Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR4 Abendgedanken

„Jeden Abend nehme ich mir 10 Minuten Zeit“, hat mir eine ältere Frau im Altenheim erzählt. „Da gehe ich dann in Gedanken durch den Tag und überlege, was schön war. Das macht mich irgendwie glücklich und zufrieden.“

Was für eine schöne Gewohnheit, habe ich mir gedacht und mich an eine Geschichte erinnert, die ich einmal gelesen habe. Die geht so: Ein Mann verließ morgens niemals das Haus ohne sich vorher eine Handvoll Bohnen einzustecken. Sie kamen in die rechte Jackentasche. Rechts – das war wichtig. Für jede positive Kleinigkeit, die er tagsüber erlebte, ließ er dann eine Bohne von der rechten in die linke Jackentasche wandern. Manchmal waren es gleich zwei oder drei Bohnen, wenn er sich besonders gefreut hatte. Die Bohnen in seiner Tasche waren für den Mann ein Hilfsmittel, um die schönsten Momente des Tages bewusster wahrzunehmen und sich später besser an sie zu erinnern.

Morgens traf er einen alten Bekannten auf der Straße und hielt einen fröhlichen Plausch. Darüber freute er sich. Und schon wanderte eine Bohn in die linke Jackentasche. Mittags gab es ein leckeres Essen. Seine Frau kochte gut und gern. Und wieder ließ er eine Bohne in die linke Jackentasche gleiten. So ging es weiter: das Lachen eines Kindes, eine feine Zigarre, einen schattigen Platz in der Mittagshitze, ein gutes Glas Wein. Abends saß der Mann dann zu Hause und zählte die Bohnen aus der linken Tasche. Dabei erinnerte er sich an das, was ihn gefreut hatte und genoss diese Minuten. So führte er sich vor Augen, wie viel Schönes ihm an diesem Tag begegnet war. Und sogar wenn er an einem Abend nur eine einzige Bohne zählte, hatte er einen Grund, sich über diesen Tag zu freuen.

Mir gefällt diese Geschichte. Sie zeigt: Das Sich-Erinnern an das Schöne macht glücklich und zufrieden. Das weiß auch der Beter des 103. Psalms. Er sagt es so: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was Gott dir Gutes getan hat!“

Jeden Abend sich 10 Minuten Zeit zu nehmen und sich an das Schöne zu erinnern. Ich finde, das ist eine lohnende Sache. Vielleicht probieren Sie es jetzt gleich einmal aus, wenn die 19 Uhr-Nachrichten vorbei sind. Die machen einem ja nicht immer nur Freude. Da tun dann die 10 Minuten richtig gut.         

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22224

„Ich kann einfach nicht an Gott glauben“, hat ein junger Mann zu mir gesagt. Seine Mutter war nach schwerer Krankheit gestorben. Ich habe ihn besucht, um die Beerdigung mit ihm vorzubereiten. Er hat mir von seiner Mutter erzählt. Sie hatte ein schweres Leben. Ihr Mann war früh verstorben. So musste sie für die drei kleinen Kinder alleine sorgen. Eines wurde schwer krank und starb. „Wie kann ich an einen Gott glauben, der so viel Leid zulässt?“, hat der junge Mann gefragt.

Ich habe ihm von meinem Freund aus Kindertagen erzählt. Als junge Burschen sind wir oft mit unseren Fahrrädern im Grünen unterwegs gewesen. Das war schön. Als mein Freund später ein Lehrling war, ist ihm auf dem Hof seines Ausbildungsbetriebes etwas Schreckliches zugestoßen. Eine tonnenschwere Drahtrolle löste sich aus ihrer Verankerung und begrub meinen Freund unter sich. Seitdem ist er querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Im Rückblick sagt er: „Ich verstehe nicht, warum Gott zugelassen hat, was mir damals passiert ist. Aber eines weiß ich: Ohne meinen Glauben hätte ich das nicht ausgehalten.“

Mich beeindruckt diese Antwort. Mein Freund hat erfahren: Gott gibt ihm die Kraft, sein schweres Schicksal zu tragen.

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“, so hat Gott dem Apostel Paulus geantwortet. Der hatte sich über sein schweres Schicksal beklagt. Ja, Kraft braucht es wirklich, wenn man Schweres tragen muss. Diese Kraft hat Gott dem Paulus gegeben. Trotz seiner Leiden ist er der erste Prediger des Christentums geworden und im ganzen Mittelmeerraum unterwegs gewesen. Mein Freund hat das auch erlebt. Gott hat ihm immer wieder Mut und Hoffnung gegeben und er ist trotz allem ein fröhlicher Mensch geblieben. Und dafür ist er Gott dankbar.

Warum Gott solches Leid über Menschen kommen lässt, weiß ich nicht. Aber eines habe ich von meinem Freund gelernt. Wer seinen Glauben nicht aufgibt, erfährt, wie der Glaube Kraft gibt.  

Ich weiß nicht, ob es dem jungen Mann geholfen hat, dass ich ihm von meinem Freund erzählt habe. Und von der Kraft, die von Gott kommt. Aber ich wünsche es ihm und allen, die es schwer haben: Dass sie erfahren: Gott hilft das Schwere zu tragen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22223

Soll man für alle Menschen beten? Das steht in der Bibel. Als Bitte. Der Apostel Paulus schreibt an seinen Schüler Timotheus: „So bitte ich euch herzlich, dass ihr vor Gott für alle Menschen im Gebet eintretet“. (1.Timotheus 2,1)

Vielleicht sagen Sie jetzt „Was? Für alle Menschen soll ich beten? Auch für den Arbeitskollegen, der mir das Leben in der Firma zur Hölle macht? Auch für die Schwester, die mich um das Erbe geprellt hat? Auch für die Selbstmordattentäter, die an so vielen Ecken der Welt Angst und Terror verbreiten? Für sie alle soll ich beten? Das kommt ja gar nicht in Frage! Da ist die Bibel anscheinend nicht ganz von dieser Welt.“ 

Wenn Menschen beten, beten sie für die, die ihnen am Herzen liegen: Für ihre Lieben. Für die Kinder und Enkel, für die Eltern, den Freund, die Freundin. Sie beten für die, die sie mögen. Das ist irgendwie normal.

Aber Jesus hat das anders gemacht. Er hat nicht unterschieden zwischen sympathisch und unsympathisch. Er hat zum Beispiel, als er schon am Kreuz hing, für die gebetet, die ihm das angetan haben: „Vater im Himmel, vergibt ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Die Bibel erzählt auch, dass Jesus besonders auf die Menschen zugegangen ist, die anderen das Leben schwergemacht haben. Der Zöllner Zachäus zum Beispiel. Bei den Leuten war er als Betrüger verhasst. Jesus hat ihn in seinem Haus besucht und sogar mit ihm gegessen. Das tat man damals nur mit Freunden. Und er hat seinen Anhängern gesagt: „Wenn ihr betet, betet auch für die, die euch verfolgen.“ (Matt. 5,44)

Im Sinne Jesu zu beten heißt für mich deshalb, für alle zu beten: Für meine Lieben wie für die, die mir unsympathisch sind. Für meine Freunde wie für meine Gegner. Für die, die mir am Herzen liegen, und für die, die mir das Leben schwermachen.

Manchmal bete ich so: „Gott, du weißt, wer mir das Leben schwermacht. Für sie bitte ich dich um deinen Segen. Und auch für mich: Hilf mir, mit ihnen klarzukommen.“

Ich glaube fest: Gott kann mir helfen, besser mit denen klarzukommen, die mir zu schaffen machen. Ich glaube auch, dass Gott ihre Herzen zum Guten verwandeln kann. Vielleicht wartet er nur darauf, dass ich ihn darum bitte. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22222

Warum treten Menschen aus der Kirche aus? Ich frage mich das oft. Wollen sie einfach nur die Kirchensteuer sparen? Oder sind die Menschen enttäuscht, weil sie in der Kirche nicht das finden, was sie suchen?

Die Bibel erzählt, dass es zurzeit Jesu ganz ähnlich war. Auch Jesus hatte Erwartungen enttäuscht. Deshalb sind ihm die Menschen in Scharen davongelaufen. Das geschah unmittelbar nach der Speisung von fünftausend Menschen. Die wollten Jesus dann zu ihrem König machen. Sie waren tief beeindruckt von dem, was sie gerade erlebt hatten: Jesus hatte mit fünf Broten und zwei Fischen Tausende satt gemacht. „Der kann bestimmt noch mehr!“, dachten die Menschen. „Der kann sicher alle Probleme durch ein Wunder lösen!“ Aber Jesus wollte kein Zauberkönig sein. Was er getan hat, sollte Menschen Mut machen, auf Gott zu vertrauen. „Ich bin das Brot des Lebens“, hat er über sich gesagt und davon gesprochen, wie der Glaube den Lebenshunger stillt. Viele wollten das aber nicht hören. „Daraufhin wandten sich viele von ihm ab“, heißt es in der Bibel. (Johannes 6, 66). Jesus erlebte am eigenen Leib wie schnell man out ist, wenn man Erwartungen enttäuscht.

„Wollt ihr auch weggehen?“- hat er deshalb seine engsten Anhänger gefragt. Einer von ihnen, Petrus, hat geantwortet: „Herr, wohin sollen wir gehen? Was du sagst, tut uns gut. Deswegen glauben wir, dass du der Sohn Gottes bist!“ Petrus hat nicht beeindruckende Wundertaten als Grund für das Bleiben bei Jesus genannt, sondern das, wovon Jesus gesprochen hat. Seine Worte haben den Menschen Kraft gegeben. Zum Beispiel: „Selig sind, die Leid tragen, denn Gott wird sie trösten.“ Jesus hat die Menschen an Gott erinnert, der die Traurigen trösten kann. Das gibt Hoffnung. Solche guten Worte können das Leben verändern.

Solche Jesus-Worte weiterzugeben – dazu ist die Kirche da, meine ich. In ihr versammeln sich Menschen, die von Jesus hören wollen und in seinem Sinn leben. Sie erinnern einander an den Trost Gottes. Sie stärken einander, sind für die Traurigen da und für die Bedürftigen. Der Glaube gibt ihnen Kraft, einander zu stützen, wenn es nötig ist. Ich glaube: Wer die guten Worte hört und die Nähe Gottes spürt– der bleibt gern in der Kirche.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22221

„Müssen Pfarrer bei Beerdigungen manchmal weinen?“, hat mich jemand gefragt. Für mich selber muss ich zugeben: Ja, wenn ich den Verstorbenen sehr gemocht habe, kämpfe ich mit meinen Tränen. Dann fällt mir die Beerdigung wirklich schwer.

Besonders schwer ist es, wenn ich ein Kind beerdigen muss. Ich selber habe drei Kinder. Ich ahne, wie es Eltern zumute ist, die ein Kind verloren haben. Für sie ist eine Welt zusammengebrochen. Kann ich solche Eltern überhaupt trösten? Und wie schaffe ich es, meine eigenen Tränen zurückhalten, wenn ich vor dem kleinen Sarg stehe und mir dieser Anblick die Kehle zuschnürt? Im selben Augenblick erwarten die Menschen von mir, dass ich ihnen über diese schwere Stunde hinweghelfe und etwas Tröstliches zu Ihnen sage.

Was mir hilft, ist die halbe Stunde vor der Beerdigung. Da bin ich im Nebenraum der Trauerhalle ganz für mich alleine. Die Stille tut mir gut. Ich spreche ein Gebet. Darin bitte ich Gott um Kraft und um die richtigen Worte. Dann ziehe ich meinen Talar an, das schwarze Gewand, das ein evangelischer Pfarrer trägt. Wenn ich den Talar anziehe, mache ich mir bewusst, welche Aufgabe ich jetzt habe. Als Pfarrer soll ich den Menschen von Gott erzählen, der die trösten möchte, die Schweres erleben müssen. Und ich soll an die Hoffnung auf das ewige Leben erinnern. Damit ist das Leben nach dem Tod gemeint. Das Leben bei Gott in seiner neuen Welt. Dort gibt es kein Leid mehr, glauben wir Christen, keine Schmerzen und keinen Tod. Dort sind die Verstorbenen gut aufgehoben – auch die Kinder. Mich selber tröstet diese Hoffnung. Und ich bete, dass auch die trauernden Eltern von dieser Hoffnung getröstet werden. 

„Müssen Pfarrer bei Beerdigungen manchmal weinen?“ Ja, manchmal kämpfe ich mit den Tränen. Aber in der Stille erinnere ich mich bewusst an das, was jetzt wichtig ist: Dass der Tod nicht das letzte Worte hat, sondern Gott. Von ihm sagt die Bibel, dass er die Traurigen tröstet wie einen seine Mutter tröstet.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=22220