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SWR4 Abendgedanken

Als Kind habe ich gerne gezeichnet. Und viel radiert. Denn nicht immer ging es so, wie es sollte. Dann habe ich meinen Radiergummi genommen, die Linie wegradiert und eine neue gezeichnet.
Manchmal ist aber eine kleine Bleistiftspur übrig geblieben, die sich nicht ganz ausradieren ließ. Ein kleines Zeichen dafür, dass es nicht auf Anhieb geklappt hat.
Heute zeichne ich nicht mehr. Aber trotzdem liegt noch immer ein Radiergummi auf meinem Schreibtisch.

Und das ist gut so. Denn er erinnert mich an die Linien, die ich nicht wirklich ausradieren kann, sie sind immer noch da, wenn auch nicht mehr so deutlich sichtbar wie am Anfang.

Denn auch in meinem Leben passiert so manches, dass ich gerne ausradieren würde. Aber das geht nicht wirklich. Mit Fehlern, die ich gemacht habe, muss ich lernen zu leben. Ich kann sie so gut wie möglich in Ordnung bringen, aber es bleibt immer etwas davon zurück. Und sei es nur meine Erinnerung daran. Und hoffentlich habe ich daraus gelernt. Habe ich zu jemanden etwas Falsches gesagt, dann kann ich mich entschuldigen. Und wird die Entschuldigung angenommen, dann ist die Sache aus der Welt geschafft, aber dennoch ist es mal passiert.

Ich kann nicht alles ausradieren, was mir nicht gelungen ist. Das ist aber nicht so schlimm. Gott zum Beispiel rechnet mir meine Fehler nicht vor. Er hält sie mir nicht immer wieder vor die Nase und sagt: Hier guck. Das ging schief. Das da ist dir auch nicht gelungen. Er sagt vielmehr: Das, was dich beschwert, belastet, schiefgegangen ist: Ich nehme es dir ab. Und jetzt mach es besser!

Ich glaube, Gott schenkt mir den Radiergummi für mein Leben. Damit ich zu meinen Fehlern stehen kann. So kann ich falsche Entscheidungen korrigieren. Und ich kann lernen mit ihnen zu leben. Ich kann die Worte, die andere verletzt haben, wieder zurücknehmen. Ich kann versuchen, es besser zu machen.

Die Erinnerungen und so manche Folge bleibt. Aber es ist blasser, beinahe ganz ausradiert. Gott hilft mir dabei. Gibt mir dazu die Kraft. Daran erinnert mich der Radiergummi auf meinem Schreibtisch.

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Vor 104 Jahren ist die Titanic untergegangen. Am 14. April 1912. Überlebende haben erzählt, wie das war: Drei Glockenschläge haben die eiskalte Polarnacht zerschnitten. Ein Anruf auf der Brücke, ein Manöver hart Backbord. Aber es hat nichts mehr genützt. Das Schiff hat einen Eisberg gerammt. Der Rumpf des Schiffes wurde dabei aufgeschlitzt. Nach zweieinhalb Stunden ist das damals größte Schiff der Welt gesunken. Mehr als 1500 Menschen sind dabei umgekommen.

Und nun habe ich vor kurzem eine Postkarte gesehen. Darauf eine Art Schiff. Es bestand aus ein paar morschen Brettern, die auf verrottete Balken genagelt waren. Das Ganze sah ziemlich stümperhaft aus, nicht gerade vertrauenserweckend. An Bord von diesem schwimmenden Etwas wollte ich lieber nicht gehen. Unter diesem Bild standen die Sätze: Die Titanic wurde von Profis gebaut, die Arche Noah von einem Amateur.

Ich habe das so verstanden: Ein einziger Eisberg hat ausgereicht hat, die Titanic zu versenken. Aber Noahs Arche hat ihre Passagiere sicher durch eine ganze Sintflut ans trockene Land gebracht. Vielleicht erinnern Sie sich: Die Bibel erzählt, dass Noah Menschen und Tiere auf seiner Arche durch die große Flut gerettet hat.

Die Karte und der Spruch darauf haben mich nachdenklich gemacht. Ungünstige technische Konstruktionen und zu großer menschlicher Ehrgeiz haben damals die Titanic sinken lassen. Größer, besser, schneller, reicher, erfolgreicher. Das ist bis heute so. Und ich erwische mich auch dabei, dass ich versuche andere zu überbieten oder mein Können, mein Wissen als Maßstab zu nehmen. Wenn ich dann an meine Grenzen komme, das von mir gesteckte Ziel nicht erreiche oder sogar scheitere, dann bricht für mich eine Welt zusammen.

Ich vergesse dabei, dass ich nicht immer alles alleine schaffen kann und muss. Es braucht auch Gottes Segen, glaube ich. Natürlich ist er auch keine Garantie dafür, dass alles gelingt. Aber wenn ich um Gottes Segen bitte, dann vertraue ich nicht nur auf mein eigenes Können. Ich setze nicht nur auf meinen Erfolg.

Titanic oder Nussschale? Darum geht es nicht. Ich möchte nicht nur auf mein Wissen vertrauen, auf meinen Erfolg setzen, sondern mich auch Gott anvertrauen. Und darum bitten, dass er mir hilft, immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel zu haben.

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„Ich habe den ganzen Tag gearbeitet und doch nichts geschafft!“ So hat mir vor kurzem ein Freund sein Leid geklagt. Also eigentlich hat er nicht gejammert, aber er hat mir damit erzählt, wie es ihm geht. Die Arbeit hat ihn erdrückt. Er ist von einem Termin zum anderen gehetzt. Aber immer hatte er kaum Zeit für die Menschen, für die er doch gerne da sein wollte. Und auf seinem Schreibtisch hat sich auch die Arbeit getürmt. „Weißt du“, hat er gesagt, „immer, wenn ich etwas anfange, kommt was anderes dazwischen. Das Telefon  klingelt und ich werde aus den Gedanken gerissen. Und so bin ich zwar am Arbeiten, bekomme aber nichts geschafft! Das ist irgendwie deprimierend!“

Ich gebe zu: Mir geht das auch manchmal so. Deshalb konnte ich ihm auch keinen Tipp geben. Aber ich habe ihm etwas erzählt, was vor langer Zeit Jesus getan hat.

Wenn ihm alles zu viel geworden ist, hat er sich zurückgezogen. In ein Haus oder auf einen Berg. Alleine oder mit seinen Jüngern. Ganz egal. Auf jeden Fall hat er das gemacht, was in diesem Moment wahrscheinlich keiner erwartet hat. Er hat die Stille gesucht und einfach Ruhe, fernab von Arbeit, Stress, Hektik und vielen Menschen. Und dann, nach ein paar Stunden, manchmal auch nach ein paar Tagen ist er wieder gekommen. Zurück zu den Menschen. Und dann hatte er wieder Kraft zum Arbeiten, zum Heilen, zum Predigen. Dann hat er wieder etwas geschafft.

Das, eigentlich nur das, habe ich meinem Freund erzählt. Und er hat sich das angehört. Ein paar Tage später hat er mich angerufen und sich bedankt. „Danke für Deinen Rat“ hat er gesagt. Und dass er es ausprobiert hat. Er hat sich sein Fahrrad geschnappt und ist einfach mal ein-zwei Stunden durch die Gegend geradelt. Das hat ihm richtig gut getan, hat er gesagt. Danach hatte er einen freien Kopf und konnte sich wieder konzentrieren. Auf das, was er eigentlich so gerne tut: seine Arbeit.

„Von Jesus kann man doch so einiges lernen“, mein Freund war ganz erstaunt. „Zum Beispiel, dass man manchmal mehr schaffen kann, wenn man nicht nur arbeitet, sondern sich ab und zu auch mal eine Pause gönnt.“

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„Ich war im Himmel und habe keinen Gott gesehen. Gott gibt es nicht.“

Das soll angeblich der erste Astronaut aller Zeiten gesagt haben, als er nach seinem Trip ins All wieder auf der Erde gelandet war. Der Name des Raumfahrers: Juri Gagarin. Heute vor genau 55 Jahren ist er zu seinem Flug ins All abgehoben.

 „Ich war im Himmel und habe keinen Gott gesehen.“

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Gagarin mit seinen Worten Recht hatte. Ganz bestimmt hat er Gott im Weltall, also im Himmel, nicht gesehen. Falsch ist für mich nur seine Schlussfolgerung: „Also gibt es keinen Gott, ich habe ihn ja nicht gesehen“.

Ich glaube: Gagarin hat einfach am falschen Ort gesucht. Er hat sich leiten lassen von der Vorstellung, dass wir Menschen hier unten auf der Erde sind und Gott irgendwo oben im Himmel ist. Aber das ist eine falsche Vorstellung von Himmel. Finde ich. Der Himmel, in dem Gott wohnt, ist nicht irgendwo da oben, weit weg von mir. Gottes Himmel ist mitten unter uns. Jesus ist dafür der Beweis. In Jesus zeigt sich Gott als Mensch unter Menschen. Nicht über den Dingen schwebend, sondern auf Augenhöhe.

Vielleicht hätte Gagarin Gott gefunden, wenn er ihn hier auf der Erde gesucht hätte. Hier gibt es große Chancen, ihn zu treffen, seine Spuren zu sehen, die mich zu ihm führen.

 „Wir haben Gottes Spuren festgestellt, auf unseren Menschenstraßen. Wärme und Liebe in der kalten Welt. Hoffnung, die wir fast vergaßen. Zeichen und Wunder sahen wir geschehen in längst vergangenen Tagen. Gott wird auch unsere Wege gehen. Uns durch das Leben tragen.“ (EG 665,1) So heißt es in einem Kirchenlied.

Wärme und Liebe. Konkrete Spuren von Gott. Wie zum Beispiel bei uns in Dittweiler. Da gibt es Menschen, die sich um die Flüchtlinge kümmern. Nicht mit besonders großen Events, sondern mit ganz alltäglicher Hilfe: sie begleiten die Flüchtlinge zum Arzt, sie geben ihnen Deutschunterricht, sie organisieren Feste, um ihnen unsere Tradition zu zeigen und im Miteinander sich besser kennenzulernen. Und das alles ehrenamtlich.

Man kann Gott auf der Erde finden. Leichter als als oben im Himmel. Hier im Leben, mitten unter uns findet man seine Spuren.

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Haben Sie Gott schon einmal gesehen? Diese Frage hat mir vor kurzem eine Grundschülerin gestellt. Gute Frage, habe ich gedacht. Habe ich schon einmal Gott gesehen? Gewünscht habe ich mir das schon oft, aber bislang ist Gott für mich unsichtbar geblieben. Haben Sie Gott schon einmal gesehen?

In der Bibel wird von Mose erzählt. Der wollte Gott auch sehen. Er hat Gott geradezu gedrängt ihn einmal sehen zu dürfen: Gottes Gesicht wollte er sehen. Das war sein größter Wusch.

Vielleicht hat er gehofft, dass das sein Ansehen vergrößern würde. So nach dem Motto: Mose ist der richtige Anführer für uns, denn er hat als einziger Gott gesehen. Vielleicht wollte Mose aber auch nur wissen, ob sein Bild von Gott wirklich stimmt.

Und die Bibel erzählt: Gott stellt Mose in eine Felsspalte, hält ihm die Augen zu und zieht vorüber, ganz dicht. Dann nimmt er die Hand weg und Mose darf ihm lediglich hinterher schauen. Er sieht sozusagen nur noch den Rücken. Also hat er Gott gesehen, aber irgendwie auch nicht.

Das hat Mose bestimmt nicht gefallen. Er wollte Gott sehen von Angesicht zu Angesicht, die zugewandte Seite Gottes. Gottes Glanz, seine Herrlichkeit – das wollte er sehen. Das, wovon er gedacht hat: Ja, genau, so ist Gott!

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass Gott oft unsichtbar bleibt. Ich habe bestimmte Vorstellungen von Gott. Und die verstellen mir den Blick für das Gesicht Gottes.

Ich bin überzeugt: Es gibt durchaus Situationen, in denen Gott so nah an mir vorbeigeht, dass ich sein Angesicht sehen könnte. Und vielleicht berührt er mich dabei sogar mit seiner Herrlichkeit. Bloß erkenne ich ihn dann nicht. Weil er nicht so ist, wie ich ihn gerne hätte.

Wahrscheinlich war Gott mir ganz nah, als mir vor kurzem ein guter Freund die Wahrheit gesagt hat: offen und ehrlich und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. So hat er mir meinen Fehler gezeigt. Das hat mir zuerst gar nicht gefallen, aber im Nachhinein hat es gut getan. Und wie Mose erkenne ich dann erst in der Rückschau, dass Gott mir gerade begegnet ist.

Haben Sie Gott schon einmal gesehen? Vielleicht schon. Vielleicht ganz anders als Sie es erwartet hätten.

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