gottesdiensten und Konzerten. Heute, an ihrem Friedensfeiertag machen die Augsburger eine ganz besonders schöne Veranstaltung. Die Friedenstafel im Annahof. Alle sind eingeladen, egal welcher Herkunft. Jede und jeder bringt für sich und seine Tischnachbarn etwas zum Essen und Trinken mit. Und das teilt man dann miteinander. Man isst und trinkt, redet und lacht und lernt sich so kennen. Ganz einfach! Denn Frieden geschieht da, wo Menschen – gleich welcher Religion und Weltanschauung -  miteinander essen, trinken und ins Gespräch kommen.

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