Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR4 Abendgedanken

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit[1] – dieses Lied werden wir ab Sonntag jetzt wieder öfter hören. 1. Advent. Weihnachtsmarkt, Tannenduft, Glühweingewürz, Rentiere mit roten Nasen und mittendrin diese schöne alte Lied.
Auch, wenn die offenen Türen in den letzten Monaten politisch für ziemlich viele Diskussionen gesorgt haben. So können sie im Advent doch nicht offen genug sein. Für den Herrn der Herrlichkeit, wie es in dem Lied heißt. „Macht hoch die Tür, die Tor‘ macht weit“
Das Bild klingt für unsere Ohren heute natürlich alt und ungewöhnlich. Aber in der Zeit, als es entstanden ist, da war das was ganz normales. Stadttore waren verschlossen. Die Stadtmauern wurden gut bewacht. Nur, wenn wirklich hoher Besuch kam, wie der König z.B., dann wurden alle Tore und Türen weit geöffnet und der königliche Gast ist mit seinem ganzen Gefolge in die Stadt gezogen.
Moment mal – denken Sie jetzt vielleicht – wie geht das denn jetzt mit Weihnachten und dem Kind in der Krippe in diesem armseligen Stall zusammen?
Eigentlich gar nicht. Und doch geht es genau darum im Advent. Das Christkind kommt nicht mit seinem Gefolge in unsere Städte geritten. Es kommt ganz persönlich zu mir. Und zu allen Menschen. Es geht auch nicht um Stadttore oder Haustüren. Meines Herzens Tür dir offen ist, so heißt es später noch in dem Lied.
Darum geht es also im Advent: dass ich mich darauf vorbereite, dass Gott mir ganz nahe kommt. Konkret kann das ganz unterschiedlich aussehen, glaube ich.
Ich kann Zeit mit anderen verbringen. Mit der Familie ein paar Plätzchen essen. Mit Freunden einen Glühwein trinken. Jemandem zuhören, dem es gerade nicht so gut geh. Ich werde mir dieses Jahr selber wieder einen Adventskalender schenken: Jeden Tag einen Menschen anrufen, den ich schon lange einfach mal wieder anrufen wollte. Nicht, weil ich muss, sondern, weil es uns dann beiden gut tut. Und vielleicht Türen wieder öffnet, die eine ganze Weile verschlossen waren. Damit wir merken, dass Gott es gut mit uns meint. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Erstes Adventswochenende. Mit ganz vielen offenen Türen.



[1] Macht hoch die Tür. Georg Weissel, 1623, z.B. in: Evangelisches Gesangbuch, Nr. 1.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20957

Aber, gell Papa, wir spielen nach Kinderregeln! Das sagen mir unsere Kinder immer als erstes, wenn wir Mensch ärgere Dich nicht oder ein anderes Spiel spielen. Die Kinderregeln sehen dann so aus, dass die Kinder nicht rausgeworfen werden dürfen beim Mensch ärgere dich nicht. Oder dass die Kinder immer 3-mal würfeln dürfen. Auch wenn alle ihre Figuren auf dem Brett unterwegs sind.
Aber im Leben ist das ja nicht so einfach. Da brauchen wir Regeln an die sich alle halten, damit ein Miteinander funktioniert.
Wie schwierig das ist, Regeln zu finden, die niemanden benachteiligen – und an die sich vor allem alle halten – erlebe ich nicht nur auf politischer Ebene. Sondern auch immer wieder in meinem Alltag. Denn niemand möchte gerne verlieren oder den Kürzeren ziehen. Da ist die Versuchung manchmal groß, ein Parkverbotsschild nach meinen eigenen Regeln zu interpretieren. Oder eine rote Fußgängerampel. Oder bei der Steuererklärung zu tricksen.
In der Bibel gibt es deshalb so was wie eine Grundregel. Sozusagen eine Art von Rahmenbedingung, die verhindern soll, dass wir uns nicht an die Regeln halten.
Jesus hat das so formuliert: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Willen. Dies ist das größte und wichtigste Gebot. Aber das zweite Gebot ist genauso wichtig: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.
[1]
Das könnte also heißen, nicht rechts und nicht links vom Pferd zu fallen. Denk an den anderen, aber vergiss dich nicht selbst dabei oder umgekehrt.
Ich denke, das könnte der Schlüssel zu einem guten Miteinander in unserem Spiel des Lebens sein. Denn: wenn ich z.B. gut verdiene, dann kann ich davon vielleicht ein bisschen was abgeben. Und wenn es gerade eher knapp zugeht, dann kann ich vielleicht Unterstützung erwarten. Und dann auch annehmen.
Deshalb spiele ich mit meinen Kindern schon manchmal nach Kinder-Regeln. Aber eben nur manchmal. Denn sie sollen lernen: dass es schon schön ist, den Papa beim Mensch ärgere dich nicht rauszuwerfen. Aber dass es eben dann auch passieren kann, dass sie selber mal rausgeworfen werden. Und dass die Hauptsache ist, dass wir zusammen spielen.



[1] Matthäus 22,37-39.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20956

Jetzt möchte ich aber auch was von Dir hören. Das sage ich immer zu unseren Kindern, wenn sie sich bedanken sollen. Für die Scheibe Wurst beim Metzger oder die kleine Tüte Gummibärchen im Restaurant.
Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat.[1] Das steht in einem alten Gebet in der Bibel. Es ist einer meiner Lieblingspsalmen. Und er beschreibt eigentlich genau das: Scheinbar müssen nicht nur Kinder daran erinnert werden Danke zu sagen. Auch wir großen brauchen das manchmal. Denn ich finde, dass die Dankbarkeit oft ein bisschen zu kurz kommt. Irgendwie ist Vieles heute so selbstverständlich geworden. Bitten ist da schon einfacher. Auch Gott gegenüber. Ich kenne das gut von mir. Wenn ich mir unsicher bin. Oder vor etwas Angst habe, dann schicke ich oft so ein kleines Stoßgebet in den Himmel. Bitte Gott, hilf mir jetzt die richtigen Worte zu finden. Und, wenn ich die richtigen Worte, dann tatsächlich gefunden habe, ist das Gebet schon vergessen. In vielen Gebeten aus der Bibel, kommen deshalb das Danke und das Bitte zusammen vor.
Denn: Danke zu sagen heißt: Ich habe etwas geschenkt bekommen. Und das ist doch einfach toll.
Ich bin dankbar dafür, dass ich jeden Morgen aufstehen und meinen Alltag gestalten kann. Das ist nicht selbstverständlich.
Ich bin dankbar, dass es meinen Kindern gut geht. Dass sie sich wohlfühlen in ihrem Kindergarten und mit ihren Freunden.
Ich bin dankbar, dass es so viele verschiedene Menschen auf dieser Welt gibt. Die Welt ist so bunt. Und ich mag es bunt.
Ich bin dankbar für mein Leben. Dankbar, dass ich nicht fliehen muss aus unserem Land. Und ich bin Gott dankbar, dass er immer für mich da ist. Dass ich auf einer so faszinierenden Erde leben darf, die uns so vieles ermöglicht. Mit einem Danke dafür, bin ich mir bewusst, dass mir das geschenkt wurde. Ich zeige Gott auch, dass ich das gerne annehme.
Mit meiner Dankbarkeit gebe ich auch etwas zurück. Nämlich dann, wenn sich der andere über meine Dankbarkeit freuen kann. Andere freuen sich über mein Danke – und ich bin sicher: Gott freut sich auch.
Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Daran lasse mich gerne erinnern, besonders abends. Dann kann ich meinen Tag dankbar beenden.



[1] Psalm 103,1.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20955

Wie finde ich einen gnädigen Gott? Diese Frage hat Martin Luther unglaublich bewegt. Denn zu seiner Zeit hatten die Menschen Gott vor Augen, der die Sünder bestraft. Und als Sünder musste sich eigentlich jeder fühlen. Die Kirche hat den Menschen Angst gemacht.
Martin Luther hatte immer das Gefühl, dass er es diesem Gott eigentlich nie recht machen konnte. Und das obwohl derselbe Gott ihm doch das Leben geschenkt hat. Das wollte und konnte er einfach nicht glauben. Und eines Tages hat er begriffen: Jesus Christus hat den Menschen von der Liebe Gottes erzählt. Dafür ist er sogar gestorben. Damit alle glauben können: Gott liebt seine Menschen. Und genau deshalb ist er gnädig, wenn einer einen Fehler gemacht hat.
Zugegeben. Diese Frage von Martin Luther nach einem gnädigen Gott, spielt heute für die meisten keine Rolle mehr.
Und trotzdem ist das Thema Gnade und Rechtfertigung hochaktuell. Denn es jemandem Recht machen zu müssen. Das kenne ich nur zu gut. Nicht Gott gegenüber. Aber meinen Mitmenschen gegenüber. Ich muss mich ständig rechtfertigen. Nein Chef, ich habe das so entschieden, weil... . Ja Schatz, ich habe an das Geschenk für Tante Hedwig gedacht. Ja ich weiß, dass ich es versprochen habe, aber ich habe jetzt nun mal am Wochenende keine Zeit.
In unserer Gesellschaft müssen wir uns ständig rechtfertigen und hoffen, dass man gnädig mit uns umgeht.
Aber – kann ich mir das heute überhaupt noch leisten? Darauf zu hoffen, dass man gnädig über einen Fehler von mir hinwegsieht? Und wie gehe ich mit Fehlern von anderen um?
Ich meine, wenn ich heute z.B. mit einem Arzt unzufrieden bin, dann gehe ich da nicht wieder hin. Und ein Fehler im Job kann heute schon mal den Arbeitsplatz kosten. Und wie viel Reibung verträgt eine Freundschaft oder eine Beziehung, bevor ich sie aufgebe?
Wie finde ich einen gnädigen Menschen? Das ist glaube ich eher die Frage unserer Tage. Und was kann ich dafür tun?
Meine Antwort ist: Gott geht barmherzig mit mir um. Und vielleicht schaffe ich es ja, jeden Tag ein bisschen was davon meinen Mitmenschen weiter zu schenken. Damit sie sehen, wie gut das tut, wenn einer gnädig zu mir ist.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20954

Nächsten Sonntag fängt jetzt ja das neue Jahr an. Doch wirklich. Und nein, ich habe mich nicht im Datum vertan. Heute ist erst der 23. November.
Es gibt das Kalenderjahr. Das Mondjahr. Das gregorianische Jahr. Das Wirtschaftsjahr. Das Lebensjahr. Und das Kirchenjahr. Und in diesem Kirchenjahr befinden wir uns gerade in einer Zwischenzeit. Denn gestern war der letzte Sonntag im alten Kirchenjahr. Und am kommenden Sonntag, dem 1. Advent, beginnt das neue Kirchenjahr.
Ja ich weiß. Warum denn noch ein anderer Kalender?
Im Advent erinnern sich die Christen daran, dass Jesus auf die Welt gekommen ist. Dass Gott selbst Mensch geworden ist. Das war etwas so Neues, dass damit eine neue Ära angefangen hat. Deshalb beginnt das Kirchenjahr mit dem 1. Advent und endet mit dem Totensonntag oder Ewigkeitssonntag.
Bevor es für das Kirchenjahr so eine feste Struktur gegeben hat, wurden die christlichen Feiertage in den verschiedenen Regionen zu unterschiedlichen Zeiten gefeiert.
Erst im Laufe der Zeit, hat sich das dann zu seiner jetzigen Form verfestigt.
Deshalb leuchtet es mir auch total ein, warum das Kirchenjahr mit dem 1. Advent beginnt. In der dunkelsten Zeit des Jahres, wird an die Geburt Jesu gedacht, denn wir Christen glauben: Das Licht ist für unsere Welt geboren. Dann feiern wir an Ostern, wenn die ersten Knospen aufgehen und das Leben langsam in die Natur zurückkehrt, dass der Tod nicht das Ende ist. Nicht in der Natur und auch nicht in meinem Leben. Jesus ist gestorben und auferstanden und Sie und ich: wir werden auch auferstehen. Das Kirchenjahr geht dann weiter über Pfingsten bis hin zu Erntedank. Und wenn es dann im November wieder dunkler, neblig und trüb wird, dann kommen auch die traurigen Tage. Wie der Ewigkeitssonntag, an dem viele Christen an die Menschen denken, die sie verloren haben.
In der Bibel heißt es dass alles seine Zeit hat.
[1] Lachen, weinen, glücklich sein und traurig sein. Mir hilft das Kirchenjahr dabei, mich immer wieder daran zu erinnern: In dem allen begleitet mich Gott. Er kennt das alles. Jesus hat diese Höhen und Tiefen des Lebens erlebt und mitgemacht. Und das begleitet mich, auf meinem Weg durch das Jahr.


[1] Prediger 3,1-14.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20953