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SWR4 Abendgedanken

Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. So spricht Gott in der Bibel, genauer gesagt im Buch Jesaia (66,13). Er wendet sich damit an das Volk Israel, als es diesem so richtig dreckig geht. Komisch, denke ich. Immer reden wir von Gott als dem Herrn oder dem Vater und hier auf einmal will Gott selbst wie eine Mutter sein, wird er auf einmal weiblich. Ein bisschen ärgert mich das auch, als ob ich als Mann und Vater nicht auch trösten könnte? Muss ich dafür in die Mutterrolle gehen? Und dann denke ich zurück. Und wenn ich da ganz ehrlich bin, wenn ich mir als Kind die Knie aufgeschlagen habe und Trost brauchte, bin ich auch zur Mutter gelaufen, nicht zum Vater. Und wenn meine Kinder von der Rutsche gefallen sind, haben sie sich auch eher von meiner Frau trösten lassen als von mir. Es ist mühsam, darüber zu diskutieren, dass Mütter besser trösten können einfach weil sie Mütter sind oder weil man sie darauf hin erzogen hat. Ob’s an den Genen oder an der Erziehung liegt? Fakt ist, wenn es ums trösten geht, will Gott lieber eine Mutter sein als ein Vater. Ihm macht es dann nichts aus, das Geschlecht, das man ihm ansonsten so zuschreibt, einfach mal zu wechseln, weiblich zu werden.  

Eigentlich gar nicht so schlecht, was Gott mir - als Mann -  da so vormacht. Wenn trösten können etwas Mütterliches ist, dann sollte ich eben mal die weiblichen Anteile in mir aktivieren. Denn von der Biologie her wissen wir: Jeder und jede hat auch ein bisschen was vom andern Geschlecht. Als Vater kann ich auch Mutter, so wie viele Mütter auch Vater sein können. Einfach mal probieren. Vielleicht schaffe ich es ja, dass meine Enkel, wenn sie vom Baum gefallen sind und Trost brauchen, auch mal zu mir kommen. Freuen würde es mich auf alle Fälle.

 
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Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: Liberté, Egalité und Fraternité daran wird heute in Frankreich wieder erinnert. Am 14. Juli 1789 brach mit dem Sturm auf die Bastille in Paris die französische Revolution aus. Und das waren die Forderungen der Revolutionäre: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Diese Forderungen waren damals nicht nur gegen den absolutistischen König und den Adel gerichtet, sondern auch und gerade gegen die Kirche, speziell gegen die Leitung der Kirche, gegen den Klerus. Verständlich, denn die Kirche war ein ungutes Verhältnis mit den Mächtigen eingegangen, Thron und Altar stützten sich gegenseitig. Unverständlich, wenn man auf den Anfang der Kirche schaut. Jesus selbst hätte wohl diese Forderung direkt unterschrieben und für Paulus, der Jesus in Europa erst bekannt gemacht hat, waren das geradezu seine Lieblingsforderungen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Starke Sätze spricht er da zum Beispiel im Brief an die Galater: Zur Freiheit hat uns Christus befreit! (Gal 5,1). Oder, wenn es um die Gleichheit geht: Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau, denn ihr alle seid einer in Jesus Christus (Gal 3,27). Und Brüderlichkeit ist für ihn selbstverständlich, permanent spricht er die Mitglieder in den verschiedenen christlichen Gemeinden als seine Brüder an. Sicherlich heute sprechen wir lieber von Geschwisterlichkeit als von Brüderlichkeit. Aber da waren sowohl Paulus als auch die Revolutionäre in Frankreich Männer ihrer Zeit. 

Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit. Durch die französische Revolution sind daraus politische Forderungen geworden, aus denen letztlich unsere heutigen Demokratien hervorgegangen sind. Für mich sind es aber auch Werte, die mich als einzelnen Menschen stark machen und zwar so, dass meine Stärke nicht auf der Schwäche des andern aufbaut. Ich bin ein freier Mensch. Ich muss mich vor niemandem klein machen. Ich darf aber auch andere nicht klein machen, denn es sind meine Brüder und Schwestern. Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Ich fühle mich gut aufgehoben in diesen Werten. Der französischen Revolution und Paulus sei dank. 

 
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In diesem Sommer kann man ihn oft bestaunen: Den Regenbogen. Denn er ist zu sehen, wenn es regnet und gleichzeitig die Sonne scheint. Und Regen, davon haben wir in diesem Sommer mehr als genug. Oftmals zu viel. Unwetterartig kommt er runter, der Regen. Kleine Bäche werden zu Flüssen. Keller, manchmal sogar Wohnungen werden überspült, vieles wird einfach weggerissen: Autos, Bäume, Häuser. Wenn dann nach einem solchen Starkregen, die Sonne durch die Wolken blitzt, dann ist der da: der Regenbogen. Für mich ein Zeichen der Hoffnung. Zum einen macht er deutlich, egal wie stark der Regen auch ist, die Sonne ist nicht klein zu kriegen, sie scheint auch durch die Wolken. Und zum andern erinnert er an eine alte Geschichte. Die Geschichte von Noah, der Sintflut und dem Bund Gottes mit den Menschen. Die Sintflut ist ein großes Hochwasser, mit dem Gott die Menschen wegen ihrer Schlechtigkeit vernichten will. Einen aber rettet Gott und das ist Noah. Und mit ihm, er steht jetzt für die ganze Menschheit, schließt Gott einen Bund, eine Art Vertrag. Dabei macht er eine ganz wunderbare Zusage: „Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe. Solange die Erde besteht, sollen nicht aufhören Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." (Gen 8,21bf) Das verspricht er dem Noah. Und das Zeichen für diese Zusage ist der Regenbogen. „Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch.", so der Originalton Gottes.

Bei den starken Unwettern der letzten Zeit frage ich mich manchmal: Weiß Gott noch von seinem Bund mit uns? Oder hat er uns schon lange vergessen? Und dann erscheint er, der Regenbogen und überspannt in bunten Farben die Landschaft. Ich freue mich dann und hoffe ganz stark, dass die Zusage an Noah auch für uns heute immer noch gilt: „Solange die Erde besteht, sollen nicht aufhören Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht."

 
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Es war ein schönes Fest bei uns in Neuendorf – einem Vorort von Koblenz.  Privatleute hatten ihre Höfe und Gärten geöffnet und die Besucher eingeladen hinter die Fassaden zu schauen, hinter die Fassaden der Häuser, Mauern und Tore. Und was die Besucher zu sehen bekamen, hat sie überrascht. Sie waren erstaunt, wie viel Schönes sich manchmal hinter Häuserzeilen verbirgt, die nach außen erstmal recht langweilig und manchmal auch ein bisschen runtergekommen aussehen. Blühende Gärten, alte Bäume, Scheunen aus Bruchstein und Schuppen aus Fachwerk. Alles mit viel Liebe gepflegt und erhalten. Das Motto des Festes hieß: Entdecke Neuendorf. 

Hinter die Fassaden schauen, etwas entdecken, das man von außen nicht gedacht hätte. Darum geht es häufig auch, wenn sich Menschen begegnen. Erstmal zeigen sie sich ihre Fassaden. Und die sollen möglichst schön sein. Man will ja was darstellen. Und der andere soll bitteschön nicht an dieser Fassade kratzen. Auf die Dauer aber werden die Fassaden langweilig und sind sie auch noch so schön. Dann kommt’s drauf an, wie weit jeder sein Tor aufmacht. Dem andern gestattet, einen Blick hinter die Fassade zu werfen. Das ist oft eine sehr sensible Phase. Und viele Begegnungen überleben diese Phase nicht. Wer da zu stürmisch vorgeht oder zu lange mauert, bei dem kann die Entdeckungsreise sehr schnell zu Ende sein.

Ich gebe zu: Je älter ich werde, umso schwerer fällt es mir, die Türen zu meinem Hof aufzumachen. Oder dem andern zu signalisieren: Ich möchte gerne hinter deine Fassade schauen. Und doch mache ich auch im Alter immer wieder die Erfahrung, dass es sich lohnt. Oft haben gerade die, die nach außen ganz unscheinbar wirken hinter ihrer Fassade einen wunderschönen Garten. Und mir geht es dann wie den Besuchern von unserm Dorffest – ich staune und bin überrascht. Und was Schöneres kann es im Leben gar nicht geben.

 
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Im Namenskalender steht heute Benedikt - ein schöner Name. Nicht nur weil einer meiner Söhne so heißt. Übersetzt bedeutet Benedikt „der Gesegnete“. Oder wenn man es ganz wörtlich nimmt: Der, dem Gutes zugesagt wird. Bene, da steckt das lateinische Wort bonus drin: – gut. Oder zu gut italienisch: alles bene. Und dikt kommt vom lateinischen dicere sagen.

Benedikt, der Gesegnete, der, dem Gutes zugesagt wird, wirklich ein schöner Name. Für mich aber mehr als ein Name sondern ein Programm. Nicht nur für die Kinder, die Benedikt oder Benedikta heißen, sondern für alle Kinder, ja für alle Menschen. Allen soll Gutes zugesagt werden, alle sollen gesegnet werden, immer wieder.  

Wir Menschen leben von den guten Worten, die uns gesagt werden. Wir brauchen es – nicht nur als Kinder – dass wir auch gelobt werden. „Das hast du gut gemacht, du bist prima“, das sind Sätze, die jedem gut tun. Aber auch unabhängig davon, wie wir sind und was wir tun, steht uns Segen zu. Denn Gutes zusagen kann ich auch auf die Zukunft hin. „Ich wünsche Dir alles Gute“ und zwar vollkommen unabhängig davon, was Du bisher getan oder geleistet hast.

Segnen bedeutet aber noch ein kleines bisschen mehr als nur loben oder Gutes wünschen. Segnen bringt nämlich Gott mit ins Spiel. Wenn ich segne, stelle ich eine Beziehung her zwischen dem, was ich segne, und Gott. Segne ich ein Brot, so ist es für mich nicht nur ein Nahrungsmittel, sondern eine von Gott geschenkte Gabe. Segne ich ein Tier, so sehe ich darin einen Teil der guten Schöpfung Gottes. Und segne ich ein Kind, einen Kranken, einen Sterbenden, so sage ich ihm zu: Egal was ist, was war und was kommen wird: Du bist ein von Gott geliebter Mensch. 

So gesehen steht jedem von uns zu, ein Benedikt zu sein. Ein Gesegneter oder eine Gesegnete. Die, die auch noch Benedikt heißen, die können uns daran erinnern – so wie mein Sohn. 

 
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