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SWR4 Abendgedanken

Jeder ist seines Glückes Schmied. Das habe ich schon als Kind gelernt. Eine einfache Regel, in der viel Wahrheit steckt. Mein Glück kann ich zum Beispiel schmieden, indem ich in der Schule aufpasse. Oder für meine Familie ein Haus kaufe. Jeder ist schließlich selbst verantwortlich! Selbst schuld, wer sein Glück nicht in die eigenen Hände nimmt.

Zweifel kommen mir, wenn ich die Nachrichten sehe. Ganze Länder versinken in Armut, Krieg und Chaos. Hier sind viele Menschen nicht mehr ihres Glückes Schmied. Ganz egal wie sie sich anstrengen, sie stehen vor dem Abgrund. Kinder können keine Schulen besuchen, die Erwachsenen finden keine Arbeit.

Auch für mich gilt: Ein guter Teil meines Glücks ist unverdient. Ich habe mir zum Beispiel die Familie nicht ausgesucht, in die ich hineingeboren wurde. Außerdem bin ich dankbar dafür, in einem Land zu leben, in dem Frieden herrscht. Das war ja nicht immer so.

Ich konnte zur Schule gehen und mir einen Beruf aussuchen. Dadurch habe ich überhaupt erst die Möglichkeit, an meinem Glück zu schmieden.

Jeder ist seines Glückes Schmied? Ich meine, es sollte besser heißen: Gemeinsam sind wir unseres Glückes Schmied. Damit ich mein Glück anpacken kann, braucht es bestimmte Regeln und Gesetze - so dass ich in Sicherheit und Frieden leben kann.

Über diese Regeln müssen wir in unserer Gesellschaft immer wieder sprechen. Beziehen wir uns dabei auf religiöse Werte? Oder zählt vor allem das weitere Wirtschaftswachstum? Wie gehen wir mit den Armen um? Die Antworten darauf müssen wir selber finden. Das ist das anstrengende in einer offenen und demokratischen Gesellschaft. Aber der Einsatz lohnt sich. Nur so kommen die Regeln möglichst allen zugute.

Ich bin fest davon überzeugt: Unser Glück schmieden wir nur gemeinsam. Und ich freue mich darüber, dass es viele andere auch so sehen: Menschen, die sich im Sportverein engagieren. Die sich politisch einbringen… oder in der freiwilligen Feuerwehr, in der Kirche, im Umweltschutz. Sie alle tragen dazu bei, dass wir glücklich leben können. Dafür möchte ich einfach mal Danke sagen!

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Pegida-Demos in Dresden, Begrüßungsaktionen an Bahnhöfen: Die Flüchtlingskrise begegnet mir auf allen Kanälen. Jeder schätzt die Situation anders ein. Die einen reden von den Chancen für die Wirtschaft und die Rentenkasse. Andere machen sich Sorgen. Wieder andere werden gewaltätig.

Ich hab mich schon oft ohnmächtig gefühlt, wenn ich die Nachrichten gesehen habe. Ich will endlich selbst etwas tun. Darum engagiere ich mich seit kurzem bei einer Arbeitsgruppe zum Thema Flüchtlinge. Die Gruppe gehört zu meiner Pfarrgemeinde. Als Christen wollen wir helfen. Unser Ziel ist: Wohnraum für Flüchtlinge zu finden. Da ist zum Beispiel ein Raum im Gemeindehaus, der nur noch selten gebraucht wird. Oder es gibt sogar eine kleine Wohnung, in der früher ein Pfarrer wohnte.

In der Gruppe machen wir uns Sorgen darüber, dass die Stimmung im Land kippt. Erst wollen alle helfen, dann kommt das böse Erwachen? So muss es nicht kommen. Ich habe schon mit Menschen gesprochen, denen die Flüchtlingskrise Angst macht. Zum Beispiel Lorenzo aus meiner Fußballmannschaft. Er ist selbst vor vielen Jahren nach Deutschland eingewandert. Nach Jahrzehnten harter Arbeit kann er gut leben. Aber wenn die Mieten immer höher werden, wird es für ihn schwieriger. Er fragt sich, warum die Flüchtlinge jetzt Wohnungen in der Nachbarschaft bekommen. Das findet er ungerecht.

Ich kann Lorenzo auch verstehen. Weil so viele Menschen in Deutschland Schutz und Unterkunft suchen, stehen uns anstrengende Zeiten bevor. Alle müssen sich dabei umstellen und verändern. Es müssen hunderttausende Wohnungen im ganzen Land gebaut werden, damit die Mieten bezahlbar bleiben. Das Leben in der Nachbarschaft wird sich verändern. In den Schulen wird es viele Schüler und Schülerinnen geben, die neu dazukommen. Und immer geht es darum, den anderen und seine Kultur kennen zu lernen.

Ich engagiere mich für Flüchtlinge, weil ich hoffe, dass es allen zugutekommt. Denen, die hier schon lange leben. Denen, die neu dazu kommen. Die Risiken sind mir dabei bewusst. Auch ich weiß nicht, wie es weitergehen wird. Aber ich will nicht nur Zaungast sein, wenn sich mein Umfeld verändert. Ich will vor Ort einen Beitrag leisten, wenn Menschen Hilfe brauchen.

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So stelle ich mir ein glückliches Familienleben vor: Jung und alt verstehen sich gut, alle gehen offen und liebevoll miteinander um.

Das wäre perfekt. Aber es gibt viele Gründe, warum es längst nicht überall so harmonisch zugeht. Eine Ursache können Ereignisse sein, die schon lange zurückliegen. Darüber lese ich gerade in einem Buch von Sabine Bode. Das Buch heißt „Kriegsenkel“.

Hier erzählen Menschen davon, welche tiefen Spuren der Krieg in ihren Familien hinterlassen hat. Vor allem in den Seelen der Eltern und Großeltern. Manche Erfahrungen sind für Menschen so traumatisch, dass sie sich innerlich zurückziehen. Die Gefühle stumpfen ab. Es fällt ihnen schwer, zärtlich und liebevoll zu sein. Selbst wenn es um die eigenen Kinder geht. Sabine Bode schreibt in ihrem Buch, dass viele Familien diese seelischen Verletzungen weitertragen. Das Trauma wird quasi vererbt. Darüber zu sprechen fällt vielen schwer. Nach dem Krieg hieß es erst einmal: Wir müssen nach vorne schauen, aufbauen, weitermachen. Über Krieg und Vertreibung wollte kaum einer reden. In vielen Familien ist das erst heute möglich.

Die Autorin rät dazu, sich zu fragen: Was hat meine Familie geprägt? Welche Verletzungen gab es? Dann verstehe ich zum Beispiel besser, warum manche Eltern und Kinder einander fremd sind. In dem Buch zeigt sich, dass es nicht um Einzelfälle geht. Spuren des Krieges zeigen sich in vielen Familien. Ich habe durch das Buch gelernt: Ein Krieg kann eine Familie für lange Zeit belasten. Eine verwundete Seele braucht Zeit, um zu heilen. Nicht immer ist es möglich, in der Familie darüber zu sprechen. Vielen fehlt die Kraft, um über die Kriegsjahre offen zu reden. Anderen fehlen die Gesprächspartner, weil zum Beispiel die Großeltern bereits verstorben sind. Mir hilft das Buch dabei, das Leben meiner Großeltern besser zu verstehen. Anderen helfen Gespräche in der Familie oder sie suchen sich eine Beratung.

Im Buch „Kriegsenkel“ berichten Menschen davon, wie sie diesen Weg gegangen sind. Viele haben zu neuer Lebensfreude gefunden – und sehen ihre Familie mit neuen Augen.

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Wovon hängt es ab, ob jemand gern zur Arbeit geht? Einmal sollte ich das, was ich tue, gern machen. Dann sollte das Gehalt stimmen. Nette Kollegen sind wichtig und am besten gibt es kostenlosen Kaffee. Besonders wichtig ist aber die Chefin oder der Chef. Das zeigen Umfragen immer wieder. Gratiskaffee hin oder her: Eine schlechte Chefin oder ein schlechter Chef können richtig auf die Stimmung schlagen.

Was kann ich tun, wenn ich mit meinem Chef nicht zufrieden bin? Einfach hingehen und offen die Meinung sagen? Leicht gesagt – aber im Alltag oft sehr schwierig.

Klar, jeder Chef hat andere Stärken und Schwächen. Sind ja auch nur Menschen. Wenn ich mich über meinen Chef aufrege, übersehe ich leicht, was alles gut läuft. Dann merke ich zum Beispiel: Einige Dinge stören mich bei der Arbeit, mit anderen bin ich aber zufrieden.

Ich selbst habe schon ganz unterschiedliche Chefs erlebt. Da war zum Beispiel mein erster Chef: Der ist von einem Termin zum nächsten geeilt. Mit ihm konnte ich nur über die Arbeit sprechen. Ich war zwar beeindruckt, wie viel er geschafft bekommen hat. Doch wir Mitarbeiter waren meist ziemlich gestresst: Immer weiterarbeiten, nur nicht schlapp machen. Dem Chef hätte ich gern gesagt: Kreis nicht nur um die Arbeit. Gönn Dir und uns allen mal eine Pause.

Einen guten Chef stelle ich mir wie einen Fußballtrainer vor: Ein guter Trainer will, dass seine Mannschaft gewinnt. Er hat klare Ziele. Doch dazu reicht es nicht, immer nur Druck zu machen. Rumschreien, antreiben – das hilft nur für kurze Zeit. Die Spieler müssen spüren: Der glaubt an mich, der traut mir was zu.

Ein guter Trainer gibt mir Raum, mich zu entwickeln und lobt mich, wenn es gut läuft. Ein guter Chef kümmert sich nicht nur um Projekte, sondern vor allem um sein Team und um mich als Person.

Wer mit seinem Chef zufrieden ist, geht meistens gern zur Arbeit. Da lohnt sich die Frage: Was schätze ich eigentlich an meinem Chef? Warum nicht mal auf ihn oder sie zugehen, um mich dafür zu bedanken. Mit etwas Glück ist es dann auch möglich, Kritisches anzusprechen und Wünsche zu äußern.

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Im Sommer hatte ich einen ganz besonderen Fortbildungstag: Unterricht bei einem Schauspieler vom Theater in Karlsruhe. Es ging um Körpersprache: Sicher auftreten, etwas vortragen oder sogar auf einer Bühne stehen.

Auf einer Bühne vor großem Publikum zu stehen, könnte so einfach sein. Wenn bloß der eigene Kopf nicht ständig Alarm schlagen würde. Im Kopf gibt es nämlich „innere Wächter“. Diese inneren Wächter warnen mich ständig: Mach dies nicht, mach das nicht. Weil das komisch oder peinlich ist. Diese Stimmen sind manchmal hilfreich, meistens behindern sie mich aber. Ein Schauspieler kann sich davon lösen. Er kann sich von seinen inneren Wächtern frei machen.

Das würde ich auch gern können. Locker und entspannt sein – auch in schwierigen Situationen. Souverän wie ein Hollywoodstar. Doch: Wie lerne ich sowas?

Es gibt verschiedene Wege: Ich kann zum Beispiel so lange wie ein Frosch durch den Raum hüpfen, bis meine inneren Wächter erschöpft aufgeben. Das kann ich aber auch nicht immer machen. Und solche Übungen sind nicht alles. Es braucht noch etwas anderes. Es geht um sehr persönliche Fragen: Kann ich mich selbst so akzeptieren, wie ich bin? Schäme ich mich vielleicht für meine krumme Nase oder meine kurzen Beine? Es sieht halt nicht jeder aus wie Brad Pitt. Unser Schauspiellehrer hat uns geraten: Liebe deine Fehler und Macken. Sie machen dich einzigartig. Selbst schlimme Erfahrungen gehören dazu. Zum Beispiel ein Unfall oder eine Beziehungskrise. Für einen Schauspieler sind solche Erfahrungen sein Kapital. Denn sie weiten seinen Horizont und helfen ihm, sich in andere hineinzuversetzen. Vielleicht ja auch mir. Auch, wenn ich das immer erst nachher verstehe.

An diesem Tag im Theater habe ich gelernt: Will ich so locker und souverän wie ein guter Schauspieler sein, muss ich mich aus dem eigenen Gedankenkarussell befreien. Zum Beispiel indem ich mir noch einmal vorstelle, wie ein Frosch durch den Raum zu hüpfen. Denn oft tut es gut, die inneren Wächter mal in die Pause zu schicken. Dann bin ich viel gelassener - und offener für die Menschen, die ich treffe.

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