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SWR4 Abendgedanken

Geschichten, die das Leben schreibt

„Der Olivenbaum hat Zeit, er lässt sich nicht drängen“ * - diese alte Weisheit ist dem Olivenbaum selbst abgeguckt. Wo andere Bäume kerzengerade emporwachsen, lässt sich der Olivenbaum Zeit für knorrige Windungen und dicke Verknotungen, für gespenstische Baumhöhlen und ein verwirrendes Wurzelwerk. Junge Bäumchen lassen sich bis zu 20 Jahre Zeit, bis sie Oliven tragen. Und wenn andere Bäume altersschwach bereits nachlassen, Früchte zu tragen – beginnt der Olivenbaum erst so richtig, Leben zu entfalten. 

Was das heißt, das konnte ich im Westen Kretas – meiner Lieblingsinsel – bestaunen: ein einzigartiges Naturdenkmal, der mit 4000 Jahren vielleicht älteste Olivenbaum der Welt. Noch immer zieren ihn frische silbrig-grüne Blätter. Noch immer trägt er üppig Oliven und scheint jeder  Vergänglichkeit zu trotzen. Man kann sich kaum vorstellen, was dieser Baum so alles zu erzählen hat. 

„Der Olivenbaum hat Zeit, er lässt sich nicht drängen“ – irgendwie hat sich das auf die ungebrochen erfrischend lockere Mentalität meiner griechischen Freunde übertragen. Auf ihre mitunter chaotisch-liebenswürdige Art, das Leben zu meistern und Krisen zu bestehen. 

Olivenbäume laden zum Verweilen ein. An den Stamm gelehnt, meinte ich etwas von der Lebenskraft dieses Baumes zu spüren. Habe ich in der Hitze den Schatten des dichten Blätterwerks als wohltuendes Geschenk empfunden. Mit etwas Phantasie schien es mir, als hätte ich das ewige, sanfte, fruchtbare Rauschen der Olivenzweige hören können.

((Zeit haben, sich nicht drängen lassen – ich entdecke eine weitere Eigenschaft des Olivenbaums: er ist bescheiden. Darauf bringt mich eine kleine Fabel im Alten Testament: 

„Einst machten sich die Bäume auf, um sich einen König zu salben, und sie sagten zum Ölbaum: Sei du unser König! Der Ölbaum sagte zu ihnen: Soll ich mein Fett aufgeben, mit dem man Götter und Menschen ehrt, und hingehen, um über den anderen Bäumen zu schwanken?“ (Richter 9,8-9) 

Und noch etwas:)) Seit Urzeiten symbolisiert der Olivenzweig Frieden und neues Leben und Hoffnung. Das kommt in der Geschichte von der Sintflut so treffend zum Ausdruck: 

„Gegen Abend kam die Taube zur Arche zurück, und siehe da: In ihrem Schnabel hatte sie einen frischen Olivenzweig. Jetzt wusste Noah, dass sich die Wasser von der Erde verlaufen hatten.“ (Genesis 8,11)

  

Es lohnt sich zu betrachten, zu blättern, zu schmökern

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Geschichten, die das Leben schreibt

„Was schenkt man einem Freund, der schon alles hat? Diese Frage kommt mir irgendwie bekannt vor. Ich denke, Kater Mooch kann mir da weiter helfen. Er ist die Hauptfigur in der Geschichte „Das schönste Geschenk“. Ein Buch von Patrick McDonnell, Comiczeichner und Schriftsteller in den USA.* 

Kater Mooch macht sich nämlich auf die Suche nach einem tollen Geschenk für seinen besten Freund Earl. Earl ist ein Hund und der hat Geburtstag. Aber was könnte Mooch ihm schenken? Einen Fressnapf hat er bereits, ebenso ein weiches Lager und Spielzeugknochen. Kater Mooch grübelt und grübelt: Was könnte er seinem Freund Earl schenken, der schon alles hat? 

Dann kommt Mooch die erleuchtende Idee: „Nichts – ich schenke ihm einfach nichts!“ Doch Mooch ist etwas irritiert. Sein Herrchen klagt, dass wieder nichts im Fernsehen kommt, obwohl doch ständig der Fernseher läuft. Den beiden Jungs auf der Strasse ist es langweilig. Es fällt ihnen anscheinend nichts ein, was sie anstellen könnten, obwohl sie doch dauernd irgendeinen Blödsinn aushecken. Frauchen hat im Supermarkt wieder mal nichts gefunden, obwohl die Regale proppen voll sind. Resigniert stellt Mooch fest, dass er nirgends nichts findet. 

Aber dann! Mooch holt verschieden große Kartons, die ineinander passen. In jeden Karton tut er nichts rein. Das ergibt eine ganze Menge nichts. 

Und dann ist es soweit. Earl ist völlig überrascht: „So ein großes Paket. Du musst mir doch nichts schenken.“ „Aber woher weiß Earl das mit dem Nichts?“ – sinniert Mooch. Neugierig packt Earl sein Geschenk aus und ist bass erstaunt: „Da ist ja gar nichts!“ „Genau“, freut sich Mooch, „Nichts – nur du und ich!“ Lange sitzen Mooch und Earl still nebeneinander und genießen „nichts“ und doch „alles“!

 *  Hoffmann und Campe, Ein Unternehmen der Ganske Verlagsgruppe, 2012/5

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Geschichten, die das Leben schreibt

Wenn für mich so manches im Leben schwer wird, wenn 24 Stunden am Tag nicht genug sind – dann erinnere ich mich an die Geschichte vom „Blumentopf und dem Bier“. 

Ein geistlicher Lehrer war mit seinen Schülern zusammen. Wortlos nahm er einen großen Blumentopf und füllte ihn mit Golfbällen. Dann fragte er die Schüler, ob der Topf nun voll sei. Sie bejahten es. 

Dann nahm der Lehrer Kieselsteine und schüttete diese in den Topf. Er rüttelte ihn und die Kieselsteine rollten in die Leerräume zwischen den Golfbällen. Wiederum fragte er, ob der Topf nun voll sei. Die Schüler stimmten zu. 

Als nächstes nahm der Lehrer eine Dose mit Sand und schüttete diesen in den Topf. Der Sand füllte den kleinsten verbliebenen Freiraum aus. Und noch einmal fragte er, ob der Topf nun voll sei. Einstimmiges Ja. 

Zuletzt holte der Lehrer eine Flasche Bier unter dem Tisch hervor und schüttete den Inhalt in den Topf. Jetzt war auch der letzte Raum zwischen den Sandkörnern ausgefüllt. Die Schüler lachten. 

Als das Lachen langsam nachließ, sagte der Lehrer: „Ich möchte, dass ihr diesen Topf als Sinnbild eures Lebens anseht.“ Und er fuhr fort: Die Golfbälle sind das Wichtigste im Leben: Familie, Kinder, Freunde, Gesundheit. Die Kieselsteine symbolisieren die anderen Dinge: Arbeit, Haus, Auto, Urlaub. Der Sand, das sind die vielen Kleinigkeiten.“

„Falls ihr den Sand zuerst in den Topf füllt, gibt es keinen Platz mehr für die Kieselsteine und nicht für die Golfbälle. Dasselbe gilt für euer Leben. Wenn ihr alle Zeit und Energie in Kleinigkeiten investiert, dann werdet ihr keinen Platz mehr haben für die wichtigen Dinge. Deshalb: Spielt mit euren Kindern. Nehmt euch Zeit für einen Arztbesuch. Führt euren Partner zum Essen aus. Es wird immer noch Zeit bleiben, um die Wohnung zu putzen.“ 

Ein Schüler wollte wissen, was es denn mit dem Bier auf sich hätte. Der Lehrer schmunzelte: „Ich bin froh, dass du das fragst. Es soll dir sagen: Egal, was es auch an Schwierigkeiten in deinem Leben gibt, es hat immer noch Platz für ein oder zwei Bierchen.“

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Geschichten, die das Leben schreibt

„Elisabeth, ich will“ – gut sichtbar hängt dieser Satz mit großen blauen Buchstaben auf ein Leintuch geschrieben von einer Strassenbrücke. „Elisabeth, ich will“ – das klingt nach einer öffentlichen Liebeserklärung oder gar nach einem Heiratsantrag. Da hat sich jemand für eine Frau entschieden und möchte seine Freude darüber auf diese Weise auch anderen mitteilen. So habe ich mir das ausgemalt. 

Von der nächsten Brücke hängt wieder ein Leintuch herunter. Und wieder steht da mit großen blauen Buchstaben: „dich nicht“.  Ich füge zusammen: „Elisabeth, ich will – dich nicht“. Au Backe. Das ist wie ein Schlag ins Gesicht. Zuerst „himmelhoch jauchzend“ und  dann „zu Tode betrübt“. Aus. Schluss. Vorbei. Das also wars dann mit der großen Liebe. Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende. 

Von der dritten Brücke hängt noch ein Leintuch, darauf wieder mit großen blauen Buchstaben: „verlieren. Dein Martin“. Die Botschaft auf den 3 Leintüchern von den 3 Brücken lautet also: „Elisabeth, ich will – dich nicht – verlieren. Dein Martin“

Ich musste schmunzeln, habe mir aber auch so meine Gedanken gemacht: Wie oft fälle ich vorschnell ein Urteil über jemanden, den neuen Kollegen, die neue Hausbewohnerin? Wie oft ziehe ich vorschnell Schlussfolgerungen aus einer Sache, die noch nicht zu Ende diskutiert ist? Wie schnell platze ich in ein Gespräch, lasse den anderen nicht ausreden, oder ich höre ihm gar nicht richtig zu? 

„Elisabeth, ich will – dich nicht – verlieren.“ Die Geschichte hinter diesem Satz hat in mir etwas bewirkt. Ich habe mir vorgenommen: Ich halte mich künftig mehr zurück. Ich bemühe mich, geduldiger zu sein und warte ab, bis ich einen Menschen besser kenne, um ein Urteil zu fällen – wenn überhaupt. Ich möchte besser zuhören können. Dann fällt es mir leichter, den anderen zu verstehen. 

(Quelle unbekannt)

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Geschichten, die das Leben schreibt 

„Papa, wie erkenne ich eigentlich den lieben Gott, wenn ich ihm mal begegne?“ –  fragt Daniel seinen Vater. Der ist verlegen und schweigt. Nach einiger Zeit: „Du kannst aber auch Fragen stellen – ich muss darüber nachdenken.“ Am nächsten Tag weiß der Vater eine Antwort: „Wenn dir jemand etwas schenkt und dafür nichts zurück haben will, dann muss der liebe Gott in der Nähe sein.“ 

Tolle Antwort! Darüber lohnt es sich nachzudenken. Daniel tut das sehr konkret auf seine Weise und geht auf die Suche nach dem lieben Gott. Ist er vielleicht bei seinem Opa? Der schenkt dem Jungen nämlich eine bunte Mütze, doch unter der Bedingung: „ ... wenn du gut darauf aufpasst.“ Pech gehabt. Dann vielleicht bei  seiner Tante. Die schenkt Daniel ein schönes Lebkuchenherz, erwartet aber einen Kuss dafür. Wieder nichts. 

Zum Geburtstag bekommt er von Mama und Papa ein Fahrrad geschenkt. Daniel freut sich riesig und denkt, ob der liebe Gott vielleicht diesmal seine Hand im Spiel hat. Aber nach zwei Tagen kommt auch hier die Ernüchterung. Daniel fährt mit seinem neuen Fahrrad durch den frischen Rasen des Nachbarn. Sein Papa sichtlich erregt: „Du behältst das Fahrrad nur, wenn du keinen Unfug mehr damit machst.“ 

Traurig und enttäuscht setzt sich Daniel auf die kleine Holzbank unter dem Apfelbaum im Garten. Es ist Herbst. Plötzlich fällt ein wunderschöner Apfel direkt neben den Jungen. Er hebt ihn auf und isst ihn.

Da geht Daniel ein Licht auf. Eben hat er etwas geschenkt bekommen, ohne dass er etwas Besonderes dafür machen muss. Einfach so. Aufgeregt rennt er nach Hause und berichtet, dass der Apfelbaum etwas mit dem lieben Gott zu tun haben müsse. 

„Du hast recht, Daniel“, sagt der Vater: „Der Apfelbaum schenkt uns so viel, ohne irgend etwas zurück zu wollen. Im Frühjahr lacht er uns mit seinen bunten Blüten an. In der Sommerhitze spendet er Schatten. Im Herbst schenkt er uns frische  saftige Äpfel. Und die Schaukel am dicken Ast trägt den Jungen auch im Winter.“ 

„Endlich“ – so freut sich Daniel – „endlich habe ich den lieben Gott gefunden: Der liebe Gott wohnt bei uns im Apfelbaum.“ 

(Franz Hübner, Brigitte Smith, Der liebe Gott wohnt bei uns im Apfelbaum, Wunderland-Verlag Aschaffenburg, 2009)

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